Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-09-01 · Heft 34 (1.9.1905) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 34 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692443--01840-2696399
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Serte 2. die Aussichten unserer russischen Brüder kennen, blicken wir trüb in ihre Zukunft, und, um jeder Katastrophe vorzubeugen, besürworten und treten wir für die Schaffung von Emigrationszcntren für die Juden ein, damit eine Masscnemigration aus Rußland -stattfinden könne. Nicht nur aus Sorge für die Juden, sondern auch aus Sorge für Las Judentum, für die Reinhaltung des jüdischen Geistes treten wir für die Schaffung jüdischer Sicdclungcn ein. Le Mailre. Die Woche. Frankfurt a. M., d. 31. Ilug. Tie „Frankfurter Zeitung", die es sonst stets versteht, antisemitische Anschuldigungen in die richtige Beleuchtung zu stellen und in ihrer Blöße zu zeigen, gibt in ihrer Dienstag-Ausgabe Ausführungen des „Rußki Invalid", des amtlichen Organs des russischen Kriegsministeriums, kritiklos wieder. Hiernach hätten September 190t im Odessaer Militärbezirk von 12 314 an Juden gerichteten Einberufungskarten nur 7650 persönlich, zugcstellt werden können, da ein großer Teil der Stellungspslichtigen auf die Nachricht von der bevorstehenden Mobilisierung sich in andere Kreise begeben hätte. „Tas Fehlen einer so großen Menge stcllungspflichtiger Reservisten nötigte," so heißt es weiter, „zur Aushebung zahlreicher Familienväter und Personen ans älteren Jahrgängen, die unter anderen Umständen nicht herangezogen worden wären, und zwar bestand die Mehrzahl derselben aus Christen. Daß hierüber Unzufriedenheit entstand, die namentlich in Ismail und Mexandrowsk deutlichen Ausdruck fand, kann nicht wundernehmen. Bei den Mobilisationen im Oktober und Dezember wiederholte sich diese Erscheinung. Bon den jüdischen Reservisten des Odessaer Militärbezirks erhielten die Einberusungskarten im September 62,1 Prozent, im Oktober 22,8 Prozent (ausgehoben wurde nur der Chotinschc Kreis), im Dezember 64,9; im WUnaschen Militärbezirk im Oktober 56,9 Prozent, Dezember 57,7 Prozent; im Warschauer Militärbezirk 82,4 Prozent, resp. 82,1 Prozent; im Kiewschen Militärbezirk 66,5 resp. 54,4 Prozent. Nach Gouvernements schwankt die Prozcntzisser im September zwischen 61,6 Prozent und 75 Prozent; im Oktober zwischen 17,1 Prozent (Gouv. Ssuwalki) und 86,1 Prozent; im Dezember zwischen 28,5 Prozent (Kvwno) und 89,3 Prozent. Diejenigen jüdischen Reservisten, welche Ein- Lerufungskarten erhalten hatten, stellten sich größtcnteils; der Ausfall betrug meist nicht über 7 Prozent. Dagegen erwies es sich» daß von den Erschienenen sehr viele dienstuntauglich waren, woraus darauf geschlossen werden konnte, daß die Pünktlichkeit weniger dem Pflichtgefühl, als der Hoffnung auf Befreiung vom Dienst entsprang. Unterstützt wurde diese Schlußfolgerung durch die Tatsache, daß ein großer Teil der sich krank meldenden Juden Bruchschäden oder durchbohrte Trommelfelle aufzuweisen hatte, Mängel, die bei den übrigen Reservisten nur ln -Ausnahmcfällen beobachtet wurden. Bei der September-Mobilisation meldeten sich von den jüdischen Empfängern der Einberufungskarten krank: im Odessaer Militärbezirk 72,8 Prozent; bei der Oktober-Mobilisation: im Wilnaschcn Militärbezirk 53 Prozent, im Warschauer 53,2 Prozent, im Kiewschen 73,6 Prozent; im Odessaschcn Militärbezirk 39,4 Prozent; bei der Dezember-Mobilisation: im WUnaschen Adilitärbczirk 64,9 Prozent, im Warschauer 80 Prozent, im Kiewschen 65,4 Prozent, im Odessaschcn 69 Prozent, durchschnittlich also 68,6 Prozent. Im ganzen konnten im Rayon der jüdischen Ansäs,'igkeU von 54 269 der Einberufung Unterliegenden 21371 (39,3 Prozent) als tauglich eingesteUt werden, während der Slormalsatz 70 Prozent beträgt." Tie angeführten Prozentsätze, von deren nur annähernden Genauigkeit wir bei dem vollständigen Mangel an einem nur einigermaßen exakt arbeitenden Beamtcn-Material noch lange nicht überzeugt sind, betrachten wir nur als auf