Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 36 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 dem Militär 24 Sold aten und 2 Gen» darme n getötet. Tie Zahl der ermordeten Juden ist noch unbekannt. Tie Unruhen brachen auf Veranlassung der Polizei aus. Tie jüdische Bevölkerung flüchtet aus Furcht vor weiteren Massakres nach Rumänien. Personalien. Frankfurt a. M. Herrn Buer-Gold schm idt wurde der Kronenorden 3. Klasse verliehen. Berlin.'Herrn Prof. Dr. Georg Joachimsthal sind die Ritterinsignien 1. Klasse des AnhaltischenHausordensAlbrechtsdes Bären und Herrn Leopold I acobsohu der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehenworden. Berlin. Das Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, Herr Martin Simon, eine durch ihren außergewöhnlich großen Wohltätigkestssinn sich auszeichnende Persönlichkeit, ist im Mer von 53 Jahren verschieden. Martin Simon war der Organisator und Leiter der Berliner jüdischen Armenpflege. Mit Recht kann der Vorstand der jüdischen Gemeinde in seinem Nachruf auf den Verstorbenen von ihm rühmen, daß seine segensreiche Tätigkeit ihm „Lebensberuf" gewesen ist. Heidelberg. Hofrat Dr. Georg Jellinek wurde zum Geheimen Hofrat ernannt. Breslau. Rentier'Moritz Kempinski, Begründer und ehemaliger Chef der Weltfirma M. Kempinski in Berlin und Breslau, feierte am 7. dss. Mts. seinen 70. Geburtstag. Hamburg. Generaldirektor Ballin erhielt anläßlich des Stapellaufes der „Augusta Victoria" die Brillanten zum Stern des Kronenordens 2. Klasse. Zu dieser Ordensverleihung schreibt „Der Roland von Berlin": „Ein Orden hat manchesmal einen Ritz zu Überdrücken, eine ausbleibende Gehaltsaufbesserung zu beschönigen oder sonstwie zu einem Notbehelf zu dienen, die Brillanten aber sind ein untrügliches Zeichen absonderlicher, und ehrlich gemeinter Auszeichnung und eine Herzenskundgebung des wohlaffektionierten Königs. Also Herr Ballin hat die Brillanten, Herr Ballin, der Kaufmann und Jude. Das ist ein Vorgang ohnegleichen, wie schon gesagt, ein Zeichen der Zeit, ein bemerkenswertes Zugeständnis unseres hochzugeknöpfteMFeudalismus. Die Ehrung bleibt nicht an dem Namen allein haften, sie strahlt auch auf den Stand und das Bekenntnis zurück. Ein in Brillanten eingefaßter Jude ist ein Novum im Hohenzollernstaat. Wer ehe wir weiter jubeln, wollen wir doch erst eine Probe auf das Exempel anstellen. Gesetzt den Fall, wir lebten noch oder abermals in märchenschöner Zeit, da der König ein Patriarch und das Volk eine einzige Familie. Gesetzt ferner den Fall, Herr Ballin wäre ehrgeizig für seine Person und seine Famllie und sein Bekenntnis, er hätte einen Sohn schön und blühend, wie er selber in jungen Jahren, und nun spräche der König, mit Krone und Zepter angetan, eines Tages zu ihm: Lieber und getreuer Ballin, Er Lat sich um den Staat und Mein Haus hochverdient gemacht, bitte Er.sich eine Gnade aus, sie sei Ihm im voraus gewährt. Was soll der getreue Ballin darauf erwidern? Was er braucht, hat er. Die Brillanten im Portemonnaie und nun auch auf dem Frack. Selbst die geheiligte Person des Kaisers verschmäht es nicht, unter sein niedriges Dach zu treten. Wer um die feierliche Stimmung der Stunde nicht zu trüben und dem Herrscher die Freude zu machen, entscheidet er sich zu einer Kleinigkeit. Er verneigt sich tief vor dem Thron und spricht: Sire, geben Sie Glaubensfreiheit, machen Sie meinen Sohn zum Leutnant bei den Leib-Garde- Husaren in Potsdam. — Akuß der König da nicht entsetzt ausrufen: Lieber Ballin, fordern Sie mein halbes Königreich, aber vor dem Gardeleutnant hört meine Macht auf. Das geht wahrhaftig über Unsere Kraft. — Herr