Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 32 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Istttlitislhks familirnklntt. Frankfurt a. M.» Leiligkreuzgaffe 52, Ecke Klapperfeldstraße Gekefon 10507. -ww- HspanSgeSep: Kakg Hsis. <•-». — Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I - - ■—-—* ' - ' ' Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklainezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 3. Jahrgang. Freitag, de» 17. Aw 5665 (18. August 1905). Ro. 32. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Die jüdische Auswanderung. Die Woche. — Homeler Silhouetten. — Aus aller Welt. — Perso nalien. — Aus der Le hrerwelt. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Krisen. Erzählung von Jacob Levh. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Die jüdische Answaudernug. Wer die Verhandlungen des VII. Zionistenkongresses aufmerksam verfolgt hatte, dem mußte es eigenartig, erscheinen, daß während der siebentägigen Verhandlungsdauer der gegenwärtigen Lage des größten Teiles des jüdischen Volkes verhältnismäßig wenig Erwähnung getan wurde. Und das ist um so merkwürdiger, als doch das jüdische Volk in seiner Gesamtheit das politische Objekt des Zionismus bildet. Bei früheren Kongressen hatte man viel von der Gegenwartsarbeit gesprochen; — und vielleicht war es gerade die Einsicht von der Notwendigkeit einer großangelegten Gegenwartsarbeit im jüdisch-nationalen Sinne, die den verstorbenen Führer veranlaßt hatte, das llgandaprojekt aufs Tapet zu bringen. War aber die Notwendigkeit einer Gegenwartsarbeit nicht die alleinige Ursache, wodurch sich Theodor Herzl veranlaßt gesehen, mit der englischen Regierung wegen der Erlangung eines Territoriums zmn Zwecke jüd. Siedelungen sich in Verbindung zu setzen, so ist doch mit Sicherheit anzunehmen, daß sie eine der Ursachen war, die Herzl bewogen haben, dem Baseler Programm eine erweiterte Brechung zu geben. Mit der Ablehnung des Ugandaprojektes durch den VH. Zionistenkongresses, ist auch die Frage jeder groß angelegten Gegenwartsarbeit ausgeschaltet worden. Man begnügt sich mit Wiederholungen von heiligen Schwüren und Beteuerungen, daß man der Mutter Zion Treue bewahren werde. — Wix sind die letzten, die Zion untreuwerden, aber aus lauter Treue zu Zion, das jüdische Volk und sein Leid vergessen, wäre doch gar kläglich. Das politische Objekt des Zionismus ist das Volk, und wir wollen nicht Mittel mit Zweck verwechseln. Dem Volke gegenüber haben wir jüdische und allgemein menschliche Pflichten zu erfüllen, die breiten Massen der Nation dürfen nicht in Zweifel gehalten werden. In unserem Interesse liegt es, den Krim des Zweifels im Herzen des Volkes zu töten und auszurotten; aber das! gelingt uns nur dann, wenn es sich überzeugt, daß man seiner gedenkt und ihm in Stunden der Not hülsreich beisteht. — Palästina ist vor der Hand nicht zu haben, Uganda ist tot und aus Rußland wanderten im letzten Jahre mehr als 110000 Juden nach den überseeischen Staaten aus. Wenn man die ganze Abnormität dieser Massenauswanderung erkennen will, so vergleiche man sie mit der deutschen Emigration im Jahre 1881 und der italienischen Emigration im Jahre 1891; es ergibt sich dann,«.daß die höchste deutsche Massenauswanderung nach überseeischen Staaten bei einem 50 Millionen-Volk 221000 betrug und die italienische Emigration in ihrem Maximum 175 000. Die gewaltige Mnormität springt einen: in die Augen, aber die Abnormität kehrt zu wiederholten Malen wieder, bis sie zu „Normität" wird. Und diese traurige Normität können wir bei redlichem Bemühen in den Dienst dejüdischen Volkes und die Interessen des Judentums stelle». Diese gewaltige Massenemigration entbehrt bis jetzt jeder Ordnung und jeden Systems. Tie gequälten, gemarterten Juden in Rußland flüchten förmlich aus dem Lande der bestialischen Soldateska unter Zurücklassung von Familie und Gut in Rußland. Auf ihrer Flucht fallen sie den betrügerischen Agenten zum Opfer, müssen unzählige Strapazen erdulden, und oftmals wird ihnen nach solchen Entbehrungen das Landen verweigert. Im besten Falle tauchen sie in die Tiefen der überseeischen Ghettos New-Ports, Chicagos und Philadelphias, unter. Sie proletarisieren die dortige jüdische Bevölkerung, ohne sich selbst dadurch in einen besseren Stand gesetzt zu haben. Und das Ende der Tragödie? Die 100000 Juden, die aus Rußland jetzt jährlich austtmndern, werden durch denselben Ueberschuß von Geburten ersetzt, so, daß das Elend dort dasselbe bleibt, die Insassen