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Neue jüdische Presse · 1905-09-15 · Heft 36 (15.9.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 36 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zkrankfrtrter Istuklitislhes fmiliriiilall. i i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frank-, furt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— t. - ■ - - > Ke-aKtion Md HefchäftssteM: Srankturt a. Nelligkeuzgafle 32, Ecke Llapperfeldstraße Telefon 10507. . Jnserttonspreise: Die diergespaltene Petitzeile..... 25 Pfg. Die Rellamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - - Freitag, de« 15. LIuI 5665 (15. September 1965). Ro. 36. 3. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Neue Hypothesen. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus denVereinen. — Feuilleton: Das Judengrab in der Steppe, Ronian von Samuel Gordon.— Aus der Geschäftswelt. — Familiennachrichten. Neue Hypothese«. Von Dr. Jsak Unna, Rabbiner in Mannheim. (Schluß). Die Einwände, welche Barth gegen die Delitzsch'schx Theorie vom babylonischen Sabbat erhoben hat, lassen sich zum Teil auch der Meinhold'schen Hypothese entgegenstellen. Der Sabbat und die siebentägige Woche entsprechen ganz der hohen Bedeutung, welche die Siebenzahl seit uralten Zeiten im religiösen Leben der Israeliten gehabt hat. Meinhold weist selbst auf diese Bedeutung. hin und gesteht zu, daß „wie der siebenjährige Jahresabschnitt, so auch der siebentägige Zeitraum sich als gern gebraucht in Israel Nachweisen läßt". Die Hochzeitfeier dauert 7 Tage (Richter 14, 12), die Trauerzeit ebensolang (Gen. 50,10,1. Sam. 81,13). 7 Tage dauert die Unreinheit der Mutter nach der Geburt eines Knaben, wie überhaupt die levitischen Verunreinigungen häufig 7 Tage währen. Der 6 tägigen Arbeitszeit mit dem darauffolgenden Ruhetag entspricht auch die Schemitta nach 6 Arbeitsjahren und die Entlassung des Sllaven im 7. Jahre. Meinhold freilich nimmt auch bei diesen Gesetzen eine „Entwicklung" an und meint, „es sei in ähnlicher Weise zur Tagwoche gekommen wie zur Jahrwoche." Das heißt aber doch wahrlich die Dinge auf den Kops stellen. Schon die Etymologie, wonach die Wurzel schabbat ursprünglich „fertig sein" bedeute und sich auf den fertigen vollen Mond beziehe, ist als eine ganz willkürliche zu bezeichnen. Ein Blick auf die betreffenden Stellen zeigt, daß schabbat stets „aufhören, ruhen" bedeutet und niemals von dem Fertigwerden eines in langsamer Entwickelung Heranreifenden gebraucht wird. (Vergl. z. B. Jes. 14,4, 24,8, Klagelieder 5,14 15 u. v. a.). Es ist kaum begreislich, wie man aus reiner Hypothesensucht zu solchen völlig unbegründeten Behauptungen gelangen kann. — Die Stellen, die unzweifelhaft von der Heilighaltung des Sabbat reden, werden entweder (wie Kön. 2, 11) gewaltsam erklärt, oder sie sind später eingeschoben. Wnn z. B. Jeremia (17,19) verkündet, daß die Entweihung des Sabbat den Untergang Jerusalems zur Folge haben werde, so ist diese Stelle Zutat eines Späteren. In den Klageliedern, die doch wohl nicht .aus der. Makkabäerzeit stammen, ist übrigens ein Vers (2, 6) enthalten, der allein schon die Meinhold'sche Hypothese erschüttert: „Gott hat vergessen lassen in Zion Festtag (moed) und Sabbat." Diese Zusammenstellung ist hier nur zu verstehen, wenn moed und Sabbat festlich begangene Ruhetage sind, während am Neumond, wie die Ueberlieferung sagt, die Arbeit nicht zu ruhen braucht. Nach Meinhold müßte man unbedingt die gewöhnliche Zusammenstellung chodeschundschabbat erwarten. . Natürlich muß auch (nachdem man die betreffenden Stellen beseitigt hat), die Nichterwähnung des Sabbat bei den Propheten als Beweis herhalten. Die Propheten erwähnen die meisten Gesetze nicht — also waren sie nicht vorhanden. Die Propheten eifern nur gegen Götzendienst, Mord, Bedrückung der Armen u. s. w.. also gegen die Verletzung der ethischen Vorschriften — mithin sind sie Gegner des „Formenkultus". So oft sie auch widerlegt wird, diese Argumentation kehrt immer wieder. Die Propheten konnten freilich nicht die Beobachtung der einzelnen Thoragesetze einschärfen, solange die Voraussetzung und die Grundlage des Gottesgesetzes, die allgemeine Moral, in so gröblicher Weise mißachtet wurde. Die Propheten verwarfen die von Israel gefeierten Feste nicht, wie Meinhold behauptet, „weil sie ihnen heidnisch, unsittlich erscheinen", davon steht in den Quellen kein Wort; sie wenden sich auch nicht gegen die Opfer, weil sie Gegner des Opferkultus an sich sind, sonst würden sie ihn nicht in ihren Zukunstsverheißungen als selbstverständlich voraussetzen. Sie verwarfen vielmehr alle äußere Gottesverehrung, nicht nur Opfer und Festtage, sondern auch das Gebet, (Jes. 1, 15), solange die elementarsten Gebote der Sittlichkeit mit Füßen getreten werden. Das liegt eben im Geiste der von ihnen vertretenen jüdischen Anschauung. Und es ist bei den nachexilischen Propheten nicht anders als bei