Ballin in fabula wird sich entschuldigen und lächelnd bemerken, daß ihm eine Husarenjacke nun eben nicht als etwas Uebermenschliches bedünke und' daß es doch schade sei um den trefflichen Monarchen, der die chinesische Mauer um den Thron nicht einzustoßen imstande sei. Merkwürdig, nun auf einmal wollen die Ehrenbrillanten nicht mehr so herzhaft funkeln wie damals unter dem grauen Himmel und im Reich der Doppelschraube, die Deutschlands Ruhm und Ehr und die Kunde von dem hochgeschätzten Juden bis an die fernsten Küsten treibt und zugleich die Kunde von dem hochgemuten Kaiser: Zwei Seelen wohnen, ach! in seiner Brust . . . Ja wohl, die eine Seele hält mit llammernden Organen sich an die Welt der Wirllichkeit, die andere hebt gewaltsam sich zu den Gefilden hoher Ahnen. Der Kaiser, der als Mensch sich gewaltig bestrebt und an die Spitze der modernen Zivilisation zu gelangen trachtet, kann andererseits als Herrscher aus der Uniform nicht heraus und so greift ein herber Zwiespalt mit Ankerzähnen in den Grund seiner Fahrstraße." »l» Hamburg, s. Sept. HerrlJoseph L. Levh, Senior-Inhaber des Bankgeschäfts von L. Levy u. Co., ist in der verflossenen Nacht im 67. Lebensjahre g estorben. Seit 1864, also über 40 Jahre, besteht feine Firma in hohen Ehren. Herr Levy war auch in der Hffextlichkeit vielseitig Mttg.,, Er gehörte.dem Frankfurter Israelitischer Familienblait. Vorstand des Deutsch-Israelitischen Synagogenverbandes und dem Repräsentanten-Kollegium der Deutsch- Israelitischen Gemeinde an und war Mitbegründer und langjähriger Vorsteher des Altenhauses der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Auch im Aufsichtsrat verschiedener Aktiengesellschaften war er tätig. Sein Andenken wird bei allen, die mit ihm in nähere Beziehungen traten, ein bleibendes sein. Kattowitz. In Berlin starb Herr Sanitätsrat Dr. Jakob Löbinger im 71. Lebensjahre; derselbe war während 20 Jahren — bis zu seiner Uebersiedlung nach Berlin — Mitglied des Repräsentantenkollegiums der hiesigen jüdischen Gemeinde. (K.) Wien. Die Firma David Fanto & Co., die in Pardubitz auf ihrer Petroleum-Raffinerie 1060 Arbeiter und auf ihren anderen Raffinerien über 700 Arbeiter beschäftigt, wird von dem Wiener Bankverein in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Es sind hier in den letzten Jahren eine Anzahl großer jüdischer Firmen in Aktiengesellschaften umgewandelt worden. Budapest. Am 3 ds. Mts. wurde hier der berühmte Opernsänger David Ney unter ungemein großer Beteiligung zu Grabe getragen. New-Aork. Der jüdische Dichter und Journalist Jsaac I. M i l n e r, eine bekannte Figur des Ostends, wurde letzten Samstag Wend, während er an einem neuen Bruch: arbeitete, von cinem Herzschlag getroffen. Milner kam vor 7 Jahren von Grodno (Rußland) nach Amerika, er beherrschte die englische Sprache und war ein gewandter Stenograph. Er war Korrespondent des St. Petersburger „Frainb". New-Aork. Moses Ulman, einer der angesehensten Bürger Williamsport's, verschied am 20. August im Alter von 75 Jahren. Er war aus Mannheim in Deutschland gebürtig. Aus den Vereine«. Hamburg. Ueber die Berufs- und Erwerbsverhältnisse der Juden sprach in der vom „Komitee zur Veranstaltung jung-jüdischer Abende" anberaumten Versammlung Herr cand. med. Seligmann - Langenfelde. Wenn auch der Handelsgeist — so führte Redner aus — in der geistigen Beweglichkeit, der Ausdauer und dem Wagemut des Semiten einen günstigen Boden gefunden, so beruhe seine auffallend einseitige Entwickelung doch in der Hauptsache in dem geschichtlichen Werdegang der Juden, der ihnen diesen Stempel mit roher Gewalt ausgedrückt habe. Wo, wie in