Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-08-18 · Heft 32 (18.8.1905) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 32 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692441--01818-2696373
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Mrs' dem betreffenden Abschnitt seines Testaments teilt,Lewish Exponent" mit: „Seit langer Zeit macht sich in den Vereinigten Staaten der Mangel einer gründlichen und systematischen Ausbildung ini jüdischen Gesetze.immer mehr fühlbar. Da das Studium der hebräischen und rabbinischen Literatur auf den allgemeinen Universitäten, meiner Ansicht nach, nicht ernstlich genug betrieben werden kau», so bestimme ich, daß eine spezielle Anstalt für den Unterricht der/hebräischen und semitischen Sprachen sowie des rabbinischen Schrifttums begründet wird. Sollten die Mittel es erlauben, so können in dem College noch andere Sprachen und wissenschaftliche Disziplinen betrieben werden. Dieselben dürfen jedoch in keiner Weise den Hauptzweck der Anstalt, den hebräischen Unterricht in den Hintergrund drängen. Das College soll von 5 Vorstehern und höchstens 21 von ihnen zu ernennenden Lehrern geleitet werden. Als erste Vorstands-Mitglieder ernenne ich die Herren Richter Meyer Sulzberger, Dr. Aron Fricdenwald, Tr. Cyrus M»ler, S. Strauß und William B. Hackcnburg. Spätere Mtglieder dürfen nur Mitglieder jüdische» Glaubens sein, welche ihre Sympathien mit meinen Ansichten über die Notwendigkeit des Hebräischen bekundet haben. Es ist wein lebhafter Wunsch, daß das College möglichst ball» eröffnet wird und daß in dasselbe alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens, der Farbe, der Rasse oder des Geschlechts aufgenominen werden mögen." Arabien. Traurige Zustände unter den Juden. Die andauernden Künipfe zwischen Türken und Arabern haben die jüdischen Bewohner der südarabischcn Landschaft Jemen, deren Zahl an 35 000 betragen mag, in die äußerste Not gebracht. In ihrer Niedrigkeit und Schwäche, sind sic der Willkür der beiden kriegführenden Parteien schutzlos prcisgegeben. Gegen 15000 Juden — wohl eine Ucbertreibung — sollen bereits dem Hunger zuin Opfer gefallen sein. Besonders schwer wurden die Inden der Hauptstadt Sana«, die von den aufrührerischen Arabern besetzt gehalten wird, betroffen: sie suchen quer durch die Wüste die Hafenstadt Wen zu erreichen. Viele von ihnen erliegen den Anstrengungen des Weges. Bis jetzt sind mehr als 2000 Jemeniten in Aden eingetroffen und bemühen sich um Reisegelcgenhjeit nach Egypten. Die ersten 30 haben Suez erreicht. Die herrschende Ansicht bei den Inden Egyptens geht dahin, daß es verhängnisvoll wäre, den Strom der Flüchtlinge nach dem armen Palästina zu lenken, daß man vielmehr den Versuch machen müsse, sie in Egypten unterzubringen. Jedoch werden die egyptischen Juden nicht die ganze Last der Kosten des Transports von Suez aus und des vorläufigen Unter- Halls zu tragen vermögen. Die Alliance Fsvaelite Universelle hü den Direllor ihrer Schule in Cairo mft der Bildung von Hilfskomitees in Alexandrien und Cairo betraut und ihm fürs erste 2000 Fr. zur Verfügung gestellt. Personalien. BerNu. Der Assistenzarzt D r. B o r ch e r t am hiesigen physiologischen Institut der Universität hat sich das Leben genommen, weil er von der Bewerbung um die Zulassung als Privatdozent zurückgewiesen worden ist. Berlin. Der Privatdozent der Chemie. Dr. Rosenheim hat den Profcssortitel erholten. Wien. Hoftat Professor Politzer, der Begründer der modernen Ohrenheilkunde, feierte dieser Tage seinen, siebzigsten