Täuschung berechnet, .denn sie berücksichtigen gerade in Bezug aus die jüdische Bevölkerung sehr schwerwiegende Tatsachen nicht. Seit 1890 sind über eine Million Juden aus Rußland ausgcwandert. Wir stellen die Behauptung auf, daß der größte Teil dieser Auswanderer ruhig weiter in den Matrikel-Listen geführt und demgemäß zur Aushebung gerufen wird. — . Frankfurier Israelitisches Familienblatt. Uebrigens sind wir in der angenehmen Lage, den „Rußki Invalid" nachseinen eigenen, früher gemachten Angaben zu dementieren. Wie wir aus ihm s. Zt. entnommen haben, waren 5 Monate nach Ausbruch des Krieges bereits 18000 Juden auf dem Kriegsschauplätze und vor der Schlacht bei Mulden sogar 42 000 (d.'h. statt 5 zu 100, wie es nach dem Anteil der Juden an dem Prozentsätze der Bevölkerung sein müßte, 11 tz u 100). Wozu also diese ungeheueren, amtlichen Lügen? — Doch nur, um gewesene und kommende Judenmassakres zu entschuldigen! * * Wir haben des öfteren Gelegenheit genommen, darauf hinzuweisen, wie traurig cs gcgemvärtig mit dem orthodoxen Jndentnin in Ungarn bestellt ist. Wir gehen nicht zu weit, wenn wir — vorausgesetzt, daß dem bisherigen Gang der Entwicklung Selbsterkenntnis und gründliche Negenciicrung nicht endlich einen Dam>n setzen — die Prognose aufstelleii: die Zustände in Ungarn entwickeln sich analog unser» deutschen; — die Orthodoxie verflacht >rach innen und nimmt demgemäß an Ansehen und Zahl ab nach außen. Tie Gründe hierfür sind verschiedene. Einen derselben — die Absorbierung aller positiven Arbeit durch den Defensivkampf gegendieNeologie — finden wir endlich einnral von einem ungarländischen, orthodoxen Rabbiner anerkannt. Herr Rabbiner Kraus-Lakcnbach läßt sich nämlich in der „Allg. Jüd. Ztg." vom 24. d. M. wie folgt vernehmen: „Es ist auffallend, warum die ungarische jüdische -Orthodoxie so wenig Resultate aufzuweiscn hat. Erklärt wird das dadurch, daß sie sich feit" ihrem Bestände immer auf die Defensive, auf die Abwehr beschränkte. So kam cs, daß sic nichts erwirkt, nichts geschaffen hat! Nebstdcm hat sie schon viel von ihrer Autonomie eingebüßt, wie z. B. das Schiedsgericht. Sie hat von ihren: Prestige, von ihrem Ansehen, viel verloren. Solle» nun die Fundamente der Orthodoxie nicht ganz erschüttert, ihr Bau, an dem -so viel Gcdaulim und Zaddikim mit ihrem Herzensblut gearbeitet haben, nicht zu Trümmern werden, so müssen alle hierzu berufenen Faktoren mit größtem Fleiße, Energie und aufrichtigem Mute sich an die Arbeit machen." Tout comme chez vous! — Aus der 'Abwehr beim Angriff ist ein System als Selbstzweck geworden, ja, die Wwchr, die zur Zeit, als die Reform siegestrunken die Waffen schwang, durchaus am Platze war, ist inzwischen zur Ton-Quichoterie geworden, denn die Reform ist tot, und die Parole, die zur Verteidigung ruft, lautet heute nicht mehr „neologes gegen traditionelles Judentum", sondern „christliche und atheistische gegen jüdische Welt- und Lebensauffassung". Wie mächtige Sturzwellen haben die Anschauungen unserer nichtjüdischen Umgebung sich an uns gestoßen, sie haben sich hinciugcivühlt in unser Innerstes und haben es angefüllt mit Geist von ihrem Geiste, — und so verkümmerte der jüdische Geist. Was wir tun können? — Es gibt nur Eines: durch lebens- und zukunftsfroh c, positive, innere Arbeit aus dem zerstückelten und zerrissenen jüdischen B o l k e e i n c e i n h e i t l i ch e M a s s e s ch m i e d c n, die in sich gefestet dasteht in dem zukülistige »Welten kanipfe. — Mögeei ncgroßc Zeit ein großes Geschlecht finden!" (Nachdruck verboten.) Homeler Silhouetten. Skizzenvon Tan, aus dem Russischen übersetzt von T. Bach, (Fortsetzung). Hunderte von Bauern saßen bereits auf den Bänken und tranken Tee. Unter ihnen befanden sich auch ungefähr zehn städtische Juden, von den ärmsten, welche kein Obdach hätten, denn alle anderen verbrachten diesen Abend in ihrer Familie. Einer von ihnen, hochgewachsen, mit rundem, hellem» affenähnlichem Backenbart, kam Arm in Arni mkt ekneni kräftigen Bauernburschen, der ohne Mütze war und ein Laib Brot