Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 37 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. heute auf morgen brotlos gemacht wurden. Tie Verfügung kam wie ein Blitz aus heitrem Himmel. Jahrelang das größte Entgegenkommen: jeder, der nach Zürich kam, erhielt anstandslos sein Hausierpatcnt; jetzt mit einem Schlage die größte Abwehr, niemand mehr erhält ein Patent. Ta sind Leute, die seit neun Jahren hier wohnen, hier hausieren, ohne daß je eine Klage vorgckommen; da sind Leute, die eigentlich gar nicht unter den Hausicrerbegriff fallen, ein Schecrenschleifcr, der durch die Straßen zieht, Lumpenhändler, die von einzelnen Geschäften bestellt sind, die Lumpen abzuholen und sie an Grossisten weiter verkaufen; aber die Verfügung kennt keinen Unterschied. Kein Patent mehr und damit fertig. Was sollen die armen Leute aufangen? Wie sollen sie so schnell Rat finden, wie sollen wir so schnell wissen, was mit ihnen geschehen soll? Sie kommen zu uns mit ihren Klagen, mit ihrer Verzweiflung, die armen Leute hätten s o e t w a s i n d c r Schweiz gar nicht für möglich gehalten. Darum haben wir uns an die Justiz- und Polizeidirektion mit einem Gesuch gewandt, dem die FrciwMge und Einwohnerarmcnpflegc bereitwilligst beigetrcten ist, um einmal zu erwirken, daß wenigstens denen, die schon lange hier wohnen, das Patent belassen wird, und alsdann, daß allen eine Frist gegeben werde, daß ihnen noch auf eine zu bestimmende Zeit das Patent erneuert werde. Tie Antwort steht noch aus." _ Die Kutturfrage im Zionismus. Als das Genie ihres verstorbenen großen Führers die moderne zionistische Bewegung ins Leben rief, da ellten auch aus den gesetzestreueu Kreisen zahlreiche Scharen herbei, froh, einen Boden gefunden zu haben, auf dem sie ihrem Verpflichtungsgefühl der jüdischen Gesamtheit gegenüber Genüge leisten konnten. Die unüberbrückbare Spaltung der religiösen Anschauungen hatte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt eine immer tiefer gehende und fortgesetzt größere Dimensionen annehmende Scheidung innerhalb der Judenheit vollzogen; langst war es den Vertretern der sich gegenseitig ausschließendcn positiven und negativen Richtung unmöglich geworden, auf religiösem Gebiete zusamnien oder wenigstens nebeneinander zu arbeiten: was Wunder also, wenn die Wiedererweckung des einschlummernden jüdischen Boltsgeistcs, das Wicdererwachen des jüdischen Nationalgesühles gerade von denen mit Freude begrüßt wurde, die mit Schmerz sich; von ihren die Tradition der Väter nicht allein nicht beachtenden, sondern auch bekämpfenden Brüdern zurückgezogen hatten. Offenherziges Vertrauen und ehrliche Absicht zu freundschaftlichem, der gemeinsamen Sache dienendem Arbeiten — Herzl wußte und schätzte cs — fand der Zionismus gerade bei dem Teil seiner Mitglieder, der ihm aus den gesetzestreuen Kreisen zufloß; und es ist wahrlich nicht Uebermut dieser Atttglieder gewesen, daß sie auch hier sich zusammenschlossen, um für den Fall, daß ihre religiösen Interessen einmal tangiert werden sollten, die zur W- : wehr nötige Organisation bereits zu haben. Die Gründung der demokratischen Fraktion mit ihrem Kulturprogramm hat diesen Anlaß gegeben. Wohl ist diese kleine Fraktion trotz ihres nicht zu leugnenden Intellekts und ihrer überaus rührigen Agitation, solange Herzl lebte, durch dieses großen Staatsmannes Geschick von einer führenden Rolle fern gehalten worden: aber Herzl ist tot, und die Fraktion hat nunmehr Einfluß in der zionistische Regierung gewonnen. Aian behauptet zwar mit einer gewissen Tendenz, die Fraktion sei jüngeren Alters als der Misrachi, und sie habe an sich keine Bedeutung, die die Gründung des Misrachi rechtfertigen könne; aber abgesehen davon, daß sich diese beiden Behauptungen widersprechen, ist jede, einzeln genommen, Geschichtssälschung. Man weist auch darauf hin, daß es ein Prinzip der zionistischen Organisation sei, nichts zu tun, was irgend eine religiöse Richtung verletzt und daß deshalb die Fraktion und das Anftauchen sogenannter Kulturftagen den Gesetzestreuen ziemlich gleichgültig bleiben könne. Selbstverständlich sehen die Gesetzestreuen in diesem Prinzip« eine Vorbedingung für ihre Mitarbeit; trotzdem müssen sie aber ihren Zusammenschluß aufrecht erhalten, denn das jüdische Voll oder Teile desselben Frmckfurter JfraeMscher