Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 35 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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9b. 35zu'fahren, damit die jüdischen Badegäste auf diese Weise herausgejagt werden. — Ter geständige Angeklagte behauptete, er sei in seinem sittlichen Empfinden beleidigt gewesen. Ter Richter verurteilte ihn zu hundert Kronen Strafe. Budapest. In einem Feuilleton „Sommerbetrachtungen" des „Neuen Pester Journal" schreibt Arpad Fenyvessy, ein Jude — früher hieß er Feigelstock — über den Chauvinismus der ungarischen Juden, dem er, wie man sieht, selbst zum Opfer gefallen ist: „Der Chauvinismus der ungarischen Juden treibt ganz absonderliche Blüten. Die Söhne der alttestamentarischen Stammhalter heißen längst nicht mehr Levi und Kohn, sondern natürlich Levai und Kormos, sie fluchen ungarisch, saufen Champagner und bleiben ihn schuldig wie die gepfändete ungarische Gentry; sie fordern das ungarische Kommando, deklamieren am 15. März (Revolutionsfeier) das „Talpra Älagyar" (Auf, Magyare!) und schreiben geharnischte Zeitungsartikel wie die verschnürtesten Kuruczen. Er will um jeden Preis Ungar sein, nichts anderes als Ungar. Nationaler rot-weiß-grüner, doppelt verschnürter und paprizierter Ungar! Der Levai sowohl als auch der Kormos! Er gibt sein teures Geld selbst in unwirtlichen ungarischen Badeorten aus, nur um dem ungarischen Mitstreiter im nationalen Kampfe zu gefallen — alles umsonst! Ter geehrte Kampfgenosse weicht ihm im weiten Bogen aus, heißt ihn höhnisch Levi und nicht Levai, Kohn und nicht Kormos, Weißseld und nicht Vazsonyi. Es nutzt nichts und mutz einmal doch offen gesagt werden: die gesellschaftliche Verschmelzung auf dem Wege eines national-alchimistischen Kunstversahrens ist eine sehr faule Sache." Budapest. Die hiesige jüdische Gemeinde hat die große Bibliothek des sei. Rabbiner Dr. M. Kaiserling als Grundstock zu einer Gemeinde- Bibliothek angekauft. Tesche». Ein Kulturbild aus Galizien. In der „Silesia" vom 19. August d. I. findet sich in einem „Briefe aus Zakopane", dem bekannten galizischen Höhenkurorte, folgende bezeichnende Mitteilung: „Wenn man Zakopane den Rücken gekehrt und über Krakau hin gegen Europa sich gewendet hat, passiert man den weit und breit berühmten Wallfahrtsort K a l w a r h a. Hierher pilgern fast das ganze Jahr hindurch Tausende, um durch Beten und Singen den Heiligen neuen-Segen abzudringen. In dem Seitenschiffe der Kirche ist hier ein merkwürdiges altes Bild zu schauen, das anderswo kaum geduldet werden dürfte. Es stellt die Abschlachtung eines christlichen Kindes durch Juden in sehr drastischer Weise dar und wird seine Wirkung auf die ungebildeten Volksmassen sicherlich nicht verfehlen. In Kalwarya holt sich auch der polnische Schulverein von Fall zu Fall den Segen und seine Propaganda ist dann um so wirksamer." Alle Bestrebungen für Volksausklärung und allgemeine Schulbildung werden durch solche kulturwidrige Andachtsgegenstände zuschanden, die den judenfeindlichen Instinkten der Masse entgegenkommen und Judenexzesse von langer Hand präparieren. Wahrlich, ein „Kulturbild", das der galizischen Kultur alle Ehre macht! Rußland. Petersburg. Der „Fraind" veröffentlicht einen Brief, den ein in Japan sich befindender Kriegsgefangener namens Pinchos Ratschewski an ihn gerichtet hat. In diesem Briefe heißt es: „Jede Woche gibt man uns verschiedene kleine Geschenke wie Seife, Papier, Tinte, Couverte, Federn, Papierrosen usw. Tie japanischen Ausseher schätzen die jüdischen Soldaten, weil fast alle von uns lesen und schreiben können, und es macht ihnen ein Vergnügen, uns mit Schreib- und Lese-Material zu versorgen. Die