Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 31 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 öiantfuner ^caeunUDefi »>omilienoian. Ja .31. noch ein Ideal von Einigkeit im Verhältnis zum letzten Zionistenkongreß dargestellt haben. Darauf haben wir zu antworten: Der Vergleich hinkt vollständig; während sich die Polen um Dinge herumgeschlagen, die fast gar nicht mit den brennenden Fragen und Interessen des polnischen Volkes zu tun hatten, handelte es sich auf dem YII. Zionistenkongresse um die Beantwortung der elementar st en Fragen eines Volkc's, Las in seiner Mehrheit an den Wunden der Kuntokratie blutet und würden die Vertreter verschiedener politischer Ansichten anderer VMer in die Lage kommen, Fragen solcher Bedeutung zu beantworten, es käme nicht nur zur theoretischen Obstruktion, das Mittel eines jeden Parlaments, sondern auch zum Blutvergießen. Das nicht zu erkennen und noch diesen Kampf um das Befreiungswerk, der natürlichermaßen sich stürmisch zugetragen, zu ironisieren und zu bespötteln, dünkt uns zynisch und undemokratisch. Unsere freisinnigen Stammesgcnossen stellen ihre Menschenliebe und Demokratie in den Dienst der Serben, Bulgaren, Mazedonier und aller andern inferioren Völker, nur nicht in den Dienst der Interessen der Juden, ihrer Stammesgenossen. -O, traurige Ironie des Schicksals! Ls. Ungarischer Brief. Im letzten „Budapestcr Brief" ist von den Bestrebungen innerhalb der Pestcr ncologen Gemeinde, durch Gründung von konfessionellen Mittelschulen die allgemeine Entjudung innerhalb der Gemeinde hintanzuhalten, berichtet worden. Diesem an sich richtigen Streben, das bei geeigneter Handhabung und Richtungnahme Vieles zur Besserung des jetzigen traurigen und unwürdigen Zustandes bcizutragen vermag, kann ein Plan zur Seite gestellt werden, der von den leitenden Kreisen der Kultusgemeinde der zweitgrößten ungarischen Stadt ausgeht. Es hat dieser Plan dieselben Ziele im Auge, die auch der Pestcr Gemeinde die Gründung von jüdischen Mittelschulen nahelegt. Es handelt sich im obenerwähnten Falle um die Begründung eines jüdischen Konvikts in Szegedin. In dieser zweitgrößten Stadt Ungarns, der Metropole des ungarischen Tieflandes befinden sich 3 Konvikte, in denen Knaben und Jünglinge, die die dortigen zahlreichen Mittelschulen besuchen, Unterkunft finden, in denen ihnen leibliche sowohl, wie auch geistige Förderung zu Teil loird. Aus dem Berichte in Angelegenheit des neuzugründenden Kvnvikts geht es nun hervor, Laß diese 9 nichtjüdischcn Pensionate zum großen Teile von jüdischen Knaben und Jünglingen frequentiert werden. Die Folgen eines solchen Zustandes liegen denn auch auf der Hand. Stupideste Unwissenheit in allen Dingen, die die Religion und das religiöse Leben der Juden betreffen, ist nur die eine Folge dieses unmöglichen Zustandes. Außer diesem an und für sich genug traurigen Umstande bekommen die jüdischen Knaben und Jünglinge in Liesen Anstalten die verkehrtesten und verläumderischesten Tinge über ihren eigenen Stamm und über ihre eigene Religion zu hören. So kommt es denn, daß diese Jünglinge, wenn sie später auf die Universität kommen, voll Verachtung gegen ihre eigenen Volksgenossen sind und das Judentum, so cs ihnen nur im Geringsten hindernd im Wege steht, vollends abstreifen. Diesem Ucbel zu steuern, soll nun daselbst ein größeres jüdisches Konvikt errichtet werden, das bestimmt wäre, jüdische Frequentanten der dortigen Mittelschulen aufzunehmen. Ob dieses jüdische Pensionat die Aufgaben, die chm zustehen, nämlich den jungen Gymnasiasten und Realschüler» einen religiösen Fond für das Leben mitzugcben, auch erfüllen wird, mutz noch abgewartet werden. Das Eine darf aber hervorgehobcn werden, daß eine solche Neugründung einem sehr dringenden Bedürfnis entspricht, und daß sie von allen Freunden des Judentums und dessen Lehre begrüßt wird. Tie Akotive, mit welchen von den leitenden Männern die Notwendigkeit einer solchen Neugründung dargetan wird, werfen ein recht trauriges Licht auf die religiösen Zustände der Gemeinde Szegedin. Ter fortschreitende Zersetzungsprozeß in den religiösen Verhältnissen, an welchem der Radikalismus der