Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 36 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692445--01867-2696429- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. türit&t zu erheben; immer kommt an irgend einer Stelle der Pferdefuß der christianisierenden Tendenz zum Vorschein. Was 'die gegenwärtige Frage betrifft, so setze ich zum Beweis dieser Behauptung den Schlußpassus der Meinholdschen Untersuchung hierher: „Da der Sabbat sich also aus allen kultischen Gebote« heraushob, La an ihm sich vornehmlich die vollkommene Fälschung zeigte, wie sie allmählich mit der Rellgion Israels vor sich, gegangen war, in der Weise, Laß man Len Kultus, wenn nicht überhaupt für die Religion hiell, so dieser jedenfalls überordnete, Opfer mll 'Sabbat höher hielt als Gehorsam (?) und Liebe, so mußte gerade auf diesem für das Leben des einzelnen wie der Gemeinde besonders wichtigen Punkte der Zusammenstoß zwischen Jesus und den Pharisäern erfolgen. Es ist bemerkenswert, daß Jesus auch hier wie auf vielen anderen Punkten gegen ein Fündlein des Judentums ankämpste, von dem Judentum zu dem echten und wahren Empfinden des großen Propheten zurücklenkte." Das ist das übliche Verfahren: man betrachtet die Tinge vom Standpunkte der christlichen Dogmatik; danach wird die Religionsgeschichte des Judentums konstruiert; die entgegenstehenden Stellen sind entweder korrumpiert oder interpoliert und können die Sicherheit der Hypothese nicht erschüttern. Das Ganze aber nennt man dann — voraussetzungslose Wissendst« __ Die Woche. Bei ihven Betrachtungen über den Friebensfchluß Hat die gesamte Wische Presse bis jetzt einen Gesichtspunkt unberührt gelassen, der nicht von zu unterschätzender Bedeutung ist: ich, meine, in welches Verhältnis wir Juden künftig zu den Japanern treten. Bis jetzt lag Japan vollständig außerhall unserer Interessensphäre, denn erst in den letzten Jahrzehnten hat sich eine geringe ^Anzahl rumänischer und russischer Jude» angesiedelt) und nur in Nagasaki ist es zur Bildung einer jüdischen Gemeinde gekommen. Der russisch-japanische Krieg nun aber hat viele tausende russischer Gefangener nach' Japan gebracht, und diese Gefangenen kommeil in absehbarer Zeit nach Rußland zurück. Während der Christ die Eindrücke seines japanischen Aufenthaltes auf der heimatlichen russischen Scholle allmählich erblassen lassen wird, werden für den in die unheimatlichen Gefille zurückgekehrten Juden die Folgen die umgekehrten sein: die menschenwürdige Behandlung, die er im Lande der gellen Rasse, erfahren, wird in ihm eine Sehnsucht dahin erwecken, 'und diese muß gelegentlich der Vernichtung seiner Existenz durch beamtliche Willkür oder durch die Bestialität des Pöbels sich zur Lat umwandeln. So dürfen wir — denn an eine Aenderung der inneren Politik der sellstherrlichen russischen Regierung ist vorläufig nicht zu denken — auf eine jüdische Auswanderung nach, Japan rechnen, wenn auch, bedingt durch die weite Entfernung, nur in langsamem Flusse und in verhältnismäßig geringen Massern — Uebrigens leidet Japan, das auf 417 412 Quadratkillmeter eine Bevölkerung von 47 Millionen Seelen hat (Deutschland au; 540 742 Quadratkilometer 57 Millionen Seelen), an Uebervölkerung, und es wird daher das Hauptaugenmerk auf die sehr aufnahmefähige und von Rußland aus leichter zu erreichende, fruchtbare Mandschurei zu richten sein. Interessant ist, daß man in den Japanern die viel gesuchten zehn Stämme Israels vermutet. M. Mac Seob, ein nach Japan entsandter Missionar, spricht in seinem 1874 herausgegebenen Werke „Beiträge zur allen Geschichte Japans" die Ansicht aus, daß gegenwärtig in Japan zwei in Sitten und Gewohnheiten, wie in Abstammung gänzlich von einander unabhängige Rassen leben, deren eine mongolischen Charakter trägt und den Süden bewohnt, während er in die andere die Abkömmlinge der zehn Stämme reiht) Tie südlich wohnende Rasse wohne nach der Beurkundung alter Biller und alter Bücher länger in Japan, als die nördlich wohnende. Tiefe sei 730 vor der üblichen Zellrechnung eingewandert, habe die Herrschaft an sich gerissen und regiere jetzt LaS Land. Ihr Kriegsführer, der die „Tynastie der 126 Kaiser" gründete, habe „Hosea" geheißen, und