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Neue jüdische Presse · 1905-09-01 · Heft 34 (1.9.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 34 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Keile 4 Tie anderen sind unter dauernde Ilebcrwachung gestellt. Raumverhältnisse, Bette» und Wäsche sind untersucht worden. In jedem Zimmer sind Tafeln angebracht, aus denen genau verzeichnet steht, wieviel Personen in dem Raume wohnen dürfen, welcher Preis zu zahlen ist und vieles andere für die Emigranten Wissenswerte. In allen Ankündigungen wird darauf hingewicscn, daß jeder jüdische Emigrant sich in Beschwerde- und Zweiselssällen an das Bureau wenden möge. » > Tie Arbeit des Bureaus ist so groß geworden, daß ein ständiger, bezahlter Sekretär angestellt worden ist. Tiefer beantwortet die eingelaufenen Korrespondenzen und gibt auch allen Auswanderern mündliche Auskunft. Außerdem stehen jeden Nachmittag zwischen Vr2—Vs3 zwei Herren des Vorstandes den Emigranten zu jeder gewünschten Auskunft zur Verfügung.Geldunterstützung gewährt das Bureau unter keinen Umständen. Auf dem Bahnhof ist zu jedem Zuge ein Beamter des Bureaus anwesend, der als Erkennungszeichen eine Mütze mit dem Namen der Jca trägt. Tiefer nimmt die Auswanderer, in Empfang, sorgt für ihr Gepäck und bringt sie nach den empfehlenswerten Herbergen. Jeder erhält eine Karte mit dem Namen der Herberge, nach der er gewiesen wird. Ter Kontrolle "halber, um zu sehen, ob er in dieser Herberge auch gewohnt hat und nicht etwa von einem Agenten schließlich doch noch verschleppt worden ist, wird die Karte am nächsten Tage abgeholl. Nikolajew. Der Vertreter der Jca, Herr Tr. Feinberg aus Petersburg, hält sich gegenwärtig hier auf, um mit 200 jüdischen Familien, die sich nach Argentinien als Ackerbauer begeben, Verträge abzuschließen. Tie Jca verspricht 100 Familien je 150 Hektar Land, während" die anderen 100 Familien den Boden bezahlen; für die Ueberfahrt müssen sämtliche Familien auskommen. Homel. Der Jude Dwoskin wurde auf einer Reise von Ragadschon am 17. Juli überfallen, mißhandelt und seiner Barschaft von 35 Rubeln beraubt. Er machte Anzeige an den Polizeimeistcr — berühmt durch seinen Erlaß, daß er jeden Juden, der bei seiner Ausfahrt in 50 Schritt Entfernung angetroffcn wird, von den ihn begleitenden Kosaken niederschicßcn lassen würde — und dieser erklärte sich zum Erstaunen des Juden bereft, ihm das Geld zurückzuerstatten, wenn er die Anzeige unterlasse und sich verpflichte, jedem zu jagen, daß er das Geld verloren und wieder gefunden habe. Dwoskin ging auf das Ansinnen nicht ein. — Ohne den Vorfall zu untersuchen, steht das Eine fest, daß er ein sehr eigentümliches Licht auf den Herrn Polizeimeister wirft. Warschau. In Schawli lGouvernement Kowno) haben Exzesse stattgefunden. Näheres noch unbekannt. Rumänien. Bukarest. Am 19. August wurde die meist von Juden bewohnte Stadt M o n i e st i von einer furchtbaren Feuersbrun st heimgesucht. Eine Anzahl Personen kamen in den Flammen um. Die Not ist sehr groß. Amerika. Skew -Pork. Das Baron Hirsch-Institut in Montreal (Kanada) hat von der Jca eine einmalige Subvention von 60000 Jk erhalten zum Bau eines Asyls für cingewänderte obdachlose Juden. Die Zahl der Immigranten istnäinlich jetzt so groß, daß die jüdische Gemeinde die durch die Einwanderung entstehenden Ausgaben nicht mehr allein zu bestreiten vermag. Personalien. Berlin. Am Samstag starb der Antiquar Albert Cohn, einer der besten Bücherkcnner, im Mer von 77 Fahren. Wie der Berliner Börsencourier mittellt, hatte Cohn -bei A. Asher u. Co., Unter den Linden, die Buchhandlung erlernt; später trat er als Teilhaber