Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 33 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitischer Familienbtatt. Nr 33. Seit Monaten beschäftigt sich die russische Presse mit der Frage der Gleichstellung der Inden mit den übrigen Bürgern. Aus all' dem Für und Wider, das in dieser Angelegenheit geschrieben worden ist, läßt sich — und das ist charakteristisch — das eine allen Ansichten Gemeinsame fcststcllen, dast die Diskussion sich einzig und allein darum dreht, ob aus der etwaigen Gleichberechtigung der Juden dem russischen Volke Vorteile erwachsen. Die Konservativen verneinen, die Liberalen bejahen die' Frage. Interessant ist in dieser Hinsicht, wie die Leitung „Slowo" sich bei Besprechung der Zusammenkunft der amerikanischen jüdischen Finanzmänner mit Minister Witte äußert. Sic spricht ihre Meinung dahin aus, daß der „Schachzug" Wittes, fiir die russischen Juden gewisse Versprechungen zu machen, als politisch sehr geschickt angesehen werben müsse, da man mit diesen Versprechungen im Falle der Fortsetzung des Krieges verhindern könne, daß die westeuropäischen jüdischen Bankiers den Japanern Geld leihen und da es so ferner im Falle des Friedens Rußland gelingen werde, dse jüdischen Großfinanziers zu bestimmen, eine große russische Anleihe zu übernehmen. Also die Juden sind nur Pumpo.bjekte — Menschenrechte braucht man ihnen als Menschen mcht zu gewähren! Die Geschichte wird einst aus der gegenwärtigen Periode des russischen Volkes seine Schmach erzählen, und ihr Urteil über das von der Zarenknutc geknechtete und durch den Zarcndespotismus entrechtete jüdische Volk wird ein neues Ruhmesblatt in den ruhmgeschmückten Lcidcnskranz des Duldcrvolkes flechten. Den» während das russische Volk mit Menschenrechten handelt, darum feilscht, wieviel es gegen schnöden Mammon von den 850 Judengesetzen streichen soll, bringen die von .Haus und Scholle übers Meer vertriebenen russischen Juden in New-Uork, das ihnen eine Heimat, und zwar eine menschenwürdige gewährte, Minister von Witte Ovationen dar. , * » * Nun ist auch in England, bis jetzt der klassische Hort der Freiheit, das Fremden-Ein wanderungsverbot von beiden Häusern in der dritten Lesung angenommen worden. Es ist zwar konrmissarisch fcstgestellt, daß von allen in England einwanderndcn Juden nur 7000 jährlich im Lande bleiben; das-hinderte jedoch nicht, daß das in Frage stehende Gesetz angenommen wurde. England war die letzte Zufluchtsstätte für diejenigen unserer Brüder, die nicht über die nötigen Geldsummen verfügen, um ihre Fahrt nach Amerika fortzusctzcn, und gerade die ärmsten der Armen werden von diesem neuen Gesetz hart betroffen. Abgesehen davon, daß wir jeden Zufluß frischer jüdischer Kräfte in westeuropäischen Ländern als eine Paralysation etwaiger assimilatorischer Bestrebungen ansehen und daher auch die Annahme der Freindcnbill schon aus diesem Grunde bedauern, betrachten wir doch die Sache in erster Reihe vom jüdischen wirtschaftspolitischen Gesichtspunkt als eine Kalamität für unsere östlichen Brüder. Was sollen jetzt die ärmeren Emigranten anfangen, wenn sie nicht die nötigen Mittel zur Ueberfahrt nach Amerika besitzen, da ihnen auch England seine Tore sperrt? Auf dem Kontinent kann man kaum neue Emigrantenzentren schassen; die Auswanderung nach Frankreich ist auch kaum zu empfehlen, da schon in Paris so wie so 40 000 Juden aus Rußland, Rumänien und Galizien darben. Dann ist die Schwierigkeit mit der Sprache, die im besten Falle die ökonomische Entwicklung des Immigranten hemmt, nicht außer Acht zu lassen. Die brennendste Frage der jüdischen Gegenwart, die sofort gelöst werden muß und keinen Aufschub duldet, betrifft die Schaffung neuer Emigrationszentren für unsere unglücklichen Brüder des Ostens. Homeler Silhouette«. Skizzen von Tan, aus dem Russischen übersetzt von T. B a ch. (Fortsetzung). Auf dem Perron herrschte das