Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-09-15 · Heft 36 (15.9.1905) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 36 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692445--01870-2696432
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 36. Frankfurter Israelitisches Farnilrenblatt. Seite 5. Und das war ja auch nicht der einzige Grund; es war noch ein zweiter/ein weit zwingenderer vorhanden. — Was würde die Mutter nur von ihr denken, wenn sie mit solcher Eile von hier fortgehen sollte? Würde es nicht den Anschein gewinnen, als habe sic nur gewartet, um von der Bürde befreit zu werden, um jugendfroh und schnellfüßig, ohne Bleiklumpen, die Wanderung fortzusetzen? Nein, nein! Eine tote Mutter verdient doch etwas mehr Aufmerksamkeit, etwas mehr Zuneigung. Die einsame Steppe war ja schon eine traurige Gesellschafterin für die Lebenden — wie viel trauriger noch für die Toten! Uebrigens war es wirklich so eilig, die neue Heimat zu erreichen? Heimat-! Große Tränen stürzten ans ihren Augen. Was soklte sie dort beginnen, wie ihren Unterhalt erwerben? Sich als Magd vermieten? Wer brauchte wohl eine solche, wo jeder Familienvater, jede Hausfrau sich die Finger blutig schinden mußte, um nur das Notwendigste für den ärmlichen Haushalt zu erringen? Hier wenigstens fand sie Gelegenheit, ihr Brot auf ehrliche Weise, durch ihre Händearbeit zu verdienen —. Allerdings stiegen auch manche Bedenken in ihr auf —. Wie denn, wenn der bewiesene Edelmut ihres Gastgebers doch etwas anderes bedeuten sollte? Sie hatte von der grobsinnlichen Natur der russischen Machthaber schon genug gehört, um ihr Blut zu Eis erstarren zu lassen —. Wie nun, wenn er mit leidenschaftlicher Begierde sich auch ihr nahen sollte? Doch sie beruhigte sich bald wieder, da sie sich erinnerte, diese Frage, mit dem Hinweis auf ein zweites Grab in der Steppe schon im Voraus beantwortet zu haben. Auch hatten ihre bisherigen Lebens- Prüfungen sie schon welterfahren genug geinacht, um ganz genau zu wissen, daß er weder durch Blicke noch Bewegungen ihr auch nur den geringsten Anlaß zu solchen Befürchtungen gegeben; sie hatte stets nur menschliches Wohlwollen enipfunden und brauchte sich deshalb keinerlei Beängstigungen hinzugeben. Sie brauchte auch gar nicht lange zu warten, nm Noch einen weiteren Beweis seines redlichen Denkens zu erhalten. Ms sie am nächsten Tage wieder zum Grabe der Mutter hinging, fand sie dasselbe mit schweren Granitsteinen vollständig bedeckt. „Es soll weniger, ein Denkmal bedeuten," hatte er ihr aus ihren fragenden Blick, mit fast demütiger Stimme erklärt/ „als vielmehr einen Schutz gegen die Wölfe, die im Winter bis dicht an das Dorf heranschleichen, und deren hungrige Augen und gefräßige Zähne alles irgendwie Verzehrbare schon aufzuspüren wissen." Nach. diesem durfte sie ihm beruhigt trauen: wer das Grab der Mutter fürsorglich behütet, der wird auch der Tochter nicht in feindlicher Absicht entgegentretcn. Fünf Wochen waren bereits vergangen. Rahel gehörte jetzt mit zum Haushalt; doch schien ihre Anwesenheit keinen wesentlichen Unterschied auf dem Gute zu bedeuten; alles ging seinen gewohnheitsmäßigen Gang, und kein Mensch kümmerte sich nm sie. Rahel lebte ziellos ihre Tage dahin; sie ging und kam, wann und wohin es ihr beliebte und Verbrachte ihre Zeit in ihrem Stübchen oder am Grabe in der Steppe. Doch je länger ihr Verweilen andauerte, desto