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Neue jüdische Presse · 1905-08-04 · Heft 30 (4.8.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 30 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Serie 5. schließt sich, die Blitze erlöschen, die Fahnen verschwinden und die gekränkten Seelen ziehen zurück. So geschieht es Jahr um Jahr um Mitternacht, am neunten Aw. Aber nicht jeder Mensch ist würdig, dies mit seinen Augen zu schauen. Aber doch ist es so, bis der Tag kommen wird, wo die letzte Saite auf Ahasver's Harfe springen wird, dann. . . Aber es ist nicht erlaubt zu erzählen, was dann geschehen wird.; : . Krisen. Erzählung von Jacob Levy. (Fortsetzung). Weinberg und sein Schwager, die sehr beliebt waren, wurden sofort zur Stelle gezogen. Wje das üblich, begann einer mit der Frage: „Weinberg, wie geht's Geschäft?" „Schlecht, man muß sich plagen." Nußbaum, der einen Augenblick geschwiegen hatte, rief: „Man muß es verstehen!" Sein Nachbar antwortete spöttisch: „Deine Klugheit ist auch noch nicht so alt, daß Du mitreden darfst." „Gewiß, jetzt bin ich allein, jetzt verdiene ich Geld. Es hatte schon mancher einen Teilhaber, den er später als Biehtrciber genommen hat." Alles wurde still, die Männer blickten mißbilligend drein, man hörte ein kräftiges Pfui. Simon traten die Schweißtropfen auf die Stirn, er wollte sich erheben. Sein Schwager Hermann drückte ihn auf den Stuhl zurück und stand langsam auf. Er ging um den Tisch herum zu Nußbaum, faßte ihn mit eiserner Faust am Kragen, riß ihn in die Höhe und trug den um sich Klagenden und Beißenden die Tür Hinaus. „Sie gehören in keine anständige Gesellschaft, fort mit Ihnen." Am Tisch lachten alle und riefen Bravo. Nußbaum aber nahm seinen Hut und schrie: „Das wirst Du mir büßen!" Dann stürzte er fort. — Es war, als ob Nußbaum nach dieser derben Lektion die Lust verloren hatte, seinen früheren Teilhaber weiter zu schädigen. Hermann hörte nichts mehr von seinem gehässigen Walten. Er konnte wieder nutzbringende Einkäufe machen, der Stall am Hause blieb nicht leer. — Jetzt sah Mühmele Blümchen Nanni täglich. Sie hatte die beiden kleinsten Kinder Nanni's, die Lea und das Karlchen, jeden Tag bei sich, damit sie der Mutter nicht im Weg seien. Onkel Mordchen schalt allerdings über den Spektakel, ging sie aber gewissenhaft jeden Morgen holen und ließ sie den ganzen Tag nicht aus den Augen, bis ihre Mutter sie des Abends wieder abholte. Eben erzählte sie strahlenden Blicks der Mühmele Blümchen, wie sie morgens so frühl aufstünde, das Vieh besorge und wie sie aus der Milch von der melken Kuh soviel einnähme, daß sie solche vor der Hand nicht zu-verkaufen beabsichtigten. „Das ist schön," lobte Blümchen. „Und wie weit seid Ihr mit Euren Schulden?" „Wir konnten schon Verschiedenes decken. Es stehen auf unseren Ländereien noch einige Hypotheken von sechstausend Talern zusammen, diese werden wir jetzt nach und nach ablösen. Die Gläubiger drängen ja nicht, Hermann soll sich aber nicht immer für die Zinsen plagen. Ich arbeite ja mit, soviel ich kann, das Geld ist aber leider nicht so rasch verdient wie ausgegeben." „Das ist wahr, Nendelchen, Du plagst Dich rechtschaffen, und wenn Hermann wieder auf einen grünen Zweig kommt, hast Du Dein redlich Teil dran. Und schließlich habt Ihr Euch doch ohne Hülfe wieder in die Höhe gebracht." „O ein, Mühmele Blümchen, mein Bruder Simon hat uns unterstützt, und Herr Müller benahm sich auch sehr nachsichtsvoll gegen uns. Und Ihr, wie oft habt Ihr uns Geld zum Einkauf vorgestreckt, wir können Dir und Onkel nicht genug für das danken, was Ihr an uns