Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 35 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wt**n&fnxfet Bfrnrlilifriire familiroblatt. <r~ —i > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Fränkstirt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— C-....- Redaktion nnd HefchaftSstelre: Frankfurt a. Leiligkeuzgafle 52, Ecke Llapperfeldstraße Telefon 10507. HeranSgeKev: Satg Gels. , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 3. Jahrgang. Freitag» den 8. Ein! 5665 (8. September 1905). Ro. 35 Inhalt des Hauptblattes: A r t i k e l: Lehren der Statistik. — Neue Hypothesen. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwel t. — Feuilleton: Das Judengrab in der Steppe, Roman von Samuel Gordon. — Die Rose. — Neue Bücher. — Familiennachrichten. Lehren der Statistik. Paradox ist die ,Zahl" in ihren Wirkungen. Während sie als die Prosa des Lebens den Menschen hinunter in die nackte Wirklichkeit zieht und ihm die Flügel stutzt, auf daß sein Geist sich nicht erhebe zu dem lichten Aether, macht sie doch andererseits die Selbsttäuschung zu Schanden, zerstört die Illusion und gibt so dem> Menschen Boden unter seinen Füßen und daniit seinem Geiste jene Festigkeit, die ihn klaren Blickes den Flug nach oben nehmen läßt. Paradox ist heute auch das Leben des jüdischen Volkes. Seine abnormale Lage'mußte Menschen voll von Widersprüchen erziehen; — und so finden wir, daß, obwohl der Jude in seinem bürgerlichen Berufe ein Meister der Zahl ist, klug rechnet und sorgfältig kalkuliert — die Not des Lebens hat ihn solches gelehrt —, er in seiner Eigenschaft als Jude ein Traumleben führt, das gegebene Größen, ^unumstößliche Tatsachen und Wahrheiten, einfach nicht sieht, ja nicht sehen will. Der jüdischen Publizistik fällt die Aufgabe zu, keine Gelegenheit Vorbeigehen zu lassen, ihren Lesern mit den das jüdische Scheinleben zerstörenden Zahlen aufzuwarten. Und dies vornehmlich deshalb, weil die anderen Tribünen der jüdischen öffentlichen Meinung, weil die Kanzel, die Organisations- und Vereins- Versammlungen immer wieder und wieder „eine sichtbare Erstarkung des Judentums" verkünden. Man versteht: die „berufenen" Vertreter des Judentums und der Judenheit können ihr Arbeiten doch nicht selbst für wertlos erklären! — Tatsache aber bleibt trotzdem: ein fortwährender Rückgang auf allen Gebieten des jüd. Lebens. Tie Zahlen beweisen in erschreckender Deutlichkeit den Rückgang; wären 'sie nicht die Bundesgenossen des Publizisten, ungehört würde seine Stimme, wie die eines Predigers in der Wüste, verhallen. — Vor uns liegt eineStatistikderjüdischen Bevölkerung in Bayern. Bayern genießt in jüdischer Beziehung einen guten Ruf, denn seine Juden gelten im allgemeinen noch als religiöser, wie die in den anderen Bundesstaaten des Deutschen Reiches. Die Statistik möge uns zeigen, inwieweit der gute Ruf unserer Brüder in Bayern „absolut betrachtet" gerechtfertigt ist, mögen sie ihn auch „relativ, betrachtet" verdienen. Bei einer Gesamtzahl von 55 000 jüdischen Seelen wurden in Bayern 1802 neben 447 reinjüdischen Ehen 42 Mischehen und 1903 neben 413 reinjüdischen Ehen. 30 Mischehen geschlossen. (So traurig diese Zahlen sind, sind sie.im Vergleich. zu anderen Gebieten Deutschlands noch sehr günstig; so wurden 1903 in Preußen neben 2530 reinjüdischen Ehen 493 Mischehen Mgegängen.)Während in der Periode von 1878 bis 1880 ans eine jüdische Ehe im Durchschnitt 4,75 Kinder entfielen, Habei« inzwischen die Geburten derart konstant abgcnommen, daß in der Zeitperiode von 1896 bis 1900 ans je eine jüdische Ehe nur noch 2,50 Kinder kommen. Tie Geburtsziffer bei den Juden erreicht jetzt in Bayern nicht einmal die Hälfte von der bei den Christen; 1880 ivurdcn in Bayer» noch 1680, 1890 nur noch 1197 «lnd 1900 nur noch 995 jüdische Kinder geboren. Und dabei sind die jüdischen Eheschließungen konstant gestiegen; man vergleiche folgende Zahlen: 334 im Jahre 1880, 378 im Jahre 1890 und 406 im Jahre 1900.- Bedarf es eines drastischeren Beispieles der Tegenerierung »ach innen, des Aushörens jüdischer Sitte? Kann es ein klassischeres Beispiel für die Notwendigkeit unserer Regeneration, unserer Rückkehr zum echten, unverfälschten Judentum geben? Wer wünscht, daß wir iveiter auf der abschüssigen Bahn, die zum Untergang führt, bleiben, der möge in der verächtlichen, gedankenleeren Selbsttäuschung verharre»; iver aber diese Entwicklung nicht wünscht, der rüttle sich auf aus seiner Gleichgültigkeit, und indem er die Bilanz der jüdischen Gesamtarbcit in den letzten 50 Jahren gezogen hat, wird er die Not des Judentums in ihrer erschreckenden Größe erkennen lernen. Reue Hypothesen. Bon Tr. Jsak Unna, Rabbiner in Mannheim. Nicht viel mehr