Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 35 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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«Seite 4. frankfurter Israelitischer Famllienblalt. «i. 35.' bildung erzieht, herausstellte. Samson Raphael Hirsch's Realschule, die die.Frankfurter Religionsgesellschaft groß gemacht hat, schwebte den führenden Männern der Antwerpener Orthodoxie vor, und nach Uebcrwindung zahlreicher Schwierigkeiten konnte am 19. Oktober 1903 die Vereinigte Israel. Real- und Religio ns schule ihrer Bestimmung übergeben werden. Heute haben wir nun bereits den von Herrn Direktor I. Nobel verfaßten ersten Jahresbericht zu Händen. Danach wies am Schluß des Berichtsjahres die Schule eine Frequenz von 80 Schülern auf, die in 4 Klassen — 6., 7., 8. und 9. Klasse — unterrichtet wurden. Tie Einnahmen beliefen sich in der Zeit vom 1. Oktober 1903 bis 30. Sept. 1904 auf Frs. 7653 (Schulgeld Frs. 3770, Mitgliederbeiträge Frs. 1490, Spenden Frs. 1403, Subvention der Gemeinde „Machasikei Hadaß" Frs. 750 usw.j, die Ausgaben auf Frs. 10300 (darunter Frs. 6900 Lehrergchäller). New-Aork. Die anfangs August in Springfield abgehaltene Versammlung der „VereinigungorthodoxerRabbiner (Präsident: Rabbiner A., I. G. Lesser-Cincinnati) beschloß u. a., eine „Gesellschaft zur Stärkung des Judentums" zu gründen und die Gemeinden ohne Rabbiner zu ersuchen, sich einer Gemeinde, die einen Rabbiner hat, unterzuordnen; auch solle es einem Rabbiner nicht erlaubt sein, irgendwelche den Din betreffende Anfragen durch die Zeitung zu beantworten. Es wurde ausgesprochen, daß die Jeschiwoh des Rabbi Jitzchak Elchanan die beste Institution ihrer Art im Lande sei. G Seuilletoir. G Nachdruck verboten. Das Juvengrab m der Steppe. Roman von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. Gortsetzung). Er sah sie scharf an; doch war es kein Blick, der etwa einer ehrlichen Frau die Schamröte in's Gesicht treibt; er war viümehr traurig und ernste Schweigend mit einer zttsümmenden Handbewegung trat er zur altern Frau hin, die ihn die ganze Zeit über mit herzzerreißenden Angstblicken beobachtet hatte. Im nächsten Augenblick hatte er sie aber schon in seinen Armen, sanft und geschickt, wie riesenkrästige Menschen mit solchen leichten Lasten umzugehen pflegen. „Folgen Sie mir," sprach er zu dem Mädchen. Schweigend legten sie die kleine Entfernung zurück und betraten bald den langen, steingepflasterten Hausflur, wo Gregor eine Türe aufschloß und sie in ein kleines mit einfachen Möbeln, aber sauber und nett ausgestattetes Zimmerchen hineinbrachte. In einer Ecke stand ein Feldbett mit schwellenden Federbetten belegt. Hungrig richteten sich die Blicke der altern Frau dahin — ach, wenn er sie doch bloß dahin legen wollte. Und als dieses wirllich geschah, da ergriff sie seine Hände und bedeckte sie mit Tränen und Küssen, ehe er sie ihr entziehen konnte. „Bleiben Sie bei ihr," wendete er sich jetzt der Tochter zu, die völlig betäubt dastand; „ich bin gleich wieder zurück." Als er wieder draußen war, sah er sich seiner Atutter gegenüber, die mit haßerfüllten Blicken dastand. Er schien sie nicht zu bemerken; er verschloß aber sorgfälttg das Zimmerchen, wo er die beiden Frauen zurückgelassen, und steckte den Schlüssel in die Tasche. Er begab sich jetzt nach dem Heuschober auf der andern Seite des Gutshofes, bestieg die Leiter und kam bald darauf Mit einigen Bündeln duftendem Heu wieder herunter. Unten wartete Marfa seiner, die