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Neue jüdische Presse · 1905-08-18 · Heft 32 (18.8.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 32 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. trotz der hieligionsverschiedenheit heiratete. Weibel wußte die Frau zu bestimmen, daß ihm die alleinige Verwaltung de» gesamten Vermögens in die Hand gegeben wurde. Nun spielte der ehemalige.Offiziersbursche den Grandseigneur; er hielt die teuersten Pferde und Maitrefsen, machte die kostspieligsten Reisen und besuchte auch Saarbrücken, wo dann die Dragoner einen guten Tag hatten. So hat er in kaum vier Jahren die Millionen seiner Frau durchgebracht. Mit dem Reste ging er vor einigen Monaten nach Amerika durch und von dort kam jetzt die Nachricht, daß ihn seine Maitresse erschossen habe. Frau Wcibel-Dreyfus in Barr ist irrsinnig geworden und der Dorfgemeinde, deren Schloßherrin sie einst war, zur Last gefallen. Oesterreich-Ungar«. Prag. DieAltneu-Shnagogennddas jüdische Rathaus bleiben erhalten; es handelt sich um eine würdige Form, sie der modernen Umgebung anzupassen. In .dieser Hinsicht hat, wie der „Stavcbni Obzor" meldet, das Prager städtische Bauamt zwei Projekte ansgearbeitet, deren Urheber der Vorstand dieses Amtes, Baural Vüclavek und Ing. Hruby sind. Die größten Schwierigkeiten boten die Höhenverhältnisse, da die beiden Baudenkmale auf 1.4 Meter verschüttet sind und nach dem Assanierungs- Projekte das Niveau der Niklas- und Rabbinergassc gehoben werden soll. Tie eine Variante empfiehlt nun die Belassung des bisherigen Niveaus in der Rabbinergasse und eine Hebung des Niveaus der Niklasgasse, sodaß durch Verbindung mit dem Kreuzungspunkte eine allmähliche Steigung erzielt wird. Ter Raum vor der Nordseite der Synagoge soll in einen halbkreisförmigen Park umgewandelt werden» bei Belassung der gegenwärtigen Höhe der-Synagoge. Ten Uebergang aus der Roten Gasse in die Niklasgasse soll eine Stiege vermitteln: in der Umgebung beider Gebäude sollen keine vierstöckigen Häuser gebaut werden dürfen. Tie andere Variante empfiehlt die Hebung der Synagoge und des Rathauses um ungefähr l1/-* Meter. Diese Lösung hat auch Architekt Wiehl befürwortet, und eine Budapester Gesellschaft hat sich erbötig gemacht, die Hebung der beiden Gebäude um einen Betrag von 100 000 Kr. durchzuführen. Da die Stadtgemeinde Prag angeblich nicht die Mittel zur Deckung der Hcbungskostcn besitzt, appelliert das angeführte Blatt an die jüdischen Korporationen, die nötigen Geldmittel zur Verfügung zu stellen. Lemberg. Das ..Lemberger Tagblatt" schreibt: In den Gassen kleben schon Plakate, welche diejenigen, die Gottesdienste auf die hohen Feiertage arrangieren wollen, auffordern, beiin Knltusvorstand um Bewilligung hierzu einzukommen. Bald werden wir auch Plakate der llnternehmer zu sehen bekommen, die sich ein Geschäft von der Einrichtung der Gottesdienste für die drei Tage machen. Das ganze Jahr hindurch haben tausende Juden nicht das Bedürfnis, in die Synagoge zu gehen, und dadurch sind die bestehenden Synagogen viel zu Ivenig und viel zu eng, um die Besucherzahl am Roschhaschonoh und Jomkippur aufnehmcn zu können. Fast in jedem Hause .ist an diesen Tagen ein Minjan; Kaffeehäuser, Tanzsäle, selbst Pferdeställe geniert man sich nicht, in Betlokale zu verwandeln. Wahrlich, etwas Aehnliches existiert nicht bei irgend einem Volke der Welt! Es ist endlich einmal Zeit, gegen diesen Chillul Haschem energisch zu protestieren! Maramaros-Tziget. Eine Synagoge kann n i ch t e x e q u i c r t werden. Die hiesige orthodoxe Religionsgemeinde reichte beim Gerichtshöfe ein Gesuch bin, es möge zu ihren Gunsten auf das Grundstück der' sephardischen Religionsgemeinde das exekutive Pfandrecht in der Höhe von 5794 Kronen intabuliert werden. Der Gerichtshof gab diesem Begehren auch Folge, doch wurde der bezügliche Bescheid