gewöhnliche Treiben, wie immer in Erwartung des Zuges. Endlich chimmerten seine roten Augen, trübe und drohend, wie zwei Wolfsaugen, durch den Nebel. Gleichzeitig mit diesem fernen, blutigen Blick wurde ein durchdringender Klagelaut wahrnehmbar, gleichsam die lebendige Stimme des herannahenden Stahlungcheuers. — Nach einigen Minuten war der Perron von einer großen Volksmenge überfüllt. Da gab es alte und unge Reservisten mit ihren Frauen und sogar kleine Kinder. Alle weinten und wehklagten, ohne sich zu beherrschen, ohne nach dem Anstand zu fragen, nur ihres schweren Kummers gedächtig. „Oh, tveh uns!" schrieen die Frauen, „das Herz zerspringt uns vor Schmerz!" — Gesunde Bauern wankten kraftlos und sielen in die Arme ihrer sie stützenden Kameraden. Das war ein chrecklichcs Bild. Der ganze Wartesaal, fortgerissen von der Kraft dieses schauerlichen Elementes, weinte mit den Reservisten; es weinten die Träger, der Stationschef, ja sogar die Eisenbahngcnsdarmen weinten mit. Ter Aufseher der Rescrvistenabtcilung spornte mit weinerlicher Stimme die Menge an, in die Stadt zu gehen, da er den Wartesaal leeren wollte, und so wälzte sie sich in die nächtliche Finsternis hinein, wie eine schluchzende Lawine, wie eine große Verzweiflungswelle, die die Umgegend überschwemmt hatte und nun allmählich sich auch über die Stadt ergoß. In den alten Schewclewschen Kasernen war eine Bewirtung für die Reservisten vorbereitet. Tie wohlhabenderen Bürger hatten zu diesem Zweck einige Tausend Rubel gesammelt. Davon hatten die Juden 60 Prozent, die Russen 40 Prozent gesammelt. Während der ganzen Zeit der Mobilisation sollte ein jeder Reservist für dieses Geld außer dem Kronsessen noch Tee, Zucker, Tabak, ein Pfund Weißbrot und sogar einen kleinen Häring bekommen. Außerdem konnten in diesen Kasernen diejenigen Reservisten, welche noch nicht ausgenommen waren und noch kein Kronasyl hatten, übernachten. Damit sollte ihnen die Gelegenheit zu Unruhen genonimen werden, welche in andern Städten eben deshalb entstanden, weil die Reservisten, welche zu früh cinberufen waren, einige Tage in den Straßen ohne Speise und Obdach umherirren mußten. Tie Tore der Schcwelew'schen Kasernen standen offen, aber es gelang uns nicht, durch die Vordertür hincinzukommen. Eine große Menge Bauern, mehr als anderthalb Tausend, drängte sich, zu gleicher Zeit vor dem Eingang, da jeder so schnell als möglich innen sein wollte. Tie Tür war nicht verschlossen, wurde aber von innen festgehalten. Traußen wurde es zusehends dunkel, vom Himmel fielen schwere, kalte Tropfen und der Baüernhaufe stampfte mit seinen schweren Stiefeln umher, wie eine Horde von Pferden, welche auf dem Felde von einem Unwetter überrascht wird. An der Rückseite befand sich noch eine Tür. Sie wurde ebenfalls von innen festgehalten. Turch diese Tür tvurden die Leute aus der 'Kaserne in den Hof hinausgclassen. Gerade vor unseren Augen wurde ein vorwitziger Bursche, welcher den Versuch gemacht Hatte, sich einzudrängen, wie eine Bombe heransgeschlcudert, so daß er einige Schritte weit sortflog. „So, ist cs Dir gut bekommen?" rief ihm von innen eine Baßstimme nach, „Nächstens wirst Tu Dich hüten, so frech zu sein." „Meine Herren Kommissionäre," begrüßte uns der strenge Wächter, „bitte kommen Sie nur herein. Ihnen ist es erlaubt!" Unsere Pelze und Hammelfellmützen verwandelten uns in seinen Augen in Kommissionsgliedcr, welche die Bewirtung der Reservisten zu beaufsichtigen hatten. — Die geräumige Kaserne war mit Stroh ausgclegt und mit Bänken und Tischen versehen, aber es befand sich dort verhältnismäßig sehr wenig Volk. Mit der Unbeholfenheit, die alle unsere öffentlichen und gesellschaftlichen Unternehmungen kennzeichnet, Ivurde auch hier die Verteilung der Weißbrote an die Reservisten nur vor einem sehr schmalen Ladentisch vorgenommen. Beini Eingang mußte man ein besonderes Billet vorwcisen, beim Ladentisch