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Neue jüdische Presse · 1905-08-18 · Heft 32 (18.8.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 32 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Antwort unserer uichtziomstischcil Orthodoxen gespannt. * . * Die neu gegründete jüdisch-territoria- Ilstische Organisation entfaltet bereits eine rege Tätigkeit. Die Zentrale in Warschau hat eine starke territorialistische Agitation eingeleitet und mit der Bildung von Ortsgruppen begonnen. Zwei ausgezeichnete Redner, die dieser Organisation angehören, haben sich bereits auf eine große Agitationsreise nach England und Amerika begeben. Wir werden unsere Stellung zu dieser neuen Bewegung erst dann präzisieren, nachdem wir ihre Agitationsweise kennen werden. Im Prinzip treten wir jetzt wie zuvor für Mische Kolonisation auch außerhalb Palästinas Sin, natürlich betrachten wir diese erstrebten jüdischen Siedelungen aus autonomer Basis nicht als Endzweck, sondern als' Mittel, und die neue Organisation kann bei .der Entfaltung einer positiven Tätigkeit unserer Unterstützung sicher sein. Homeler Silhouette«. Skizzen von Tan, aus dem Russischen übersetzt von T. Bach. (Fortsetzung). Die Familie Wolkowitsch lebt in einer einzeln dastehenden Hütte, auf einer Anhöhe, beim Eingang in den Graben. Im Vergleichs zu den anderen zeigt dieses Wohnhaus ein fast aristokratisches Aussehen, denn es ist reiner und hat sogar einen Hausflur aus dünnen Latten. Wolkowitsch' Vater war Schuhmacher. Sein Bruder saß» als wir eintraten, auf einer breiten Bank und musterte ein altes Jacket. Er war ein Flickschneider, aber arbeitete nicht in einer Werkstätte, sondern zu Hause und verdiente nur vier Rubel wöchentlich. Das war ein Mensch von schwächlichem Aussehen, mit sehr mageren Händen und kurzem, schwarzen Bart, der die eingefallenen Wangen einrahmte. Seine großen Augen hatten «inen finsteren und zugleich traurigen Ausdruck. Solchen Augen begegnet man nur bei Schwindsüchtigen und bei Juden. Ich knüpfte ein Gespräch mit ihm an, aber er schwieg Hartnäckig. „Fragen Sie ihn, was er auf der Nowikowstraße getan hat," schlägt der jüngere Bruder lächelnd vor. „Ich will von nichts wissen!" fällt der Schneider schnell ein. Er sieht mich und seinen Bruder erschrocken an und zieht sogar instinktiv den Hals tiefer in die Schultern. Durch sein ganzes Aussehen erinnert er a!n einen Hasen, der aus einer Flinte schießt. „Wovor fürchten Sie sich?" versuchte ich ihn zu beruhigen. „Ich bin doch kein Untersuchungsrichter." „Wie kann ich das wissen?" entgegnete der Schneider eigensinnig. „Ich kenne Sie nicht und Sie mich, nicht; da, z. B., bei der Selbstverteidigung, waren Leute, scheinbar von den Unseligen, die aber am andern Tage ihre Kameraden für 3 Rubel per Kopf verkauft haben." „Lieber schweigen — wie das Sprichwort sagt — der Ochs hat eine lange Zunge, kann aber nicht sprechen — so ist es auch mit uns Juden." „Dü bist ein Narr!" sagt der jüngere Bruder unehrerbietig zu ihm. „Was versteckst Du Dich? . . . Ich sage Ihnen," fügt er in überführendem Tone hinzu — „er ist den ganzen Montag mit seinem Stock durch die Straßen gelaufen, wie ein Makkabäer." — „Schweige, Wahnsinniger," nimmt sich der Vater seiner an, indem er den Wiefel bei Seite legt. — „Dein Kopf ist verloren." Wir beginnen uns zu verabschieden und Schmul will wieder mit! uns gehen, aber aus dem Slebenzimmer sieht ein grauer Frauenkopf zu uns herein. „Schmul wohin?" fragt sie, „bleibe hier." „Ich will gehen," entgegnet Schmul und legt sich den Mantel um. Wer die Alte kommt in das Zimmer und ergreift ihn am Aermel. — „Es ist nicht nötig, bleibe hier," besteht sie darauf. „Iß mit uns Mittag, Mud." Ihre Stimme nimmt einen bittenden Ton an. „Wirklich, bleiben Sie zum Essen!" sagt Doktor Grack. Schmul.schwankt. Die Mte nimmt ihm den Mantel ab und hängt ihn über die Lehne des Bettes. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Auf der Straße ertönt Pfeifen und' Geschrei. Die Alte zuckt zusammen. — „Wieder diese Bande," sagt sie ärgerlich — „mail unterscheidet nicht mal, ob es Juden oder Raubmörder sind." „Uhu, 'Schmulik!" „Ich gehe," erklärt der junge Demokrat entschlossen, und stürzt, seinen Mantel umwerfend, auf die Straße hinaus. Eine Gruppe junger Leute lausen den Whang herunter und am Hause vorbei. Sie stampfen im Schmutze, wie junge Pferde, und bespritzen einander von Kopf bis zu Füßen. Es sind alles Handwerker. Einige pon ihnen tragen Arbeitsschürzen, andere haben schwarze, wie,nit Handschuhen bedeckte Hände. Es hat soeben 12 geschlagen und obgleich die Mehrzahl von ihnen in der Stadt neben den Werkstätten frühstückt, lausen diese doch nach Hause, um ihr Stück Schwarzbrot mit Zwiebel und Hering zu essen. — Sie beeilen sich, aber streiten und schreien laut auf dem Wege, mit den Händen gestikulierend. — „Das Klassenbewußtsein, die Aufgabe der jüdischen Arbeiter . ." „Uhu, SchmulikI" Ein flinker Halbwüchsling, kraushaarig, mit langer Nase, die Hände mit grüner Farbe, wie bei Wolkowitsch befleckt, läuft an der Anhöhe vorbei. Sogar die Spitze seiner langen Nase ist ein wenig mit der Farbe in Berührung gekommen. Er ergreift auf dem Gange einen Span und schleudert ihn gegen Schmulik. „Der Wirt läßt Dir sagen. Du sollst unverzüglich nach dem Mittag kommen, um die Türen nußfarben anzustrcichen." „Gut," schreit Schmulik, „ich werde nur zuerst essen." In ihm erwachte augenscheinlich der praktische Geist seines werktäglichen Lebens, der ihm sagt, daß der Arbeiter vor allen Dingen zu Mittag essen muß. „Uhu, Schmulik," — ertönt es aus der Ferne, „abends bei Motzka, vergiß es. nicht!" „Gut!" gibt Schmulik zur Antwort. Seinen Mantel schwenkend, verschwindet er hinter der elterlichen Tür, die er so ungestüm verlassen wollte. Die Mobilisation. Me Mobilisation dauerte schon den zweiten Tag. Me Quergasse vor dem Versammlungspunkt wimmelte von Reservisten; an den zahlreichen Pfosten waren grobe Bretter mit folgenden Aufschriften angcnagett: Artillerie, Infanterie, Schreiber, Gesellen. Ter Zutritt in diese Quergasse war nach, den für solche Fälle in Homel geschaffenen Vorschriften von einer Kette von Soldaten besetzt, welche die Passanten bald anhielten, bald sie nach einigen Unterhandlungen hineinließen. Aus der Quergasse herauszukommen, war viel schwerer und es kam dabei zu vielen Reibereien, die häufig mit 'Schimpfreben, Drohungen, ja sogar mit Faust- und Kolbenschlägen endeten. Auf der linken Seite bewegten sich einige Reitersigurcn hin und her. Tos waren Kosaken, welche zur Aufrechterhaltung der Ordnung während der Mobilisation nach Homel berufen worden waren. Sie wurden absichtlich an die engste Stelle der Straße postiert, dort, wo der nach, unten führende Whang die Breite der Quergasse um das Doppelte einengt. Bald hielten sie mit ihren stampfenden Pferden an einer Stelle still, bald ritten sie einige Schnitte in die Menge hinein, welche sie aus diese Weise veranlaßten, eilig auseinanderzuweichen, um nicht unter die Pferde zu geraten. Me Reservisten drängten sich je nach der Art ihrer Waffen, in Gruppen um die Wfschriften. Alles geschah in größter Ordnung. Man sah, daß das alles frühere Soldaten waren, bei welchen die Gewohnheit zur Msziplln beinahe unwillkürlich beim ersten Kommandowort, beim ersten Aufruf der Vorgesetzten, erwachte. Ein Offizier und zwei Schreiber riefen die Namen aus und machten, nachdem sie die Militärpässe kontrolliert hatten, ans der Brust eines jeden, wie auf einer Warenkiste, mit Kreide einen Strich. Der Militärkreisches, ein hochgewachsener, sehniger Mann mit langem, schwarzem Bart, ging geschäftig hin und her. Sein Gesicht war zornig, die Augen gerötet, wie nach drei schlaflos verbrachten Nächten. Me Mobilisation dauerte erst den zweiten Tag, aber die russischen Berwaltungsbeamten besitzen keine große Ausdauer in der Arbeit. Und dieser kräftige Nr 