seitens der Debreczener königlichen Tafel abgeändert und die Ausführung desselben untersagt, weil auf dem fraglichen Grundstücke mittlerweile ein Bethaus erbaut wurde, ein dem Gottesdienste gewidmetes Gebäude aber keiner Exekution unterzogen werden kann. Dieser Bescheid der königlichen Tafel wurde nun auch durch die Kurie vollinhaltlich bestätigt. Großbritannien. London. Juden als Ersatz für Neger. Die zwischen dem zwanzigsten und fünfundzwanzigstcn Grad südlicher Breite gelegene brasilianische Provinz Sao Paulo zählt bei einem Umfange so groß wie das deutsche Reich nur 2V- Millionen Einwohner, von denen 1 Million Weiße, der Rest Neger sind. Seit der erfolgten Negeremanzipation herrscht in Sao Paulo großer Arbeitermangcl und alle Bemühungen der dortigen Plantagenbesitzer, weiße Arbeiter ins Land zu locken, sind bisher völlig gescheitert. Tie italienische Regierung verbietet ihren Untertanen die Auswanderung nach Brasilien und selbst die sprach- und stammverwandten Portugiesen dürfen nicht in das Land des gelben Fiebers. In ihrer Not verfielen nun die ehemaligen Sklavenhalter auf die Juden, und ein Herr, der sich Professor August Romas nennt, sitzt gegenwärtig im brasilianischen Konsulat in London, von wo aus er das gesamte Whitechapel mit Bildern, Broschüren und Flugschriften überschwemmt. In denselben wird ver- . kündet, daß die brasilianische Regierung eine große Vorliebe für die armen, überall verfolgten Juden hegt, und gern bereit ist, für dieselben die Ueberfahrtskosten nach Sao Paulo zu bezahlen. Nach erchlgter Landung steht es jedem Immigranten frei, auf einer Kaffeeplantage zu arbeiten. Ter Bericht verschweigt aber, daß die großmütige brasilianische Regierung wohl die Hinfahrt, aber nicht die Rückfahrt bezahlt. Ferner wird stillschweigend über die Tatsache hinweggeglitten, daß in Sao Paulo eine andere Beschäftigung als Sklavenarbeiten auf Plantagen überhaupt nicht zu finden ist. Es ist nur ein Beweis dafür, daß der stets reiselustige und immer auf der Flucht vor seinen Verfolgern sich befindende russische Jude leider auch in London nicht seßhaft geworden ist, wenn der Answanderungsagent, Professor August Romas, bereits nicht weniger als 1000 Juden in seine Netze fangen konnte. Er verspricht ihnen leichte Arbeit, hohe Löhne, eigene Wohnung nebst Garten. Wenn sie durch ihre durchaus freie Arbeit in den Plantagen sich etwas Geld verdient haben, können sie selber Pflanzer werden. 400 solche Leichtgläubige haben sich nunmehr nach, der Höhle des Löwen, welche wohl einen Eingang, aber keinen Ausgang hat, eingeschisft. Der Agent gedenkt nun sich nach Rußland zu begeben, um daselbst den Fischfang engros zu betreiben. Hoffentlich werden unsere dortigen Glaubensgenossen sich noch rechtzeitig an die Geschichte der 500 polnischen Bauern erinnern, welche vor Jahren sich verleiten ließen, nach Sao Paulo auszuwandern. Der größte Teil dieser erfahrenen Landarbeiter ging im ersten Jahre am gelben Fieber zugrunde, während der Rest durch die polnische Rettungsgesellschaft in ihre Heimat zurückgebracht werden konnte. Frankreich. Paris. Ueber den Direktor des Printemps, Jaluzot, der infolge seiner Zuckerspekulationen fallierte, schreibt der bekannte Journalist Jules Cornely: Sein Modegeschäst brachte ihm Erfolg und er hatte alle möglichen Ambitionen und konnte sie alle befriedigen. Er ist Deputierter der Niedre. Er kaufte zwei n a t i o n a l i st i s ch e Blätter, die für die Vertreibung der Juden und Fremden propagieren. Bei der letzten Reise des Königs von England ließ er den König durch seine Blätter beschimpfen, seine Magazine aber vom Keller bis unters Dach dekorieren. Kaum ist's nötig beizufügen, daß er in der Affäre Dreyfus Leute unterstützte, die es unternommen hatten, die Wahrheit zu verheimlichen und einen Unglücklichen zu vernichten. Diese widerwärtige Unterhaltung hatte bezeichnenderweise