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Neue jüdische Presse · 1905-08-11 · Heft 31 (11.8.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 31 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Str. 31. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Sette 3. nicht terrorisiert werden. — Möge die Majorität beschließen, aber die richtige Majorität! Keine Koalition der alten Oppositionen! (Großer Lärm.) Wir politischen Zionisten werden bas Basler Programm aufrecht halten, wir werden weiter arbeiten für die Realisierung des Zionismus, wir sind für den reinen politischen Zionismus, für den diplomatisch-politischen Zionismus, und wir werden weiter arbeiten, um öffentliche Rechte in Palästina und den Nachbarländern zu bekommen, auch wenn Sie heute das Ugandaprojekt zurückweisen. Josef Cowen beantragt, um der Minorität möglichst entgegenzukommen, eine Resolution anzunehmen, die England unter Ablehnung des Uganda- Angebotes wärmstens dankt und seine guten Dienste erbittet im Rahmen einer Kolonisation mit örtlichen Verwaltungsrechten in Palästina und seinen Nachbarländern. Leon behauptet, die Nichtannahme der Zang- Willschen Resolution bedeute das Ende der diplomatischen Beziehungen der zionistischen Organisation; .England habe in nobelster Weise eine gegenseitig nützliche Offerte unterbreitet und die Unterhandlungen mit England seien auf jeden Fall sortzusetzen. CHassan: Wohin soll die Auswanderung geHrn? In irgend ein eigenes, unabhängiges Land! Dem jüdischen Volk fehlt nicht Palästina; es fehlt ihm bloß ein Land. Palästina ist ungeeignet durch seine Regierung. Der Zionismus muß von dem Palästinaprinzip losgelöst werden! Der Antrag Hantke, Kalmus, baß über das Ostafrikaprojekt vier Generalredner beider Parteien spreche» sollen, wird angenommen. * * Samstag Abend — 9 Uhr 20 Min. — beginnt die dritte Sitzung des außerordentlichen Kongresses. B r i s k m a n n, der erste der Generalredner, klagt das A.-K. an, daß es den Beschluß des VI. Kongresses, eine Expedition nach Uganda zu schicken, nicht so ausgeführt habe, wie man es von Leuten, die von demokratischem Prinzip und Geist durchdrungen sind, erwarten müsse. Redner führt des weiteren aus, daß zur Lösung der Judenfrage in den Zionismus als Zentrum die soziale Frage der Juden, die wandern müssen, die aus Rußland noch wandern werden, die Frage der jüdischen Arbeitermassen gestellt werden muß. Dr. Tschlenow spricht die Hoffnung aus, daß bas, was England verstanden, auch die übrigen Völker verstehen werden, nämlich: die bisherige Methode, das jüdische Volk zu drücken und zu verfolgen, zu verlassen, indem sie einsehen, daß der beste Weg ist, dem Judenvolke zu einer Heimstätte zu verhelfen. — Zangwill habe gefragt, was wir antworten werden, wenn England uns ein größeres und besseres Land Vorschläge. Er, Tschlenow, erkläre im Namen aller Zione-Zionisten: Ein anderes Land dB Palästina wollen wir nicht. — Der Kernpunkt des zionistischen Programms laute, eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina zu schaffen. Denke man wirklich, daß man das ganze Volk, das auf allen Erdteilen zerstreut ist, wieder in einem Punkt versammeln werde? Das sei doch eine sehr weite Aufgabe, über die man vorläufig noch nicht einmal diskutieren könne. Unsere Aufgabe sei die, — eine Heimstätte für einen Teil des Volkes zu schassen, aber eine solche Heimstätte und in einem solchen Lande, daß sie die Lage des ganzen Volkes, aller seiner zerstreuten Teile, im Grunde ändern wird. Und als eine Metropole für das ganze Judenvolk, welche die politische Lage und das innere Leben des gesamten Volkes gründlich abändcrn könnte, gebe es nur ein Land, unser Palästina, unser historisches Land. Denn wenn wir uns vorstellen, daß wir nur einen Teil des jüdischen Volkes dort ansiedeln werden, so könne unserem Zwecke nur ein solches Land entsprechen, welches in den Augen des Judenvolkesj, wie auch der andere» Völker, die Autorität eines Zentrums des ganzen zerstreuten Judenvolkes besitzen wird. Auch Esra sei nur mit 1500 Familien nach Palästina zurückgekommen, und das jüdische Reich wurde mit dieser kleinen Zahl hergeftellt. In jedem andern Lande würde es nur eine Gruppe von Juden bilden, aber nie die Metropole, das