Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 34 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 8. „Na," erwidert sein Nachbar, „das werden wir schon wieder erlernen. Wenn wir es auch vergessen haben, doch werden wir uns dessen auf einmal erinnern. Ae Hauptsache ist, daß nicht mehr dieselbe Leichtigkeit da ist, der Körper ist schon abgenutzt. Wenn man jetzt mit einem jiingern anfängt, gewinnt er immer die Oberhand, der ältere bleibt zurück. Wir haben nicht mal halb so viel Kraft wie früher." „Vielleicht wird man uns dann schneller totschlagen," schaltet düster und ruhig der Bauer ein, der schon früher vom türkischen Kriege gesprochen hatte. „Aber warum habt ihr Zabrowka demoliert?" fragt unerwartet der junge Bauer. Ter Bursche mit dem Brot in der Hand tritt an die Gruppe heran. „Tarum," sagt er streng. „Der Stationschcs hat uns. im Zuge keine Plätze gegeben. „Ich habe," sagt er, „keine Anordnung erhalten, zahlt für die Plätze, wenn nicht, so geht zu Fuß." „Was, zu Fuß? . . . Sofort, eins, zwei, drei . . . Hier sind Plätze, hier ist Geld! .... Sind wir etwa schlechter als Passagiere?" Die Fenster haben wir ausgeschlagen, die Möbel zerbrochen, sogar die Klinken von den Türen heruntergedreht .... „Steh gerade, sieh geradeaus, halt dein Gewehr wie's sich gehört," fängt er plötzlich zu singen an. „Herr Kaufmann, geben Sie mir ein wenig Kleingeld für ein Schnäpschen!" An uns tritt ein bekannter Feldscher, ein Jude, heran, der auch in die Landwehr eingeschrieben, aber noch nicht in den Dienst berufen war. „Jetzt," sagt er, „liegt eine zweifache Aufgabe vor mir. Ich habe einen Junge», der schon zu lernen ansangen muß. Wenn ich also nach dem fernen Osten gehe, so kann ich auch den Jungen ins Gymnasium abgeben. Bleib' ich zu Hause, so bleibt er auch zurück. Ich habe dem Minister geschrieben und ihm gesagt, daß ich mich im Stadtdienst im Krankenhaus befinde, daß ich früher im Kriegsdienst war und jetzt nach dem fernen Osten gehen könne. Ter Minister gab Befehl, daß, wenn ich in den Krieg ziehe, der Junge ausgenommen werden soll." „Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen," fuhr er fort. „Heute morgen wurde ich zu einem Bekannten, auch einem Reservisten, einem Angestellten der Duma, gerufen. Seine Frau sollte entbunden werden, es ist schon das vierte Kind. „Machen Sie es so," sagte er mir, „daß es gegen 8 Uhr zur Welt kommt. Ich muß mich um 8 stellen!" .... Mer wie kann ich's denn machen? Ter Vater mußte gehen, aber das Kind wurde erst am Nachmittag geboren, ein Junge ist's. Jetzt sind es ihrer vier, doch weiß ich nicht, was daraus werden soll. Mit vier Kindern tvird man doch nicht einberufen." Angeheiterte gab es immer mehr und mehr. Ich konnte mir nicht erklären, woher das kam. Man hätte glauben können, daß der heiße Tee diese Wirkung ausübte.. „Warte einmal," wandte sich ei» großgcwachsener Bauer in einer Pelzweste an mich, „sage nur, mein Lieber, weshalb kämpfen wir eigentlich?" „Wir zähmen die Japaner," antwortet der Bursche mit dem Laib Brot schleunigst, „wir werden ihnen schon zeigen, was das heißt, jemand in der Nacht zu überfallen." „Halt," erwidert der Bauer in der Pelzweste nachdenklich, „ich werde Dir etwas vorlesen!" Er zieht eine Zeitungsnnmmcr aus der Tasche hervor, zerknittert und halbzerrissen, die er wahrscheinlich aus dritter oder vierter Hand erhalten hat. Das >var die Zeitung „Swet", welche bei den