stärker wurde das Bewußtsein ihrer Verlassenheit, die Empfindung ihrer Einsamkeit, die sich' bis zum ^Stumpfsinn, zur Trägheit steigerte, die sie für jegliche Tätigkeit unfähig machte. Sie nahm ihr jetziges Dasein wie etwas Unvermeidliches, Unabänderliches hin. Sie wußte, daß Gregor hin und wieder zu ihr kam und eine Weile mit ihr sprach, und auch daß sie ihm antwortete, — wie und was aber, das wußte sie nicht — war ihr auch ganz gleichgültig. Soviel aber war ihr klar, daß er sein gegebenes Wort ehrlich hielt; es war damals keine leere Prahlerei — er war in der Tat der Herr im Hause, dessen Befehle von allen respektiert wurden. Niemand belästigte sie; keiner stellte Fragen; selbst Marfa nicht —. Auch Marfa gehorchte dem Sohne, und wenn sie .Rahel kein einziges böses Wort gegeben — so war 'es darum, weil sie überhaupt noch kein einziges Wort zu ihr gesprochen hatte. Wenn sie Rahel begegnete, so wendete sie absichtlich den Kopf zur '.Seite, sodah Rahel den giftigen Blick in ihren Augen nicht bemerken konnte. Darum war sie froh und freudig überrascht, als Marfa eines Tages sie anhielt und scheinbar teilnehmend ansprach. „Was war denn Dein Vater?" fragte sie. . „Ein Lohgerber," gab Rahel zur Antwort, bemüht diese so höflich und sanft als möglich zu gestalten. „Du lügst!" schrie sie Marfa an. „Ein Bettler war er — und ein Bettler war auch sein Vater — .denn wäre nicht Bettler- und Vagabundenblut in Deinen Wern, so würdest Du nicht zufrieden sein, 'das Brot des Müßigganges aus der Hand eines wildfremden Menschen zu essen!" Mit grenzenloser Verachtung spie sie vor dem erschreckten Mädchen aus und ging zu Sascha, der Wirtschafterin, die den ganzen Vorgang schadenfroh mit angesehen hatte. Marfa ging leichtfüßig und schwebend, als habe sie eine Zentnerlast von sich geworfen. , Diese Last schien sich nunmehr auf Rahel gewälzt zu haben, als sie traurig und nachdenkend nach ihrem Zimmer zurückschlich. Doch Niederdrücken wollte auch sie sich nicht lassen, und darum sprach sie eine Stunde später mit fester Stimme zu Gregor: „Ich werde jetzt von hier fortgehen." Er ließ vor Schreck die Reitpeitsche aus der Hand fallen. „Warum?" war seine kurze Frage, als er sich niederbeugte, um sie wieder aufzuheben. „Weil es mir soeben zum Bewußtsein gekommen ist, daß ich Bettelbrot aus der Hand eines Fremden esse." „Gehen Sie denn gern von hier?" fragte er in einem eigenartigen Ton. „Ich wäre vielleicht gern noch ein wenig länger hier geblieben; allein dieser Gedanke peitscht mich förnilich fort." Gregor sah vor sich nieder, als ginge er mit sich selbst zu Rate. „Wie aber," sprach er endlich, „wenn ich einen Ausweg finde, baß das, was Sie jetzt als Gnade betrachten. Ihnen ganz rechtmäßig gehören soll?" „Wie könnte dieses möglich sein?" fragte sie erblassend. „Heiraten Sie mich." Traurig ließ sie den Kopf hängen. Ja, ja; es war wirklich die höchste Zeit, daß sie ging; für die Mutter ein Abscheu, für den Sohn ein Spott — es war Zeit zu gehen. (Fortsetzung folg.) Familiermachrichterr. (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos). Geburte«. Ein Sohn, Herrn Ludwig Strauß (Stern), Frankfurt a. M., Fellnerstr. 7. Eine Tochter, Herrn B. Rosenfeld (Mayer), Stuttgart. Ein Sohn, Herrn Sigmund Blum (Kauffmann), Mannheim. Ein Sohn, Herrn Dr. mcd. Sigm. Berlizheimer (Wolfs), Frankfurt a. M. Verlobte. Thekla Marxheimer, Langenschwalbach, mit Jacob Levi, Windecken. Cilly Goldfrank, Neustadt a. Aich, mit Willy Dreyfuß, Landau. Edith Fränkel, Frankfurt a. Dt., Miquelstr. 