Zentrum des Volkes. Und auch jetzt nirgends, außer in diesem einen Lande, könne ein Teil des Volkes die nötige Autorität in unfern und in fremden Augen bekommen. Al» Zweites komme hinzu: Das Bedürfnis des Jubenvolkes nach selbständiger nationaler Entwicklung, was wir nur dort erreichen können, wo wir nicht von starker Kultur umgeben sind, und am leichtesten dort, wo unser Bolksgeist seinen eigenen Boden findet, wo die Gegenwart mit der Vergangenheit in harmonische.Verbindung kommt. Schließlich müsse auch das Land eine solche. Attraktionskraft besitzen, daß die kollossal schwierige Aufgabe, die wir übernommen haben, gelingen könnte. Die Geschichte habe solche Präzedenzien nicht auszuweisen. Und bei unserer Lage, unserem Mangel an Mitteln und Kräften würden wir mehr als alle anderen auf solche Imponderabilien rechnen müssen. Herzl schrieb in einem Briefe an Baron Hirsch: „Glauben Sie mir, die Politik eines ganzen Volkes — besonders wenn es so in aUer Welt zerstreut ist — macht man nur mit Imponderabilien, die hoch in der Lust schweben. — Und wer damit nichts anzufangen weih, der mag ein vortrefflicher und nüchterner Manu sein und selbst ein Wohltäter im großen Styl; führen wird er die Menschen nicht, und es wird keine Spur von ihm bleiben." C h a s s a n: Die Landfrage ist unsere Lebensfrage. Wenn wir kein Land bekommen, degeneriert unsere Rasse. Das Objekt unserer Bemühungen soll nicht das jüdische Land, sondern das jüdische Volk >ein. Unsere Jugend sucht Arbeit. Politische und praktische Arbeit in Palästina schließen sich aus. Wir reden im Namen der ökonomischen Interessen. Alles andere ist Mystizismus und Romanik. Adolf Stand: Der jetzige Augenblick ist ein historischer. Zum ersten Male seit 20 Jahrhunderten wurde dem Bettlervolke der Juden etwas angeboten, und zwei Jahre später stehen wir vor einem noch schwererem Ereignis: zum ersten Male verbeugen 'wir uns nicht, sondern schreien laut in die Welt hinaus: Nein! — MS man unseren Vorfahren sagte, daß sie einen anderen Glauben annehmen sollten, gingen sie auf den Scheiterhaufen und sagten: Nein! Wenn man uns sagt, daß wir ein anderes Land annehmen sollen, sagen, wir frei und entschlossen: Nein! 2 r. Wunderlich erklärt, daß für seine Freunde nur eine Resolution annehmbar sei, die die Fortsetzung der Politik Herzl's und Zangwill'S ausspreche, welche Politik dahin geht, daß wir niit England, nach wie vor unterhandeln wollen, um von England zu erreichen, was Rordau das vorige Mal ein „Nachtasyl" genannt har. A b e r s o n spricht gegen das Ostasrikaprojekt, da es zum Antizionismus führe. 2 r. Stein spricht für das Projekt und verliest namens der Territorialisten eine Resolution, die auSspricht, daß die Majorität des Kongresses infolge Wahlbeeinslußungen usw. eine ungesetzliche sei und die Ostafrika-Expedition aus Mangel an Zeit und Fachmännern keinen genügenden Bericht erstattet habe. Nunmehr ist 5b>te Diskussion über Ostafrika geschlossen, und Herrn Percy Baker wird das Wort zum Bericht des Legitimationsausschusses erteilt. Der Bericht konstatiert, daß die Wahlen im allgemeinen gesetzlich und korrekt vor sich gegangen sind. 2r. Pietrowsky erklärt, daß — veranlaßt durch ein Flugblatt — politische Zionisten sich mit den Wahlen in Rußland beschästigt haben und nach eingehender Prüfung konstatieren müssen, daß insbesondere der Anhang ll s s i s ch k i n ' s die Delegiertenwahlen in Rußland durchaus ungesetzlich durchgeführt habe. Nach der Ablehnung zweier Beschlußanträge zur Debatte über den Bericht des Legitimationsausschusses sollen die Resolutionen über daS Ostafrikaprojekt zur Wsttmmung gebracht werden. Es erhebt sich ein furchtbarer Lärm seitens der Minorität, die die Sache verloren sieht. Vergebens bemüht sich der Vorsitzeitde die Erregten zu beruhigen. Während sich die Majorität fast ganz ruhig verhält, wird der Lärm immer heftiger. Ta erklärt der Vorsitzende — es ist 3% Uhr morgens — die Sitzung für geschlossen. Das Präsidinin entfernt sich, aber die »leisten Delegierten bleiben im Saale, wo die Lärmszenen durch Eingreifen vieler Galeriebesucher immer größer werden. Endlich nach fast halbstündiger Dauer hören sie allmählich auf. Infolge der Ausruhrszenen der vorangegangenen Nachtsitzung waren in der Sonntags-Bormittagssitzung die Galerieräuine gesperrt worden. Es wird mit großer Majorität der folgende Antrag des A.