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Neue jüdische Presse · 1905-08-11 · Heft 31 (11.8.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 31 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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gtxan&fuxfev MMlitW» familiralilatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— KedaKtisil ««d Hefchafksstelle: Zrsnkfurl a. IR., Leiligkreuzgaye sr> Ecke Alapperfeldstraße T-refo« 10507. -HiW- , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 3. Jahrgang. Freitag, de« 10. Aw 5665 (11. August 1905). Ro. 31 Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Unsere Widersacher. — Ungarischer Brief. — Der VII. Zionisten-Kongreß. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Krisen, Erzählung von Jacob Levy. — Familiennachrichten. Unsere Widersacher. Tic Wege unserer Gegner sind gar mannigfach und verschieden. Während einige freisinnig-demokratische Zeitungen, wie die Mossesche und die Vossische den ganzen Umbildungsprozeß in der Judenheit völlig totschweigen und damit ihre ablehnende Haltung kundtun, ist die Sonnemannsche immer bestrebt, jedes Mißgeschick des Zionismus festzunageln. So machte es die Frankfurterin nach dem VI. Zionistenkongreß und auch nach Schluß des VII. Kongresses konnte sie es nicht unterlassen, über den Zionismus herzufallen. Tie Argumente, niit welchen sie den Zionismus tot zu machen glaubt, sind immer dieselben, jene'längst bekannten Prätensionen der jüdischen Assimilanten, daß das Judentum kein eigentliches Volk mehr bildet, sondern jn seiner Gesamtheit eine Anhängerschaft derselben Religion, beziehungsweise Konfession repräsentiert. Wenn jedoch dieses Argument das letzte Wort unserer Demokraten wäre, wenn sie nur kraft ihrer lleberzeugung von der Mchtexistenz der jüdischen Nation die zionistischen Bestrebungen bekämpfen würden, dann wäre ihr Kampf gegen uns weniger gefährlich und von knapper Bedeutung. Tie Tatsache aber, daß man gegen uns mit einem zweischneidigen Schwerte ficht, man uns zuerst an maßgebenden Stellen chikaniert, verhetzt, verleumdet, unsere Pläne durchkreuzt, unser Vorhaben vereitelt und uns nachher der lltopisterei zeiht, darf nicht verschwiegen werden und muß ein für alle mal klargelegt werden. — Ter Zionismus hat trotz der kurzen Spanne Zeit seiner Existenz große Momente erlebt. Zuweilen schien es, als habe bereits die Stunde der Verwirklichung der zionistischen Ideale geschlagen. Kurz vor dem V. Zionistenkongreß weilte Herzl auf besondere Einladung des Sultans in Konstantinopcl. Tie Verhandlungen zwischen dem zionistischen 'Aktionskomitee und der türkischen Regierung betreffs Erlangung guter, für den Zionismus annehmbarer Konzessionen in Palästina waren im Gange, ein günstiges Resultat dieser Verhandlungen war auf Grund des Tatbestandes vorauszusehen. Nun geschah das Merkwürdige. Tie Verhandlungen haben kein Resultat zu Tage gefördert. Nähere Erkundigungen über die Ursachen dieses Mißerfolges ergaben, daß unsere wohlbestallten demokratischen Stammesgenossen die Wege unseres großen Führers durchkreuzt haben. Tie Hintermänner der Alliance israelite universelle*) haben an maßgebender Stelle den Zionismus verhetzt, keine Mittel gescheut, um den Zionismus in den Augen der türkischen Staatsmänner zu diskreditieren, *) Die Verantwortung für diese Behauptung müssen wir dem Schreiber überlassen. Anm. d. Red. und nachdem diese Herren aus Frankreich die theoretischen Vorarbeiten zur Untergrabung des Zionismus vollendet hatten, kamen die Börsendemokratcn mosaischer Konfession" und versetzten unserer Bewegung in der Pforte den letzten Gnadenstoß. Unsere stammesgenössischen Temokraten nennen 83 Prozent des Barbestandes der türkische» Reichsbank „dette publique" ihr Eigen, und ein kleiner Truck, den sie kraft ihrer Anlagen in diesem In stitut ausgcübt, genügte, um die arme Pforte mürbe zu machen. Als Herzl nachher infolge dieser Verhetzung seitens unserer freisinnigen Temokraten bei der Pforte vor der jüdischen Oeffentlichkeit abermals mit leeren Händen erscheinen mußte, da jubelte die demokratische Tonncmannsche und schrieb, daß es erstens kein. jüdisches Volk gebe, sondern Anhänger einer jüdischen Religion — dann sei der Zionismus eine Utopie und seine Bekämpfung eine Kulturaufgave. Tie Zionisten sahen schon in der Phantasie ein Groß-Palästina mit einem Zwölfmillionenreich. Tvch diese Phantasie werde Phantasie bleiben, nur schade sie den tatsächlichen Interessen des Judentums, denn es gebe viele humanitär gesinnte Leute, die sich infolge der nationalistischen Gelüste der Zionisten znrückschrecken und ihre Unterstützung für jüd. Siedelungen versagen. — Taß ein Groß-Palästina mit einem Zwölfmillionenreich vorläufig eine Phantasie ist, wissen