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Neue jüdische Presse · 1905-09-15 · Heft 36 (15.9.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 36 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite ». erfreuen durften —, eine Betstube, um, wie das damals Sitte war, landsmaunschastlich vereint ihren Gottesdienst abzuhalten. Die Synagoge, welche wohl die älteste aller Breslauer „Schulen" war. fand bald reichen Zuspruch, da sich der Zuzug Glogauer Familien mit der Zeit verniehrte. 1637 wurden 11 Glogauer Juvenfamilien in Breslau gezählt, 1737 schon 37, 1776 aber 99. Den Glogauern wurde es zu eng in der kleinen Betstube, sie errichteten deshalb im Anfänge des 19. Jahrhunderts eine „neue Glogauer Synagoge" in dem sog. Mühlhofe am Roßmarkt 7/8, welche für damalige Zeiten sehr schön, hell und geräumig war, im Jahre 1887 aber mit dem Grundstücke, in dem sie sich befand, abgebrochen wurde. Jetzt muß auch die „alte Glogauer Synagoge", die nahezu 3 Jahrhunderte dem'Sturme der Zeiten getrotzt hat, ihren Tribut an die moderne Entwickelung unserer Stadt entrichten. (Bekanntlich ist für diese Seite der alten Graupenstraße eine neue Fluchtlinie vonden städtischen Behörden 'festgesetzt worden.) Mit dem Abbruch und Eingehen der „Professor-Schul" sinkt wieder ein Stück Alt-Breslau in Trümmer. Ihre letzten Vorsteher, die Herren Isidor Friedländer und Moritz Budwig, haben sich um die Erhaltung der „Schul", die wie alle kleinen „Schulen" um ihre Existenz sehr zu ringen hatte, unleugbar große Verdienste erworben. Da auch die Lemberger Synagoge nur noch die hohen Feiertage überdauert, bleiben von den kleinen „Schulen" in der inneren Stadt nur noch 2 übrig, die „Sklower" und die „Landschul" im Pockoyhof. Aber auch deren Tage sind nur noch gezählt, da die Fluchtlinie für den Karlsplatz bereits feststeht.; (Jüd. Volksbl.) Stratzburg. Die Einweihung des prachtvollen Neubaus der israelitischen Kunst- und Gewerbeschule, der ob seiner architektonischen Eigenart der Stadt Straßburg zur besonderen Zierde gereicht, fand am 6. d. Mts. in der geschmackvoll ausgeschmückten Turnhalle der Anstalt statt. Zur festgesetzten Stunde erschien Unterstaatssekretär Dr. von «chrau t, um in Vertretung Sr. Durchl. des Kaiserlichen Statthalters der Einweihungsfeier beizuwohnen, ferner Unterstaatssekretär Dr. Petri, Ministerialdirektor Mandel als Vertreter des Staatsministers, Staatssekretär v. Köller, Bezirkspräsident Halm, sowie die Beigeordneten Regierungsrat Hochapfel, Dr. Geissenberger und Domin i c n s, die Gemeinderäte Kommerzienrat I a - cobi und Fritz Schle,^fer, Reichstagsabgeordueter Justizrat Riff als. Vertreter der Stadt Straßburg. Tie Herren wurden von dem Präsidenten des israelitischen Konsistoriums, Herrn Sanitätsrat Dr. Ievyund dem Vizepräsidenten,HerrnGinsbourg e r begrüßt. Aus dem historischen Rückblick, welchen Herr Dr. Levy, der Festredner, über die Entwicklung der Gesellschaft gab, die es 'sich zum Bestreben setzte, die arme israelitische Bevölkerung zum Handwerk >zu ermutigen, ist hervorzuheben, daß dieses Werk in Straßburg über 80 Jahre besteht, und daß seit dem Jahre 1848 eine besondere Schulanstalt mit Internat in dem Hause Halbmondgasse 3 eingerichtet war. Zu der Zeit ihres Bestehens hat die Anstalt über tausend Zöglinge zu tüchtigen Handwerkern, einzelne zu Werkmeistern, Künstlern und Großgewcrbetreibenden herangebildet. Als in ihrer Art vorbildlich, haben sich eine Reihe deutscher und französischer Städte die israelitische Gewerbeschule in Straßburg zum Muster genommen und ähnliche Anstalten gegründet. Bei verschiedenen Ausstellungen wurde die ersprießliche Tätigkeit derselben durch Ehrenniedaillen anerkannt. In den Subskriptionslisten der Anstalt sind seit einer langen Reihe von Jahren die Namen der Straßburger Bischöfe und der Präsident des Direktoriums Augsburger Konfession vertreten, „als