getan habt." „Sei still, Nendelchen, das war nicht so bedeutend. Ich freue mich übrigens sehr damit, daß Ihr Uns heute nicht mehr in Anspruch zu nehmen braucht, denn jetzt würde es uns nicht mehr möglich sein. Mein Mann ist, wie Tu weißt, schon den ganzen Herbst nicht wohl. Jetzt sagt der Arzt, er dürfe im Winter nur bei gutem Wetter ein wenig spazieren gehen, aber das Herumlaufen, die Geschäftsgänge, seien ganz ausgeschlossen. Er soll sich nicht mehr anstrengen. Da er jetzt nichts mehr verdienen kann, müssen wir unsere paar Groschen sehr zusammen halten." Nanni sagte treuherzig: „Mühmele Blümchen, wir brauchen Gott sei Tank Eure Hülse nicht mehr. Und trotzdem seid - Ihr uns noch auf andere Art eine große Stütze, da Ihr unsere Kinder den ganzeil Tag bei Euch habt. Sie sind ja im Elternhaus nicht besser aufgehoben als bei Euch. Wenn aber Hermann etwas für -Onkel besorgen kann, so tut er es gerne, und ich — ich werde Euere Pestachkunden besuchen; dieses Geschäft soll Euch nicht verloren sein." - Onkel Mordchen trat ein, an jeder Hand ein Kind. Tie flogen mit einem Freudenschrei auf die Mutter zu. Ter alte Mann sah recht zusammengefallcn aus und setzte sich gleich aus's Sopha. . „Ja, ja, die Trabanten machen einem zu schaffen." „Onkel, Tu darfst sie bei dem kühlen Wetter nicht mehr hole», ich schicke sie Dir." „Ach was, ich hole sie. Glaubst Du denn, ich bliebe im Hause? Sobald meine Erkältung besser ist, gehe ich wieder den ganzen Tag meinen Geschäften nach." Seine Frau bat: „Mordchen, bleibe doch bei mir und hilf mir im Laden. Ich kann nicht mehr so die Kundschaft bedienen wie früher, das Wiegen und Messen strengt mich an. Nendelchen schickt die Kinder ja gerne." Mordchen brummte: „Nun ja, wenn Du nicht gut allein fertig wirst, darf ich gewiß nicht ausgchen. — Daß Du aber nur die Kinder schickst," schrie ec Nanni zu. Diese versprach es heilig, und dann entfernte [tc sich mit den Kleinen, ihnen erzählend, daß ihr ältestes Brüderchen Mäxchen sleißig mit seinen Aufgaben beschäftigt sei. — 9. Kapitel. Es war ein tolles Schneetreiben. Tie weißen Flocken wirbelten durch die Lust und senkten sich lautlos nieder, alle Unebenheiten ausgleicbcnd, alles Harte mit einen: weichen Polster bedeckend. Tie Straße von Laucha lag verlassen da. Ter Wald, in dem die Straße unfern Onkel Mordchens Hans mündete, sah durch de» stäubenden, verwirrenden Flockenvorhand drohend, finster aus. Kein Laut in der Natur, nur ein Rabe krächzte vom Dache eines leeren Schuppens. Desto gemütlicher war es im. Zimmer. Tante Blümchen strickte einen Kinderstrumpf, der Onkel qualmte aus seiner langen Pfeife. „Ein Wetter, man soll keinen Hund herauslagen. Da kommt kein Kunde, wir müssen unfern Zucker und Kaffee selbst verzehren," meinte Mordchen mit gutmütigem Spott. Ta öffnete sich die Haustür und Nanni stürzte in's Zimmer, schneebedeckt, mit bleichen, entstellten Zügen, im Hauskleid, ein Tuch, lose um den Kopf geworfen. An der Tür fiel sie auf eine» Stuhl. „Allmächtiger Gott, was ist passiert!" schrie die Tante? Nanni stammelte: „Jetzt ist das Unglück da. Nnß» baum hat alle Hypotheken angekauft und uns auf einen Tag, auf drei Monate, gekündigt. Wenn wir dann nicht zahlen können, wird uns das Haus und Alles verkauft — und dann müssen wir betteln gehen." Sie brach in krampfhaftes Schluchzen aus. Tie alten Leute waren sprachlos. Mordchen ging zu Nanni und wischte ihr mit zitternder Hand das Schneewasser vom Kleid. „Trockne Dich ab, Nendelchen, sonst wirst Du noch krank." „Was sagt Tein Mann dazu?" „Hermann kommt erst Freitag zurück, er weiß noch nichts davon." Sie fiel