unsere Demokraten am besten. Sie haben bei der Pforte dafür gesorgt, daß der Zionismus nicht zu schnell sein Ziel erreiche. So weit mit der praktischen Politik unserer Demokraten und Freisinnigen. Anders ist es mit ihrer Theorie bestellt. Nach ihrer weisen historischen und soziologischen Einsicht existiere keine jüdische Nation mehr, sondern die Judenheit setzt sich aus verschiedenen Völkern» Nationen und Natiönchen zusammen, und besitzt von ihrer ganzen Vergangenheit nur dieselbe Religion. Ms Beweis für diese Behauptung wird angeführt, daß die Juden in allen Ländern, in denen sie leben, bereits assimiliert seien. So steht geschrieben in der Frankfurter Zeitung Nr. 230 vom 29. August 1003. Tie ganze Lächerlichkeit dieser Behauptung bekundet ihre Unwahrheit. Jn Rußland leben sechs Millionen Juden, die zum größten Teil nicht einmal die Landessprache verstehen, leben völlig abgesondert von der einheimischen Bevölkerung. Tasselbe gilt von Rumänien, Galizien, Ungarn und den 700,000 Juden in Newyork. Mit Ausnahme eines kleineren Teiles feiger Ausreißer sind noch die westeuropäischen Juden in ihrer großen Mehrheit, trotz aller Assimilierungsversuche Juden mit jüdischem Ritus, jüdischer Tradition geblieben. Und trotz dieses Tatbestandes erkühnt sich Herr Gerson, die Behauptung auszustellen, alle Juden seien assimiliert. Tas bekundet am besten, von welchem Haß gegen das jüdische Volk diese Herren durchtränkt sind. Taß die zwölf Millionen Inden auf Grund einer Behauptung des Herrn Gersons nicht als assimiliert und vom Weichbild verschwunden angesehen werden, braucht erst nicht gesagt zn werden. Solches antizionistisches Paktieren kann höchstens den Zweck haben, den Zionismus in den Augen unserer Mietvölker zu diskreditieren. Und weshalb tun es unsere jüdischen Temokraten? Ihnen liegt es daran, ihr Ausreißen zn bemänteln, ju idea tisieren. Aus Liebe zu ihrer „De mo kratie", zu ihrer sich e rz u stelle n d e n Po s i t i o n i n der Gesell s ch a f t müssen sie den Zionismus, die Regeneration des jüdische» Volkes bekämpfen und seinen Untergang herbe iz»führen suchen. Aus Liebe zn ihrer „Demokratie" sprechen sie das jüdische Volk tot und wolle» es unbedingt tot machen, wie jener altrustische Exaltados aus „Liebe" zu Menschheit den Einzelnen tötet. Kriminaloiden sind beide. Allerdings geben unsere stammesgenössischen Temokraten an, die richtige wissenschaftliche Ueberzeugung führte sie dazu, die Existenz der jüdischen Nation zn negieren. Wie es mit der ersten Behauptung unsere Wiedersacher, daß alle Juden bereits assimiliert seien, aussieht, haben wir soeben sestgestellt. Es ist hier nicht unsere Aufgabe, den Versuch einer Philosophie der jüd. Nationalität zn unternehmen. Tas ist schon öfters an anderer Stelle geschehen und wenn die Herren „Temokraten" für diese Frage wissenschaftliches Interesse bekunden, mögen sie in Tubnow, Achad Haam, Heß usw. Einblick nehmen. Aber eine Behauptung der Herren wollen wir nicht völlig unbeantwortet lassen. Me Juden, so argumentiere» unsere freisinnig-demokratischen Widersacher, weisen heute keine besondere nationalen Merkmale auf. Ihre nationale» Atribute münden in den Strom des Alltags-Lebens uüd sind daher nicht mehr als Nation zu betrachten. Aber nach welcher soziologischen Erkenntnis machen die nationalen Atribute die innerliche Wesenheit der Nation, die nationale Substanz ans? Sie übersehen, daß die jüdische Volksseele unter der Mnormität ihrer Existenz verkümmert und ihre innere Kraft nicht ausstrahten lassen kann. Tie Volksseele ist eine Substanz an sich und sumiert nicht aus dem Gesamtergebnis der Nation. Attribute. Unsere Gegner aber verwechseln, vielleicht trotz besserer Einsicht, Ursache niit Wirkung, und vermöge dieser groben Verwechslung glauben sie, ihre Geißel gegen uns nur so besser schwingen zn können. Ter Zionismus stellt in Summa die Forderungen und Wünsche der jüdische» Nation in ihrer Gesamtheit dar, ist gleichzeitig ein Protest.gegen seine Verräter und demokratisch-assimilatorischen Scharfmacher, die ihn untergraben wollen. Wie das Judentum und seine Existenz ein lebendiger Protest gegen das Christentum ist und daher der Antisemitismus in allen seinen Formen und Nüancen, so der Zionismus der schärfste Protest gegen die assimilatorischen Bestrebungen der nationalen Ausreißer und daher der Haß und die grimmige Wut unserer stammesgenössischen Temokraten gegen den Zionismus. Bon unseren freisinnigen Temokraten könnten wir noch auf Grund ihres Europäertums mindestens eine Scheinritterlichkeit verlangen. Auch das versagen sie uns. Im letzten Brandartikel der Sonnemann« schen gegen den Zionismus reißt sich Herr Gerson zur Behauptung hin, der polnische Kongreß müsse

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