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Neue jüdische Presse · 1905-09-01 · Heft 34 (1.9.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 34 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Gliedern. Und noch gräßlicher hätten sie die innere Arbeit vollbracht. Sie hatten den Siegern ein schlagendes Herz gelassen — das war aber auch alles. — Jeder fühlte nur sein eigenes Weh, nicht aber das seines Nachbars. Und so mühten sich die elenden Gruppen weiter und weiter; jeder Hirt nur um seine eigene Herde bedacht, und den Wehruf des Nebenmenschen, mit dem grimmigen'Hinweis auf seine cigeiie Not; mürrisch und verdrossen von^sich weisend. Gregor Mallcikoff stand an einem der vielen Fenster seines schloßartigen Hauses, den traurigen Zug beobachtend, der jetzt die einsame Landstraße dahinzog. Zu Gregors linker Seite hatte sich ein mächtiger Wolfshund breit gemacht, die Vorderpfoten auf das Fensterbrett gestreckt, die fremdartige Erscheinung draußen wütend und zähnefletschend anzuknurren. Gregor hielt ihn am Halsgurt fest, so daß die Bestie die Zunge der ganzen Länge nach heraushängen ließ. Neben Gregor, dem Gutsherrn, stand auch Marfa, seine verwitwete Mutter, mit einem schadenfrohen Lächeln ebenfalls die Jammergestalten betrachtend. „Wie wäre'es, Gregor," sprach sie mit teuflischer Bosheit, „wenn Tu Kallasch in die Bande da draußen hineinheben möchtest? Welch lustiges Springen und Trampeln würde da entstehen. — Bitte, bitte, Gregor, mache mir doch den Spaß. Es ist ja so langweilig auf unserem abgelegenen Gntshofe, nnd ich, habe schon seit langer Zeit nicht mehr so richtig gelacht —" Ihr Sohn zuckte unwillig mit den Schultern und ernst erwiderte er: „Mutter, Trine Augen täuschen Dich; die dort mühseligsich fortschleppen, sind keine Wölfe." „Nein, keine Wölfe," rief sie, ihm einen zornigen Blick zuwerfend, „keine Wölfe, aber noch viel schlimmer. Es sind verdammte Juden, die den Heiland gekreuzigt haben. Nun können sic ja am eigenen Leibe fühlen, was der Gottessohn auf seiner Wanderung nach dem Berge Kalvary empfunden. Oh, heilige Akutter," fuhr sic mit fanatischem Entzücken fort, „blicke nieder auf diese Elenden, und Tu bist gerächt an Teinen Peinigern!" „Wenn Tri von ihr verlangst nieder zu blicken, dann heißt es so viel, Tu verlangst von ihr, Tränen zu vergießen," sprach ihr «ohn leise, mit zusammengepreßten Lippen. »Ja, sie soll Tränen vergießen: aber Freudentränen über die Qualen dieser Gottesleugner. Ja, ja, ich weiß cs besser — die heilige Mutter, sie hat ihr Herz mit sich genonimcn, damit sie beständig an die Tornenkrone ihres Sohnes erinnert wird. — --Ach — das verdammte Judengesindel! Tarnen sollten in ihre Augen kommen: Tarnen in ihre Füße, damit sie bald blind und lahm werden. — — — Siehe nur, Gregor, wie jener Manu den kleinen Jungen prügelt, weit er nicht weiter will: — schlage zu, Judas, fester — schlage sie tot, Teine eigene Brut, ehe sie Zeit hat, ein weiteres Ottergeziicht groß zu ziehen." „Mutter, Tu sprichst wie ein Kind," rief Gregor ungeduldig. Sie merkte seinen Unwillen und legte schnell ihren Arm um seinen Nacken. „Kleiner Gregor, bist Tu etwa mit Deiner Mutter böse? — — — Tue cs nicht, mein Sohn! — Wenn Tu mich so zornig ansiehst, daun wird cs finster vor ineinen Augen, Tu weißt ja, wie ich Dich lieb habe, mein Einziger, mein einziges Glück, ineine einzige Freude auf Erden!" „Ja, ja; das weiß ich. Aber darum brauchst Tu doch nicht Teinen ganzen Haß über diese Unglücklichen auszuschütten," sprach er, durch ihre leidenschaftliche Zärtlichkeit ein wenig besänftigt. ‘ „Ich will es nicht mehr tun, wenn Tu es nicht gern hast. Sie sind ja jetzt auch wieder fort. Mer, nicht wahr, Du siehst es jetzt selbst ein, daß der Gottesfluch auf ihnen lastet; denn schon ihre bloße Gegenwart hätte beinahe eine» Zwist zwischen Mutter und Sohn herbeigeführt." „Mutter, wir wollen jetzt aufhören, von ihnen zu sprechen, und sie lieber ganz vergessen," war seine ernste Antwort; „wir können wirklich an viel angenehmere Tinge denke», als an Stachtschatten, die am hellichten Tage herumwandeln." Als er dieses sprach, beugte er sich weit vor, als wollte er dort unten noch, etwas Besonderes betrachten. Oder wollte er nur durch die Bewegung ihrer Umarmung entgehen? Sie nahm das erstcre an. „Was siehst Tu denn dort, Gregor?" fragte sie, ihren braunen, dürren Hals ebenfalls weit vorstreckend. „Zwei Frauen, die jüngere trägt die ältere auf dem Rücken. Es sind zwei Nachzügler jener Auswanderer." Tas böse Lächeln wurde wieder auf Marfa's Gesicht sichtbar. „Ach ja; ich sehe sie anch. Ich