-K. angenommen: „l. Der VII. Zionisten-Kongreß erklärt: Die zionittsche Organisation hält an dem Grundprinzip des Baseler Programms, das „die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heinistätte für das jüdische Volk in Palästina" erstrebt, unerschütterlich fest und lehnt — sowohl als Zweck wie als Mittel — jede kolonisatorische Tätigkeit außerhalb Palästtnas und einer nächsten Nachbarländer ab. 2. Ter Kongreß beschließt: Der Regierung Seiner britischen Majestät für das Angebot eines Territoriums in Britisch-Ostafrika zum Zwecke der Etablierung einer jüdischen Siedelung mit autonomen Rechten den tiefgefühlten Dank auszusprechen. 'Nachdem eine Kommission zur Erforschung des Territoriums ausgesendet wurde und Bericht erstattet hat, beschließt der Kongreß, daß sich die zionisttsche Organisatton mit dem Vorschlag nicht weiter befassen kann. Der Kongreß nimmt mit großer Genugtuung die Anerkennung zur Kenntnis, welche die britische Regierung in ihrem Streben, eine Lösung der jüdischen Frage herbeizuführen, der zionistischen Bewegung zu Teil werden ließ und spricht die Hoffnung aus, daß ihr die guten Dienste der britischen Regierung auch dort zu Teil werden, wo zugleich eine Uebereinsttmmung mit dem Baseler Prograinm erzielt werden könnte. 3. Der VII. Zionisten-Kongreß bringt in Erinnerung und betont, daß laut Paragr. 1 des zionistischen Organisations-Statutes die zionisttsche Organisation diejenigen Jude,: umfaßt, welche sich mit dem Baseler Programm einverstanden erklären." Hiermit hat der außerordentliche Kongreß seine Erledigung gesunden. (Schluß in der Beilage.) Aus aller Welt. Deutsches Reich, Berlin. Mit welcher Dreistigkeit die russischen M ä d ch e n h ä n d l e r arbeiten, zeigt nachstehender Bericht des jüdischen (U. O. B. B.) Zweigkomitees in Hamburg an das hiesige Deutsche Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels: Ein Schuhmacher in der Zotriewer Gasse in Lemberg hat eine tSjährige Tochter namens Ehane, die die eine bekannte Schönheit ist. Diese verheiratete sich kürzlich mit einem Manne, der ihr große Geschenke an -Schmuck usw. machte. Einige Wochen nach der Hochzeit erössnete ihr der Mann, daß sie nach Südamerika gehe» wollen, wo er ein Geschäft betreibe. Sic, Chane, solle Möbel aus Abzahlung lausen, die er dann vor der Abreise weiter verkaufen wolle. Tie Frau, die nach galizischem Brauche nicht standesamtlich, sondern nur rituell getraut ist, weigerte sich!, beides zu tun, und holte sich bei ihrem Vater Rat, der, den wahre» Charakter des Mannes erkennend, sein Kind wieder zu sich nehmen wollte. Der „Ehemann" trat ihm jedoch mit der Waffe in der Hand entgegen. Chane entsloh nun und suchte im Hause des Vaters Schul). Darauf erschien eine bewaffnete Bande in dem Hause des Schuhmachers, um die junge Frau gewaltsam wieder zurückzuholen, jedoch wurde dies glücklicherweise durch das Eingreifen der Polizei vereitelt. Pier der gewalttätigen Burschen, Elias und Jsak Lezka, Jakob Krün und Trul Rosenseld, wurden verhastet. Tie Bier haben nach den gegen die Zuhälter gerichteten Unruhen in Warschau ihre Stadt verlassen. Breslau. Für die am Sabbat geschlossenen Geschäfte hat das Oberlandesgericht Breslau am 20. Juli d. I. eine wichtige Entscheidung getroffen. Die beide» Inhaber der Firma Wolfs Krimmer in Liegnitz, welche am Sabbat ihre Geschäftsräume und die damit verbundene Näherei für Kleider- und Wäsche-Konfektioit geschlossen halte», waren wegen Vergehens gegen die Gewerbe-Ordnung angeklagt, weit sie in den Winkerinviiaten 1904 in ihrer Wäschenäherei Arbeiterinnen ant Samstag nach ö1/.- Uhr beschäftigt hatten. Tie Firma stützte sich dabei auf die Kaiserliche Verordnung vom 31. Mal 1897 bezw. 17. Februar 190-1, welche für Werkstätten der Kleider- und Wäsche-Konfektion die in der Gewerbe-Ordnung festgesetzte Arbeitszeit erheblich ausdehut. Tie betreffende Verordnung stellt nämlich in Paragr. 4 genau wie die Gewerbe-Ordnung int Paragr. 137 den prinzipiellen Satz auf, daß die Arbeiterinnen nur in der Zeit von 5'/-- Uhr morgens bis 81'.- abends

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