Japaner zeigen nicht den Schatten von Haß gegen ihre gefangenen Gegner; besonders achten sie die gebildeteren Soldaten, die — wie sich versteht — nicht wenig unter den jüdischen Soldaten vertreten sind. Bis Pesach waren in Japan gefangene jüdische Soldaten: in Hamadera und Osaka 450 (fast alle von Port Arthur), in Chimesdi 100, in Fukuzjama 48, in Hagoje 28, in Osota 35, in Chukako 30." Der Brief schließt: „Wir bitten unsere Brüder und Schwestern, uns auf die Jomim Nauroim etliche Machsorim zu schicken. In unserem Städtchen sind 105 jüdische Soldaten, und wir haben 45 Siddurim, 10 Chumoschim, 4 Talesim, 30 Paar Tesillin." Petersburg. Die „Ssamarflaja Gaseta" veröffentlicht ein Schreiben russischer Arbeiter in Form eines Aufrufs an ihre Kameraden, in dem es heißt: „Wir waren unlängst Zeugen -der widerwärtigen Szenen, die sich auf den Straßen von Jekaterinoslaw abgespielt haben. Die Hooligans, dieser Auswurf der Gesellschaft — Leute, die nichts Heiliges haben und für einen Groschen bereit sind, jede Scheußlichkeit zu verüben, haben es versucht, eine Hetze gegen die Juden — gegen ihre Person und ihr Eigentum — zu veranstalten. — Kameraden! Es ist Zeit, dieser Schmählichkeit ein Ende zu machen. Wollen wir es denn laut bekennen, daß die Juden unsere Brüder sind, daß wir uns empören über die ungerechten und verabscheuungswürdigen an ihnen verübten Gewalttaten. „Wir haben unser Ehrgefühl, das Ehrgefühl Frankfurter Israelitisches Famllienblatt. des Arbeiters.' Wir werden uns nicht nur nicht durch Teilnahme an der 'Hetze entehren, sondern wollen durch diesen Aufruf zeigen, daß die russische Arbeiterschaft nicht auf seiten der Hooligans und anderer obskurer Mächte ist." — Petersburg. Hebet den Progrom in Kertsch (Krim) werden grauenhafte Einzelheiten berichtet. Der Pöbel vernichtete und demolierte während zweier Tage Läden und Privathäuser, bedrohte mit dem Tod diejenigen» die irgendwie sich der Gendarmerie gegenüber verdächtig machten, und prügelte bis zur Bewußtlosigkeit alle, die sich mit einem Wort um Hilfe an sie gewendet haben. Die Panik hatte alle Einwohner erfaßt, die Weiber und Kinder weinten hysterisch und fielen in Ohnmacht, man hörte herzzerreißendes Wehegeschrei der Verzweiflung; das Pfeifen und das Geheul der wildgewordenen Menge .brachten der Bevölkerung Todesangst und Schrecken bei. Tio Bestien vernichteten das gesamte Hausgerät und die Krambuden vieler Juden, verprügelten sie furchtbar, steckten Häuser in Brand und warfen das zweijährige Kind eines Krämers ins Feuer. Das ist nur ein Beispiel aus Mehreren. An der Peripherie der Stadt und in den Vororten hauste die Menge besonders grausam. Es gab auch Märtyrer, oder, wie wir sagen: heilige Opfer. Etwa sechzig junge Juden, bewaffnet mit Revolvern, gingen tapfer zur Verteidigung ihrer Brüder vor; aber früher noch, als sie etwas tun konnten, wurde auf sie, auf Befehl des Stadthauptmanns, eine Salve abgegeben, und sie wurden genötigt, auseinanderzulaufen. Auf dem Kampfplatze blieben an dieser Stelle 2 Tote und 11 schwer Verwundete. Unter den Getöteten befindet sich ein christlicher Gymnasiast namens Kiritschenko und unter den Verwundeten ein christlicher intelligenter Arbeiter Wojtzechowskij. Die Salve wurde ohne jegliches Warnungssignal abgefeuert. Der Metzelei ging eine pariotische Manifestation vorauf, die von der Polizei und den Hooligans veranstaltet war. Die Manifestation galt als Gegendemonstration gegen die Arbeiter, die am 9. August eine regierungsfeindliche Kundgebung veranstaltet hatten. Die Arbeiterkundgebung war freilich nur der Vorwand zur Metzelei, da es festgestellt ist, daß ein Gendarmerie-General a. D. Flugblätter verbreitete, die