geistlichen Führer nicht zum lleinstcn Teil die Schuld trägt, hat daselbst Früchte gezeitigt, vor welchen allmählich auch die kuragiertesten Verfechter und Helden der Neologie zu erzittern beginnen. Sic müssen es sich nun selber cingcstehen, daß, wenn cs auf dem vielgepriesenen Wege der „Aufklärung" so weiter gehen sollte, die geistlichen Lobrcdncr dieser „Aufklärung" überflüssig werden müssen. Tenn wie die Zustände i» diesen Gemeinden mm liegen, müssen sie dahin führen, daß der eine Teil der völlig religionslos ouswachscnden Jugend dem Judentum, das ihnen nichts den» die Ursache der Zurücksetzung bedeutet, den Rücken kehrt, der andere Teil hingegen, der diesen entscheidenden Schritt zu tun sich scheut, eine religiöse Leitung und Führung so ziemlich überflüssig finden muß. Tenn wozu eine Leitung und Führung in Dingen, von den die zu leitenden und führenden nicht die blässeste Ahnung besitzen. - Diese Erwägungen mögen cs gewesen sein, die den zwei größten neologen Gemeinden des Landes endlich einmal die Notwendigkeit vor Augen geführt haben, auf dem bis nun geschrittenen Weg cinzuhaltcn. Dieser Entschluß mag den betreffenden Kreisen nicht leicht gefallen sein. Bedeutet er doch die vollständigste- Negation und Tesavouicrung des bisherigen Systems. Das bisherige Leitmotiv der Institutionen der Neologie hatte das Endziel, das althergebrachte auszuinerzen. Was sie an Stelle des tradierten setzte, war dazu geeignet und darauf gerichtet, das Judentum fremden Kulten und Gebräuchen anzupasscn. Wie sie sich die Folgen dieser Entjudung aller jüdischen Institutionen, vorstcllte, ob ihr die vollständige Assimilation und das Aufgehe» der Judenheit mit Leib und Seele als Endziel vorschwebte, soll hier, wenigstens von allen Wortsühren der Reform, nicht entschieden werden. Die sich jetzt wahrnehmbar machende Frontänderung der Neologie läßt darauf schließen, daß ihr die vollständige Loslösung vom Judentum nicht genehm ist. Ob cs der Neologie und ihren Wortführern mit ihrer Schwenkung nach rechts auch aufrichtig und ernst zu tun ist, werden die neuen Wege zeigen, die sie nun einschlagen will. Bor Allenr die Einrichtungen der beabsichtigten Neugründungcn; in wie weit der wahren, nicht verwässerten Religion und deren Bestimmungen ein Einfluß auf die kulturellen Institutionen eingeräumt werden wird. Tenn nicht di? jüdische Schule und das jüdische Konvikt an sich können der allgemeinen Destruktion entgegentreten. Der Geist in der Leitung dieser Anstalten allein kann die Wirkung bestimmen, die von diesen Anstalten ausgehen soll. Und soll eine Besserung in den traurigen religiösen Verhältnissen cintreten, so muß auch der Geist, der die Handlungen und Wege der Neologie bestimmte, eine Frontändcrung, eine gewaltige Schwenkung nach rechts vornehmen. Eine andere Frage ist es, ob es gelingen wird, den verfahrenen Karren wieder in einen irgendwie gangbaren Fahrweg zu bringen. Es ist schon viel zu lange der Weg der Entjudung beschrittcn worden; der Weg, der, wie es sich nun zeigt, zum vollständigen Lossagen vom Judentum führt. Es fragt sich daher, ob es der Neologie selbst für den Fall, daß sie den guten Willen dazu hat, noch möglich sein wird, die Geister, die sie heraufbeschworen, zu bannen. Tie große Pester Ncologengemeinde beabsichtigt nach dem Muster anderer Großgemeinden (Berlin, Wien, Breslau u. a.) eine jüdische Bibliothek einzurichten. Der Grundstock zu derselbe» soll durch Ankauf der sehr bedeutenden Bibliothek (Hebraica und Judaica) des kürzlich verstorbenen Rabbiners Tr. M. Kaiserling beschafft werden. Es ist dies umsomehr zu. begrüßen, da hiedurch doch einiges Interesse für das Judentum und seine Wissenschaft hervorgrrusen werden, kann, was bei den gegenwärtigen desolaten Zuständen in dieser großen Gemeinde auch schon als ein Schritt zur Besserung zu verzeichnen wäre. Der „Ungarische Handwerker- und Ackerbau-Ver-- ein" hat in seiner letzten Generalversammlung einen wichtigen Beschluß gefaßt. Tie Tätigkeit des Vereins erstreckte sich Zeit seines Bestehens vornehmlich au die Förderung des Handwerks unter den Juden, während ihm die Förderung des Ackerbaus bis nun nur in sehr kleinem Maße gelungen