62, mit Max Levi, Stuttgart. Paula Fleisch, Rödelheim, mit Julius Rußbaum, Frankfurt a. M. Lina Wler, Mosbach, mit Julius Bieringer, Adelsheim. Martha Elsaß, Frankfurt a. M., Liebigstr. - 2V, mit Alfred Netter, Frankfurt a. M. Caroline Buxbaum, Würzburg, mit Ludwig Hochstädter, München. Eheschließungen. Dienstag, den 19. September, nachmittags -1 Uhr in der Synagoge zu Düsseldorf: Lotty Bleiweiß mit Jaques Ostfeld, Düren. Verehelichte. Gustavo Schwarz, Mailand, mit Karoline geb. Rothschild, Frankfurt a. M. Sterbefälle. Dr. Barnaß, 57 I., Pfungstadt. Richard Bernheim, 20 I., Frankfurt a. Dt. Abraham Joseph, 71 I., Mannheim. Herz Lichtenstein, 81 I., Aschasfenburg. kl © © © © Geld, Geld und nochmals Geld. Zur Erhaltung und Wiedererlangung der Gesundheit gehören in der rauhen Jahreszeit ebenfalls drei Dinge: Pastillen, Pastillen und wiederum Pastillen und zwar Fay's ächte Sodener. Sie sind so reich erprobt, daß sie gar keiner besonderen Anpreisungen bedürfen und wer erkältet ist, besorgt sich ganz selbstverständlich vor alleni für 85 Pfg. eine Schachtel „Sodener" aus der Apotheke, Drogerie oder Mineralwasserhandlung. Statt besonderer Anzeige. Helene Auerbach Rabbiner Dr. Wolf Verlobte. Halberstadt. C5ln. Aus -er Geschäftswelt. Die jüngsten Eisenbahn-Unglücksfälle beweisen wiederum, wie wertvoll der Wschluß einer lebenslänglichen Eisenbahn-Unfallversicherung ist. Die Versicherungsgesellschaft Thuringia in Erfurt, schließt solche Versicherungen gegen die geriirge, nur einmalige Prämie von 3 pro Mille. Policeformulare zum sofortigen Abschluß stehen Jedermann zu Gebote, worauf die geehrten Leser aufmerksam gemacht werden. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 16. Sept., Wochenabschnitt Ki sowan. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a. M.: 7 Uhr 25 Min., Straßburg 7 Uhr 20 Min., Berlin 7 Uhr 05 Min. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbacb a. M. —■ Vornehmstes Tafelwasser. Offenbacber Drucfcluft=Anlage Telefon 123. Offenbach a. M. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste TepptChrelnfgunff. Joseph Wolf, vorm. Betty Kra Ww. — Schreib-, Mercerienull Wollwaren. — - — Hanauer Landsir. 32, vis ä v's der Hölderlinstr. : empfiehlt Rosch Haschonoh - Glückwunschkarten null Briefe in grosser Auswahl. Machsorim in einfachen und eleganten Einbänden zu den billigsten kreisen. s S. Lilienfeld, Eierhandlung Frankfurt a. M., Reehneistrasse 11. f\£? dis Feiertage frisoh eiaifeiend: Bairische, Wetterauer und italienische Eier. Auf Wunsch Lieferung frei Hans. -Samstag nnd Feiertage streng geschlossen. - O Spenglerei © Heinrich Wassmuth O O © Installation BSrnestr. 46 (Laden) Telefon 8633 empfiehlt sein reichhaltiges Lager in allen Arten Gas .Lüster, Petroleumlampen, Badewannen, Closetanlagen, Gasherde u. s. w. unter billigster Berechnung. 8 8 Samuel Brodheim Ida Brodheim geb. Wölpe Vermählte. Antwerpen, Rue de la Province Sad 4. D. Kroll’s Aaehf., Heue Keil 13 (Inh. B. Rachelsohn) empfiehlt za BoSClkliaSCbonoll Slüc&iDuusch&arten nnd Jfciefe, Machsorim, Tejitos. Anfertigung sämtlicher Druckarbeiten. Wäsche- und Leinen-Haus Max Oettinger j Hanauerlandstr. 27 und HSlderiinstr. 1 empfiehlt la. reinleinene Sargend* mit Zubehör| lk. S.75 an. von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.