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Neue jüdische Presse · 1905-09-22 · Heft 37 (22.9.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 37 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. Nr. 37. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. besteht darin, daß die jüdische Jugend den Weg auf dem Trottoir nicht freigibt, horrihile dictn, nicht einmal den Herren Offizieren. Die Würdenträger der Militär-- und Polizeidepartements geben in diesem Sinne eine Menge Aussagen, welche sich in einförmiger Reihe auf den Seiten von Ungefähr zehn'Bänden der Voruntersuchulig hinziehen — „denn," heißt es in den Aussagen des Kapitäns Zelson, „von der Höslichkeit der Homeler Juden lohnt es nicht zu sprechen. Sehr wenige von ihnen zeigen Zuvorkommenheit und ziehen die Mütze; bei der Begegnung auf den» Trottoir gibt fast keiner den Weg frei, sogar Jungen, schmutzige Weiber mit Körben und Säcken, welche mit Spänen und Kohlen gefüllt sind, gehen nicht vom Trottoir herunter und weichen nicht aus." Tie Damen der Offiziere stehen hinter ihren Kavalieren nicht zurück. So bezeugt auch die Oberstenwitwe Juliana Antonowna Jemeljanowa: — „Am Wend kann man auf der Straße auf dem Trottoir nicht gehen, ohne von den Juden gestoßen zu werden, z. B. jeden Sonnabend Wend gehe ich in die Kirche. Die Juden gehen auf dem Trottoir immer in Reihen, halten sich an der Hand und geben einer russischen Dame den Weg nicht frei." Tie Menschheit ist staunenswert einförmig in der Wahl ihrer Gassenvorurteile und Losungen überhaupt. Dieselbe Trottoirfrage tauchte im Mittelalter in Deutschland auf, als die Juden nicht das Recht hatten, das Trottoir zu betreten und nur in der Mitte der Straße gehen dursten, „neben den Lasttieren und Hunden." Auch in der Gegenwart betrifft dieser Trottoir- Kodex nicht nur die Juden. Es ist dasselbe ungeschriebene Gesetz, welches Frauen mit Tüchern auf dem Kopse nicht gestattet, in Peterhos spazieren zu gehen, welches den Bauern mit einer Säge oder einem Sacke auf dem Rucken vom Trottoir verjagt und die Lastfuhrleute zwingt, Umwege zu machen und die belebten Straßen der Residenz zu meiden. Nichtsdestoweniger konnte ich in der ersten Zeit nicht begreifen, weshalb die Trottoirfrage, in Hoinel solch' einen scharfen Charakter angenommen hatte, bis einer von den Homeler Polizisten sie mir von einer ganz neuen Seite beleuchtete. „Es gibt sogar unter den Juden gute Herrschaften," — erklärte er mir — „einen Doktor oder Studenten mit Geld, mit blanken Knöpfen, kann man achten. Aber dieser Schuhmacher Jtzka, dieses Scheusal, dieser Bettler, wagt es auch, den Kopf nicht zu beugen. Ich sage ihm — herunter, demokratische Fratze. — Er widersctzt sich, untersteht sich' zu sagen: — „Bin ich denn nicht auch ein Mensch," Allein, in dieser dunklen Nacht geht Jtzka, der Schuhmacher, gerade hinter mir; er hat über die Trottoirfrage seine eigene, ganz bestimmte Meinung. „Weil Jtzka ein Jude ist, — sagt man, geh vom Trottoir herunter," — erklärte er. „Wer weshalb? Jtzka will auch nicht ini Schmutze kriechen. Sogar mein Vater sagt: „Wenn zwei Betrunkene gehen, beuge den Rücken. Wenn Tn ein Jude bist, verstecke Dich, damit sie Dir nicht Än den Hals gehen." Wer ich denke anders. Bist Du ein Demokrat, so sollst Du gerade gehen. Fressen sie Dich, auch gut." „Tie Hälfte des Trottoirs gehört mir, die Hälfte ihm," raisonnierte Jtzka weiter. — „Freilich die Offiziere fürchten wir auch. Wer wenn ich gehe und mir kommt ein russischer Bauernjunge entgegen, nnd ich sehe, er macht eine Bewegung mit der Schulter, um mich zur Seite zu stoßen, so tue ich das Gleiche. Wer mehr Kraft hat, der ist im Recht." Vorgestern ging Sender, der Mutwillige, eben- 'alls auf dem Trottoir. Drei Reservisten kommen ihm entgegen. Gesunde Kerle, Sender aber ist