ihre leidenschaftliche Wut nicht mehr zügeln konnte. „Du wirst doch nicht etwa diese ungläubigen Landstreicher in unserem Hause behalten wollen?" fragte sie mit mühsam erzwungener Ruhe. „Natürlich — warum sollte ich denn nicht? Die alle Frau wird sicherlich nicht mehr den morgigen Tag erleben." „Wenn Du noch Deine fünf Sinne beisammen hast, wirst Du mir wohl nicht zumuten, mit diesem Bettelpack unter einem Dache zu übernachten-." „Tue Dir keinen Zwang an, Mutter; Du wirst gewiß bei einem der Nachbaren im Dorfe leicht ein anderes Unterkommen finden." . ' Ihre Augen sprühten Feuerblitze. „Das soll die ganze Welt hören!" kreischte sie laut, „der Sohn vertreibt die eigene Mutter aus dem Hause, zwei hergelaufenen Frauenzimmern wegen —! Ach, daß ich das noch erleben muh „Der Sohn überläßt es nur der Mutter, nach ihrem eigenen Gutdünken zu handeln," entgegncte er gelassen; „kann er denn besser seine Kindespflicht erfüllen?" „Hast Du denn gar keinen Stolz,. gar kein Ehrgefühl mehr?" fuhr sie giftig fort. „Der letzte Nachkommen eines der ältesten Adelsgcschlechtcr des heiligen Rußlands, macht sich zum Packesel für herumtreibendes Gesindel, als ob er keinen einzigen Knecht auf dem Gute hätte--. Wahrlich, ich kann es deutlich hören, wie Dein Vater im Grabe wütend mit den Zähnen knirscht über die Schmach die der einzige Sohn unserem ehrlichen Hause zufügt." „Du scheinst gute Ohren zu haben, Atutter," bemerkte er trocken;. „und was die Knechte anbelangt, so jammert doch Dein getreuer und ergebener Bastian fortwährend, daß er mit Arbeit' überbürdet sei —. Jedenfalls will ich diese Arbeit ganz allein, persönlich verrichten — außer D u willst mir dabei helfen." Ehe sie noch in ihrer überschäumenden Wut eine Erwiderung finden konnte, hatte er schon wieder die leichte Last ausgenommen und schritt aufrecht dem Hause zu. Leise betrat er wieder das Zimmerchen und legte das Heu auf die Erde. „Das ist alles, was ich Ihnen als Lager anbieten kann," sprach er zu Rahel — so hieß das Mädchen — die neben der Mutter stand, ihr Gesicht zärtlich und liebkosend streichelnd; „doch dort in der Kammer finden Sie ein Bärenfell, das Ihnen in der kalten Nacht gute Dienste leisten wird. Und nun werden Sie auch etwas Nahrung bedürfen." Abermals verschloß er die Türe, als er sich nach der Küche begab, wo er, unbekümmert um die verblüfften Mienen der Mägde, ganz besonders der Wirtschafterin Sascha, Bastian's Tochter, ei» ganzes Brot und einen Krug Milch aus dem Speiseschranke nahm. Ms er damtt zu seinen Schützlingen zurückkehrte, lag die alte Frau in einem dumpfen Schlaf und ihr Atem ging kurz und unregelmäßig. Gregor brauchte nicht erst die aschfahle Hlässe auf ihrem Gesichte zu betrachten, um zu wissen, was dieses Röcheln zu bedeuten hat. Rahel saß auf dem Bettrande, anscheinend ganz unbewußt und unbekümmert, was um sie vorging. „Essen Sie," sprach er,' die Speisen ihr ‘ hinreichend. „Ich will lieber warten, bis die Mutter erwacht und mitessen kann," war ihre leise Antwort. Er unterdrückte gewaltsam die Worte, die sich ihm auf die Lippen drängten, und wiederholte nur einfach die Aufforderung zum Essen. Sie widerstrebte nicht länger. Er beobachtete sie schweigend. Jetzt erst bemerkte er, daß sie weit jünger war, als es ihm beim ersten Anblick vorkam. Die traurige Spannung auf ihrem Gesichte hatte jetzt nachgelassen und zeigte jenes ovale Rund mit den feinen und reinen Linien, das der ganzen Rasse eigentümlich ist. Der trübe Schein war aus den Augen gewichen und