Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 34 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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(i—- 1 - i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr.- In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— <' > KedaKtioil imd Hefchafrsstslre: Zrsnlcrurt s. DL, Leillgkreuzgaffe 52, Ecke Rlapperfeldstraße ‘getefon 10507. -»-ZZ-4- Herausgeber: Kalg Geis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile . .. 100 Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. . — - 3. Jahrgang. Freitag, den 1. LInI 5665 (1. September 1965). Rn. 34. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Die Slaven. — Die Woche. — Homeler Silhouetten. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Das Judengrab in der Steppe, Roman von Samüel Gordon. — Briefkasten. — Familiennachrichten. Die Siaven. - Wenn ivir heute die Lage des jüd. Volkes überblicke», so müssen wir unwillkürlich an den klugen Italiener Vigo denken, der den Gang des menschlichen Werdens als ein:nZick-zack-Marschbezcichnete. Was sich vor mehr als vierhundert Jahren in-Spanien zugetragen hatte, geht heute in Rußland vor. Das Autodafö hat eine andere, modernere Gestalt angenommen, aber das Autodafe ist nicht gänzlich verschwunden. Pobcdonoszew ist vielleicht schlauer, aber nicht besser als Torquemado. Ob der Jude im Jnquisitionskerker gemartert und gefoltert wird, ob er in Kischinew, Homel und Shitoniir durch, den Mob massakriert wird; die Leiden sind dieselben, es komint aufs Gleiche heraus. , Wir sind an die Röchelmusik gewöhnt, und das qualvolle Martyrium ist unser unzertrennlicher Schatten. Wir bedauern und beklagen unsere gequälten Brüder, aber ihr Schicksal ist uns keine lleberraschüng, denn ivie heißt das Volk, unter welcher Himmelsgegend lebt cs, das uns schon nicht einmal bei dieser oder jener Gelegenheit Kainsgelüste entgegengebracht hätte? Tie Autodafes und die russischen Judenmassakres sind uns keine lleberraschüng mehr, aber — die Folgen dieser verschiedenen Martyrien sind nicht dieselben. Ter spanische Jude ist, nachdem er die wahnsinnige Folter Torquemadas mit Heroismus iiberstanden, der ganze Mensch und der ganze Jude geblieben. Tie spanischen Juden, deren Vorfahren unter Ferdinand und Jsabella das Land, in dem sie ein Jahrtausend gelebt haben, verlassen müßten, gleich Parias aus dem Lande vertrieben, sind noch heute die Edeln der jüdischen Nation. Sie marschieren sichern Schrittes einher — sie sind sich ihrer Heldenwürde bewußt. — Obwohl er noch heute spanisch spricht, ist er der reinste, selbstbewußteste Jude geblieben. Und, wenn es unassimitierte Juden gibt, so sind es heute die Nachkommen jener jüdischen Helden ln Spanien und Portugal. Tie Folgen der Kischinews lassen sich schon heute absehen. — Ter russische Jude entbehrt schon heute zuweilen jenes harmonischen Seelenlebens, er ist heute schon oft innerlich zerrissen, vom Geiste der siavischen Anarchie durchtränkt. Er ist nicht weniger Idealist, für sein Judentum nicht weniger aufopferungsvoll, wie sein Leidensgenosse in Spanien im 15. Jahrhundert, aber er besitzt nicht mehr jene seelische Ganzheit, zuweilen auch nicht jenes ritterliche Bewußtsein, die den spanischen Juden zierten. Daß die Folgen dieser Martyrien unserer Brüder in den siavischen Ländern weit schwerer sind, als die Begleiterscheinungen der Autodafös, läßt sich am besten durch die Juden in Polen exemplifizieren. Ter polnische Jude ist noch heute an Leib, aber noch mehr an Seele gebrochen. Er verkörpert die Decadence und den Niedergang. Und vielleicht hat der polnische Jude weniger gelitten als der Jude in Spanien, aber der polnische Schlachziz, die Verkörperung der Gewissenslosigkeit und Jmnioralität hat nicht nur den Körper, sondern den Geist im Juden gebrochen. Er hat ihn so lange in der Sklavenjacke gehalten, bis etwas vom Sklaven an ihm hängen blieb. Tic Spanier haben uns gemartert und gebrannt, haben uns aber als Menschen, als Juden sterben lassen, die Slaven rauben und morden uns, und wollen uns noch obendrein den göttlichen Funken menschlichen Bewußtseins in uns nehmen. Und dieser Firmenwcchsel in den Begleiterscheinungen des jüdischen Martyriums ist ein Produkt der verschiedenen Methoden im Kampfe der Völker gegen das Judentum. Tie romanischen Völker, insbesondere die Spanier und Portugiesen, haben uns gewaltsamerweise assimilieren wollen, wie einst Rußland unter Nikolaus I., und als sie uns trotz aller Anwendung von Gewalt nicht besiegen konnten, haben sie uns aus ihrem Lande gejagt; die Slaven wollen im Kampfe gegen uns den Sieg davon tragen, indem sie uns durch Erniedrigung und Verachtung gefügig zu machen glauben. Und diese K a m p f e s w e i s e gegen unsi st der AusdruckderVeranlagung der siavischen Völker. Ter Spanier, so grausam und bestialisch er auch war und noch heute