das Thema „Haut die'Juden!" variierten; er agitierte unter dem „Schwarzen Hundert" schon seit etwa sechs Monaten. Die Polizei förderte seine .patriotischen" Bemühungen und so wurde mit gemeinsamen Kräften die Metzelei inszeniert." Kertsch. In der letzten Sitzung der Duma war die Judenhetze Gegenstmrd der Beratung. Der Stadtverordnete Knsty beantragte außer der Anweisung einer Subvention an die Juden, die bei der Hetze gelitten haben, noch folgende Resolutionen: 1. Der jüdischen Gesellschaft bas Beileid wegen der ihr zugefügten Kränkung und Hetze auszudrücken. Dem Bedauern darüber Ausdruck zu geben, daß der Nationalitätenhader zwischen der jüdischen und .christlichen Bevölkerung von einigen Leuten aus Ignoranz, Eigennutz oder sinnlosem Haß künstlich hervorgerufen wird. Dieser Beschluß ist zu veröffentlichen, damit durch die autorative Erklärung der Duma die Gemüter der örtlichen Bevöllerung beruhigt und ein Gegengewicht gegen die Agitation geschaffen werde, die Zwist unter den Nationalitäten säe; 2. da die Ad m i n i str a t i o n und Polizei den wesentlichsten Interessen der Bevölkerung inbezug auf Schutz der Persönlichkeit und' des Eigentums nicht entsprechen, so sind die früheren Dumabeschlüsse abzuändern und die Verausgabung städtischer Summen für Wohnungs- und Fahrgelder des Stadthauptmanns und der Polizei einzustellen; 3. sind im Gymnasium am Ort zwei Stipendien auf den Namen Kiritschenko und Exler zu stiften: beides Mitglieder der Selbstschutzorganisation, die den Tod durch das Militär gesunden haben. Auf diese Weise würde das Andenken der selbstaufopfernden Jünglinge geehrt werden, die ihr Leben für die Ihrigen gelassen haben; 4. um auch für künftige Zeiten das gefährliche Spielen mit dem Pöbel zu verhüten, sowie eine deplazierte Exploitierung der Volksempfindungen, ist demMinisteriumdes Innern die ungerechte Handlungsweise der Administration und Polizei zur Kenntnis, sowie der Wunsch um Einsetzung einer Senatorenrevision zum Ausdruck zu bringen; 5. ist von seiten der Duma dem stellvertretenden Chef des Kertscher HafenS Kapitän Ssobezki, der ein großes Organisationstalent und Energie in seiner Kvmpetenzsphäre bei der Unterdrückung der Unordnungen entwickelt hat. Dank auszusprechen. Die Vorschläge wurden mit Stimmenmehrheit von der Duma angenommen. Tas Publikum begrüßte diesen Beschluß mit Beifallllatschen. Ittschinew» 6. Sept. Hier fand gestern ein Straßenkampf statt. Gelegentlich der Beerdigung zweier ermordeten jüdischen Mädchen wollten die Kayfleute die Geschäfte schließen. Die Polizei; widersetzte sich und Militär intervenierte. Die Sozialisten verteidigten die Juden. Fünfzig Juden und viule Sozialisten wurden getötet. Bulgarien. Sofia» 5. September. Aus Adrianopel eingetroffene Reisende behaupten, daß das hauptsächlich flu dem von Christen und Juden bewohnten Stadtteil Leite b\ ausgebrochene Feuer, das eine riesenhafte Ausdehnung annahm, von den Türken angelegt worden sei. Rumäuie«. Bukarest. Statistik. Am 1. April 1904 betrug die Zahl der handeltreibenden Personen Rumäniens 107 332, darunter 22 590 Juden. Tie meisten handeltreibenden Juden zählt das Departement Jassy mit 3324, dann folgen Botosani mit 2333 und Toroboi mit 2248. Personalien. Berlin. Der Charakter als Justizrat ist den folgenden Rechtsanwälten verliehen worden: Apolant, Bischosswerder, Hugo Neumann, Aronius, Katschte, Megafon, Plonski» Dr. Lövinson, Dr. Guttsmann, Leopold- Salomon, Dr. Lehfeld, sämtlich in Berlin^ Pulvermacher in Charlottenburg, Lewy inRybnik, Schüllerin Gleiwitz, Landsbergin Posen, Dr. M a r c u s e in Gnesen, Dr. L e w i n in Stettin und Dr. Sachs, Tr. Zirndorfer, Kunreuther in Frankfurt a. M. Berlin» den 