Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 37 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die russische Duma und die Juden. Das russische Volk steht vor einem Novum; es hat ein Parlament, auf russisch Gossudarstwenaja Duma, bekommen. Nun soll es wählen, es soll seine Vertreter in die Duma schicken. All' das klingt, sehr verheißungsvoll und doch — und doch bei näherer Betrachtung verhallt dieser Klang in nichts. Deiru abgesehen davon, daß das russische Volk politisch ungeschult ist — nach Ansicht der Regierenden ist es sogar noch politisch unreif, allein von der Unreife ihrer Untertanen fabeln auch andere Regierungen gerne —, ergibt sich eine schier unüberwindliche Schwierigkeit in dem reaktionär-komplizierten Wahlmodus, der ganze Bcvölkerungsschichtcn — Arbeiter, Mittelstand, Intelligenz — von der Wahl ausschließt, und in dem Wesen der Duma, die weit davon entfernt ist, eine Stätte der Menschenrechte, der Selbstbestimmung und der Freiheit zu werden, die vielmehr nur als Ablagerungsort der tausendfach berechtigten und tausendfältig ertönenden Klagen und Anklagen des russischen Volkes dienen soll: natürlich mit Ausschluß der Oeffentlichkeit! Sonst hat die Körperschaft, die als Duma tagt, nur noch die Aufgabe, als Beraterin und Wegweiserin für nicht sehen. und hören wollende Minister zu fungieren. — Ist doch die Dun«a eine Institution von Zaren Gnaden, die hauptsächlich dem wackligen Zarenthrone zu gute kommen soll! Unter dieseir Umständen drängt sich für die freiheitkämpfenden Parteien Rußlands von selbst die Frage auf: In die Duma gehen oder picht gehen! — Die radikalen und revolutionären Parteien wollen die Frage im negativen Sinne gelöst wissen,' die liberalen dagegen wollen sie positiv lösen, und aller Wahrscheinlichkeit nach wird ihre Ansicht die ausschlaggebende werden, da alle Freiheitsparteien sich der großen Gefahr bewußt sind, der Bureaukratie eine Handhabe zu geben/ nunmehr ihre Greueltaten im Namen des Volkes, dessen Vertretung in der Duma »sitzt/ zu verüben. Denn halten sich die liberalen Elemente von einer Beteiligung an den Wahlen fern, dann kommt in die Duma eine rückständige, der Regierung blindlings folgende Vertretung. Und die Juden? — Auch die Juden haben, ohne sich der bürgerlichen Rechte zu erfreuen, dennoch die politischen Rechte erlangt; auch sie dürfen wählen und gewählt werden. Und wenn, die Wahlfrage schon an und für sich eine schwierige, ist, den Juden bringt sie noch ganz besondere Schwierigkeiten. Die Juden dürfen es dank-ihrer anormalen Stellung mit keiner der bestehenden Parteien verderben, und da sie leider gezwungenermaßen sich mit allen Parteien halten müssen, so muß für sie „keine Parole" dieHizige Parole bei der .Wahl, sein,; es -arfvon. den, leitenden .jüdischen Persönlichkeiten.und -von Gemeinde wegen nichts unternommen werden, es muß vielmehr dem Einzelnen überlassen bleiben, zu wählen, wie er wolle. Hilles Spruch: „Hanichu liwne Jisroel, im einom newiim, os hinom benei newiim, Ueberlasse den Söhnen Israels, was sie tun wollen; wenn sie auch keine Propheten sind, so sind sie doch die Söhne von Propheten" muß jetzt unseren Brüdern in Rußland in Erinnerung gerufen werden, denn die Lage der Juden, die sich in der letzten Zeit drohend gestaltet hat, kann gefahrvoll werden, wenn bei der Wahl ein Fehler - gemacht werden sollte! Schalmaun. Die Woche. Das Janusgesicht der Zarenpolitik ist bekannt. Zur selben Zeit, da er den internationalen Frieden in die Welt hinausposaunte, rückte der Herrscher aller Reußen den Japanern auf den Hals, sodaß sie sich in ihrer Existenz bedroht fühlten und zu den Waffen greifen mußten. Das gleiche Spiel treibt er in der inneren Politik seines Landes; er proklamiert eine Reichsduma, während er die Greueltate» an Leben und Gut seiner Untertanen von Tag zu Tag in erschreckender Weise vermehren läßt. Systematisch hetzen die Stützen des russischen Thrones die eine Bevölkerung gegen die andere auf, tausende Leben nnschnldiger Menschen werden vernichtet, blühende Gegenden und reiche Industrien fallen dem Ruine anheim. Was in Baku geschah, weiß alle Wett. Tie Verhängungen des Belagerungszustandes über große Handels- und Industriestädte häufen sich von Tag zu Tag, und sie geschehen, lvie z. B. in Lodz und Warschau, ohne jeglichen Grund. Ter Draht bringt auch jetzt wieder die Nachricht von der Verhängung des Belagerungszustandes