Dorfbewohnern halb offizieU verbreitet ist. „Warte nur, ich werbe lesen. Wir verstehen auch zu lesen," bemerkt er beiläufig. „Man sollte uns diejenigen hergebcn," liest er langsam im weißrussischen Accent, „welche uns in den Krieg gehetzt haben, welche gesagt haben, daß alles bereit ist, obgleich nichts fertig war. Man müßte sie auf die Position schicken. Lassen s i e sehen, lassen sie es versuchen." Das war ein Wriß aus der Korrespondenz von Nemirowitsch-Tantschenko, welcher zufällig aus dem „Rußkoje-Slowo" abgedruckt worben war. (Fortsetzung folgt.) Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Das einzige akademische Organ, welches die reaktionären Ströinungen im akademischen Leben und insbesondere auch den Antisemitismus auf den Universitäten entschieden bekämpfte, die „Allgemeine deutsche Universitäts-Zeitung" mit der medizinischen Beilage „Aeskulap" hat nach zwanzigjährigem Bestehen ihr Erscheinen eingestellt. — Auch ein Zeichen der Zeit! Breslau. Nach dem „Jüd. Bolksbl." erregt in Breslau eine jüngst erfolgte Taufe deshalb besonderes Interesse, weil sie sich in einem Kreise vollzogen hat, in dem man bisher von dergleichen Erscheinungen noch nichts gehört hat. Eine jüdische Lehrerin, Frl. Raschkow, welche mit einigen Stunden aushilfsweise an einer hiesigen städtischen höheren Mädchenschule beschäftigt wurde, bewarb sich um eine vom Magistrat ausgeschriebene Stelle einer Oberlehrerin. Da Frl. R. das Oberlehrcrinnen-Examen gemacht hat, glaubte sie die Stelle erhalten zu dürfen, zumal der Kreis der Bewerberinnen ein sehr beschränkter ist und die Stelle mehrfach zur Ausschreibung gelangen mußte. Frl. R. erhielt die Stelle nicht. Da ließ sie sich taufen. Mer die Taufe war gratis, sie erhielt die Stelle auch nicht nachträglich. Eine andere jüdische Lehrerin Frl. H., welche sich dem Direktor der Augustaschulc, Herrn Dr. Schmidt, ihrem früheren Lehrer, nach ihrem Examen zur Bewerbung vorstellte, erhielt von diesem Pädagogen zur Antwort: „Solange wir christliche Schulen haben, können wir nur christliche Lehrerinnen beschäftigen." Königsberg. Der Rektor der Universität Königsberg yat an die deutsche „Petersb. Ztg." eine Zuschrift gerichtet, worin auf die Bedingungen hingewiesen wird, die russische Studierende beim Studium an der Königsberger Universität zu erfüllen haben. Für die Immatrikulation von russischen Staatsangehörigen an der Universität Königsberg ist, so wird ausgeführt, abgesehen von dem Nachweis einer Schulbildung, welche derjenigen für den deutschen einjährigen Freiwilligendienst im wesentlichen gleichwertig ist, eine Aufenthaltsgenehmigung seitens des Oberpräsidentcn erforderlich, welche durch die Polizeibehörde einzuholen ist. Die Erteilung dieser Erlaubnis ist außer an den Besitz eines einwandfreien Passes an den eines Lcumundzcugnisses geknüpft, ans dem hervorgeht, daß der Betreffende weder gerichtlich noch im Tisziplinarwege bestraft worden ist. Die Ausstellung derartiger Zeugnisse kann durch die Gouverneure, die Stadthauptleute und die ihnen unterstellten Polizeibehörden erfolgen. Tiefe Bedingungen gelten ganz allgemein für die preußischen Hochschulen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Am 1. November tritt das neue Gesetz, nach welchem in den Städten die Sonntagsarbeit im Handelsgewerbe nur im Höchstmaße von 4 Stunden gestattet ist, in Kraft. Budapest. Die Ruinierung jüdischer Geschäftsleute wird durch