in die Firma ein. Er galt als eine Autorität ersten Ranges unter den Bibliophilen. Er war viele Jahrzehnte hindurch der alleinige deutsche Vertreter der Bibliothek des Brftish Museum und trug privatim eine der interessantesten und bedeutendsten Sammlungen der mannigfachsten Rarftäten aus der Zeit der deutschen Klassiker zusammen; vieles davon gehört jetzt zum Bestand des Goethe-Schiller-Archivs in Weimar. Auch schriftstellerisch betätigte sich der Verstorbene auf seinem Spezialgebiete, und sein in englischer Sprache abgefaßtes Werk „Shakespeare in Germany" hat sich bis auf den heutigen Tag großer Anerkennung unter allen Shakespeare-Forschern zu erfreuen gehabt. Zn den letzten Jahren seines Lebens, nachdem er sich von allen buchhändlerischen und antiquarischen Geschäften zurückgezogen hatte, beschäftigte sich Albert Cohn inft einer im größten Stil entworfenen Shakespeare-Bibliographie, die er zum größten Tell bereits druckfertig vorbereitet hatte. Berlin. Eine unserer vornehmsten Privatfirmen, das Bankhaus Meyer-Cohn,, wird am 1. September die Feier des 50jährigen Bestehens begehen. Die Firma wurde 1855 von dem im Jahre 1891 verstorbenen Geheimen Kommerzienrat Meyer Cohn begründet. Von kleinen Anfängen aus- Frantsurter Israelitisches FamllimblaÜ. gehend, hat die Firma im Laufe der Jahre immer mehr an Bedeutung gewonnen und sich einen vorzüglichen Ruf nicht nur im Julande, sondern auch außerhalb Deutschlands erworben. Jü erster Reihe hat sich die. Firma der Pflege des regulären Bankgeschäfts zugewendet. Von erheblichem Umsange ist ihre Tätigkeft im Börsenkommissionsgeschäft für Rechnung einer weit ausgebreiteten Klientel, die sich namentlich aus begüterten aristokratischen Kreisen rekrutiert. Die jetzigen Inhaber des Bankhauses sind die Herren Emil Heymann, ein Schwager des Begründers der Firma, und Herr Justizrat Dr. Heinrich Meyer-Cohn. Berlin. Einer der Mitbegründer des Vereins zur Mwehr des Antisemitismus, Professor Franz Rculeaux, der berühmte Technologe, ist am 19. dss. Mts. verschieden. Wien. Eine angesehene Familie unserer Gemeinde ist von einem herben Schicksalsschlage heimgesucht worden. Vor einigen Tagen starb hier der Großkaufmann Herr Albert Paul. Derselbe war ein Neffe des berühmten Talmudisten Und hervorragenden Rabbiners Rabbi Juda Ossat. Der Verblichene führte einen streng religiösen Lebenswandel und erfreute sich wegen seiner vornehmen Lebensführung großer Achtung in der Kaufmannswelt. Reicheuverg (Oesterreich). Se. Majestät der Kaiser hat den Präsidenten der Reichenberger Handelskammer,. Herr» Alois Neumann, als Mitglied für Lebensdauer in das Herrenhaus berufen. — Neumann, welcher als gründlicher Kenner der industriellen Verhältnisse gilt, hat bei der Vorbereitung des Zolltarifes und der Handelsverträge mitgewirkt und sich um die Errichtung eines Gewerbeförderungs-Jnstituts, sowie um eine würdige Beteiligung der österreichischen Industrie an der Weltausstellung in Paris im Jahre 1900 besondere Verdienste erworben. Petersburg. Der talentierte jüdische Maler Elijahu G r ü n m a n n, ein noch junger Schüler des Professors Repin, weilt gegenwärtig in der Sommerfrische Krirkola (Finnland) bei Maxim Gorki, dessen Porträt er malen wird. Aus der Lehrerwelt. Nürnberg, im August 1905. Israel. Lehrer- Bild u n g s - A n st a l t in Würzburg. Mit dem Beginn des neuen Semesters erwartet man für die Israelitische Lehrerbildungs-Anstalt den Einzug von neuen Lehrern. Tie Herren Dr. Tachauer, Semina» lehrcr Weißbart sowie Herr Rabbiner Tr. L. M. Bamberger haben ihre Lehrtätigkeit am Seminar aufgegeben. Tie ersteren gehen nach mehr als 30jähriger Berufsarbeit mit Würdigung