Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 33 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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5r*itn6fu*fet' Zstiklitisihks fnrilinklitt Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— KedaLtio« und Geschäftsstelle: SranKfurt a. ITC., Leilrgkreuzgaße 52, Ecke Llapperfeldstraße G-ref-n 10507. Hera«SgeSev: KalA Geis, Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. Freitag, de« 24. &w 5665 (25. August 1905). Rn. 33 3 Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Preußisches und jüdisches Fremdenrecht. — Die Woche. — Homeler Silhouetten. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Krisen, Erzählung von Jacob Levh. — Familiennachrichtcn. Preußisches und jüdisches Fremdenrecht. Rußland ist nicht das einzige Land, das seine Juden „verkischinewt", Rumänien, das freie Land mit seiner Dichterkönigin macht es nicht besser. Die russischen Juden wandern aus, um dem Tod durch den Mob.zu entgehen, die rumänischen Juden verlassen ihr Geburtsland, um nicht Hungers zu sterben. Das glückliche Land, das Land der Zukunft, ist sowohl für unsere rumänischen als für unsere russischen Brüder jene große Republik jenseits des Ozeans. Um in New-Iork landen zu können, müssen aber unsere unglücklichen Stammes- und Glaubensgenossen Länder durchziehen, Staaten durchwandern, und, nach so vielen Strapazen das Land der heißen Sehnsucht erreicht, müssen sie noch den amerikanischen Hafenbehördon Rede und Antwort stehen. Doch nicht genug damit! Das zivilisierte Preußen macht das Passieren dieser Unglücklichen durch preußische Gaue von solchen Bedingungen abhängig, die, wenn sie nicht aufs genaueste entsprochen werden, den vor dem Hungertod fliehenden Juden die einfache Durchfahrt verbieten. Und da dje Kenntnis des preußischen Fremdenrechts nicht jedes rumänischen Juden Sache ist, so betreten diese Unglücklichen auf ihrer Fahrt nach Amerika preußisches Gebiet ohne Kenntnis des preußischen Fremdenrechts und ohne den einzelnen Paragraphen des preußischen Fremdenrechts entsprechen zu können^ — Und die Folge in diesem Falle ist, daß sie, klein und groß, jung und alt, beim Betreten des, preußischen Bodens in den Kerker geworfen werden, bis sie gleich gemeinen Verbrechern per Schub an Rumänien ausgeliefert werden. So werden Tausende unserer unglücklichen Brüder zum Spielball ihres bitteren Schicksals und der preußischen Polizei.-— Und Preußen ist ein moderner, zivilisierter Staat. * * * Seit zwei Jahrtausenden existiert der jüdische Staat nicht mehr, ein Jahrtausend hat er existiert. Der jüdische Staat hätte auch sein .Fremdenrecht, seine Fremdengesetze. Da aber die Existenz des jüdischen Staates bis in das Altertum reicht, so sind auch seine Gesetze veraltet, behaupten die Modernen. Ja, wenn die humanen Gesetze gewesen, der Geschichte gehören, und statt der Zivilisation die Barbarei fortschreitet, dann sind die jüdischen Gesetze, dann ist das jüdische Fremdenrecht, dessen oberste Maxime „Ihr sollet die Fremden lieben", lautet, veraltet, ein winziges Ueberbleibsel alter Humanitätsduselei. — . Indessen der. Gang der Geschichte scheint doch ein umgekehrter zu sein. Die Barbarei schwindet. die Humanität nimmt auf allen Gebieten des Lebens zu. Und in diesem Licht der Zivilisation das preußische Fremdenrecht und Fremdenpolizei? Ist da das jüdische Gesetz veraltet oder verfrüht? Nach jüdischem Fremdenrecht muß der Fremde gleich dem Einheinrischen behandelt werden, nach jüdischem Recht ist der Fremde dem Bürger gleichgestellt, das jüdische Staatsrecht kennt keinen wesentlichen Unterschied zwischen Einheimischen und Fremden auf jüdischem Boden, denn ein Gesetz sowohl für den Bürger als für den Fremden, heißt es im Pentateuch; nach den Lehren des Judentums ist Fremdenliebe Gebot. Dabei ist nicht außer Sicht zu lassen, daß der jüdische Staat im Verhältnis zu seinen Grenz- und Nachbarstaaten nicht so groß war, als er nicht eine Ueberflutung durch Fremde zu befürchten hätte. Nur die Slchtung vor jedem im Ebenbilde Gottes Geschaffenen, das vom Judentum deklarierte Menschenrecht war es, das seinem Staatsrecht jenen humanen Charakter lieh. So war es im jüdischen Staat, dessen Existenz ins Mtertuin reicht. Und nach preußischem Fremdenrecht werden arme rumänische Inden bei ihrem Betreten des deutschen Bodens auf ihrer Fahrt nach Amerika deshalb gefangen genommen, in den Kerker