Geburtstag. Zum Unterschied von den meisten seiner Kollegen hat Professor Politzer stets gezeigt, daß er stolz auf sein Judentum ist. So stand er der jüdisch-nationalen Studentenbewegung bei ihrem Entstehen freundlich zur Sefte, wenn ihm auch seine Lehrtätigkeit keine Zeit ließ, sich öffentllch zu betätigen. Wie«. In Agram wurde der einstige Präsident der Kultusgemeinde, Kammerrat und Spediteur Wilhelm Schwarz im Alter von 74 Jahren und in Pohrlitz der Kultüsvorsteher Moritz Schweinberg zu Grabe getragen. Beide Männer hatten während ihres ganzen Lebens ein lebhaftes jüdisches Interesse und hinterlassen ein gesegnetes Andenken. Arnheim (Holland). In der gegenwärtig hier stattfindenden Gemäldeausstellung lebender Meister wurde das Bild „Talnmdstudium" von Eduard Franksort zum zweften Male mit einer Medaille von Ihrer Majestät der Königin-Mutter ausgezeichnet. Haag. Herr Aug. Belinfante jr., Referendarius am Ministerium des Innern, feierte vorige Woche sein 40-qährigesAmtsjubiläum. Er begnügte sich nicht damtt, seine Dienste mit hervorragender Pflichttreue zu erfüllen, sondern nahm auch am sozialen Leben regen Anteil. Er ist Präsident des Synagogen- und Armen-Bereins und des Israel. Waisenhauses. Herr Belinfante hat anläßlich seines Jubiläums das Offizierskreuz des Oranien- Nassau- Ordens verliehen bekommen. Petersburg. Der Wirkliche Geheime Rat Jakob Halpern, der einzige Jude Rußlands, der sich in einer hohen Staatsstellung befindet, ist unter Enthebung von seinem lang- Franksurter Israelitischer Familienblatt. jährigen Posten als Bureau-Leiter des Justiz-Departements zuin „Vortragenden Rat" im Justizministerium ernannt worden. Halpern hat trotz seiner hohen Stellung nie sein Judentum verleugnet, sondern hat sich vielmehr stets die redlichste Mühe gegeben, die Interessen seiner jüdischen Brüder zu wahren. Viele Arbeiten ans seiner Feder sind in russischer Sprache über die Judenfrage erschienen. Als er in den Adelsstand erhoben wurde, verzichtete er darauf, sich in das Adelsregister eintrageil zu lassen; es genügte ihm sein einfacher jüdischer Name, auf den er stets stolz war. Paris. In Canterets ist der Divisionsgeneral Hinstin im 74, Lebensjahre gestorben. Auckland (Neu-Seelandl. Herr Arthur M. My ers ist zum B ü r g e r m e i st e r der hiesigen Stadt gewählt worden. Herr Myers ist aus Ballarat (Victoria) gebürtig, lebt aber bereits seit seiner Kindheit in Ncu-Seeland. Er ist Direktor der Nen-Seeländischcn Versicherungsgesellschaft und der Gasgcsellschaft in Auckland. Adelaide(Austtalien). RatsherrLewisCohen. ein geborener Liverpooler, der bereits.Bürgermeister von Adelaide war, ist als Vertreter der Stadt wieder in den Großen Rat des Staaten-Parlam e n t s gewählt worden. Aus der Leyrerwelt. . Köln a. Rh. In der 9. General-Versammlung des Rheinischen Rabbiner-Verbandes erstattete Dr. Tawrvgi-Kreuznach den Bericht. Tie Tätigkeit war insofern eingeschränkter als sonst, als der Prov.-Verband rheinischer Synagogen- Gemeinden nur eine Ausschußsitzung, aber keine Vollversammlung abhielt, und eine Sitzung des Central- Ausschusses des Rabbiner-Verbandes in Deutschland überhaupt nicht einberufen wurde. Dagegen hat der Vorsitzende am 10. Gcmeindetag in Frankfurt teilgenonnnen. Mft Rücksicht auf die unentbehrliche Mitwirkung aller Großgemeindcn zur Hebung der kleineren, ersucht der Referent den Koll. Hochfeld- Tüsseldorf, seinen Einfluß für die Beitritt Düsseldorfs zum rhein. Gcmcindebundc geltend zu mache»«. In gleicher Richtung «nögc das Rabbinat in Aachen wirken. Namens des Verbandes hat Kolk. Tawrogi das jüb.