über eine Fabriksstadt; es ist das schwergeprüfte B i a l y st o ck. Und weswegen? Man höre und staune! Tie Soldatesla erlaubt sich eines Tages den Spaß, auf die Juden zu schießen; einige 100 Greise, Frauen und Kinder wurden bei diesem Vergnügen verwundet, -11 getötet — und deshalb der Belagerungszustand für die Unschuldigen, anstatt die Schuldigen exemplarisch zu bestrafen. Wohin diese Vcrnichtnngspolitik führen soll, will uns nicht einleuchten. — Seit Jahrzehnten unterdrückt man die Bevölkerung erbarmungslos, sodaß die Erbitterung naturgemäß fortgesetzt steigt, und anstatt die Bevölkerung zu beruhigen, sucht man sie nach pharaonischein Rezept mit noch größerer Unterdrückung und Gewalt noch mehr zil erbittern. Doch vielleicht beabsichtigt die kluge Regierung, auf diese Weise die aufgeklärte Stadtbevölkerung von der Wahl zur Duma auszuschließen — und vielleicht ist es besser so! Durch den unsinnigen Krieg hat die Regierung die Unruhen im Lande hervorgcrufen, und durch ihr scheußliches Vorgehen gegen ihre eigenen Landeskinder wird sie die endliche Revolution befchleunigen. Wie jetzt bekannt wird*haben sich viele bedeutende Persönlichkeiten, die ausgesprochene Gegner des Zionismus sind, der I üd rsch--Te r r ito r ial i stischen Organisation fn den letzten 14 Tagen angeschlossen; wir weisen nur aus Namen wie Luc i e n Wolfs, Rechtsantvalt Tr. Blau, Charles Hallgarten hin. Wir hatten in unserer vorigen Nummer vorausgesagt, daß die territorialistische Organisation nur dann bedeutend werden könne, wenn sie das nationale Moment fallen lasse. Das ist, wie sich jetzt herausstellt, von den Führer» des Tcrritorialismus stillschweigend zugegeben worden und so erklärt sich der Anschluß der oben erwähnten Männer. Dem Zionismus kan» diese Lösung nur lieb sein, denn nach dem Ausscheiden des Nationalen ist nur eine philantropische Hilfsaktion übrig geblieben, und hier kann jeder Zionist, ohne zu befürchten, daß sein Zionismus Schaden erleiden könne, Mitarbeiten. * * * Zu der Verfügung der Z ü r i ch e r Kantonalregierung, daß r u s s i s ch e n Juden fei n H a u s ie r p at e n t mehr verabfolgt werden soll, schreibt das „Israel. Wochenblatt für die Schweiz": „Wenn die Regierung, von dem Gesichtspunkt ausgehend, daß der Hausierhandel eine Belästigung des Publikiiins darftellt, eine generelle Verfügung zn seiner Einschränkung erlassen hätte, wir würden es in den Kauf nehmen, wenn diese Versügnng auch unsere Glaubensgenossen träfe. Aber eine Verfügung, daß nur russische Hausierer und von diesen auch nur die israelitischen Russen vom Hausierhandel ausgeschlossen werden — das verträgt, sich nicht mit den Vorstellungen, die wir von der Gerechtigkeit und Billigkeit unserer Behörden haben. Also alle andern dürfen hausiere», auch wenn sie ebensosehr oder noch mehr als die russischen Israeliten lästig werden, auch alle Russe» dürfen hausieren, nur nicht die israelitischen Russen — das klingt so ganz anders, als es sonst aus der Schweiz her zu klingen pflegt. Zwar die Verfügung stützt sich auf das Vorgehen anderer Kantone und ist gedeckt durch einen Entscheid der Bundesbehörden. Allein wie sonderbar ist doch auch dieser Entscheid: Weil wahrscheinlich ein schweizerischer Jude in Rußland nicht hausieren dürfte, so brauchen auch wir russische, Juden nicht bei uns hausieren zu lassen. Noch niemals hat ein schweizerischer Jude versucht, in Rußland zu hausiere», noch niemals ist die Tatsache eingetreten, daß ein Schweizer Jude in seinem Recht auf ein Hausierpatent in Rußland gekränkt wurde, warum also schon Repressalien nehmen und was soll dadurch erreicht werden? Und wenn es selbst wirklich Vorkommen würde, vorge» kommen wäre, ist -das der richtige Weg zur Abhilfe, die Rache an den armen russischen Flüchtlingen, die nicht toisse», wo sie ihr Haupt hinlegen sollen? Und wenn der Bundcsrat auf einen Rekurs russisch-jüdischer Hausierer gegen die Luzerner Rcgicrungsverfügung so entschieden hat, mußte das gleich in Zürich nachgemacht werden? Denn das ist der Schwerpunkt, in dem die Härte der Züricher Verfügung liegt: in den anderen Kan-, tonen, die das gleiche Vorgehen beliebt haben, hat es sich um einige wenige Personen gehandelt, zum Teil meist ledige Leut« für die die Verfügung wohl auch eine Schmierigkeit, aber kein Unglück bedeutetr bei uns aber sind es etwa 150 Familien, die davon betroffen werden, Familienväter, die voix