glaube nicht, daß sie die Andern noch einholen können," frohlockte sie. „Uff! Ich möchte keinen solchen lebendigen Leichnam über die wüste Steppe mit mir hernmschlcppen; noch dazu in diesem Wetter." Gregor gab keine Antwort, sondern beobachtete scharf den Vorgang draußen, der sich jetzt gerade vor seinem Hause abspielte. Tie alte Frau war vom Rücken der jüngeren herabgeglittc» und versuchte, von dem Arm ihrer Tochter fest umschlungen, selbst weiter zu gehen; doch nach wenigen wankenden Schritten schon fiel sie der Länge nach mit einem dumpfe» Allsschlag zu Boden, die Tochter stieß einen lauten Schmerzcnsruf aus und bcmühte sich vergeblich, die Mutter wieder aufzurichten. Endlich war es ihr gelungen, sie in eine sitzende Lage zu bringen, und nun versuchte sie, sich wieder mit der teuren Last, zu beladen. Doch das war vergeblich; die schwachen Glieder waren nicht mehr imstande, fest zuzugreifen, und (als sie sich, »ach vielen Versuchen, von der Fruchtlosigkeit ihrer Bemühungen überzeugt, da warf sie sich neben der Mutier hin, in lautes, krampfhaftes ,Weinen ansbrechend. Gregor hatte diesen Vorgang unausgesetzt vom Fenster aus beobachtet; — er stürzte jetzt mit einem unterdrückten Fluch zur Türe hin, den großen Hund gewaltsam nach sich ziehend. Marfa schien seine Absicht zu erraten. „Gregor! Um aller Heiligen willen," rief sie aufgeregt, „hilf ihnen nicht; es ist alles nur Verstellung, um uns anzubettcln, um unser Mitleid zu erregen!" Das Zuschlägen der Türe war seine einzige Antwort. Schnell legte er den Hund, der sich jetzt wie rasend gebärdete, an die Kette, und mit Sturmesschritten war er schnell bei den beiden Frauen angetangt, wo er sich schon nach dem ersten Blick überzeugte, daß dieses durchaus keine Komödie war — oder wenigstens eine sehr traurige, wo der Tot gleichsam schon hinter den Kulissen stand, ungeduldig sein Stichwort erwartend. Mit einem leisen Hoffnungsschimmer in den Augen blickte die jüngere der Frauen dem Ankommende» entgegen; vielleicht, daß sich dennoch ein Funke der Barmherzigkeit auch in diese wüste Einöde verirrt. — „Sie sehen, was wir sind," sprach sie, ihm einen Schritt entgegengehend und in der Landessprache ihn anredcnd; „dieses hier ist meine Mutter und wir beide sind Jüdinnen. Aber vergessen Sie nicht, ohne Judentunl hätten Sie kein Christentum, dafür sind Sie uns ein wenig Tank schuldig. Gebe» Sie uns darum Unterkunft für diese eine Nacht, nur — in Ihrem Viehstalle — wir sind nicht verwöhnt — und darum nicht wählerisch. Wenn Sie es aber nicht tun wollen, dann töten Sic uns jetzt gleich, und — wir werden Ihnen mit dem letzten Atemzuge »och dankbar sein." (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. L. M. Tie Gattin , des Ministers von Witte ist Jüdin. Ter russische Gesandte von Rosen ist der Sohn eines getauften Juden. Conditorei Nossbaum Friedberger Landstr. 45. Telefon 1018». Specialität: Vorzügliches Kleingebäck für Wein und Kaffee. Familieunachrichlen. (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos.) Geburten. Ein Sohn, Herrn I. Sulzbach (Baer), Frankfurt a. M. Ein Sohn, Herrn Simon Kahn (llllmann), Frankfurt a. M., Hermannstr. 11. _ Ein Sohn, .Herrn Hugo ringer (Kahn), Frankfurt a. M., Bergweg 13. Eine Tochter, Herrn Julius Seligsberg (Erlanger), Leerbachstr. 71. Eine Tochter, Herrn Siegmund Weinberg (Marx), Köln. verlobte. Berra Blum, Mannheim, mit Emil Thurnaucr, Nürnberg. Mina Rosenfeld, Creglinge», mit Simon Kirchheimer, Mannheim. Helene Strauß, Dieburg, mit Robert Felix Ochs, Frankfurt a. M. Jenny Turlacher, Hamburg, mit Siginund Jlbenheimer, Paris. SterbefSlle. Martin Joseph, 2r. Rechtsanwalt, 3!) Jahre, Frankfurt a. M. Franziska Hecht, geb. Lorch, Bingen. Gertrud Hecht, geb. Flörsheim, Wwe., 79 I., Frankfurt a. M., Elkenbachstr. 2V. Statt jeder besonderen Meldung. Rosa Cahn Joseph Auerbach Verlobte. Mainz 11 ambarg Kirchplatz. Hansastr. 63 pt. Barmizwohs. (Ohne redaktionelle Verantwortlichkeit. Wir bitten um gefl. Mitteilung der Barmizwohs; die Aufnahme geschieht kostenlos.) Menny, Sohn des Herrn Gustav Rapp, Seilerstraße 19, in der Synagoge Schühenstraße. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 2. September, Wochenabschnitt Scbauftim. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a. M.: 7 Uhr 55 Min., Straßburg 7 Uhr 50 Min., Berlin 7 Uhr 40 Min. Kaiser Friedrich f|uelie - Offenbach a. M. - Vornehmstes Tafelwasser. Offenbacbtr Druckluft - Anlage Telefon 123. Offenbach a. Hl. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste TepptChrelnl gUNg. 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