Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 35 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Frankfurter Israelitischer Favnlienblatt. Nr 35. Umstand, daß chaudesch und schabbos häufig (nicht ständig, wie Meinhold sagt), zusammcngenannt werden, folgert er, daß das erstcre Neumond, das letztere Vollmond bedeuten muß. Neumond und Vollmond waren aus der Nomadenzeit überkommene „Mondfeiertage", Lenen aber die Arbeitsenthaltung nicht charakteristisch war. Die Wurzel schabat, „fertig sein" (nicht „ruhen"), bedeutet den fertigen, vollen Mond. Tie Propheten verwerfen die von Israel gefeierten Feste, weil sie ihnen heidnisch, unsittlich (!) schienen, und sie nennen dabei auch Neumond und Sabbat. Durch das deuteronomische Gesetzbuch, das die Bibelkritiker in die Zeit des Königs Josia setzen, seien dann diese Feiertage, die an den Gestirn-Kultus erinnern, abgeschofft worden, und da habe sich das Bedürfnis nach Einführung anderer Ruhetage geltend gemacht. Nun hatte man, wie Ai. zu erweisen versucht, während der 50 Tage dauernden Erntezeit nach je 6 Tagen einen Ruhetag, der aber nicht den Namen Sabbat führt. Erst die Verschmelzung des das ganze Jahr durchlaufenden alten Vollmondtages, der doch nach Ausfassung des israelitischen Volkes ein Gott geweihter Feiertag war, mit diesem je siebenten Ruhetag hat dazu geführt, daß Israel jetzt einen durch das ganze Jahr laufenden, Sabbat benannten Tag erhielt, und daß dieser Tag als Tag Gottes und damit die Ruhe an ihm als Gebot Gottes galt. — Wer aber hat diese Verschmelzung zu stände gebracht? Natürlich kein anderer als der Prophet Ezechiel, den ja die modernen Kritiker überhaupt als den „Schöpfer des Judentums" ansehen. Also im Exil wurde der jüdische Sabbat geschaffen, und zwar als eine Einrichtung, die ,chas Aufgesogenwerden der jüdischen Gemeinde in der Fremde" verhindern sollte. Daraus erklärt auch Meinhold die Tatsache, daß der Sabbat in den Tekalog ausgenommen wurde, den er ebenfalls Ezechiel zuschreibt. Natürlich war es schwer, eine derartige einschneidende Maßregel durchzuführen. Tie nachexilischen Propheten, wie Haggai und Secharja, waren von der Idee auch gar nicht so sehr entzückt, und in ihren Strafreden finden wir keinen Tadel wegen der Sabbatentheiligung, „die doch gewiß nicht ausgcblieben wäre". Nehemia suchte den Widerstand mit Gewalt zu brechen, aber die volle Durchführung der Sabbatfeier geschah erst zur Zeit der — Makkabäer. Meinhold schlägt also das umgekehrte Verfahren wie Telitzsch ein. Suchte jener den Sabbat möglichst hoch hinauf in das Altertum zu verlegen, um ihn den Babyloniern zuzuschreiben und Israel abzusprechen, so lvill Meinhold seine Entstehung möglichst spät datieren, um ihn zu einer Schöpfung des verhaßten rabbinischen „Judentums" zu stempeln. Und er hält seine Hypothese für so gut belviesen, daß er sie in einem Feuilleton der „Kölnischen Zeitung" auch einem weiteren Publikum zugängliche macht. Zu bedauern ist es, daß auch ein jüdisches.Blatt die Ausführungen Meinhold's, ohne ihre Tendenz zu erkennen, kritiklos nachdruckt. Versuchen wir nun, die Momente, welche der neuen Entdeckung als Nütze dienen sollen, etwas genauer nachzuprüfen. Natürlich würde es den Rahmen dieser Arbeit weit überschreiten, wenn wir jeden einzelnen „Beweis" unter die Lupe nehmen wollten; es genügt auch die Betrachtung der wichtigsten Bcwcismomentc, um den Wert dieser neuesten Leistung der modernen Bibclwissenschaft zu würdigen. Selbstverständlich fleht Prof. Meinhold auf dem Standpunkt der extremen Bibelkritik, nach der das Teutcronomium zur Zeit des Königs Josia, der sogenannte Priesterkodex erst nach dem Exil entstanden ist. Trotzdem kann Meinhold seine These nur durch neue Konjekturen, Entstellungen und Verstümmelungen des Textes aufrecht erhalten. Es ist die bekannte Methode, nach der man eine Hypothese ausstellt und die Stellen, welche sie als unrichtig erweisen, einfach korrigiert oder für interpoliert erklärt. Tabei ist es ein Charakteristikum dieser modernen Schule, daß sie auch die schwerwiegendsten Einwände der Gegenseite unberücksichtigt läßt, und es ist wirklich schwer, dabei nicht an eine Tendenz zu glauben. Vor Jahresfrist erschien Tr. Hoffmann's ausgezeichnete Schrift „Die wichtigsten Instanzen gegen die Graf-Wellhaufen'sche