ist. Es liegt dies darin, daß es sehr schwer ist, ein ganzes Volk wieder einem Berufe zuzuführen, dem es gewaltsamer Weise entfremdet worden ist. Außerdem stößt die Ausbildung von tüchtigen Bauern insoferne auf große Schwierigkeiten, da hiezu eine große agrarische Versuchsstationnötig ist, die hinwieder mit immensen Kosten verbunden ist. Um aiber doch auch auf diesem Gebiete vorwärts zu kommen, hat nun die Generalversammlung, beschlossen, in der nächsten Zeit das Augenmerk auf einen bestimmten Teil der Agrikultur zu richten, und zwar die Gartenbauwirtschaft. Laut Beschluß der Versammlung soll eine größere Kolonie für Gartenbau errichtet werden, in welcher berufsgemäße Gärtner ausgebildet werden sollen. Unter den vielen Arten der Gartenkultur soll der Gemüse- und der Blumenkultur die größere Aufmerksamkeit zugcwcndet werden. Es ist auf diesem Gebiete ein Erfolg wohl zu erwarten und zu erzielen, da diese Art Gärtnerei durch intensive Kultur auf verhältnismäßig kleinem Areale möglich ist. Des Weiteren ist der Bedarf an den durch diese Gärtnerei zu erzielenden Produkten sowohl im Lande im Steigen begriffen, wie auch der Export an diesen Artikeln von Jahr zu Jahr wächst. Im Jahre 1304 betrug die Ausfuhrziffer an Gartcnprodukten 34V« Will. Kronen. Es ist dieser Beschluß von Wichtigkeit zu einer Zeit, da die Juden — speziell die auf dem Lande — durch die Macht der Verhältnisse, wie auch durch den Geschäftsantisemitismus aus ihren Lcbenszweigen expropriiert werden. Intensive Arbeit auf diesem ^Gebiete könnte einigermaßen der immer mehr zunehmenden Landflucht Vorbeugen, die weder den in die Städte ziehenden Juden noch dein Judentum im allgemeinen von Vorteil ist. Tie Zunahme der Bechäftigung mit alten Steten und Zweigen der Bodenarbeit, zu welcher die Juden Ungarns auch Eignung und Neigung besitzen, würde ihnen zuin größten Segen gereichen. F. Der HI. Ziomsten-Kongretz. (Schluß.) In der Freitag -Nachmittags-Sitzung polemisiert u. a. Shire als englischer Delegierter gegen Zangwill; die Zionisten seien zusammengekommen um zu denken und nicht, uin von ihren Geühlen zu sprechen. „Eben deshalb, weil wir Hunderttausende armer Leute haben, sind wir Zionisten; aber zu sagen, weil wir Hunderttausendc armer Leute haben, müssen wir das lleinste Projekt anuehmen, auch wenn nur wenig tausend Leute plaziert werden können, das ist einfach ein Spiel mit Worten." Zangwitl erklärt hierauf, man könne selbstredend das Landangebot nicht' annehmen, so nur 5000 Menschen angesiedelt werden können; wenn man deshalb dieses Angebot zurückweise und gleichzeitig aber von der englischen Regierung verlange, baß Jie ein größeres Territorium gebe und sie dann erklärt, cs nicht tun zu loollen, erst, dann fei die Sache erledigt und in jedem Falle die Ehre gewahrt; .— vorher nicht! Dr. Slouschz -Paris spricht zunächst über die Gruppe, der er angehört. „Me hat die Gruppe der politischen Zionisten das Basler Programm verleugnet, nie hat sie gedacht, einen anderen Zionismus zu haben! Wir sind mit Zion! Wir haben die Uganda-Frage nicht geschaffen, der Kongreß hat sie geschossen. Wir sind als Gruppe der politischen zionistischen Organisation vor den 11. Kongreß getreten; wir haben uns organisiert gegen die Kulturfrage, gegen den unwahren Demokratismus und gegen verschiedene andere Bewegungen, welche den großen Kongreß bedrohten. Wir sind immer auf dem Prinzip gestanden, daß der Kongreß das gesamte jüdische Volk vertrete. Ich erinnere Sie nur, wer hat die Frage der Kultur in das gegenwärtige Programm gebracht? Die Herren der Rechten! Wer hat die demokratische Fraktion geschaffen, die erste Gruppe im Zionismus? Die Herren der Rechten? Auf dem VL Kongresse wurde die Uganda- Frage geschaffen. Wir wußten nichts von Territorialis- (mus. — Was hat man mit bet Expedition getan? -Sie haben den Bericht gelesen. Das Klima ist gut, und verschiedene andere Bedingungen sind günstig. Hätte man einen Hafenzugang, so wäre das Land sehr geeignet. Es muß Klarheit geschaffen werden. Es muß etwas getan werden für eine Gruppe, welche 150 bis 160 Delegierte zählt, die immer treu geblieben sind. Diese Gruppe der politischen Zionisten darf