West- und Mitteleuropa, die den Juden aus Schritt und Tritt hemmende» gesetzlichen Schranken im Laufe der letzten Dezennien zumeist gesallen seien, da habe er bewiesen, daß er auch in anderen Berufen Hervorragendes zu leisten im Stande sei. Im Osten allerdings, der noch drei Viertel des jüdischen Volles beherberge, und wo eine grausame ailtijüdische Ausnahmegesetzgebung noch heute in Blüte stehe, würden sie systematisch dazu gezwungen, alle ihre Fähigkeiten auf Handel und Industrie zu konzentrieren. So gehörten von den 800 000 Juden Galiziens 600 000 dem Handelsstandc an, was bei dem wirtschaftlichen Tiefstand des ganzen Landes und dem noch dazu in straffer Organisation gegen sie durchgeführten geschäftlichen Boykott nicht menschenwürdige Existenz, sondern tiefstes Elend bedeute. In Rußland erfahren diese Verhältnisse noch dadurch eine erhebliche Verschärfung, daß ein unerbittliches Gesetz die 51/» Millionen Menschen in einen viel zu engen Ansiedelungsrayon zusammenpferchc und so diese Armen dazu verurteile, im furchtbarsten Konkurrenzkämpfe mit den eigenen Volksgenossen sich selber zu schädigen. Eine erfteuliche Erscheinung sei es, daß sich jetzt überall wieder das Bestreben geltend mache, die Juden dem Ackerbau, derihnen bis vor 100 Jahren überall verschlossen war, zuzuführen. In Rußland allein gibt es jetzt 300 jüdische Bauernansiedelungen mit über 70 000 Seelen, andere stetig anwachsende Kolonien befinden sich in Palästina, vor allem aber in Kanada, Argentinien usw. Ackerbauschulen in Palästina, Amerika, Deutschland, Galizien usw. sorgen dafür, daß die Beschäftigung mit der Agrikultur bei der jüdischen Jugend immer mehr Eingang finde. Nachdruck verboten. Das Judengrab in der Steppe. Roman von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung). II. Gregor besorgte auch die Bestattung der Verstorbenen — wenn überhaupt von einer Bestattung die Rede sein konnte. Schon am nächsten Nachmittag war der einfache Sarg aus ungehobelten Brettern zusammengezimmert, und zwei Gutsarbeiter trugen ihn zum Grabe, das sie schon vormittags in der Steppe draußen ausgeschaufelt hatten. Rahel ging hinter ihnen her und Gregor folgte auf einer Keinen Entfernung. Anfänglich hatte Gregor daran gedacht, auch dieses traurige Werk persönlich und allein zu ver- Nr. 36. richten; schließlich aber hatte er doch diese Wsicht aufgegeben. Er wollte nicht, daß sie sich seiner als des Mannes erinnere, der ihre Mutter begraben. Menschen, die das Geschick schwer geprüft, sind verschlossen und werden leicht ungerecht und wissen bald nicht mehr die Tatsachen auseinander zu halten. Und Rahels Schmerz schien felsenfest verschlossen zu sein; sie raste nicht und wütete nicht, ja sie vergoß nicht eine einzige Träne; alles war in ihr erstarrt und erkaltet. Schweigend sah sie den Männern zu, als sie die irdischen Ueberreste der Mutter dem Schoße der Erde übergaben, und als sich bald darauf der Hügel wölbte, ging sie wortlos von dannen. Gregor trat zu ihr heran. „Wenn Sie es wünschen, werde ich vier Pferde anspannen lassen, und in einigen Stunden schon können Sie Ihre Freunde eingeholt haben." „Meine Freunde?" sie sah ihn mit traurigen Augen an. „Wo besitze ich solche? Können die Leidensgenossen mir helfen? Müssen die Aermsteu der Armen nicht schon genug an der eigenen Bürde tragen? Wäre es nicht ein unverzeihliches Verbrechen, auch nur den lleinsten Teil ihrer Hilfsbereitschaft de» Angehörigen zu entziehen und für eine Fremde zu beanspruchen? Und wie sollten sie mir Helsen, selbst wenn sie den besten Willen dazu hätten? In dem eugzusammengepferchten Ansiedlungs-Rayon, da ist der Arbeitsmangel noch