es sei wohl mehr als zufällige Uebereinstimmung, daß' dev um dieselbe Zew-lebWe letzte. König von Frankfurter Israelitischer Fmnilienblaii. Israel vor der Zerstreuung der zehn Stämme gleichfalls „Hosea" hieß. Ein weiteres wichttges Dokument sei die Kopie eines alten Bildes, welches die Landung der Juden auf Japan barstelle, es zeige den König mit der „Richterkrone" auf dem Haupte, umgeben von Soldaten mll den typisch jüdischen Waffen. M. Mac Leods sucht in seinem Buche noch weitere Belege für seine Behauptung zu geben; da aber die zehn Stämme schon in den verschiedensten Völkern vermutet worden sind, so wollen wir auch M. Mac Leods' Ausführungen vorläufig nur als eine neue Hypothese betrachten. * * Ter Gouverneur von Wilna, Gras P a h l e n, hat an eine Persönlichkeit in Wilna nachfolgenden Brief gerichtet: „Eine sehr traurige Erscheinung konnte ich 'während meines dreijährigen Aufenthalts in Wilna beobachten. Tie Mehrheit' der Jugend aus jüdischen bürgerlichen Familien zeigt einen ganz außerordentlichen Mangel an Kultur und Bildung. Man kann jedoch dieser Jugend sellst nicht ihren traurigen Zustand zum Vorwurf machen. Vielmehr erllärt es sich dadurch^ daß die junge Generatton bei ihrem starken Drang nach Bildung keine Hilfsmittel und keine geeignete Führung findet. Ter Drang ist so stark, daß die jungen Leute sich an Aufgaben wagen, die bei dem Mangel an sorgfälttger Vorblldung gänzlich unlösbar sind. Nach vielen Mühen müssen sie mit Enttäuschung ihre Hilfllsigkett anerkennen. Tie meisten bleiben bei verworrenen Fragmenten des Wissens, die 1?e nicht krittsch zu verarbeiten vermögen; dadurch entsteht eine geisttge und slltliche Unstätigkeit, die auf ihre ganze Tättgkell lähmend einwirll. Einerseits das bittere Gefühl des Unbefriedigtsein, das sich in Grobheü und Unerzogenheit ausdrückt, andererseits die Ueberschätzung der eigenen Leistungen, wie sie jedem ohne fremde Hilfe Lernenden eigen ist, wirken sehr übel auf den sittlichen Charakter der jungen Elemente. In geisttger Hinsicht sind sie sllavisch von den Büchern abhängig, die sie zufällig in die Hände bekommen haben, da ihnen jede Möglichkeit einer erweiterten Orientierung fehlt. Viele junge Juden beziehen daun die ausländischen Hochschulen, aber infolge ihrer mangelhaften Vorbereitung sind sie den Anforderungen des Studiums dort nicht gewachsen. So kehren sie denn unverrichteter Sache zurück und bleiben auf ewig zu einer subalternen sozialen Stellung verdammt. Um dem augenblicklichen Uebel, unter dem sowohl sie sellst als auch die Gesellschaft, in der sie lebt, lellet, zu steuern, möchte ich folgendes Vorschlägen: In Wilna sind zu wenig Lehranstalten, und in diese können gerechterweise nur wenig Juden ausgenommen werden, da sie einen geringen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung Rußlands bilden. Es wäre sehr wünschenswert, eine besondere Anstalt zu gründen, wo junge Juden von vierzehn bis zwanzig Jahren ihre Bildung unter guter Leitung vervolllommnen könnten, und wo auch jüdische Lehrer unterrichten könnten. Ich glaube, es wäre Pflicht der jüdischen Gesellschaft, für die materielle Wohlfahrt des Institutes sellst zu sorgen. Um die Realisierung dieses Planes zu besprechen, möchte ich eine engere Kommission bilden, und ich bitte Sie, mir geeignete Leute vorzuschlagen. Ich muß noch hinzufügen, daß Ausgeführtes einzig meine persönliche Meinung darstellt und den Charatter einer privaten Anfrage trägt. Wllna. Graf Pahlen." Wohl ist unter den russischen Juden viel Halbbillung zu stillen, aber sie ist nur ein Ausfluß der abnormalen sozialen Lage der russischen Judenheit. Wir erkennen gern an, daß Graf Pahlen einer der wenigen Beamten des Zarenreiches ist, die auf das Wohl der Juden bedacht sllll, doch mll der Verwirklichung seines Vorschlages kann keine Abhülse geschaffen werden; denn es gllt auch) in Hülle und Fülle Juden mll einer abgeschlossenen Bildung, und auch diese gehen zu Grunde, da man sie entweder als „Aufgeklärte" in den Kerker wirst — so sind gelegentlich der Verkündungdes Friedens vondenMllgliedern der Intelligenz tausende ohne Grund eingekerkert "worden — oder da sie, „die Entrechteten" des Hungers sterben. ■ - * __K. 36. Tie