32. Mensch hatte nach dem ersten Arbeitstage solch ein verstörtes Aussehen, als ob er eine ganze Woche in den Schanzen zugebracht hätte. Box zwei Tagen hatten wir zusammen das, Fürstenschloß,' die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt, besehen, freundschaftlich die lateinischen Inschriften ans den Kopien der bekannten Raphaelschcn Fresken gelesen, aber jetzt erkannte mich der Oberst nicht einmal. Seine Aufmerksanikeit war auf eine Gruppe von Zuschauern gerichtet, welche sich auf der anderen Seite der Straße, gegenüber dem Sammelpunkt, aufgestellt hatten. „Seid Ihr hier znm Gaffen da," schrie er, „alle Zuschauer, fort von hier! . .." Plötzlich lies er an mir vorbei, stürzte sich auf eine junge Bäuerin -im weißen Halbpelz und packte sie am Kragen. „Tu Teufelsweib, wie koinnist D» hierher?" schrie er, indem er sic hin- und herzerrte. „Werft sie sofort hinaus!" Me Bäuerin antwortete nichts und schien nicht zu begreifen, worum es sich handelte. Ter Angriff war zu unerwartet; ihr Gesicht war kreideweiß vor Schreck. Zwei Soldaten packten sie unter die Arme und schleppten sie zum Ausgang der Quergasse. „Ich habe doch besohlen, daß man Weiber um keinen Preis hereinlasseii soll," rief ihnen der Krcischef nach. „Sag jenem Tummkopf, daß ich ihn in de» Karzer werfen werde!" Dieses letzte Schimpfwort bezog sich .augenscheinlich auf den Aeltcsten der Patrouille. Ich verließ den ungastlichen Ort und begab mich auf den Bahnhof. Um fünf Uhr abends sollte der. folgende Zug mit neuen Reservisten eintreffcn. Me Frauen, die man von dem ersehnten Platze verdrängt hatte, standen gruppenweise in jedem Winkel herum. Die Greise machten sich bei den Wagen zu schaffen, welche quer auf dem Wege standen, manche ohne Gespann, der Willkür des Schicksals preisgegebe». Niemand weinte und beklagte sich. Die Bauernmenge nahm das herausbeschworene Unglück sowohl hier, wie auch bei den verhängnisvollen Brettern mit den Aufschriften, ruhig, düster und schweigsam hin, wie den Wendnebek, der sich schnell über die Erde ausbreitet. Nur an der dritten Biegung - des Weges begegnete ich einer jungen Bäuerin, welche aus der Straße im Gehen laut weinte. Sie hatte ein vom Winde gerötetes Gesicht und große, hervorstehendc Zähne, und deshalb hatte es von Weitem den Anschein, als ob sie lache. Sie heulte laut, in Absätzen, als ob sie bellen würde und etwas flüssiges herunterwürgen müßte, dann begann sie von neuem zu heulen. Draußen taute cs, ihr Gesicht war naß von Tränen und vom Regenwctter. Auf dem Trottoir, unter ihren Füße»,!var eine Wasscrpfntze, und es schien mir, als ob sie diese Pfütze vollgewcint hätte. .... Dann ging sie weiter, und in der Quergasse wurde cs von neuem still und traurig. (Fortsetzung folgt.) Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. In den 14 Jahren von 1889 bis 1902 sind 1901 Juden zur evangelischen Landeskirche übergetreten. Mannheit«. Ein gewisser Rudolf Posner von hier gibt unter dem Namen „Israelitisches Volksblatt" eine neue Zeitung heraus, angeblichunter meiner „redaktionellen Mitwirkung'" Ich erkläre hiermit, haß ich zu diesem Blatte in keinerlei Beziehung stehe und bereits die nötigen Schritte getan habe, um dem Mißbrauch meines Namens entgegenzutreten. Rabbiner Dr. Unna. Saarbrücken. Folgen einer Mischehe. Eine jüdische Witwe auf Schloß Barr hat in ihrem Alter noch eine Mischehe geschlossen und es teuer bezahlen müssen. Der Roman aus dem Leben hat jetzt mit dem tragischen Ende seines Helden im fernen Amerika geendet. In de» Jahren 1896 bis 1899 diente hier beim Dragonerregiment Nr. 7 ein hübscher, intelligenter junger Mann namens Weibel. Nachdem er den bunten Rock ausgezogen hatte, kam er als Kutscher in die Dienste der Frau Dreyfus aus Schloß Barr bei Kolmar im Unterelsaß, einer reichen Fabrikantenwitwe, welche sich trotz ihres hohen Alters in ihren schneidige» Kutscher verliebte und ihn

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