als zwei Jahre sind vergangen, seitdem Friedrich Delitzsch die Welt mit seinen epochemachenden „Entdeckungen" überraschte und aufregte. Mit einer Reklame, wie sie sonst in wissenschaftlichen Kreisen nicht üblich ist, verkündete er die Resultate seiner babylonischen Forschungen, die darin gipfelten, ' daß der Monotheismus, die Sabbatidee, die Schöpfungsgeschichte und vieles andere dein Judentum aus Babylonien zugefkossen, daß ihm also auf dem Gebiete der religiösen Ideen jede Originalität abzusprechen sei. Die literarischen Antisemiten aller Länder waren glücklich , über diese Entdeckungen, und es nützte nichts, daß schon damals besonnene Forscher, auch christlicher Konfession, ihre Stimme gegen die neue Offenbarung erhoben. Nachdrücklich und überzeugend wies namentlich auch Prof. Barth in seinem Vortrag „Babel und israelitisches Religionswesen^ die Telitzsch'schen Hypothesen zurück; er entkräftete besonders die angeblichen Beweise für die babylonische Herkunft des israelitischen Sabbat. Man hatte in assyrischen Syllabaren, d. h. Listen von Worterklärungen, gefunden, daß ein Wort, das schabattu, aber auch schapattu gelesen werden kann, als üm n!red>Iidbi erklärt war. Diese Erklärung deutete man anfangs dahin, L>aß „Sabbat" als „Tag der Ruhe des Herzens" bezeichnet, daß somit der Sabbat bei den Assyrern als Ruhetag begangen worden sei. Diese Deutung stellte sich aber bald als unrichtig heraus, man erkannte, daß jenes Wort vielmehr „Tag der Besänftigung der Götter", „Buß- und Bettag" bedeute. Man hatte ferner in den Keilschriften einen Festkalender gefurtden, »borin der 7.,'14., 21. und 28., aber auch der 19. des Monats Ellnl als unglückliche Tage, als Buß- und Bettage für den König und Arzt bezeichnet waren. Aus der regelinäßigen Folge des 7., 14., 21. und 28. schloß man auf eine regelinäßige Sabbatseier. Barth wies auf das völlig Haltlose dieser Folgerung hin. Der 19. unterbricht ja die Reihe; es handelt sich ferner hier >«m unglückliche Tage, die zudem nur für den König »nd Arzt gelten, während von einer Feier des Volkes mit keinem Worte die Rede ist. Und endlich sind die babylonischen Tage an Monatsdaten geknüpft, also voin Monat abhängig, während die biblische Woche mit ihrem Sabbat unabhängig vom Monat das ganze Jahr weitcrläuft. — Trotzdem sie hierauf gar nichts zu erwidern wußten, hielten die um Delitzsch unentwegt an ihren „wissenschaftlichen" Resultaten fest. Nunmehr hat eine neu entdeckte assyrische Inschrift all diesen Hypothesen ein Ende gemacht. In den Proceedings der Society of Biblical Archaeologie vom 10. Februar 1904 hat der englische Assyriologe Pinches aus ein babylonisches Tageverzeichnis aufmerksain gemacht, in den« der 15. Tag schapatti genannt Ivird. Dieser 15. Tag ist aber nach babylonischer Rechnung der B o l l m o n d s t a g. In dein babylonischen Epos von der Weltschöpsnng nun werden bei der Entstehung des Mondes der 7. Tag, dann der schapattu, vielleicht auch der 21. und 28. Tag als für de» Mondlanf wichtig hervorgehoben. Man hatte in Anlehnung an den oben erwähnten Festkalender ohne weiteres angenommen, daß der schapattu der 14. sei und daß dieser Name auch den andern Tagen beigelegt wurde und hatte daraus einen neuen Beweis für den babylonischen Sabbat hergeleitet. Nach der Pinches'schen Entdeckung aber wird bet schapattu an den Bollmondstag zu denken sein, und wenn man dabei auch in der Reihe an dem 14. Tage festhalten will, was keineswegs gewiß, aber doch möglich ist, da der Vollmond dann vom Abend des 14. gerechnet würde, so liegt doch gar kein Grund mehr zu der Annahme vor, daß der Name schapattu auch auf die andern Tage übertragen w««rd«. Wir haben demnach 2 den« Mond heilige Tage in Babylonien, den Neumondstag und de» Bollmondstag, die aber nirgends als asketische Buß- und Bettage und als Ruhetage irgendwie bezeichnet werden. Man hätte wohl annehmen dürfen, daß nach diesem Fiasko der Telitzsch'schen Entdeckungen die Sucht nach Hypothesen auf diesein Gebiete bei den Gelehrten für einige Zeit wenigstens etwas eingedämmt worden wäre. Wer weit gesehlt. Im 5. Heft der von Boussrt und Gunkel herausgegebenen „Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments" veröffentlicht Prof. Mein hold-Bonn eine Untersuchung über „Sabbat und Woche im Men Testament," worin er im direkten Anschluß an die Pinchessche Entdeckung und den Zusammenbruch der Delitzschschen Theorie vom babylonischen Sabbat den Nachweis zu führen versucht, daß das alte Israel bis zu» Verbannung den Sabbat in der uns bekannten Art und damit die , Teilung des Jahres in lauter siebentägige Wochen gar nicht gehabt hat, und daß in der vorexilischen hebräischen Literatur Sabbat ' überall den Bollmondstag bedeute. Aus drin