-theolog. Seminar in Breslau zu seinein 50jährigen Jubelfeste'beglückwünscht und an dein zu Ehren des Koll. Horowitz in Krefeld veranstalteten Abschiedsfeste unter Ueberreichung einer Adresse teilgcnommen. Nach Entlastung des Vorstandes erfolgt dessen Neubildung. Ter Vorsitz geht turnusmäßig auf Koll. Noscnthal-Köln, das Amt des Stellvertreters auf Koll. Tawrogi-Krenzuach über, zum Schriftführer wird Koll. Samuel-Essen gewählt. Ter ncue Vorsitzende bringt zunächst ein Schreiben des Verbandsvorstands des Hilssvcrcins der deutschen Inden zur Verhandlung. Es enthält die Aufforderung, zu der a,n 30. Oktober ds. Js. in Aussicht genommenen Haiipttagung 5—10 Vertrauensmänner in Vorschlag zu bringen, die als Notabcln an den Verhandlungen teilnehinen sollen. Es werde«« ironiiiiicrt die 5 diciistältestcn Rabbiner des Rheinlands. An 1. Stelle der Scniorrabbincr Kölns, Tr. A. Frank, alsdann Auerbach-Elberfeld, Jaulus-Aachcn, Baßfreund-Trier und Tawrogi-Krenznach; sowie der ztg. Vorsitzende des Rhein. Rabv.-Verbandcs, Tr. Rosenthal-Köln. Nach längerer Mittagspause legte Koll. Samuel- Essen einen Statutenentwurf für den Zweigverein vor. Tennufolgc lauten die Zwecke des Zweigverbandes: l) Besprechung aktueller religiöser Fragen; 2) wissenschaftliche Anregungen; 3) gemeinschaftliche Vertretung der Standesintcressen. Ter Vorsitz Ivechselt alljährlich nach der Ancicnnität, jedoch unter Voraussetzung einer 5jährigen Aintstötigkcit im Bezirk. Ten Schluß der Tagung «nacht eine freie Besprechung des Frankfurter'10. Genicindctages, insbesondere der Punkte Religionsunterricht, Inspektion und Rabbinatsbezirke. Tie Versaininlung sieht davon ab, «nit dctalllicrtcn Vorschlägen hervorzutreten. da die Einmütigkeit, mit der di: einschlägigen Beschlüsse gefaßt wurden, eine baldige Inangriffnahme u. Tnrchführung durch die Provinzialvcrbände erwarten lassen. Inzwischen ist die Zeit so «veit vorgerückt, daß der noch angekündigte Vortrag „Zuin 800. Todestage Raschis", vpn Kolk.' Roscnthal-Köln ausfallen muß. Mit Rücksicht ans die ganze l»!eschästslage «vird beschlossen, noch vor Ende des Jahres eine außerordentliche Versaminlung 'einznbcrufcn, und auf die Tagesordnung obigen und andere angckündigte Vorträge („lieber die sog. erste Mischna" von Kvll. Baßfreund und ,Dic Philosophie im Religionsunterricht" von Koll. Hochfeld) zu sehen'. Stratzburg i. Elf. Die von Herrn Direktor Dr. S. Grombachcr geleitete Religionsschule der israel. Gemeind« wurde am 1. Juli in' 7 Knaben- und 8 Mädchenklassen von 146 Knaben und'161 Mädchen besucht. In diesen 15 Klassen wurden in Summa 32 Unterrichtsstunden die Woche erteilt, was iin Durchschnitt pro Klasse 2 Unterrichtsstunden die Woche ergiebt. Trotzdem der Unterricht in der biblischen Geschichte in den öffentlichen Schulen erteilt und in der Religionsschule Nr. 32. hauptsächlich das Hebräische — Gebet- und Pentateuchübersetzen — gepflegt wird, so erscheint mir die zur Verfügung stehende Zeit doch zu gering, als daß jene Arbeit geleistet werden könnte, die nötig ist, um die Kinder mit einem beivußtei« jüdischein Laicn- Wissen auszustatten. Sulz (Kreis Gebweilerj. Dem Synagogendiener Lazarus Katz ist das Allgemeine Ehrenz e ich e n allerhöchst verliehen worden. Kopenhagen. Dr. Schornstein-Leitmeritz (Böhmen) ist zum Rabbiner an der hiesigen Kultusgeineinde ernannt worden. Philadelphia. Dr Aaron Norden, emeritierter Rabbiner der „North Chicago Hebrew Congregation" st a r b am 22. Juli in der Billa seines Sohnes, Dr. Henry A. Norden zu Stnrgeon Bay (Wisconsin). Aus den Vereinen. Stratzburg i. Elf. Der. Israel. Verein für Ferienkolonien versendet soeben seinen vierten Jahresbericht. Wir entnehmen demselben, daß sich seine Einnahmen auf JL 2956 (Beitrag des Kaiserlichen Statthalters JL 200, Beitrag der Stadt für 8 Kinder JL 480, Mitgliederbciträge JL 1883 liflu.j und seine Ausgaben auf JL 3000 (Verpflegung in Nauheim 2240 JL, Reise nach Nauheim JL 321 usw.) beliefen. Es wurde» 31 Kinder und 1 Erwachsener während vier Wochen in Nanhein« verpflegt. G Feuilleton. @ Krisen. Erzählung von Jacob Levy. (Fottsetzung). 10. Kapitel. Der junge Mann hatte sich auf die Reise so sehr gefreut, und jetzt wär er, ach so gerne, zu Hause geblieben. . Sein Herz ward ihm zentnerschwer, wenn er an die unseligen Verhältnisse bei seinen Lieben dachte.^ Seine Schwester totkrank und sein Schwager, dieser brave Mensch, der keine Fliege kränken konnte, stand vor dein Ruin, ohne sich wehren zu können. Fmmerhin zerstreute ihn das Leben in der Fremde, er nahm «nit der Einpfänglichkeit der Jllgend alle neuen Eindrücke in sich aus. Er ging mit Eifer seinen Geschäften nach und war mit den Erfolgen zufrieden. Er hatte den Auftrag, über das Hannöversche zurückzureisen, um mit einen« Kapitän über eine Schiffsladung Holz abzuschließen. Kapitän Schröder, der schon zwanzig Jahre mit Herrn Müller Geschäfte machte, freute sich, einen Vertrauensmann von seinem Geschäftsfreund bei sich zu sehen, besonders, da der frische, offene Jüngling «hin außerordentlich tzut gefiel. Er lud ihn auf Abends zu sich, und Simon folgte gerne der Einladung. In dem nieder» Zimmer glänzte und funkelte alles von Sauberkeit, es machte mit seinen altmodischen Möbeln einen sehr geniütlichen Eindruck. Die Frau Kapitän, eine kleine Frau mit grauein Scheitel, reichte Simon freundlich! die 'Hand. Der alte Seeinann lächelte und sagte: „Nu nehmen Sie eininal Platz und dann sorgt Mutter für eine«« Tropfen heißes Wasser. Hier junger Mann, haben Sie eine ächte Havanna-Zigarre. Danke Mutter, den Grog mache ich selber. Na prost!" Er goß das heiße, duftende Getränk mit Seelenruhe herunter, Siinon stteg von eine,» Schlückchen das Wasser» in die Augen. „Ha hä ha," lachte Schröder, „Sie Landratte können das bischen heiße Wasser nicht vertragen. — Doch, das wird sich aber schon machen!" Der Mte, der niemals in Hainthal gewesen tvar, ließ sich vieles über die dortige Gegend erzählen, obgleich er geringschätzig behauptete, eine Gegend ohne Ebbe und Flut sei überhaupt keine Gegend. „Habt Ihr denn gar kein Wasser da?" „Gewiß, die Laucha fließt vorbei." „Saud)«," sagte der Kapitän sinnend, „der Na,ne ist inir doch bekannt. Gibt es auch' einen Ort, der so heißt?" ' „Gewiß, Laucha, Hainthal gegenüber." „Das stimmt," rief der Kapitän lebhaft, „jetzt erinnere ich mich. Ich brachte früher einigemal Vieh nach England für einen Händler aus Laucha, Nußbaum hieß er. Kennen Sie den?" Simon stockte das Blut in den Adern, als er hier den Namen des Verhaßten hörte. ,F)b ich ihn 'kenne, er ist da- Unglück unseres Lebenst" Der Ausdruck ttefen Schmerzes, womit der Jüngling dies ausrief, erschütterte den Kapitän. „So," sagte er, „erzählen Sie das doch." ,Herr Kapitän, ich werde Ihnen doch nicht die Schicksale Ihnen ganz fern stehender Leute erzählen, -das inißstimint Sie und ist Ihnen langweilig." „Na, mein Sohn, spinnen Sie ruhig ihr Garn. Ich bin , ein alter Mann, dem schon viel Wind um die Nase geweht hat und Sie gefallen inir, vielleicht -weiß ich Ihnen so'ne Art von Rat."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.