ist, eine gewisse Ritterlichkeit ist ihm nicht abzusprechen. Er besitzt doch, wenn auch vielleicht nur zum Schein, etwas von der Herrennatur. Ter Slave dagegen ist neben seiner seelischen Anarchie und krankhaften Extremität mehr Sklavenals Hercennatur. Er ist selber an die Unterjochung gewöhnt, er ließ sich von Tartaren und Mongolen beherrschen, er läßt sich seit Jahrhunderten von der Tespotie, von der russischen Tespotie, knechten, er leidet selbst mit stoischem Gleichmut, mit nichtssagendem, ausdruckslosen Jndifferentismus, er erschlägt einen oder zwanzig Juden mit demselben Jndifferentismus. Er ist unmoralisch. Als Rassenmensch ist der Slave ein Parias, ein Gemisch von Mongolen und Slaventum. Und vielleicht ist es die Vorahnung seiner Rassen-Verpöbelung, daß sein Neid gegen die Rassenaristokratie, gegen die Juden, Kischinew-Formen annimmt? Als Kulturmensch steht der Slave auf einem niedrigen Niveau, infolge seines eigenen Verschuldens, seiner Gleichgültigkeit gegen alles, was nicht Wodka ist, entbehrt er jeder politischen Erziehung. Daß er unter diesen Umständen den Juden nicht kulturell assimilieren kann, ist eine Wahrheit, die schon die Spatzen aus dem Dache Pfeifen, denn das kulturell Schwächere kann nicht das kulturell Stärkere absorbieren und verzehren. Aber da er in der Mehrheit gegen die Juden ist, so ist es nur eine sozialökonomische Konsequenz, daß er eine in seiner Mitte lebende Minorität aufzehren möchte. Doch wie gesagt, dazu fehlt ihm die Kraft und die Fähigkeit und, was er nicht durch Ueberlegenheit an Geist vollbringen kann, sucht er durch die Knute, durch die — Entfachung seiner bestialischen Instinkte durchznsetzen. Da heute eine Wiederholung der Ereignisse des Jahres 1132 ausgeschlossen ist, so müssen die Juden in Rußland in den Schlachtlinien bleiben und weiter kämpfen. Daß sich der Kampf grausam genug gestaltet, daß in diesem Kampfe das Mordinstrument, die Lüge, Verleumdung, List und Tücke die Hauptrolle spielen, sehe» wir heute. Mer die Folgen des Kampfes? Das Slaventum kann uns infolge seines kultnrellen Unvermögens nicht besiegen, und wir — wir könne», da wir eine schwache Minorität sind, kaum auf einen Sieg oder auch auf eine Einstellung des Kampfes rechnen. Die Russen sind Slaven — wenn sie uns im offeneir Kampf nicht beikommen können, so werden sie uns durch allerlei Erniedrigung und Verachtung, durch Verzerrung und Seelenzerrüttung unseren Geist brechen und uns auf diesem Wege gefügig zu machen suchen. —'Die Polen, ihre edelen Väter haben es gleichfalls getan — und eben darin steckt die Gefahr. Heute verkischenewen sie die Juden, morgen werden sie es mit dem Judentum tun oder tun cs schon bereits heute. Aber schon im besten Falle — wen» sie uns nicht assimilieren können, so werden sie uns mit ihrem krankhaften Geiste durchtränken, denn kein Mensch kann sich einer Beeinflussung durch sein Milieu entziehen. — Und das Ende des Spiels? Als die westeuropäischen Ghettos abgebrochen wurden und die Juden in den germanischen Ländern ihre Freizügigkeit erhielten, da kamen sie in eine ihnen neue, aber gesunde Kultur, unter ein gesundes Volk. Die Kulturen der germanischen Völker haben neben ihrer nationalen Spezifitäten viele allgemein menschliche Züge, die vor der Hand für die kulturellen Bedürfnisse der damaligen aus den Ghettos entlassenen Juden ausreichten. Die, welche sich ganz assimiliert haben, sind mindestens gesunde, ganze Menschen geblieben. — Ein anderer Teil hat die universellen Elemente der Kulturen ihrer Wirtsvölker angenommen und sich nebenbei mit der Zeit ein eigenes Geistesleben geschaffen. Das kann in Rußland nicht der Fall sein. Die Kultur der Russen, soweit man davon überhaupt sprechen kann, hat keine universellen Elemente, sondern sie ist eine ihrer spezisischen Veranlagung angemessene Kultur. Sie ist der reinste Ausdruck des slavischen Gemütes, der siavischen Anarchie. Die Genien der russischen Kultur siird Dostojewsky mit seinen JrrenhaüSzestalten und Tolstoi mit seinem christlichen Anarchismus. Und, wenn es den Juden in Rußland gar gut geht, woran wir nicht glauben, in welch« Geistesmitte kommen sie da? Eine jüdisch-russische Assimilation ist daher weit gefährlicher, als eine jüdische Älssimilation mit irgend einem anderen Volke, denn, da es wegen des kulturellen Unvermögens der Slaven eine Assimilation im eigentlichen Sinne nicht sein kann, wird es nur eine Krästezersplitterung zur Folge haben, einer Erkrankung des jüdischen Geistes. Wir aber wollen sowohl einer Assimilation als einer Krästezersplitterung vorgebcugt wissen, noch mehr aber wollen wir einer Erkrankung des jüdisches Geistes, einem Schwinden des jüdischen Bewußtseins und einer Durchtränkung des jüdischen Geistes von der slavischen Anarchie entgegenarbeiten. Weil wir mit deni historischen Maßstab die Lage der Juden in den slavischen Ländern beurteilen^