ein anderes, damit nur ja niemand eine zweite Portion erhalte. Als gestern die Menge auf einmal hineingelassen wurde, entstand am Ladentisch ebensolch ein Gedränge wie am Eingang. Heute hatten einige Unteroffiziere, welche den Austeilern halfen, beschlossen, strenge Ordnung einzuhalten und ließen daher die ganze Menge auf der Straße zurück. Ich trat än's Fensterchen und fragte nach dem Grunde der Verzögerung. „Es sind keine Weißbrote mehr da!" erklärte der Austeiler. „Wir dachten nicht, daß so viele verteilt würden. Es wurde schon zur Bäckerei geschickt, aber es kommt noch immer nichts." — , . Zwei stämmige Soldaten verteidigten die Tür. Zuweilen öffneten sie sic halb, ließen jemand hinein, und schlossen sie auch wieder bald. Die Sache zog sich in die Länge. Viele von denen, die früher gekommen waren, standen schon mehr als eine Stunde draußen. Allmählich wurde sogar die anspruchslose, weißrussische Masse gereizter. — „Laßt uns hinein, um uns zu erwärmen!" wurden Stimmen hinter der Tür laut. „Ter Teufel mag Eure Bewirtung holen! Wir werden uns für unser eigenes Geld was kaufen." An die Hintertür drängten sich alle Augenblick Unzufriedene und wurden mit einigen Stößen in den Nacken wieder herausbefördert. Das Murren verstärkte sich. — „Gebt uns heißes Wasser!" schrie man von außen. „Wir sind vom Stehen halb erfroren " Ich riet dem Verwalter, die Tür zu öffnen. Ich befürchtete, daß, wenn die Reservisten den Wächter vertreiben und mit Gewalt hineindringen, wir, die sogenannten „Kommissionäre", auch nicht heil tavonkommen würden. Ter wachthabende Soldat schüttelte zweifelnd den Kopf. „Tas ist nicht richtig," bemerkte er. „Das ist keine Ordnung. Ein Soldat muß Tisziplin kennen." Nach diesen Worten versetzte er einem gewandten Burschen, tvelcher sich durch die Tür, wie durch ein Schlüsselloch, gedrängt hatte, eigenhändig einen Stoß. Endlich ging die Tür auf, und die ganze Menge stürmte in die Kaserne. An der Brotausgabe entstand ein Gedränge, aber die wachthabenden Soldaten stellten die Ordnung bald wieder her. „Ter Reihe nach!" riefen sie, „stellt euch der Reihe nach auf." Eine lange Kette von Menschen wand sich durch die Kaserne und bewegte sich, einer Schlange gleich, in dem freien Raum hinter den Bänken. Ter Austeiler, der trotzdem von allen Seiten bestürmt wurde, geriet allmählich in Wut. „Krieche nicht hierher!" schrie er, „fort mit Dir!" und stieß dabei einen jeden, der sich außer der Reihe ihin näherte, heftig in die Brust. „Wo ist Teine Quittung? Ohne Quittung wird nichts gegeben." — Nach und nach kam es auch hier zu Streitigkeiten. Ein hoch gewachsener, bejahrter Bauer wies elf Quittungen auf einmal vor, die er über die Köpfe der Menge cmporhielt. „Für die Dorfältesten!" erklärte er mürrisch, „für alle zusammen. J(ch bin beauftragt." ... „Marsch!" — sagte der Austeiler, „jeder bekommt nur für sich." Und ohne sich lange zu besinnen, stieß er den Aeltesten in die Brust. Das Gesicht des Aeltesten verfinsterte sich. „Weshalb stößt Du mich?" fragte er streng. „Ich war selbst ein Gardefoldat. Ich werde nicht gehen, bevor ich nicht meine Portionen bekommen habe," erklärte er bestimmt, schob den vor ihm Stehenden fort und stellte sich an seine Stelle. Der Austeiler stieß einige kräftige Schimpfworte aus, legte aber dennoch die elf folgenden Portionen zusammen. „Schleudre nicht so!" sagte der Aelteste streng. „So wirft man nur den Hunden vor. Paß auf, uns muh man freundlich behandeln!" fügte er drohend hinzu. „In , den jetzigen Zeiten besonders!" ______ (Forts, folgt.) Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin» 14. August. Zwei große Jubiläen stehen der jüdischen Gemeinde im Winter bevor. Zunächst das zweihundertjährige Jubiläum des Krankenhauses, für das sich bereits ein Komitee gebildet hat. Sodann aber das gleichfalls zweihundertjährige Jubel fest der alten Synagoge in der Heidereutergafse, die