klein und schmächtig. Kaum stehen sie sich gegenüber, so schreit einer: „Juden, . . . ." „Die Juden sind uns überall im Wege." — Ehe man sich's versieht, hat er ihm eine Ohrfeige gegeben. Da blieb Sender stehen, blickte ihn nur an und sagte: „Schweige, Du Schweinekerl, denke dran, daß hier Homel ist." Drauf packt ihn der andere gleich am Aermel. — „Nun, zum Teufel mit ihm!" sagte er. „Laß ihn laufen, fang keinen Streit an . . ." Zwaiger, der voraus geht, kehrt sich lachend um. „Am zweiten September, wissen Sie, wie es da auf dem Trottoir zuging. Wenn sich z. B. ein Russe und ein Jude treffen, so geht der eine in den Schmutz herunter, ' der andere drückt sich an die Wand; sie schauen nur einander unter den Aermel, ob .sich dort nicht eine Wurfkugel oder eine eiserne Stange befindet. Und das Trottoir 'ist leer. Mit solchen eisernen Stangen, welche die Wagenachsen stützen, waren Russen und Inden zur Zeit des Pogroms bewaffnet. Der Hohlweg führt auf einen Hügel hinaus. Dort gibt es keinen Schmutz und kein Trottoir. Wir gehen in der Mitte der Straße, alle drei nebeneinander. Hier ist es sogar ein wenig heller und ich kann, wenn ich gut hinsehc, Zwaigers nervösen, erregten Blick und sein voir einem weichen, dunklen Bärtchen umrahmtes Gesicht unterscheiden. „Womit beschäftigen Sie sich eigentlich, Zwaiger?" fällt es mir plötzlich ein, ihn zu fragen, denn in deniokratischen Kreisen ist es recht schwer, den intelligenten Arbeiter von dem eigentlichen^ Intelligenten zu unterscheiden. Sie sind alle ärmlich gekleidet, sprechen dieselbe Sprache und behandeln gewöhnlich ein und dasselbe Thema. Viele sind dazu noch einige Mal vom Werktisch zunr Lehrbuch und umgekehrt übergegangen, denn die allgemeine Armut gibt merkwürdigerweise den. Hartnäckigeren von ihnen die Möglichkeit, über de» Büchern ein Jahr oder zwei, ohne ein Stück Brot, ohne beständiges Obdach, zu verbringen. — „Ich mache das Examen als Externe," erklärt Zwaiger. „Ich habe es auf 6 Klassen abgesehen/ (Fortsetzung folgt.) Vakanzen. L e i t m e r i tz (Böhmen). Rabbiner per 1. Jan. Anfangsgehalt Kr. 2000, Remuneration für die Erteilung des Religionsunterrichtes an den Mittelschulen Kr. 1400. Metz. Schächter per 1. Jan. 1906. Emden. Vorbeter für die hohen Feiertage. Würzburg. Hauseltern für die Israel. Lehrerbildungsanstalt. F o r t h bei Nürnberg. Elementarlehrer, Norbeter und Schächter per bald. Einkommen Jt. 2000, freie Wohnung und Heizung. Famtttennachrichte». (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos). Geburte«. Ein Sohn, Herrn Moritz Bloch (Krailsheimer), Stuttgart. Ein Sohn, Herrn Robert Mayer (Heilbrunn), Heidelberg. Ein Sohn, Herr» Wfred Marcus (Eschelbacher), Pinne. Eine Tochter, Herrn Martin Mendelssohn (Strauß), Köln. Ein Sohn, Herrn Wraham (Rosenthal), Frankfurt, Koblenzerstr. 14. Ei» Sohn, Herrn Sonnenberg (Goldschmidt), Frankfurt, Mainstr. 10. Ein Sohn, Herrn Benno Seckbach (Sachs), Würzburg. Ein Sohn, Herrn Gustav Sachs (Marx), Würzburg. Ein Sohn, Herrn Siegfried Cohrssen (Rothschild), Neustadt a. Hardt. Verlobte. Paula Runkel, Karlsruhe, mit Moritz Feibel, Frankfurt. Rosi Lehmann, Frankfurt, Rotteckstr. 10, mit Simon Weinmann, Frankfurt. Nelly Lenheim, Frankfurt, Schillerst!. 20, mit Emile Rohatin. Babettchen Sonder, Maiiistockheim, mit David Berg, Karlsruhe. Claire Eschwege, Fulda, mit Julius I. Adler, Marburg. Tilli Simon, Brüssel, mit Paula Wolsf, Antwerpen. > Flora Lyon, St. Johann, mit Louis Spier, Wickrath. Jenny Moses, Frankfurt, Körnerstr. 12, mit Felix Habermann, Straßburg. Heddy Lldler, Frankfurt, Grünestr. 38, mit Willy Hersch, Budapest. Else Palm, Frankfurt, Hermesweg 39, mit Karl Kaiser Blüth, Köln. ' Verehelichte. Jülius Wassermann, Bamberg, mit Elsa geb. Neuburger, Nürnberg. 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