weit größer, als selbst die — Hungersnot —!! Oder soll ich etwa dort einen bettelarmen Hausierer heiraten, um eine Familie in die Welt zu setzen, bei der das Elend der'Eltern, nur noch im verstärkten Maße, sich wiederholen soll?" Sie schwieg einen Augenblick, nnd Gregor merkte es ihr deutlich an, welche Anstrengung es sie kostete, das Folgende auszusprechen: „Herr, Sie haben sich so menschenfreundlich, so wohltätig mir gezeigt — tun Sie noch ein Weiteres für mich: Sie haben eine große Anzahl Mägde auf Ihrem Gute; könnten Sie nicht noch eine unterbringen? Stellen Sie mir getrost die untcrgeorduetstcn Ausgaben, lassen Sie mich die niedrigsten Arbeiten verrichten — ich werde damit zufrieden sein —; nur die einzige Gnade erflehe ich von Ihnen: Lassen Sie mich jeden Tag eine einzige Viertelstunde bei dem Grabe meiner Mutter verweilen." Er sah sie verblüfft, ungläubig an; dann aber leuchteten seine Augen freudig auf. „Was? Ist es wirllich wahr. Sie wollen hier bleiben?" Er beugte sich weit vor, um ihre Antwort nicht nur von ihren Lippen zu hören, sondern sie auch von ihrem Gesichte zu sesen. „Ja, als Ihre niedrigste Magd," wiederholte sie. Er richtete sich energisch zu seiner ganzen stattlichen Größe auf. „Nein," sprach er fest, das werde ich nicht zugeben." Und als er ihre niedergeschlagene Mienen bemerkte, fuhr er sanfter fort: „Nicht als Magd sollen Sie hier bleiben, sondern als Gast. Das ist meine Bedingung. Sie sollen kommen und gehen, wie und wenn es Ihnen beliebt, — und wehe dem, der Sie etwa daran hindern sollte!" Rahel blickte stumm vor sich nieder, ihr Körper erbebte ängstlich. Er bemerkte es sofort. „Woran denken Sie?" fragte er gespannt. „Ihre Mutter kam heute in das Zimmer, wo die Tote lag," war ihre zitternde Antwort; „sie hat zwar kein Wort gesprochen; doch wie sie mich anblickte —! Ich wünschte es wären ihre Lippen, die den Fluch ausgesprochen und — nicht auch ihre Augen!" „Sie fürchten sich dor meiner Mutter?" fragte er schnell. „Ich gebe zu, daß sie nicht besonders freundlich ist — gegen — gegen — Fremde." Rahel verstand es, was sein Zögern zu bedeuten hatte —. „Doch," fuhr er ernst fort, „wollen Sie dem Worte eines ehrlichen Mannes vertrauen, daun brauchen Sie keine Unfreundlichkeiten zu fürchten — weder ausgesprochene, noch stumme." Die freudige Dankesäußerung, die er nach dieser Zusicherung vielleicht erwartet, blieb ganz und gar aus, und Rahel blieb sttll und nachdenkend wie zuvor. Endlich aber brach' sie doch das Schweigen. „Es ist wohl möglich," sprach sie mit kaum hörbarer Stimme, „daß «ie mich vor Ihrer Mutter zu schützen imstande wären; allein." sie brach plötzlich. ab, und fahle Blässe überzog ihr Gesicht. „Nim?" drängte er sie weiter zu sprechen. Sie gab auch jetzt keine Antwort. „Sie meinen, wer Sie wohl vor mir selbst beschützen könnte?" sprach er zögernd. „Ich verstehe Ihre Angst. Als meine untergeordnete Magd, würde mein Mannesstolz Ihre beste Schutzwache sein. Als Gast und Gleichgestellte hingegen. . ." Einen Augenblick schwiegen beide, in Gedanken verloren; bald aber sprach Rahel ihn furchtlos anblickend : „In diesem Falle werde ich meine eigene Schutzwache sein —! Schlimmstenfalls werden Sic Gelegenheit haben, draußen in der Steppe noch ein zweites Grab schaufeln zu lassen." So blieb Rahel auf dem Gute als Gast. Sie hatte lange mit sich selbst beratschlagt. Sie wollte hier bleiben, bis sie sich selbst trauen durfte, die Stätte zu verlassen, wo der letzte Atemzug der Mutter noch gleichsam in der Luft herumschwebte, ohne befürchten zu müssen, auch ihr Herz, ihren Verstand, ja auch ihre ganze Lebensfähigkeit zugleich zurückzulassen.