ein rührendes und herzerhebendes Zeichen der in unserem schönen Lande glücklicherweise herrschenden Toleranz". Der Neubau in der Julianstraße habe eine Summe von 190 000 JL erfordert. Durch das Wohlwollen des. Straßburger Gemeinderats habe das Komitee von der Stadt an Stelle des alten Hauses ein passendes Terrain für den Neubau, sowie 80000 JL erhalten. Hierzu seien über 89 000 JL hinzugetreten, welche in hochherziger Weise durch Freunde und Gönner aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Amerika gespendet worden seien. Se. Durchlaucht, der Herr Statthalter, habe dem Komitee die Ehre'erwiesen, sich mit der hohen Summe von 3000 JL an die Spitze der Liste einzuzeichnen, wofür Redner den ehrerbietigsten und herzlichsten Tank ausspricht. Die noch fehlenden 20 000 JL hoffe das Komitee mit Gottes Hülfe auch noch aufzubringen. Nach diesen mit Beifall aufgenommenen Ausführungen richtete Unterstaatssekretär Tr. v. Schraut folgende Worte an die Festversammlung: „Der Herr Statthalter hat mich beauftragt. Ihnen seinen Dank für. die freundliche Einladung und seine besten Wünsche für das Gedeihen der Anstalt auszusprechen. Ihre Anstalt hat schon viele Jahrzehnte erfolgreich gewirkt: ihre Geschichte, die uns der allgeehrte Herr Präsident soeben mitgeteilt hat, ist eine, ununterbrochene Ehrentafel von Arbeit, Opferwilligkeit und stolzen Erfolgen. Sie haben hierdurch Ihr volles Verständnis dafür bekundet, wie nützlich humanitäre Einrichtungen sind, die den Unbemittelten eine berufsmäßige Ausbildung und die Erziehung zur Selbstständigkeit ermöglichen. In unserer wirtschaftlich, technisch und sozial so bewegten Zeit kann der Einzelne nur durch eigene wirtschaftliche Einsicht und Charakterstärke vorwärts kommen und sich im Beruf und öffentlichen Leben nach dem alten Satze zurechtfinden: Prüfet alles und das Gute behaltet. Namentlich im Handwerk kommt auf die persönliche Geschicklichkeit und Tüchtigkeit das Meiste an. Anerkennung verdient daher jede werktätige Hülfe, die der Jugend die Erreichung dieses Zieles erleichtert, und volle Anerkennung gebührt auch all denen, die mit Rat und Tat, ohne ein Opfer zu scheuen, diese Gewerbeschule fördern. Auch die Regierung wird die Entwicklung dieser Anstalt, wie alle für das Handwerk nützlichen Einrichtungen, mit Interesse verfolgen. Lassen Sie mich mit dem Wunsche schließen, daß der Schule auch fernerhin ein günstiges Geschick beschieden sein möge,' zum Vorteil ihrer Zöglinge und zum Nutzen des Handwerks." Durch lebhafte Beifallsbezeugungen drückte die Versammlung ihre Uebereinstimmung mit den Worten des Unterstaatssekretärs aus. Hierauf sprach noch Herr Oberrabbiner Urz und sodann fand mit einer Besich-;ig!>ng der Räume die Frier ihren Anschluß. Oesterreich-Ungarn. Wie«. Die Umgangssprache der Juden in Oesterreich wird gemeiniglich als'deutsch angenommen. Das ist falsch. Die offizielle Statistik, wie sie die letzte Volkszählung lieferte, erbringt die Tatsache, daß von den 1224 711 in Oesterreich gezählten Juden 622235, das ist mehr als die Hälfte, polnisch als llmgangssvrache angegeben haben; mit deutscher Umgangssprache hatte man 419 210, das ist 34.2 Prozent aller Juden in Oesterreich, gezählt. (K.) Czernowitz (Bukowina), lieber Initiative und Einladung des Herrn Dr. Straucher fand Montag, den 21. v. M. im Sitzungssaale der hierortigen israelitischen Kultusgemeinde eine mehrstündige Besprechung von Delegierten der Judenschaft des ganzen Landes statt. Ten Gegenstand der Beratung bildete die Begründung einer die gesamte JudenschaftderBukowinaumfassenden einheitlichen Organisation. An dieser Beratung nahmen Delegierte aus allen jüdischen Kultusgemeinden der Bukowina teil; aus fast allen größeren Orten des Landes waren Vertreter erschienen. Im Ganzen waren 70 Delegierte anwesend. Eine größere Anzahl eingeladener Vertrauensmänner waren am Erscheinen