1. Sept. Große Ehrungen wurden am heutigen Tage dem Bankhause Meyer Cohn anläßlich seines 50jährigen Bestehens 'zu teil. Das Aeltesten-Kollegium sprach seine Glückwünsche du«h eine Sldresse, die Herr Geheimrat Edmund Helnr überbrachte, aus; ebenso überreichte die Handelskammer eine Adresse. Blumenspenden in außerordentlicher Fülle und Schönheit wurden von den hiesigen Banken und Privatbank-Firmen übersandt. Zahlreiche Telegramme der ausgedehnten Klientel bekundeten das freudige Interesse an diesem Tage. Das Personal der Firma überreichte in einer geschmackvollen Mappe photographische Aufnahmen der Bureauräume, und auch die früheren Angestellten ließen den Tag nicht vorübergehen, ohne ihre Verehrung für den Begründer der Firma und deren jetzigen Chefs zum Ausdruck zu bringen, sie überreichten in Begleitung einer Adresse die in Kupier getriebene Plaquette des verstorbenen Begründers der Firma. Berlin. Der deutsche „Reichsanz." meldet, daß die landesherrliche Genehmigung zur Anlegung von russischen Orden folgenden Personen der Finanzwelt erteilt worden ist: dem Geheimen Kommerzienrat Ernst v. Mendelssohn-Barthöldy die Anlegung des weißen Adlerordens, dem Bankier Robert v. Mendelssohn des St. Stanislausorden erster Klasse, dem Bankier Franz v. Mendelssohn des <2t. Stanislausorden zweiter Klasse mit dem Stern. — Hannes, merkste was! Breslau. Den Rechtsanwälten Dr. Bielschowski. Dr. Paul Honigmann, Marcuse und Roty wurde der Charakter als Justiz rat verliehen. Wie». Der Titel eines kaiserlichen RateS wurde Herrn Siegmund Steingraber, Prokurist der Firma Schenker u. Co., verliehen. Pohrlitz (Mähren). Der hier vor einigen Tagen in seinem 83. Lebensjahre verstorbene Buchbindermeister Jakob Frankel war ein Radetzky-Beteran, denn er hat die Feldzüge in Italien in den Jahren 1848 und 1849 mitgemacht. Er war Besitzer der päpstlichen und der kaiserlichen Kriegsmedaille und der JUbiläums-Erinnerungsmedaille. Amsterdam. Am 31. August feierte unsere Königin ihren 25. Geburtstag. Anläßlich dieser Gelegenheit wurden Herr I. P a l a ch e, Oberrabbiner der portugisischen Gemeinde in Amsterdam, Herr Dr. A. Arnstein, Oberlehrer an der Technischen Hochschule in Delft und der Oberst im Generalstabe, Herr I. I. K. Enthoben zu Rittern von N iederländischen Orden ernannt. Rew-Aork. Hier wurde vor Kurzem eine Jüdin, Sophie Mayer ged. Rosenberg, zur Anwaltspraxis zugelassen. Sophie Mayer hatte in Warschau das Gymnasium mit den höchsten Ehren absolviert. Die Zarin übersandte ihr eine Silbermedaille, was damals großes Aufsehen machte. Von der Unterrichtsbehörde wurde sie als Dozentin für Sprachen, deren sie sieben beherrschte, angestellt. Sie heiratete alsdann einen Herrn Mayer, ersten Sekretär des österreichischen Konsuls, worauf das junge Paar nach den Bereinigten Staaten auswanderte. In Cleveland übernahm Mayer eine Stelle als Zeichner in einem Architektenbureau, entschloß sich aber 1885 zum juristtschen Studium und wurde 1892 Rechtsanwalt. Als er zu erblinden drohte, entschloß sich Frau Mayer, selbst Jura zu studieren, denn sie hatte für ihren Mann und für — sechs Kinder zu sorgen. Im Juni bestand sie glänzend das Staatsexamen und nun ist sie als Anwalt zugelassen worden. Aus -er Lehrerwelt. Aulwerpe». Während vor 30 Jahren die Zahl der hier ansässigen Familien eine sehr minimale war, ist dieselbe inzwischen auf ungefähr 1200 Familien angewachsen. Erfreulicher Weise befinden sich unter den aus Rußland und Ungarn Eingewanderten zahlreiche streng religiöse Leute, ja sogar solche mit reichem jüdischem Wissen, und so konnte es denn kommen, daß sich, bald das Bedürfnis nach einer Schule» die streng religiöse Juden mit einer guten Allgemein-