Familienblaft. besinden sich durchaus nicht in einer besseren Lage, wie ein moderner Großstaat, der eine gut organisierte Armee für die beste Gewähr des Friedens hält; und so glauben auch die Gesetzestreueu, die sich dem Misrachi angeschlossen haben, in einem Zusammenschluß die beste Bürgschaft dafür zu besitzen, daß der Zionismus im Herzl'schcn Sinne weitergcführt und keine Unternehmung, die ihnen die Mitarbeit unmöglich machen würde, in Angriff genommen werde. Uebrigens sind wir bereits aus dem Stadium theoretischer Erwägungen hcrausgetreten! — Ungeahnt und unerwartet ist der Moment eingetreten, der die von so vielen Gesetzestreuen so oft angezweiselte Notwendigkeit des Misrachi erweist; es ist der Augenblick cingetreten, der alle Gesetzestreueu im zionistischen Lager zur Sammlung ruft. Der letzte Kongreß — der erste ohne Herzl — hat mit der Wendung in der Politik des Zionismus auch diese Situation heraufbeschworen, denn er hat beschlossen, aus den Höhen einer großzügigen, ans die Zukunft gerichteten Politik in die praktische Gcgenwartsarbcit herabzusteigen. Die erste Folge davon, durch> die die Interessen des Misrachi sehr scharf berührt werden, ist die Subventionierung von Schalen in Palästina. Die Schulfrage - ist aktuell geworden! Nach dem Gebote „Wclifnei iwcir lau sittein michschaul" ist es dem gesetzestreueu Juden untersagt, sich auch nur mit hem allergeringsten Betrage — direkt oder indirekt — an jüdischen Schulen zu beteiligten, deren - Unterricht nicht auf der schriftlichen und mündlichen Lehre basiert. Stur dann, wenn der Gesamtzionismus bereit ist, sämtliche Schulen im religiösen Sinne zu führen, hat der Misrachi nichts dagegen, wenn er die Schulfrage selbst in Angriff nimmt. Der Misrachi aber hat weder die Macht noch den Willen, anderen gewaltsam seine Meinung aufzudrängen, unbeschadet des Grundsatzes „Haucheiach tauchiach cs amisacho", den der Misrachi iinmer befolgen wird. Auf dem Wege der Simultanschule kommen wir aber über diese Schwierigkeit nichthinweg, denn in der jüdischen Geschichte sind religiöse und nationale Momente untremchar verflochten, und die Geschichtsauffassung und der Geschichtsunterricht des gefctzestrenen Juden kann somit nur auf der geoffenbarten Ueberlieferung beruhen. Bei der unumgänglich notwendigen Trennung von „Staat und Kirche" wirb daher im Zionismus die Schule in die Interessensphäre der Kirche fallen müssen und der Ausweg aus dem Schuldilemma ist nur darin zu sehen, daß die zionistische Gesamtorganisation Schul-, sowie überhaupt Kulturfragen, soweit sie nicht die unbedingte Billigung der rechts und links stehenden Fraktionen finden, den einzelnen Fraktionen, Förderationen oder Jnteressenvereinigungen, die darin unabhängig von der Zentralleitung sind, überläßt. Diese mögen Schulen gründen oder subventionieren; aus der Kasse der Gesamtorganisation kann den Schulen keine Unterstützung zufließen — solange das in ihnen Herrschende nicht mit den religiösen Anschauungen sämtlicher Zionisten harmoniert. Tie veränderte Sachlage im Zionismus haben nicht nur Misrachisten, sondern auch andere erkannt. So schreibt der bekannte Reformrabbiner Professor Tr. Gotthard Deutsch-Cincinnati in einem Feuilleton über den Vll. Kongreß (Nr. 37 der Allg. Zeitung d. Judent.): „Ter Zionismus hört auf, bloße Opposition zu sein, und mit jeder positiven Schöpfung wird er dahin gedrängt, seine eigenen Resultate üufzuweisen, statt wie bisher nur auf die ungenügenden Erfolge der Tätigkeit anderer Organisationen als Begründung seiner eigenen Existenzberechtigung hindeuten zu können. Mit der Kritik, die er heraufbcschwört, schwächt er sein eigenes Lager. So lange er nichts Positives zu schaffen hat, kann er nicht nur die positiv gerichteten portugiesischen Reverends Gaster aus London und Mcndes aus New-Iork in seine» Reihen behalten, die auch zu Hause gewohnt sind, sich mft Andersdenkenden vertragen zu müssen. Auch, Rabbiner Reines von Lida -und ein Teil der Bekenner des Frankfurter „Mensch-Jsroeltums" können noch neben Nordau, dem Vater einer — wie man sagt —* katholisch getauften Tochter (Herr Professor Tcutsch spricht hier eine leider selbst in zionistischen Kreisen viel geglaubte böswillige Verleumdung nach!!) und neben Zangwill, dessen jüdi- ___Nr. 37. scher Nationalitätsbegriff Esra nicht befriedigt