die Gründung eines Konkurrenzgeschäftes durch zwei seiner Kommis im Gefolge, und in den engen Räumen der „Galeries La Fayette", die sich in nächster Nähe des „Printemps" austaten, drängt sich jetzt die Menge. Die Juden, die in dem Quartier sehr zahlreich sind, hatten das Zeichen zum Abfall gegeben, und man wird es verzeihlich finden, daß sie sich der Niederlage dieses Antisemiten freuen. Ich folge ihnen nicht auf diesen Boden und erblicke in der Begebenheit nur eine interessante Episode, welche zeigt: erstens im allgemeinen, baß die Franzosen brave kleine Jungen sind, stets bereit bei ihrer Regierung Schutz zu suchen, sodann im besondern, daß die Tugendprebiger die guten Ratschläge, mit denen sie ihre Zeitgenossen bedenken, nicht immer selbst befolgen. Rußland. Petersburg. Es ist ziemlich sicher, daß in der neuen Reichsduma auch den Vertretern des jüdischen Volkes Sitz und Stimme eingeräumt wird. Ob diese „Sicherheit" sich auch dann noch bewährt, wenn Witte die Millionen-Anleihe mit den jüdischen Groß-Finanziers abgeschlossen hat, bleibt abzuwarten. Petersburg. Ueber die Unruhen in Bialhstok. teilt ein Augenzeuge der „Russischen Korrespondenz" folgende Einzelheiten mit: Der 12. August war einer der schrecklichsten Tage in Bialhstok. Nachmittags um 3 Uhr hatte sich auf einer Straße eine Arbeitermenge angefammelt, um zu demonstrieren. Kaum hatte ein Redner begonnen, als Patrouillen herbeistürzten und die Polizei in Kenntnis gesetzt wurde. Beim Herannahen der Polizei stob die Menge auseinander. Als aber ein Soldat vor ihren Augen einen sehr angesehenen Arbeitervertreter niedergestreckt hatte, sammelte sich der Volkshaufe von neuem und begann die Patrouillen mit Steinen zu bewerfen. Es wurde auch eine Bombe geworfen, die indes keinen Schaden verursachte. Die Kosaken sprengten herbei und es begann eine regelrechte Schlächterei, die bis in die Nacht hinein fortdauerte. Die Einwohner behaupten, daß das Militär von oben den Befehl erhalten hätte, nach Gutdünken zu verfahren. Jedenfalls hat es von diesem Rechte den weitgehendsten Gebrauch gemacht. Die Soldaten trieben eine förmliche Jagd und schössen mit Absicht auf unbewaffnete Passanten, auf Frauen und Kinder. Tie Straßen Lapischanskaja und Suraschskaja sind mit Blut besudelt. Durchs die geöffneten Fenster wurde in die Häuser hineingeschossen. In. einem Hause wurde ein völlig unschuldiger Greis, ein Jude, beim Beten getötet. Es gab, wie man sagt, gegen 80 Tote und 200 Verwundete. Tie meisten sind Juden, aber auch nicht wenige christliche Arbeiter sind darunter. Die meisten Toten und Verwundeten haben an der Manifestation nicht teilgenommen. Derselben Duette zufolge sind telegraphische Nachrichten aus Bender, Witebsk, Pinsk und Kowno eingetrosfen. die übereinstimmend über Vorbereitungen zu regelrechten Judenmassakres berichten, die dort von der „Schwarzen Bande" getroffen werden. Xtschinew. Im benachbarten Rischkanowko fand ein Progrom statt, bei dem laut dem „Bessarabetz" acht Juden getötet und viel jüdisches Hab und Gut zerstört wurden. Nur der „jüdischen Selbstverteidigung" ist es zu verdanken, daß die Sache noch so glimpflich abgelaufen ist. Wilna. Der .Hasman" veröffentlicht folgende kaiserliche Verordnung: Jüdische Handwerker und Handwerksgehülfen dürfen sich fortan außerhalb des Ansiedelungsrayons aufhalten. Das Verbot, außerhalb des Ansiedlungsrayons sich aufzuhalten, hat nicht bezug auf Apothekergehülfen, Dentisten, Wundärzte, Hebammen, ferner auf Steinhauer. Tischler, Maurer, Gärtner und Erdarbeiter. All' diesen ist es nur solange erlaubt, außerhalb des Rayons zu wohnen, als sie ihrem Berufe nachgehen. Die Polizei wird angewiesen, strengstens darauf zu achten, daß dies befolgt wird. Rumänien. Bukarest. Endlichgehen den rumänischen Politikern die Augen auf, und sie erkennen, daß sie mit der Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung dem Baterlande einen schlechten Dienst erwiesen haben. Während durch die seitens der rumänischen Regierung gegen die Juden geübte systematische Bernichtungspolitik mehr wie 60000 Juden — lauter kräftige, arbeitsame Leute, die kein anderes Vaterland als Rumänien kannten — zur Auswanderung gezwungen wurden, ließen sich an deren Stelle Griechen als Kaufleute, Dorfwirte, Gutspächter häuslich nieder. Obgleich verschiedene bekannte Antisemiten in ihren Schriften wiederholt festgestellt haben, daß die Griechen die Bauern auf's Schlimmste ausbeuten, zogen sie doch daraus keine Konsequenzen und hetzten gegen die Juden weiter. Tie Bevorzugung der Griechen ging so weit, daß, während Juden von den Kammern stets mit der Forderung der Bürgerrechte zurückgewiesen wurden, die Griechen dutzendweise das rumänische Bürgerrecht erlangten, ja, bereits in ihrer ersten Generation als Abgeordnete, Bürgermeister usw. die Geschicke des Landes zu leiten berufen wurden. In einer liberalen Kammer befand sich ein Abgeordneter aus Galah, ein Herr Sekiaris, der noch nicht einmal die rumänische Sprache erlernt hatte, und es. sollen sehr viele angesehene rumänische Politiker, die, wenn nicht der rumänischen Sprache unkundig, doch es vorziehen, unter sich und in ihren Familien griechisch zn sprechen. Diesen Griechen wurde die Erwerbung der bürgerlichen Rechte dadurch erleichtert, daß sie — wie der hochoffiziöse „Conservatorul" selbst konstatiert — auf Grund falscher Atteste als Kntzowalachen sich ausgeben und derart die Vorteile ausnutzen, die ein Absatz der Verfassung den Rumänen, die nicht rumänische Staatsbürger sind, bei Erwerbung des Bürgerrechtes gewährt. Dieser selbe „Conservatorul" findet jetzt sein Herz für die Juden wieder. Er hebt hervor, daß die Juden wohl ihre Fehler hätten, was ja niemand bestreitet, daß sie aber doch gute Patrioten seien, die im Lande bleiben und zur Vermehrung des Wohlstandes und des Fortschrittes desselben im Gegensatz zu den Griechen redlich ihr Teil beitragen. Ob danach zu erwarten ist, daß man den Juden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen wird, ist ftaglich. Ein Schritt zur Besserung erscheint aber getan, und viele von den Antisemiten aller Nüancen im Lause der Jahre verbreiteten Jrrtümer — sonderbarerweise sind hierzulande die eingewanderten Griechen die eifrigsten Judenhetzer — sind jetzt von der öffentlichen Meinung als Jrrtümer erkannt worden. Amerika. Philadelphia. Der hier vor einigen Wochen ver» storbene Moses A. D r o p s i e hat nicht weniger als 160 000 L st r. — 3Vt Millionen Mar k zur Errichtung einer Anstalt für das Studium den Bibel und der hebräischen Literatur hinterlassen. Ms Sohn armer Eltern 1821 in Philadelphia geboren, arbeitete Dropste zunächst in einem Kontor für die Uhrenbranche, um sich später dem Studium der Jurisprudenz zn widmen. 1856 trat er an die Spitze der Antisklaverei-Bewegung und leitete als Abolitionist den Wahlkampf der Republikaner in Pennsylvanien. Obgleich so mit politischen Organisations- Arbeiten vollauf beschäftigt, nahm er dennoch an dem geistigen Leben seiner jüdischen Brüder lebhaften Anteil. Er war Verwaltungsmitglied fast aller jüdischen Wohltätigkeits-Bereine, einige Jahre hindurch auch Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Lebhafte Sympathien brachte er jedoch der jüdischen Literatur entgegen und betätigte dieselben, indem er jahrelang Vorsitzender der hebräischen Unterrichtsgesellschaft und hervorragendes Mitglied des „Grätz-College" war. Leider verlor er im Jahre 1890 gänzlichhas Migenlicht und war so genötigt, sich allmählich von jeder öffentlichen Tätigkeit, sowie von der Wirksamkeit als Rechts- Da er unverheiratet war, Teil seines Vermögens dem anwalt zurückzuziehen, .hinterlieh er den größten 'obengenannten Zwecke.

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