geworfen, gleich Verbrechern behandelt und an Rumänien ausgeliefert, weil sie zur Ueberfahrt nach Slmerika keine Schiffskarten deutscher, sondern amerikanischer oder englischer Schiffahrts-Gesellschaften besitzen. * * * Und es sind gerade die Vertreter des Fortschritts und die angeblichen Träger der Zivilisation, die eben ggs Gründen der Humanität und des Fortschrittes die Wiederherstellung irgend welcher auf den jüdischen Staat bezüglichen Gesetze ablehnen und mit dem Regieren einer jüdischen Zukunft auch unsere Vergangenheit totzuschweigen bestrebt sind. Diese Verfechter der Moderne betrachten alles Traditionelle für einen überwundenen Standpunkt, für eine Reaktion par exsUeaeo. Alles, was dagewesen, ist ihnen zuwider, sie sehnen sich nach dem Neuen, Frischen, nach der Moderne. Aus Gründen dieser Neologiesucht lehnen sie auch das traditonelle Judentum ab, denn es ist ihnen zu wenig modern. Betrachtet man aber das Leben in seiner nackten Wirklichkeit, so kann man der Versuchung nicht widerstehen, diese Neuerer, diese Modernen entweder als mit Blindheit geschlagen oder für Ignoranten zu halten. Sie schwärmen für den modernen christlichen Staat, lehnen einen jüdischen Staat und die Möglichkeit einer Anwendung der jüdischen Staatsgesetze, ab; — aus Gründen der Humanität wollen sie nicht zum Men zurückkehren. Le Masstre. Die Woche. Frankfurt a. M., den 23. August. Nun ist Rußland ein Rechtsstaat. Am 19. August, dem Tauftage des russischen Kronprinzen, hat der Zar sein Manifest, in dem das Volk durch Vertreter zur Teilnahme an dem Regierungsgeschäst eingeladen wird, der Oeffentlichkeit übergeben. Im Januar 1906 tritt das erste russische Parlament zusammen, und mit dieser Zeit beginnt für Rußland eine neue Geschichtsperiode. lind die sechs Millionen russischer Juden? Vor mehr als Jahresfrist, als noch Swratopolsk- Mirski der Verweser des russischen Ministeriums des Innern ioar, bestellte die russische Regierung eine Kommission, die sich mit der seit zwei Jahren so akut gewordenen Judenfrage beschäftigen und der russischen Regierung Resormvorschläge unterbreiten sollte. Da alle im russischen Reiche lebenden Völkerschaften in der letzten Zeit von der Regierung mit kleineren oder größeren Konzessionen und Rechten begünstigt worden sind, so war die Ansicht allgemein, auch sür unsere Brüder habe die Stunde einer Milderung ihres unsäglichen Elends geschlagen. Aber die russischen Bureaukraten überlegten sich eines Besseren. Infolge des nutzlosen und ungeheuere Verluste bringenden Krieges wuchs die Unzufriedenheit im Lande, die Empörung, ward all-, gemein und nahm oft den Charakter einer Erhebung an. Selbstverständlich schlossen sich auch die Juden den verschiedenen freiheitlichen Parteien an. Die Regierung bedurfte aber eines Sündenbocks, der die Volkswut ableiten sollte, und da im Lande sechs Millionen Juden leben, dazu noch untereinander uneinig und im Kampfe um ihre Rechte nicht organisiert, so war bald der russische Sündenbock gefunden. — Daß man die Inden also bei der Verteilung von Rechten und Konzessionen an die im russischen Reiche lebenden Völker umgehen mußte, ist mehr als begreiflich, denn es geht doch nicht, einem zuerst Lebensmittel geben, und ihm dann das Leben selbst nehmen. Um aber den Rechtsraub an den Juden nicht in seiner ganzen Blöße erscheinen zu lassen, beschloß die russische Regierung seiner Zeit, die Entscheidung über die Judenfrage der einzuberufenden Volksvertretung zu unterbreiten. — Nun wird die Reichsduma über das Los von sechs Millionen Juden zu entscheiden haben. Es frägt sich nunmehr, aus welchen Elementen sich die Reichsduma zusammensetzen wird. Daß sie nicht auf Grund des gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts gewählt wird, ist schon im kaiserlichen Manifest hervorgehoben! Wäre es aber der Fall, dann hätten wir auch noch keinen Grund zum Jubeln, denn wo Unbildung herrscht, dort herrscht auch Unrecht. — Und, daß die großen, finstern Massen Rußlands im Handumdrehen auf ein höheres Kulturniveau gesetzt worden sind, glauben wir ebenfalls nicht. Nur im Falle, daß die linksstehenden Parteien die Majorität im neuen Parlament erhielten, haben die Juden einige Aussicht auf Verbesserung ihrer Lage. Da aber , die Duma erst im Januar zusammentritt, so wird schon Herr Trepow dafür Sorge tragen, daß sich Rußland nicht den linken Parteien ausliesere, und daß die Majorität eine regierungstreue sei. * *