Hypothese". Es ist darin in einer für den objektiven Forscher völlig überzeugenden Weise dargetan, daß das Buch Leviticus dem Propheten Ezechiel vollständig Vorgelegen haben muß. Man hat aber bis jetzt nicht gehört, daß.die Wellhauseniancr auch nur den Versuch gemacht hätten, die streng wissenschaftlichen Beweise Hosfmanns zu entkräften. Mit diesem Nachweis ist natürlich der Meinhold'schen Hypothese von vornherein der Boden entzogen. Aber selbst vom Standpunkt der Bibelkritik aus werden sich die Ausführungen Meinhold's als völlig unhaltbar erweisen. (Schluß folgt.) Die Woche. Man hat dem österreichischenGewerbegesetze noch nie den Vorwurf machen können, daß es freiheitlich sei. Seinem engherzigen Geiste verdankt Oesterreich zum guten Teile, daß Handel und Gewerbe in seinen Landen sich nicht recht haben entwickeln können. Doch in Oesterreich herrschen die Antisemiten, — und wenn diese Herren ihrem JNdenhasse Genüge tun können, dann darf dabei getrost die Wohlfahrt der Gesamtbevölkerung leiden. Im Jahre 1306 sind die Neuwahlen zum Reichsrate. Die anttsemifischen Abgeordneten fühlen sich garnicht wohl, wenn sie daran denken, denn sie haben zu viel gesündigt und zu wenig ihre Versprechen gehalten; sie ahnen im Voraus, daß ihre Argumente beim Publikum heute nicht mehr den Glauben finden, den man ihnen früher blindlings entgegengebracht hatte. So wollen sie denn wenigstens noch vor Schluß der Session eine Heldentat leisten, die auf die Bewunderung der ganzen Welt Anspruch erheben darf und selbst einem Rußland zur Ehre gereichen würde. Befähigungsnachweis im Handelsgewerbe nennt sich das Unikum, und der Gewerbeausschuß des Reichsrates hat es bereits angenommen. Geht es auch im Plenum durch — und die Wahrscheinlichkeit dafür ist vorhanden —, dann wird jeder Kaufmann stets in der Branche bleiben müssen, in der er ein Lehrzeugnis erhalten hat, und es wird ihm so unmöglich gemacht, sein Geschäft auf breiter Grundlage aufzubauen und es zu entfalten; darf er sich , doch nicht Artikel, die nicht in sein Spezialfach hineingehören, zulegen! Eine solche Unterbindung der Kräfte kann man sich wahrlich nicht einmal in China denken. Und was ist die Ursache von all' diesem Widersinn? — Der Judenhaß, der wieder ein neues Mittel ausgesonnen hat, dem jüdischen Händler das Leben zu erschweren. 1 * » * Die jüdische Presse Rußlands hat der Intervention der amerikanischen jüdischen Großfinanziers bei Witte nicht die Anerkennung gezollt, die man im Westen als selbstverständlich erwartet hatte. Man hat im Westen von jeher die Gepflogenheit besessen, die fünf Millionen russische Juden als unmündige Kinder anzusehen und hat demgemäß stets, ohne sie zu fragen, über ihr Schicksal verfügt. Diese merkwürdige Gewohnheit kommt daher, daß man naiver Weise glaubt, Menschen, die sich in Not befinden — mag es sich um einzelne oder um eine Gesamtheit handeln — seien unfähig, über ihr Geschick zu entscheiden. Und die Folgen: man ruft in den Hülfsbedürstigen nur Erbitterung hervor, ohne auf Erfolg Anspruch machen zu können, da man versäumt hat, diejenigen, um deren Wohl und Wehe es sich handelt, mit zu Rate zu ziehen. Die russischen Juden sind entwickelt genug, daß sie über ihr Los in sachgemäßer, vernünftiger Weise zu entscheiden vermögen, und es darf daher im Westen keine Aktion in ihrem Interesse unternommen werden, ohne sie zu Rate zu ziehen. Das möge den Philantropen, sowie den großen Wohltätigkeits- Institutionen endlich einmal zum Bewußtsein kommen! * * * Nach 19 Monaten des Schlachten? und Mordens auf den Gefilden der Mandschurei ist endlich der Friede hergestellt worden. Es ist nicht zu leugnen, daß dieses nicht nur für die kriegführenden Mächte, sondern auch für die Gesamtmenschheit so bedeutungsvolles Ereignis von den Juden Rußlands, die, schon in Friedenszeiten schwer ihr Dasein fristend, unter den Kriegsnöten doppelt und dreifach zu leiden hatten, mit besonderer Freude begrüßt. worden ist, denn nun ist die Hoffnung vorhanden, daß die schwere ökonomische Krisis in Bälde wieder weichen wird.:Es darf aber 'nicht vergessen werden, -daß 'mii-'beth Einzug des Friedens die eingeschüchterte und gechw ächte Bureaukratie ihr Haupt wieder erheben und ihre alten Greueltaten mit Hilfe der zurückkommenden Armeen, die — wenn auch nicht dem Feind — so doch den heldenhaften, unbewaffneten Freiheitskämpfern gewachsen sind, durchführen wird. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Der Verband der Deutschen Juden wird am 30. Oktober 1905 in Berlin seine erste öffentlich^ Hauptversammlung halten. Die Beteiligung mehrerer 100 Abgesandter aus allen Teilen Teutschlands ist gesichert. Der Verband findet fast ausnahmslos in den Gemeinden und Verbänden lebhaftes Entgegenkommen, so daß zum erschn Male eine Kundgebung sämtlicher deutscher Juden zu erwarten steht. Berlin. Eine Stiftung von 500000Mark dürfte der Stadt Berlin zufallen. Der im vorigen Jahre hier verswrbene Bankier Joses Goldschmidt hat testamentarisch bestimmt, daß, falls nach Auszahlung aller Legate für seine Erben zusammen mehr als sechs Millionen Mark übrig bleiben, der Ueberschuh über diese Summe bis zur Höhe von 500000 M dem Berliner Magistrat zur Begründung einer Josef und Therese Goldschmidt-Stistung überwiesen werden soll. Die Zinsen der Stiftung sind zur Unterstützung von Witwen und Waisen bestimmt. Hannover. Am 13. bis 15. September findet hier der deutsche Anwaltstag statt; die jüdischen Teilnehmer desselben seien darauf aufmerksam gemacht, daß ein Besuch der 80 Morgen umfassenden Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem aus den 14. September nachmittags oder den 15. September vormittags vorgesehen ist. Stuttgart. Dem 74. Berichte der israelitischen Waisenanstalt „WilhelmsPfle ge" in Eßlin g e n entnehmen wir mit Vergnügen, daß dieselbe sich auf dem Wege segensreicher Entwicklung weiter bewegt. Tas Erziehüngs- und Unterrichtswerk — die Anstalt besitzt eine eigene zweiklassige Mittelschule — ist durch verschiedene Maßnahmen und Einführungen erweitert worden. Auch für das religiöse Moment ist eine weitere Fürsorge getroffen worden, was auch fernerhin auf weitere Fortschritte in dieser Beziehung noch hoffen läßt. Mit Befriedigung wird begrüßt, daß die Leitung bei Ausnahme von Zöglingen mit größerer Liberalität vorgeht, indem sie nicht mehr die württembergische Staatsangehörigkeit der Eltern zur Bedingung macht. Die Zahl der Zöglinge hat sich darum gegen das Vorjahr gehoben; sie beträgt 23 und dürfte sich fernerhin noch steigern. Tie Vermögensverhältnisse. sind glänzende. Die Vermehrung des Grundstockes durch Stiftungen und Legate betrug im abgelaufenen Jahre 7678 M Zinsen, aus Kapitalien wurden 16 218 JL, freie Beiträge 7015 ’M eingenommen. Tie Summe der „laufenden" Einnahmen betrug mit Einschluß dieser beiden letztgenannten Posten: Ml 26589; diesen stehen gegenüber die lausenden Ausgaben im Betrage von 19 589 M, so daß noch, aus den laufenden Einnahmen 5722 Ji dem Grundstöcke überwiesen werden konnten. Auch die mit der Anstalt verbundenen Institute der Fortbildungsschule und Adolf Levi-Stiftung haben sich'günstig entwickelt. Oesterreich-Ungarn. Wie«. Erfreuliche Zahlen für den Bildungstrieb der jüdischen Bevölkerung gibt die amtliche österreichische Statistiik. Danach sind nämlich von je 1000 jüdischen und je 1000 christlichen Einwohnern Kinder auf Gymnasien, Realgymnasien ^rnd Realschulen: in Niederösterreich (mit Wien) in Böhmen in Mähren in Schlesien in Galizien in Bukowina Tie geringe Ziffer für Galizien erklärt sich aus der furchtbaren Armut der 820 000 galizischen Juden. bei den Juden 22,23 28,26 40,29 38,20 5,31 14,92 bei den Christen 4,23 3,87 5,64 4,31 2,70 2,93 Wie«. »Blochs Oesterr. Wochenschrift" wird unter dem 26. Aug. aus Tulln geschrieben: Vor dem Strafrichter des hiesigen Bezirksgerichtes hatte sich heute der Wiener Hoffifch Händler Johann Singhofer wegen Ehrenbeleidigung zu verantworten. Ter in Greifenstein mit seiner Familie zum Sommeraufenthalt befindliche Kaufmann Bernhard Kleinmann aus Wien hatte folgende Klage erhoben: Am 4. d. Mts. wartete Kleinmann auf seine Frau und seine Kinder, die aus dem öffentlichen Bade in Altenberg, wo Singhoser wohnt, kommen sollten. Ter Geklagte begann im Vorbeigehen den Wartenden zu verhöhnen und sagte: „Judenbagage, ihr kommt daher, um euch die L... . abzuwaschen, fahren Sie nach Krakau." Als Kleinmann sagte, er wolle gar nicht baden, hob Siüghofer, die Faust und schrie: „Nicht ireben,.'ich.erschlage Sie." Dann befahl er dem Kutscher, m'it Wagen und Pferd i'ns^Wasfer