sie erstrahlten wieder spiegelllar. Auch das Haar hatte sich, ein wenig gelockert und ließ das glänzende tiefe Schwarz erkennen. Vorhin auf der kottgen und schmutzigen Landsttaße schon waren ihm diese Gestalt und dieses Gesicht wie eine Oase in der Wüste erschienen; aber er konnte es sich nicht denken, daß es sich alsobald zu einem herrlich duftenden Blumengarten verwandeln wird, und für eine etwaige Vervollkommnung gar keinen Raum übrig ließ. Er wußte, daß die Natur unbegrenzt und unbeschränkt in ihrem Schaffen war; hier aber war es ihm vergönnt, ein Wesen zu schauen, wo auch sie an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt war. Inzwischen aß das Mädchen weiter; anfänglich nur ganz mechanisch, als wollte sie nur seinem Wunsche nachkommen; nach und nach aber machte der Hunger seine Rechte geltend und bestand darauf, auch ohne Ncbengründe befriedigt zu werden. Plötzlich aber blickte sie auf, als habe sie sich eben erst an etwas erinnert. „Ich habe Ihnen ja noch nicht einmal gedankt," sprach sie einfach „Wofür denn? Sie verlangten ja, daß ich eine alte Schuld tilge, und ich tue cs."' „Aber die ganze Welt bestreitet uns ja diese rechtmäßige Forderung," bemerkte sie bitter; „und <Ue." i „Und ich befreie die Welt von dem Vorwurfe der Undankbarkeit," unterbrach er sie; doch in einem Tone, daß sic im Zweifel blieb, ob es nur ein Scherz oder im Ernst gemeint sei. „Sic scheinen traurige Erfahrungen gemacht zu haben," fuhr er weiter fort; „Sie müssen bereits viel gelitten haben. „Mehr als andere; ich habe ja für zwei zu leiden gehabt," antwortete sie leise, einen Blick nach dem Bette werfend. „Seit achtzehn Tagen hat sie in keiner menschlichen Behausung geschlafen." „Und warum kommen Sie denn diesen Weg zu Fuß, und nicht lieber mit der Eisenbahn?" „Weil wir nicht genug Geld hatten, um die Fahrt zu bezahlen. Binnen drei Tagen mußten wir ja die Heimat verlassen, so daß wir keine Zeit hatten, um unsere Liegenschaften zu veräußern. Denn wer würde etwas kaufen wollen, wenn er weiß, daß er nach einigen Tagen nur die Hand auszusttecken braucht, um es umsonst zu haben. Darum packten wir nur so viele Habscligkeiten zusammen, als wir mit uns fortzutragen vermochten, und zogen hin mit Gott im Herzen und sehr wenig Geld in den Taschen. Und das Wenige, was wir noch hatten, es reichte kaum für Nahrung und Obdach — wenn 'man leere Scheunen und Viehställe so nennen darf —. Doch, wie ich höre, sind wir nur noch vier Tagereisen von unserem Ziele entfernt. Mlcrdings wird die Zahl der Einwanderer nicht so groß sein, als die der Auswanderer — denn auf dem Wege, den wir zurückgelegt, haben wir auch fünf Gräber, als Meilensteine, als traurige Denkmäler zurückgelassen." Gregor dachte daran/ daß aller Wahrscheinlichkeit nach wohl bald ein sechstes sich dazu gesellen wird; doch behielt er diesen Gedanken für sich. . „Ich bin nur froh, daß ich gerade zu Hause-war," sprach er, um sie auf andere Gedanken zu-bringen. >,Jch hatte sogar heute etwas Geschäftliches in der Stadt zu erledigen, und es mag ein eigentümlicher Zufall sein, daß ich statt dessen meinen Inspektor geschickt." Rahel antwortete nichts. Sie fand nichts Befremdliches in diesem „Zufall"; hatte sie nicht eben erst, gesagt, daß sie mit Gott im Herzen ausgezogen waren? Es war daher nichts anderes, als eine Fügung Gottes! Und darum bekundete sie auch keine überschwängliche Dankbarkeit ihrem Wirte gegenüber. Man fühlt sich nur verpflichtet, den Künstler zu verehren, nicht aber den