eine neue Entscheidung des Handelsministeriums, nach der gegen die Konsumvereine, wenn sie an Nichtmitglieder verkaufen, nicht vorgegangen werden kann, gefördert. Unzählige jüdische Kleinkaufleute sind bereits durch die von Steuern Befreiten Konsumvereine an den Bettelstab gebracht worden, und durch die Begünstigungen und das Wohlwollen der Regierung diesen Vereinen gegenüber, wird die Proletarisierung der jüdischen Kleinkausleute mit der Zeit vollständig dnrchgeführt werden. Lemberg. Nette Zustände! In einem Eisenbahnkupee auf dem Wege nach Tolina saßen vor einigen Tagen der Kaufmann Josua Hessel mit seiner verheirateten Tochter und einem jungen Mädchen aus Ungarn. Auf der Station Rymanow packte nun der Schaffner in denselben Waggon eine Bande Bauern hinein, die — kaum daß sie der Juden ansichtig geworden waren — dieselben verspotteten und tätlich angriffen. Tie Bedrängten wußten sich nicht anders zu helfen, als nach Hilfe zu schreien, doch die Bauern übertönten mit Gesang ihr Geschrei. So ging es bis Sanok. Tort wurde ein junger Mann gewahr, was in dem Waggon vorgeht, und forderte den Kondukteur auf, er solle die Tür öffnen und die unglücklichen Leute befreien. Doch der Kondukteur gab ihm die klassische Antwort: „S chadetnichts,eswird sein ein Jude weniger!" Nun riß der junge Mann, da auch das Bahnhofspersonal nicht einschreiten wollte, die drei aus dem Fenster hinaus, während das Gepäck drinnen blieb. — Bis jetzt hat die skandalöse Angelegenheit noch nicht ihre Sühne gefunden. Tgbltt. Schweiz. Zürich. Die „Freitagszeitung" bringt folgende treffliche Korrespondenz: Es interessiert Sie vielleicht zu vernehmen, was man sich in Rußland über die Friedensverhandlungen erzählt: Tie Japaner sollen erklärt haben,- sie werden zum Friedensschluß bereit sein, sobald die Russen ihnen einen Beamten, der noch nie unterschlagen hat, einen Popen, der noch nie betrunken war, und einen I u d e n, der noch nie geschlagen wurde, senden. Einen Beamten, der noch nie unterschlagen hatte, fand man nicht, dagegen endlich nach langem Suchen einen Popen und einen Juden, die die verlangten Eigenschaften besaßen. Nun sandte man eben die beiden ab, aber unterwegs betrank sich der Pope und prügelte den Juden tot. Tolothur«. Per Zirkular veröffentlicht die Kanzlei der Einwohnergemeinde Solothurn unter dem 12. August folgendes: ,^Ter diesjährige Herbstmarkt ist durch Beschluß des Einwohner-Gemeinderates der Stadt Solothurn wegen Zusammentreffen mit einem jüdischen Feiertag vom 9. Oktober um eine Woche später, d. h. aus Montag, den 16. Oktober 1905 verlegt ivordeir, was hiermit dem Publikum bekannt gemacht wird." Großbritannien. London. Das neue EinwanderungS« g e f e tz ivird ani 1. Januar 1906 in Kraft treten. Die Einwanderung wird dann also nicht mehr ungehemmt sein, wie bisher, sondern gewissen Beschränkungen unterliegen. Die Einzelheiten über die Handhabung des Gesetzes sind noch nicht bekannt gegeben. Schon jetzt aber sei darauf hingewiesen, daß vom 1. Januar 1906 an alle Personen, die nach England einwandern, untersucht und daraufhin geprüft werden, ob sie geistig und körperlich gesund — also erwerbsfähig — sind und ob sie die Mittel haben, die einigermaßen ein Fortkommen verbürgen, sodaß nicht zu befürchten ist, daß sie der öffentlichen Arinenpflege zur Last fallen. ' Keinen Beschränkungen unterliegen solche Personen, welche Nachweisen können, daß sie wegen