hätte, aushalten, aber damit ist die Frage nicht erledigt. Am Sabbat, wo der Kongreß offiziell ruhte, konnte man die Kongreßmitglieder in dem Postbureau und in dem Scktionszimmer Briefe schreiben und Zigaretten rauche» sehen. (Diese Mitteilung ist für die Misrachisten neu, da sie am Samstag das Kongreßgebäude nicht betreten haben und sie annehmen durften, daß im Kongreßgebäude der Sabbat ebenso gewahrt werde, wie zu Herzl's Zeiten. Jedenfalls geschah die bedauernswerte Tatsache ohne Wissen des Aktionskonlitces und ist nur der herrschenden Verwirrung zuzuschreiben!) Tie unvermeidliche Zigarette war natürlich in der zahlreich besuchten Versammlung der Sozialisten und sogar in der Versammlung der Tauwrei Jwris teils herrschend, teils geduldet, während in dem kleinen Häuflein der Misrachisten sogar beim Beisallsklatschen der warnende Ruf „Schabbcs!" erscholl. Merkwürdig genug für diejenigen, die sich der Hirsch'schen Agitation anläßlich des preußischen Geaeindegesetzes von l875 (Ter Verfasser irrt sich! — Der Zionismus hat ganz andere Ausgaben zu erfüllen, als die jüdische Gemeinde!) erinnern, daß seine--Anhänger mit Leuten in einem Verbände sitzen, die am Sabbat nicht nur Zigaretten rauchen, sondern sogar barhaupt hebräisch, .sprechen! Wie wird das aber werden, wenn sie miteinander Schulen oder ähnliche Institutionen gründen werden, bei denen keine Partei der anderen Konzessionen machen kann, ohne ihren eigenen Standpunkt zu verleugnen?" Diese Worte einer neutralen Persönlichkeit, in Verbindung mit den Beschlüssen des Kongresses, mögen jenen Gesetzestreuen unter den Zionisten, die bisher noch abseits des Misrachi gestanden haben, ein Mahnruf sein, nicht länger mit dem Anschluß an einen Zusammenschluß, den vorausschauende Männer ins Leben riefen, zu zögern. Der Misrachiist keine Sonderbestrebung, in allen zionistischen Angelegenheiten tritt er nur dann und nur insoweit in Aktion, als die religiösen Interessen es erfordern, sonst überläßt er es seinen Mitgliedern, zu handeln, wie sie wollen. Er hat die Wahrung seines Standpunktes erst bei der Uganda- Angelegenheit bewiesen, hätte er sich für den Zione- Zion ausgesprochen, dann wäre er statt einer kleinen eine große, ausschlaggebende Gruppe auf dem Kongresse gewesen,, doch treu feinem Prinzips griff er nicht nach einem Vorteile, der eine Verletzung seines loyal-zionistischen Standpunktes bedeutet hätte und so wird er auch ferner sein. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Zur Reichstagsersatzwahl in Essen schreibt der „Fr. D. Pr." ein Führer der Freisinnigen Volkspartei im dortigen Reichstagswahlkreise: Wie die „Rh.-W. Z." schreibt, soll in einer Wahlversammlung des Essener nationalen Vereins ein Hr. Dr. Samuel erklärt haben, die Israeliten des Wahlkreises Essen würden in ihrer überwiegenden Mehrzahl für Dr.. Niemeyer eintreten, dessen Programm'sie billigten. Tiefe Erklärung war, wie wir erfahren, auf Bestellung des Herausgebers der „Rh.-W. Ztg." gelieferte Arbeit. Merkt Herr Dr. Samuel denn nicht, daß er durch solche Erklärungen nur Wasser auf die Mühle d er Antisemiten leitet, wenn er die große Mehrzahl der Israeliten als zu einer bestimmten Partei gehörig hinstellen will? Soweit übrigens die Juden des Wahlkreises Essen sich der Frelsinnigen Bolkspartei zurechnen, ist Hr. Tr. Samuel zur Abgabe seiner Erklärung nicht ermächtigt gewesen, wie wir eine solche Ermächtigung denn überhaupt bezweifeln. Jedenfalls müssen es die zur Freisinnigen Volkspartei gehörigen Israeliten des Wahlkreises Essen entschieden ablehnen, sich mit dem Standpunkte des Hrm Tr. Niemeyer zu identifizieren. Berlin. Sonntag, den 17. September fand hier eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins de rDeutschen Juden statt, die auch von zahlreichen auswärtige» Mitgliedern besucht war. Ter Präsident des Hilfsvereins, Herr James Simon, gab eine Uebersicht über die finanzielle . Lage des Vereins, während der stellvertretende Vorsitzende und Geschäftsführer im Ehrenamt, Herr Dr. Paul Nathan, ein eingehendes Referat erstattet hat über die allgemeine Lage der Juden in Rußland und über die Maßnahmen, die zur Besserung ihres traurigen Loses unternommen worden sind. Der HUfsvcrein der Deutschen Juden hat immer erneut Hilfsakttonen zu Gunsten der. russischen Glaubensgenossen eingeleitet und nach Maßgabe, seiner