ihrer Arbeit mit vollein Gehalt in Pension. Herr Rabbiner Tr. M. L. Bamberger wird mutierender Rabbiner in Schönlanke. Bei der Berufung der neuen Männer hat das Kuratoriuui, in welches endlich zwar noch keine Lehrer, aber doch neue Männer ausgenommen wurden^ nach! hartem Kampfe den modernen Standpunkt vertreten, daß für eine Lehrerbildungs-Anstalt nur tüchtige und geeignete Kräfte mit entsprechender Bezahlung aus dem Stande der israelitischen Volksschnllehrer zu nehmen sind. Während die seitherigen Grund-Gehälter nicht einmal 2000 Jk betrugen, sollen die neu anzustellcuden Männer init Gehältern von 3000 Jk, bezw. 3500 Jk mit steigender Skala angestcllt werden. Auch die Pensionsgewährung, die seither dem Ermessen und dem Wohlwollen der leitenden Persönlichkeiten übertragen war, soll vertragsmäßig festgelegt werden. Herr Stoll, seither Volksschnllehrer in Nürnberg und Herr Anfänger, sefther Volksschnllehrer in Meminelsdorf, beide Schüler der Jsr. Lehrerbildungs-Anstalt, sind in Aussicht genommen: ihre Zusage soll bereits erfolgt sein. Für die Anstellung eines Lehrers für die Religionswissenschaften sind die Verhandlungen noch im Gange. Tas neue Kuratorium scheint die Ansicht zu vertreten, daß die erhöhten Ausgaben der Anstalt reichlich gedeckt werden durch die größere Bereitwilligkeit der beteiligten Kreise, wenn die Anstaltsleitung für einen zeitgemäßen, ordnungsvollen und ersprießlichen Unterricht sorgt. Man erwartet allgemein von der Personaländerung eine segensreiche Systemändcrung. Ploni.- Essen. Der Jahresbericht de§ Der eins isra el Lehrer der Rheinprovinz und Westfalens zeigt ein Bild des stetigen Fortschritts und der gesunden Entwicklung. Die Mitgliederzahl des Vereins ist wieder gesttegen, und zwar zählt derselbe zurzeit außer 9 Ehren- 181 ordentliche Mitglieder. Von diesen gehören 102 zugleich der Unterstützungskasse an. Freiwillig ausgeschieden aus Verein und Unterstützungskasse ist im Februar d. I. ein Mitglied. Unausgesetzt auf die Umwandlung der israelitischen Privatschulen in öffentliche Schulen bedacht, begrüßt der Vorstand es mit Freude, daß nunmehr auch die bisherige Privatschule in Eschweiler auf den Kommunaletat übernoinmen worden ist. Die Lehrer an den Privat- und Religionsschulen müssen aber, um zum Ziele zu kommen, selbst Hand anlegen. Gerade jetzt ist die günstigste Zeit, langgehegte Wünsche befriedigt zu sehen. Die in Krefeld beratenen Statuten der Pensionskasse sind in erster Instanz, welche noch kleinere, nicht prinzipielle Abänderungen nach dem ministeriellen Musterstatut verlangte, genehmigt. 3h. 34. Auch die zweite Instanz hat sie bis auf einen einzigen Satz in einenl der 44 Paragraphen enthaltenen Satzungen genehmigt. Die Einnahmen der Kasse waren wieder ansehnlich, wenn sie iauch nicht die vorjährigq Höhe erreichten. Sie betrugen 13 477,98 Jk Nach Abzug der Berwaltungskosten und der Rückzahlung der Beträge eines früheren Mitgliedes an seine Witwe verbleiben ca. 8000 Jk zu Unterstützungen. (Im Vorjahre waren wegen der übergroßen Zunahme der.Unterstützungsberechtigtei! sogar ca. 9500 Jk an Untcrstiitzungsgcldern gezahlt worden.) Trotz alledeni ist das Kapitalvermögen ain 1. Januar d. I. auf 132438,55 Jk gewachsen. Da die Zinsen hiervon zu 31/» v. H. noch bei weitem nicht ausreichen, die große Zahl der Unterstützungsanteile angemessen zu dotieren, so ist cs unabweisbare Pflicht, auch fernerhin mit allen Kräften dahin zu streben, daß die Einnahmen und die davon abhängige Quotenhöhe nicht verringert werden. Schönlauke. Herr Dr. M. L. Bamberg er» Würzburg ist zum Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde gewählt worden. G Feuilleton. G