religiöser oder politischer Verfolgung auswandern mußten, und ferner alle diejenigen, die einen englischen Hafen nur als Zwischenstation benutzen, von wo aus sie weiter über See fahren wollen. Rußland. Wilna. Der „Hasman" bringt den Wortlaut eines von ch r i st l i ch e n Bürgern S h i t o m i r s an den Gouverneur von Wolhynien gerichtete» offenen Briefes. Der Brief beginnt mit einer Aufzählung der Gesetze zum Schutze der Bürger und kommt dann zu de» Ereignissen, die sich in der Nacht vom 19. auf den 20. Juli im jüdischen Viertel Shitomirs abgespielt haben: Ohne daß irgend welche Ruhestörungen vorgekomnien wären, überhaupt ohne jeglichen Grund, begann das Militär plötzlich eine Kanonade auf die Wohnhäuser der s ch l a f e n d e n, ahnungslosen Juden. Tie Schüsse wurden gegen die Fenster gerichtet, und nur dank dem Ilmstande, daß die Leute schliefen, waren geringe Todesfälle zu verzeichnen. Allein in der Tschunower-Straße wurde» außer zahlr. Gewehrsalven 1i Kanonenschüsse abgefeuert. Manche Häuser erhielten 30 Schüsse, ein Hans — das Hotel „Deutsches Haus" — sogar 75. Tie unglücklichen Leute, in deren Häuser man schoß, erzählen von den furchtbaren Schrecken, die sie in dieser Nacht durchlebt haben, wie sie die Kinder unter die Betten und in die Keller versteckten. Das Blut stockt in den Adern beinr Vergegenwärtigen der Bilder dieser grauenhaften Nacht, lind wie groß wäre die Zerstörung erst gewesen, wenn es Tag — und nicht Nacht — gewesen wäre! Und zu welchem Zwecke eigentlich ist das Alles geschehen? Muß man den Vorgang nicht als einen rein antisemitischen Akt bezeichnen, da ja die Kanonade nnr im jüdischen Viertel vorgenommen wurde? Ter Akt ist eine solch' unglaubliche tzlesehesmiß» achtnng, daß nur die schwersten Strafe» Sühne für dieses öffentliche Verbrechen bieten können. — Wir protestiere» im Namen der Stadt Shitomir und verlangen schleunige Bestrafung der verantwortlichen Behörden und des Militärs. Tie vereidigten Rechtsanwälte Saleski, Tesljukoiv, Sachiski, Rikolajew, Karzinski, Spirnsni, Kurbalow, Tr. Taran, Tr. Walkonowski, für die Redaktion des „Wolvn" Karawizki, Anna Strändin, Schümski. Als Augenzeuge schließt sich an: Generalleutnant Wladimir Kononowitsch, früher Gouverneur von Sachalin. Liüau. Das hiesige, der „Jca" unterstellte Kom itee znr Uebe rwachnng der Au3wander u n g aus Rußland ist eifrig an der Arbeit, seine Organisation zil erweitern und auszubanen. In seiner Fürsorge für die jüdischen Auswanderer wird es durch die in Libau bestehenden Expcditionsfirmen und Schiffahrtsgesellschaften unterstützt. Tie Gesellschaften übernehmen in der Regel die Beherbergung aller Emigranten von dem Tage an, an dem sie 'in Libau eintresfen. Tie Herbergswirte haben ihnen die Rechnungen vor Abfahrt des Dampfers zur Begleich, ung vorzulegen. Um nilir eine Kontrolle über die Herbergen zu gewinnen, hat das Libauer Komitee mit den Schiffahrtsgesellschaften die Wrede getroffen, daß . keine Rechnung für jüdische Emigranten beglichen werden darf, die nicht vorher dem Komitee zur Einsicht vorgelegt war. Dadurch hat das Komitee sich die Möglichkeit verschafft, die Herbergen genau zu überwachen. Alle Herbergen sind untersucht und je nach ihrer Beschaffenheit in verschiedentlich äbgestufte Kategorien eingeteilt worden, «olche, die das Komitee in sanitärer und sonstiger Hinsicht nicht sür geeignet hält, werden von jeder Berücksichtigung ausgeschlossen.