der großen überseeischen Ghettos werden durch diese ständige Zufuhr in einer so gewaltigen Zahl proletarisiert und keinem Teile ist geholfen. So geht uns eine gewaltige Fülle von bestem Menschenmaterial verloren, ohne Aussicht, daß uns jemals Ersatz dieser verlorenen Menschen- und Volkskräste geboten wird. - Jeder wird die Folgen einer solchen wirtschaftlichen Mißbildung begreifen und, weil wir nicht zusehen dürfen, wie uns gewaltige Volkskräfte zu ihrem und zu unserem Schaden verloren gehen, ist es unsere jüdische und allgemein-menschliche Pflicht, da hülfreich einzugreisen, wo wir Erfolg sicher voraussehen. Diese abnormale und planlose Emigration muß geregelt und organisiert werden. Neue Emigrationscentren müssen geschaffen werden, damit der Bildung von znsammengepferchten Ghettos, ähnlich wie New-Pork, vorgebeugt werde. Da wir zunächst nicht über die nötigen Mittel verfügen, nur die Organisation der Emigration selbständig burchzuführeN und zu leiten und in Anbetracht dessen, daß es kein parteipolitisches, sondern ein jüdisches und allgemein-menschliches Unternehmen ist, so ist es unsere Pflicht, uns mit allen jüdischen Vereinen und Gesellschaften zum Zwecke der Organisation der Auswanderung in Verbindung zu setzen, um die erste Pflicht dem Volke gegenüber zu erfüllen. Daß auf dem Kongreß davon keine Rede war, ist ein Fehler, der nicht mehr gut. zu machen ist, wenn wir es aber unterlassen, wird es gleichbedeutend mit einem Ignorieren der elementarsten Volksinteressen sein. Genug mit Worten, auf zur Tatk Le Maitre. Die Woche. Jakob Schiff und Isaak Seligmann» angesehene Finanzmänner jenseits des Ozeans, konferierten mit Witte über die russischen Juden. Daß eine solche Konferenz überhaupt unter den gegenwärtigen Umständen zustande kommen konnte, ist in erster Reihe den Herren Jakob Schiff und Seligmann zu verdanken, die die Ausnützung keiner Gelegenheit versäumen, von der sie sich eine bessere Gestaltung der jüdischen Lage versprechen. Der Ministerpräsident des russischen Ministerkomitees und früherer Finanzminister Witte hat schon vor Fahren die wirtschaftliche Schäden erkannt, die in Rußland infolge der brutalen Judenverfolgung entstehen, und deshalb hat Wüte von jeher eine bessere Behandlung der russischen Juden befürioortet. Wir kennen auch die Herren Schiff und Seligmann in ihrem edelen Streben, ihren unterdrückten Brüdern zu helfen, und wir setzen daher unser Vertrauen in die Männer, die bei jeder Gelegenheit auf der Hut sind, wo es sich darum handelt, für Recht und Gerechtigkeit einzutreten. Wenn die Russen mit den Japanern in Portsmouth keinen Frieden schließen, vielleicht schließen sie einen Frieden mit dem jüdischen Volk? Dieses Ziel ist; nicht so weit, wenn man bedenkt, daß die Herren Schiff und Seligman» nicht nur den guten Willen, sondern auch die Macht — zur Erzwingung eines Friedensschlusses oder Waffenstillstandes besitzen. * Herr D r. K a r p e l e s, der Redakteur der mosseschen allgemeinen Zeitung des Judentum s läßt wieder von sich hören. Man sollte glauben, daß die zionistische Bewegung, wenn sie noch keine großen Resultate zu Tage gefördert, doch mindestens die Assimilation für einige Jahrzehnte paralysiert hat. Man sollte glauben, daß diese Verräter am jüdischen Volk jetzt nun in den Hintergrund treten werden, um bessere Zellen für die Verwirklichung ihrer Bestrebungen abzuwarten, man sollte glauben, daß sie uns jetzt mit ihrer Weltverbesserei eine Zelllang schonen werden, aber du irrst Brutus. Herr 2r. Karpeles kann nicht umhin, aus Anlaß des VII. Kongresses zu wiederholtem Male zu beteueren» daß er jetzt wie zuvor den Untergang des jüdischen Volkes wünscht. Noch mehr, er ruft die orthodoxe Judenheit mit ihm im Bund. Er schreibt: „Das davi» dische Reich, Zion, der Wiederaufbau des Tempels sind ihnen (den Orthodoxen) wie uns, nur Symbole für ein ideales Ziel, wie andere Religionen es auch haben. Ten besten Beweis hierfür gibt ja die Haltung nahezu der gesamte» jüdischen Orthodoxie über den Zionismus." Und weller: »Mir betrachten uns nicht länger als eine Nation, sondern als eine religiöse Gemeinschaft und erwarten daher weder eine Rückkehr nach Palästina, noch einen Opferdienst unter den Nachkommen Arons, noch die Wiederherstellung irgendwelcher auf einen jüdischen Staat bezüglichen Gesetze." .... Unsere Stellung zu diesem assimilatorischen Gerede. ist bekannt, wir sehen uns deshalb nicht veranlaßt, uns in eine Polemik mit dem Theoretiker der Assimilation einzulassen; wir sind aber aus die