Pinsel oder den Meißel. Gott allein war der Helfer und dieser Christ nur das Werkzeug, das er sich auserwählt und erkoren." Doch bald wurde sie an ihre Pflicht auch dem Gastgeber gegenüber erinnert. Die- Kranke bewegte sich und streckte ihre.Hand aus, als taste sie im Finstern herum. „Rahel," rief sie mit schwacher Stimme. Rahel sprang beunruhigt auf. Die Stimme der Mutter klang so heiser, und nur mit großer Mühe vermochte sie die geflüsterten Worte zu verstehen: „Wenn der Christ wiederkommt, sage ihm, ich habe ihm meinen Segen hinterlassen. Ich müßte mich ja schämen, das Paradies zu betreten, wenn ich wie ein wildes Tier auf der Landsttaße gestorben wäre." „Aber, Mutter," rief Rahel schreckensblich, „was sprichst Du denn? Unser Wirt steht doch hier — siehst Du ihn denn nicht?" „Es ist wirklich jammerschade," fuhr die Kranke chantasierend fort, „daß wir den kupfernen Kessel nicht mit uns nehmen konnten; er gehörte meiner Bkutter, die ihn von ihrer Mutter erhalten hatte, und er sollte später Dein sein — siehst Du nicht den Polizisten, der das Papier mit dem großen Siegel bringt? — So sind wir Bettler — ach, und in meinem ehrlichen Kassel werden sie jetzt Schweinefleisch kochen. Ach, meine Füße sind so müde —! Ja, Rahel; hörst Du mich nicht? Wo bist Du denn? Sage es dem Christen, daß ich ihn segne — —" Rahel wendete sich weg, um ihre Tränen nicht ehen zu lassen. Nun wußte sie, was ihr bevox- 'tand. Gregor hatte das Zimmer verlassen, und fünf Minuten später hörte man die Hufschläge eines schnell davonjagenden Pferdes. Ich habe nach dem Arzt geschickt," sagte er bloß, als er wieder cingetreten war; „wenn er nur zeitig genug kommen möchte." Aber er wußte ganz genau, daß er, wenn er auch auf Windcsflügeln herbeieilt, dennoch zu fpät kommen werde. Und so war es auch. Um Mitternacht erhob Kallasch ein fürchterliches Geheul, das nach und nach in ein schwaches Winseln überging. Unsere Weisen sagen, daß die unvernünftigen Tiere, da sie keine unsterbliche Seele haben, den traurigen Vorzug besitzen, das zu sehen, was die gütige Vorsehung erbarmungsvoll den Menschenblicken entzieht. Denn es war gerade um diese Zeit, als der Todesengel das lleine Zimmerchen bettat, um seine traurige Mission bei der alten Frau zu erfüllen. (Fortsetzung folgt) Die Rose. Eine Sommererzählung. Von I. L. P e r e z. Uebersetzt von L. Caro. Es war kurz vor Pesach. Ter Frühling nahte heran, und in den Gärten begannen schon die Rosen zu blühen. Was, lieben Sie vielleicht auch Rosen? 2ln dem Lächeln, das um Ihre Mundwinkel zuckt, errate ich Ihre Antwort: — Ja! Ach, welch ein Ausleuchten in Ihren Augen! Senken Sie nur Ihre Blicke nicht so: auf mein Ehrenwort, ich werde es Niemandem verraten. — Doch, wenn Sie Rosen lieben, will ich Ihnen - ein Geschichtchen von einer Rose erzählen. - * . * Es war einst eine Rose. Sie wuchs in einem öffentlichen Garten, auf einem grünen Rasen, hart an der Allee— inmitten eines Tornstrauches. Während die anderen Rosen schon in voller Blüte standen, war sie noch jung und grün. Sie litt an Animie. Bleich und blutarm schämte sie sich hervorzutrcten und versteckte sich im Dickicht der Dornen. Nur in stillen, dunkelen Rächten 'wagte sie hervorzugncken, betrachtete die übrigen Rosen, diese romantischen glücklichen Blumen; von ihnen weg hob sie ihren traurigen Blick zum blauen Himmel empor, und mit einem leisen Vorwurf gegen Gott, klagte sie düster über ihr Schicksal: daß Er nur sic allein vergessen, nur sic allein umgangen, nur sie allein