Nachdruck verboten. Das Inden grab in der Steppe. Roman von Samuel Gordon. Frei übersetzt . von M. P u l v e r m a n n. I. Ein trüber, düsterer Novemberhimmel. Es lvaren keine Wolken, sondern eine farblose, dunkele Ausdehnung; dicht, undurchdringlich zusammengeballt. Stunde um Stunde hatte der scharfe Nordwind, unwillig über das leb- und bewegungslose Einerlei, seine stürmischen Boten gegen die trübe Masse da oben ausgesandt, ohne sie erschüttern zu können, bis er sich vor Zorn fast heiser geschrieen und nur noch ein leises Pfeifen hören ließ. Und die schwarze Hülle lag auch weiter in bleierner Schwere und Gleichgültigkeit da, nur hin und wieder ließ sie einige Tränen niedertröpfeln, als weine sie, daß ihr eine fühlende Seele versagt geblieben. T-ie Steppe unter ihr war weit besser daran; wenigstens war ihr eine Stiinme verliehen Ivorden, die (man hören konnte in dem Wimmern her verdorrten Grashalme, in dem Winseln der niedrigen, zusammeugeschrunipften Sträucher. Hier und da hatte sie sich auch in Ritze und Spalten geteilt, als habe sie ihre Lippen geöffnet, doch geschah cs nicht, um zu sprechen. Nur ein wenig Atem wollte sie holen, denn die Poren und Oeffnungen, die in der günstigen Jahreszeit diesem Zwecke dienten, tvaren jetzt, durch die grimmige Kälte, wie mit einen! Schraubenstock zusammengezogen und verschlossen. Doch wenigstens eine Gemeinsamkeit schien zwischen dem trüben Himmel und der trostlosen Erde vorhanden zu sein — wie ja immer bas Traurige und Häßliche sich augenscheinlicher berührt und zusammeufiudet, als das Frohe und Freudige —: beide wußten sie, daß sie aus ein und derselben Schöpferhaud hervorgegangen sind, und sie ließen deshalb ihre Kräfte zusaminen anfs nene spielen, in dem Bewußtsein, in ihrem Unbehagen nicht allein dazustehcn. Und als sollte die elementare Eintönigkeit noch weiter belebt werden, kam jetzt ein Zug menschlicher Traurigkeit cinhergczogen; eine Schaustellung von Elend, Lumpen und Unglück, die weiter und weiter sich hinschleppte; wehfüßig, stumpfgeistig —; eine Karawane schattenhafter Gestalten; ein trauriger Ueberrest ehemaliger menschlicher Wesen, die jetzt heimatlos in der Welt herumirrten, um ihre srühere» Hüllen von Fleisch und Blut wieder aufzusuchen. Doch nein; es waren keine Schatten, keine Gespenster. Sie sprachen und fühlten, sie jammerten und seufzten, und dieses waren — die schwarze Masse da oben und die trostlose Erde da unten wußten es ganz genau — nur Eigentümlichkeiten des menschlichen Lebens. Ja, sie fühlten'ihr Leben, scharf und bitter, diese Männer und Frauen, diese Greise und Kinder; viele von ihnen waren sogar fest überzeugt, daß sie die Todesschmerzen nicht einmal so scharf und bitter fühlen werden, doch, sie hatten ja keine Wahl; was sie wollten, oder was sie bevorzugten — ihnen blieb ja nur Eines zu tun übrig — zu gehen und zu wandern — zu wandern und zu gehen —einem nngckannten, unbestimmten Ziele entgegen, solange, bis es dem Herrn gefallen wird, sie es erreiche» zu lassen. Tie Wanderer bestanden aus etwa sünfziq jüdischen Familien, die durch einen Regicrungsbefehl plötzlich aus ihrer Heiinat entwurzelt worden waren und nunmehr die Reise nach dem weit, weit, entfernten Ansiedelungs-Rayon niachten. Tie Entfernung hatten sie wie einen persönlichen, unerbittlichen Gegner zu bekämpfen. Jeder Kilometer, den sie zurücklegtcii, bedeutete einen Sieg, jede Meile einen Triumph. Mer diese Siege haben auch Ihre Spuren und Merkmale, äußerlich "und innerlich, den Siegern ausgeprägt: man sah sie deutlich in den bleichen Gesichtern, in den gekrümmten Rücken, in den entuervteil

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