durch die Vorgänge auf dem letzten Zionisten- Kongresse veranlaßte neue Organisationsbildung, die Jüdisch-Territorial! st ische Organisation (Ehrenpräsident: Israel Zangwill; Zentrale: Warschau; Mitglieder des Zentrallureaus: Tr. Jassinowski-Warschau, Finkelstein-Warschau, Dr. Wunderlich-Oppeln) versendet soeben das Protokoll ihrer vom 30. Juli bis 1. August d. Js. in Basel abgehaltenen ersten Konferenz. Tas Programm dieser neuen Organisation lautet: 1. Die jüdisch - territorialistische nationale Organisation hat den Zweck, ein Territorium aus autonomer nattonaler Basis für diejenigen Juden zu finden, die in den Ländern, in denen sie jetzt leben, nicht bleiben können oder wollen. 2. gut Verwirklichung dieses Zieles stellt sich die Organisatton zur Aufgabe: a) alle Juden, welche mit dem Zwecke dieser Organisation einverstanden sind, zu vereinigen, d) mit Regierungen, öffentlichen und privaten Institutionen in Verbindung zu treten, c) die Schaffung von Finanzinstttutionen, Arbeiterbureaus und anderen Einrichtungen, welche nötig sind, den Zweck der Organisation zu erreichen." Tiefem Programm schließt sich folgende Resolution an: „Tie Organisation als solche nimmt zu der bereits bestehenden zionistischen Organisatton keine Stellung. Jedem Angehörigen dersellen, event. auch jeder an ihr beteiligten Gruppe, steht es frei, ihre Beziehungen zur zionisttschen Organisatton nach eigenem Ermessen zu bestimmen." — Wie unsere Leser sehen, ist die territorialistische Organisation eine Gegcnwartsaktion, die in erster Linie der sozialen Notlage der osteuropäischen Juden abhelsen will. Vom Standpunkte des politischen Zionismus aus ist selbstverständlich eine solche Aktion zu begrüßen, jedoch aber nur insofern, als sie eine Erweiterung des Zlltilsmus darstellt. Leider ist zu befürchten, daß nicht die Richtung der politischen Zionisten, sondern der reinen Tertttorialisten in der neuen Bewegung die Oberhand gewinnen wird, in welchem Falle die Zionisten notgedrungen die Organisation, die andererseits auch die Gegner nicht gewinnt, da sie das Nattonale auf ihre Fahne geschrieben hat, bekämpfen werden. Tas ganze Unternehmen muß scheitern, wenn nicht die polit. Zionisten die Führung erhalten und es verstehen, wenn auch nicht augenblicklich, so doch bis zum nächsten Kongresse, eine Verständigung mit der zionistischen Organisatiion zu erreichen. ■'! II Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Nach dem Rechnungsabschluß der Friedhofskommission der jüb. Gemeinde beziffern sich per 1904/5 die Gesamteinnahmen 'auf 289035 Jk und die Gesamtausgaben auf 221656 Jk, so daß sich cquf dem Konto der Friedhofskommission ein Ueberschuß von 67 379 Jk ergibt. Im vorigen Jahre vereinnahmte die Gemeinde für die gottesdienstlichen Veranstaltungen an den hohen Festtagen an Vermietung der Plätze 56 219 Jk, dagegen wurden 96 761 Mark verausgabt, die Gemeinde hatte somit einen Zuschuß von 40542 Jk zu leisten. Berlin. Das Grundstück Ecke Potsdamersttaße und Schöneberger Ufer, in dem sich die seit 30 Jahren bestehende „Synagoge an der Potsdamer Brücke" befindet, geht mit Ende dieses Jahres in andere Hände über. Da hierdurch der fernere Bestand der Synagoge in Frage gestellt war, haben zahlreiche angesehene Männer aus dem Westen Berlins am 31. August d. I. einen Verein begründet mit dem Namen „Tiergartensynagoge, E. V." und dem Zwecke, den dort gepflegten Gottesdienst in den bisherigen oder noch, zu erwerbenden Räumen zu erhalten. Durch das Abkommen, das der Vorstand des Vereins mit dem neuen Eigentümer getroffen, ist der Bestand der Synagoge an der Potsdamer Brücke bis auf weiteres gesichert; als Rabbiner und Prediger ämtiert dort seit elf Jahren Tr. Petuchowski. BreSlau. Die alte Glogauer Synagoge geht mit Ende, dieses Jahres ein. Im Volksmunbe heißt sie „die Professor-Schul", genannt von dem „Professorhaus" Alte Graupensttaße 6, das einmal einem Professor aus der alten Breslauer Familie Kuh gehört haben soll. In diesem Hause errichteten die Glogauer Juden, welche 1615 vom Kaiser Mathias das Privilegium 'erlangten, in ganz Schlesien wohnen zu dürfen — eine Freizügigkeit, der sich die änderen schlesischen Judendamals und für flangr Zeiten nicht