verhindert, begrüßten aber mit vollster Wärme die Begründung einer solchen Organisation und schickten teils briefliche, teils telegraphische Zustimmungskundgebungen. Nach einem eingehenden Referate des Herrn Tr. Straucher und einer lebhaften Diskussion wurden die Anträge Dr. Straucher einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Es wurde ein zwanziggliedriges Komitee zur Ueberreichung des von Tr. Straucher verfaßten und in der Versammlung angenommenen Organisationsstatuts eingesetzt. Schweiz. Zürich. Nach dem Beispiel der Kantone Luzern und St. Gallen hat auch die hiesige Justizdirektion (Regierungsrat Nägeli) nunmehr verfügt, daß an russische Israeliten keine Hausierpatente mehr gegeben werden dürfen. Diese Maßregel trifft bei uns wohl mehr als 150 arme Familien und wird deshalb besonders hart empfunden, weil sie ohne vorherige Ankündigung plötzlich erlassen wurde, und so die Armen von einem Tag auf den andern brotlos gemacht hat. Es sind durch den Präsidenten unserer Gemeinde Herrn Dr. jur. Guggenheim nebst Herrn Rabbiner Dr. Littmann als Vertreter unsrer Armenpflege und Herrn Dr. Schmidt, Generalsekretär der Freiwilligen und Einwohnerarmenpflege, Schritte getan worden, um eine Milderung herbeizuführen. Nach den Aeußerungen des Herrn Regierungsrat dürfen wir nicht zu viel Hoffnung auf Erfolg haben. Zürich. Herr Salomo Guggenheimer-Wyler hat anläßlich der Barmizwohfeier seines Sohnes Silvain der Gemeinde eine neueSefer Thorah mit prachtvollem Mäntelchen zum Geschenk gemacht. Es ist das in kurzer Zeit die zweite Sefer Thorah, die die Gemeinde zum Geschenk erhält, ein schönes Zeichen dafür, daß der altjüdische Sinn bei uns noch nicht erstorben ist. Rußland. Warschau. Wie sich Rußland zum EintrittindieAerades „konstitutionellen" Regimes rüstet, zeigen folgende zuverlässigen Berichte über Ereignisse der jüngsten Zeit: Bialhstok. 50 Tote, über 150 Verwundete. Biele Greise, Frauen und Kinder getötet. Ein jüdischer Soldat, vor zwei Wochen aus der Mandschurei krankheitshalber zurückgekehrt, fand seinen Tod auf den Straßen von Bialhstok, als er zu seinem tätlich verwundeten Vater eilte. Alles war vorbereitet. Noch am Mittwoch, den 9., äußerte sich ein Offizier, daß man am Sonnabend mit den Juden abrechnen werbe. Und- Sonnabend morgens sagte ein Soldat: „Heute werde ich 20 von Euch niederknallen." — An der Beerdigung nahmen 15 000 Menschen auteil; auch viele aus dem Bürgertum waren erschienen. Alle Läden waren geschlossen; als Zeichen der Trauer ist der allgemeine Streik proklamiert worden; auf dem Friedhofe wurden flammende Reden gehalten. Minsk. Bei einem Zusammenstoß zwischen den Kosaken mit friedlich spazierenden Arbeitern wurden bis 20 getötet, viele verwundet; eine vieltausendköpfige Menge begleitete die Opfer zu ihrer letzten Ruhestätte. Voraus wurde das Hemd eines Gefallenen, mit seinem Blute getränkt, getragen. . . . Lodz. Eine Versammlung wurde im Walde umzingelt und in dieselbe geschossen. 2 Tote, 20 Verwundete, einige Hundert Verhaftete. Warschau. Bis 350 Verhaftungen sind in der letzten Woche vorgekommen. W i l n a. Am Tage der Kriegsgerichtsverhandlung über den Arbeiter Person» am 17. August, der einen Polizei-Leutnant in Twinsk leicht verwundet zu haben beschuldigt wird, wurde der Generalstreik proklamiert. An diesem Tage wurden ca. 100 friedlich spazierende Arbeiter verhaftet; ein Teil von ihnen wurde nach ihrem Geburtsort verbannt, wo sie hem Hunger überliefert sind, die anderen wurden ins Gefängnis geworfen. Tann wurde eine große musikalische Abendgesellschaft, an der ca. 300 Personen aus der Intelligenz teilgenommen hatten, auseinandergejagt: dabei viele von den Kosaken verwundet. Sehr oft trifft man jetzt auf der Straße Leute mit verbundenem Kopf. Auf 7>er Arbeiterbörse wüten bestialische Kosakenbanden. Bobruisk. Die hiesigen Ereignisse sind sehr charakteristisch