in der Hand hielt, aus uns zu. Ter Jude trug zerlumptes Schuhwcrk und einen zerfetzten Bauernkittel. Sein Freund dagegen war Nr 34. reinlich und sogar, seinen: Geschmackc nach, stutzerhaft gekleidet. Trotzdem die Monopolbude heute nur von zwölf bis zwei Uhr geöffnet war, waren sie beide' angeheitert. Ter Jude niachtc sogar ungeschickte Bewegungen mit Händen und Füßen, als ob er sich znm Tanzen anschicken wollte. „Mir ist jetzt alles gleich, mein -Haus und alles," sagte er laut, „ich bin heute satt und werde auf Stroh schlafen." '' Er war ein Prosessioneller Bettler und hatte sich vielleicht seit den letzten drei Jahren heut zum ersten Mal sattgcgessen. „Ich bewirte euch," rief der junge Bauer. „Meine Herren Kanfleute, das ist eure Bewirtung. Ich verstehe das und will auch selbst bewirten. Wir gehen in den Krieg," setzte er plötzlich ruhiger werdend hinzu — „dieser Japanesen wegen. Ich werbe ihm, Hnndesohn, schon zeigen" .... Und wieder aufbrausend ballte er in der Lust die Faust. Ein anderer Jude saß mit stierem Blick, unbeweglich wie eine Mumie, auf der Bank. „Bist Tu erstarrt, Schiel?" fragte der Bettler, ihn auf die Schulter klopfend. Schiel stand plötzlich auf, als ob er von einer Tarantel gestochen worden wäre. „Mein Gott," sprach er, „acht Kinder habe ich in Bieliza zurückgelasscn!" „Unter wessen Schutz?" „Unter Gottes Sch.ntz! Acht!" schrie er, „acht!" — „Vielleicht werden Sie noch fortkommen," sagte mein Begleiter. „Man sagt, daß man Tiejenigen, die mehr als vier Kinder haben, nicht nehmen wird." „Nein, Herr Doktor, nein!" erwiderte Schiel schnell ünd voll Verzweislung. „Die Juden werden separat genommen, mit acht, mit zehn Kindern, ganz gleich," „Und ich habe drei", sagte eiii hübscher, blondlockiger Bauer im Schafspelz. „Was, glaubst Du, daß es mir leichter ist als Tir?" „Aber ich habe acht," wiederholte der Jüde hartnäckig. „Ich ging weg," stihr der Bauer ruhig' fort, „mein Weib habe ich zu Hause gelassen und ging doch. Was soll man machen! Darf man sich denn weigern?" In seinen Augen standen Tränen, er wischte sic gutmütig mit dem Aermel ab. „Mir selbst geht es schon nicht so schlimm," sprach er langsam. „Am Tage hat man uns Mittag zu essen gegeben; Fleisch" ... Er sprach dieses Wort langsam, mit einem besonderen Ausdruck, der sich schwer wiedergeben läßt. „Jetzt habe ich wieder Brot, Hering, Zucker, aber meine Familie? Ach, wenn ich es dürfte, hätte ich alles zusammengenommen und meinem Weibe geschickt. Unser Dorf ist arm, jeder hat nur die Hälfte von einem Landanteil. Wir haben von der Gemeinde jeder einen Rubel bekommen. . . . Ich habe ihn meiner Frau abgegeben, daß sie wenigstens ein Pfund Petroleum kaufen kann. Mehr gibt man uns nicht. Andere sagten noch dazu: „Sind wir denn schuldig, daß Tu gehen mußt? Meinst Du, baß Du uns sehr leid tust? Krepiere dort! Wenn an uns die Reihe kommt, werden auch wir krepieren." „Das ist schon ein ganz neues Gesetz!" sagte gereizt der gegenübersitzende Bauer. „Wir sind drei Brüder und alle drei wurden genommen. Einer ist bei Kuropatkin Trompeter im Hanptstabe; der ältere wurde im Jahre 92, ich selbst im Jahre 96 einberufen. Und Vergünstigungen haben wir, sagt man, keine, trotzdem alle drei genommen wurden. Und jeder von uns hat kleine Kinder, im Ganzen beinahe ein Dutzend und außerdem einen Alten auf dem Ofen, der auch essen will und nicht arbeiten kann. Der Me, wissen Sie, wenn der einen Tag überlebt hat, muh man auch zufrieden sein." Um uns herum versammelt sich eine kleine Gruppe. „Schwere Zeiten!" sagt einer in hoffnungslosem Ton. „Als der türkische Krieg ausgebrochen war, wurden aus jedem Torf einer, höchstens zwei genommen, und aus unserem Dorfe allein sind jetzt siebenundvierzig Mann einberufeii worden, und man sagt, daß auch die Landwehr etngefordert werden wird." „Ich habe schon alles vergessen," gesteht ein anderer, ein blutjunger Bursche, der offenbar erst vor kurzem seine Militärpflicht beendet hat, „jetzt wird die Quälerei von neuem losgehem"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.