ihren vorexilischen Vorgängern. Daß sie aber die Einzelheiten der Lehre kannten und ihre Kenntnis namentlich auch von den Priestern forderten, das ist gerade bei dem von Meinhold erwähnten Propheten Haggai deutlich zu sehen. Er richtet (2, 11 ff.) an die Priester eine Frage, welche sogar eine genaue Vertrautheit mit den minutiösen Reinheitsbestimmungen der mündlichen Lehre voraussetzt. Meinhold wundert sich auch, daß der Sabbat im Dekalog, den man für prophetisch hält, neben den Geboten allgemeiner Sittlichkeit einen Platz gefunden hat, und schließt daraus, daß der Tekalog — ezechialisch sei. Aber diese Verwunderung rührt nur daher, daß dem Herrn Professor das Verständnis sür die Idee des Sabbat und der Sabbatruhe abgeht. Daß die Arbeitsenthaltung an sich Gottesdienst sein könne, erscheint ihm unmöglich. Aber der Sabbat soll eben eine Erinnerung an die Weltschöpfung durch Gott sein. Der Gedanke, daß Gott die Welt zu einer bestimmten Zeit geschaffen und dann geruht habe, d. h. daß die Welt nicht durch die Selbsttätigkeit mechanischer Kräfte sich entwickelt habe und noch weiter entwickle, daß sie vielmehr durch eine freie Tat des Schöpfers ins Dasein gerufen worden sei, dieser Gedanke soll durch die Arbeitsenthaltung am Sabbat sinnbildlich zum Ausdruck gebracht werden, und man sollte glauben, daß diese Idee gerade heute im Zeitalter der Entwicklungslehre die höchste Bedeutung habe. Sie ist eine der Grundideen des Judentums, und es ist deshalb nur natürlich, daß sie neben die Lehre vom einzigen Gott und neben das Verbot des Götzendienstes gestellt wird. — Darin hat Meinhold allerdings recht, daß dieser Gedanke, auf den Sonntag angewendet, jeden Sinn verliert. Daraus folgt aber nur, was schon Luther sagte, daß, wer den Sabbat recht halten wolle, ihn mit den Juden feiern müsse. Die häufige Zusammenstellung von Chodesch und schabbat, die Meinhold so sehr betont, hat durchaus nichts auffälliges. Beides sind eben regelmäßig wieverkehrende Tage, der eine jede Woche, der andere jeden Monat; deshalb werden sie soivohl in der früheren wie in der späteren Literatur nebeneinander genannt, auch, bei Ezechiel selbst (z. D. 45,17; 48,1, 3). — Nach Mein hold sollen chodesch und schabbat als Mondfeiertage, die an den Gestirnkultus erinnerten, von dem deuteronomischen Gesetz abgeschafft worden sein, und dafür soll dann Ezechiel den Sabbat eingesetzt haben. Woher aber in aller Welt kommt es dann, daß er den Neumondstag wieder erwähnt und für ihn ebenso die Opfer bestimmt, wie für alle ausgezeichneten Tage? — Daß Ezechiel selbst den Sabbat als uralt bezeichnet und schon den früheren Geschlechtern seine Entweihung als schweres Vergehen anrechnet, ist nach M. nicht von Belang. Aber es wäre doch merkwürdig, wenn der Prophet seine» Zeitgenossen eine Einrichtung, von der sie vorher gar nichts wußten, und die er selbst ihnen aufdrängen wollte, als von jeher bestehend dahingestellt hätte. Meinhold gibt zu, daß über eine wirkliche Einführung des ezechielischen Sabbat nirgends etwas berichtet wird. Diese Tatsache allein hätte ihn schon stutzig machen müssen. Esra soll „mit Hilfe des weltlichen Armes" den Sabbat durchgeführt haben; und dennoch wird in den Quellen nichts davon erwähnt. Wir hören, daß er das Volk auf das Gesetz verpflichtet, daß er gegen die Mischehen mit äußerster Strenge vorging; hätte die Durchführung einer in wirtschaftlicher und religiöser Hinsicht so ttef einschneidenden Maßregel nicht ganz besonders in den Vordergrund gestellt werden müssen? Statt dessen wird lediglich die doch verhältnismäßig nebensächliche Verpflichtung erwähnt, daß nian von 'dem Landvolke, das offenbar aus Unwissenheit den Sabbat entweihte, nichts kaufen wollte. — Geradezu dürftig ist die Begründung für die Behauptung Meinholds, daß der Sabbat erst in der Makkabäerzeit volll.mmen durchgedrungen sei. Weil man sich für den Sabbat aufopferte, weit man in irrtümlicher Auffassung des Gesetzes nicht einmal zur Verteidigung am Sabbat die Waffen ergreifen wollte, darum soll der Sabbat damals nur von den gesetzesstrengen Juden gehalten worden sein. Ich meine, eine natürliche Auffassung der Ereignisse müßte das Gegenteil ergeben: weil die Ueberzeugung von der Heiligkeit des Sabbats so ttef im Volke wurzelte und well man seine Entweihung dem Götzendienste gleichstellte, darum konnten manche dazu komme», auch den Bcrteidigungskampf am Sabbat für verboten zu halten. Es ist ttef bedauerlich, daß Männer, von denen man ernstes Streben nach Wahrheit voraussetzen sollte, solche gänzlich haltlose Hypothesen ausstellen und sie, als ob sie wissenschafttich erwiesene Tatsachen wären, dem großen Publikum darbieten. Noch bedauerlicher aber ist es, daß die protestanttschen Theologen bei Forschungen, die das Judentum betressen, kaum jemals imstande sind, von ihrem dogmattschen Standpunkt abzusehen und sich zur Höhe wissenschaftlicher Objek»

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