für die Handlungen der Machthaber. Auf dem Markte ereignete sich eine Schlägerei zwischen jüdischen und christlichen Dieben, wobei die letzteren verwundet wurden. Da man anfangs nicht wußte, um was es sich handelte, entstand in der Stadt eine Panik. Die Selbstschutz-Abteilung, di» alsbald aus dem Markte erschien, machte der Schlägerei ein rasches Ende. Mles war wieder ruhig. Mit einem Male kommt eine Abteilung von Kosaken an, alle betrunken und fängt mit den Nagaiken und den Säbeln alles niederzuhauen an. Das Bill» war so empörend, daß einige Offiziere, die gerade vorbeigingen, sich zum Polizeimeister und Kosakenoffizier wandten und ihn auf die ungesetzlichen Handlungen der Kosaken aufmerksam machten. „DaS geht Sie garnichts an." war die Antwort des Polizeimeisters. Von den dabei Verwundeten ist ein Arbeiter Genkin in derselben Nacht gestorben. Am Tage seiner Beerdigung war die Stadt wie auSgestorben; alle Läden, Fabriken, Werkstätten waren geschlossen. Vor dem Sarge ging eine bewaffnete „Kampfabteilung", dann wurde der Sarg von jüdischen und christlichen Arbeitern getragen und hinter dem Sarge ging eine 15000köpsige Menge. Auf dem Friedhof wurden 9 Reden gehalten. Die Rednertribüne war mit Fahnen geschmückt. Homel. Seitdem der neue Polizeimeister hier waltet, der in seinem berühmten Mas verkündet, daß er jeden „Demokraten", der sich auf 50 Schritte seinem Wagen nähern wird, niederschiehen lassen wird, herrscht hier geradezu der Kriegszustand. Die Hooligans überfallen die Einwohner; in allen Straßen wird geschossen; es gibt schon bis 30 Verwundete. Besonders erbittert wird der Kampf wegen der Arbeiterbörse geführt, d. h. eine Straße, wo gewöhnlich nach Feierabend die Arbeiter spazieren gehen, wo Flugblätter verteilt werden, öfter auch Versammlungen abgehytten werden. Diese Straße ist von 500 Soldaten und Kosaken besetzt. In der Stabt herrscht eine Panik; viele verlassen die Stadt. Gegen den Polizeimeister wurden schon zwei Bomben geworfen, er blieb aber unverletzt. Mo hi lew. Hier waren .auch Zusammenstöße mit Kosaken und Soldaten, weil die Arbeiter von der Börse auseinander getrieben werden; im ganzen 2 Tote und einige Verwundete. Schitomir. Am Tage der Kriegsgerichtsverhandlung über Sibortschuk, der den Polizei-Leutnant Kujarow, die Seele des Schitomirer MassakreS getötet hatte, haben die 'Kosaken besonders gewütet. Ein Offizier tötete ein junges Mädchen, einige wurden verwundet. Die Gerichtsverhandlung konnte nicht stattfinden. An diesem Tage war im Ortsgefängnis zwischen den kriminellen Verbrechern eine Revolte ausgebrochen. Sie verlangten, daß Sibortschuk nicht vor ein Kriegsgericht, sondern vor ein gewöhnliches Gericht gestellt werde. Die Soldaten beschossen das Gefängnis; einer von den Inhaftierten wurde getötet, einige verwundet. Die Verhandlung fand erst nach 2 Tagen statt. Sibortschuk wurde um 4 Uhr nachts aus dem Gefängnis abgeholt; selbstverständlich wurde er zum Tode verurteilt. Eine Protestmanifestation wurde an diesem Tage Veranstaltet, an der 600—700 Personen teilgenommen haben. Nachdem dieselbe schon beendet war, kamen die Kosaken heran: sie mißhandelten auf bestialische Weise alle ohne Ausnahme, schossen in die. Menge ohne Warnung, schossen in die Häufer, in die Fenster. Der Fabrikant Friedmann wurde bei sich im Hause getötet, viele in ihren Wohnungen verwundet. Berditschew. Während der letzten Manifestation, an der 2—3000 Menschen teilgenommen haben, wurde geschossen: 60 Mann sind verwundet worden; einer von denselben ist bereits gestorben; viele sind verhaftet worden. Kischinew. Das israelitische Spital wird von Militär bewacht. Das Geschrei der Verwundeten. deren Zahl mehr wie 100 beträgt, dringt weit in die Ferne. Tie jüdische Selb st Verteidigung, unterstützt ^vow den Sozialisten, hat im Kampchs mit

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