auf die Knie. „Onkel, Tante, helft uns, gebt uns die sechstausend Taler." Die Tante sagte milde, aber fest: „Nendelchen, es geht nicht. Wenn wir diesen Betrag, der fast unser ganzes Vermögen ausmacht, verlören, müßten wir alten Leute jn's Armenhaus gehen." Nanni murmelte: „Es ist wahr, ich sehe es ein." Mordchen riet: „Sprich mit Simon darüber, der hat einen Kopf wie Eisen, der wird helfen. Ihr habt ja noch ein Vierteljahr Zeit, da läßt sich schon vieles machen." „Ja, ich will mit Simon darüber reden. Es tut mir nur leid, daß Ihr durch inich immer Verdruß und Kummer habt." Sie entfernte sich und ließ die Alten in sehr trüber Stimmung zurück. Als Weinberg oon seiner Reise zurückkam, sagte er fröhlich zu seiner Frau: „Nanni, ich hatte eine sehr gute Woche." „Das nützt uns alles nichts, Hermann," und sie sing an zu weinen. Sie erzählte ihrem Manne das Vorgefallene — er war wie vom Blitze getroffen. „Ich wußte ja, daß er Geld hat. Und mit meinem Geld macht er mich unglücklich." Er stöhnte und vergrub die Hände! in sein Haar. „Was meint Simon dazu?" „Simon kann nicht helfen. Das Geld ist sehr rar. Müller ist auch nicht im Stande, uns das Geld vorzustrecken, da er aller Mittel für den Wolleiiikauf benötigt. Und auf Ackerland sind jetzt überhaupt keine Kapitalien zu haben." — „Hermann, was geschieht, wenn wir das Geld nicht äufbringen?" „Tann wird uns eben alles verkauft, was wir haben. Wir mieten uns ein Zimmerchen und ich nehme eine Stelle als Biehtreiber an," sagte er mit starrer Ruhe. Sie rief leidenschaftlich: /.Das wird nicht geschehen, so lange ich lebe. Ich schaffe Rat! Aber wie?" murmelte sie verwirrt und strich sich die Haare aus der Stirn. (Fortsetzung folgt.) Bo» einem Stein.*) Es liegt ein kleiner, schwerer Stein In jedes Juden Seele drein, Der drückt ihm schier das Herze ab Und führt die Freude früh ins Grab. — Will uns der Sturm zu Boden weh». Er hält uns. daß wir aufrecht stehn. Lockt uns ein Traum in die Wolkenbahn, Er drückt uns fest an die Erde an! — Und dieser Stein, der so viel Leid Uns bringt und so viel Traurigkeit. Mit so viel Kräften wunderbar. Liegt in uns mehr als tausend Jahr: Seit jener schwarzen Schreckensnacht, Ta unsre Tränen ausgcwacht, Und uns von aller Heimathab Nur blieb ein dorn'ger Wanderstab. Als, trotz'ger Feinde letztes Ziel, Ter Salemstcmpel sank, da fiel Vom sinkenden Tempel ein kleiner Stein In jedes Juden Seele hinein. Der drückt uns schier das Herze ab Und führt die Freude früh ins Grab. — Doch wenn einst der Tempelgriind erbebt Vom Frühlingswindeshauch umschwebt. Und uns des Ewigen Flammenhand Hinführt ins harrende Heimatland, Dann lassen die Steine die Trauerstatt, Die sie so lange geborgen hat. Und unter erwachtem Psalmensang Und Lnutenspiel und Gityithklang Fügt sich nun LeidenSsteiu an Stein Zum neuen Zionstempel ein. Das Buch Leviticus. Uebersetzt und erklärt von Dr. D. Hoffman». Erster Halbband Lev. I—XVII, Berlin, Verlag von Bl. Poppelauer, 1905, S. 478, Oktav. Bon Dr. Philipp Frankl. (Schluß). In Kap. 8 wird von der Kritik angenommen, daß der Bericht des Priesterkoder über das aaronitische Priestertuin nicht mit den Angaben der anderen Teile des Pentateuchs übereinstimme, nach welchen die Priesterbcrusung Aaron's wegen seiner Zugehörigkeit zum Stamme Levi erfolgt sei. Hosfmann führt nun eine Anzahl Beweise aus der Thora, auch aus den Teilen, die von der Kritik zu dem sogen. Priesterkodex gerechnet werde» und auch aus de» Propheten an, wonach Aaron als der Fürst des Stammes Levi zum Hohenpriester berufen worden ist (so Numeri 17, 16), was umso eher anzllnehmcn ist, da der Stamm Levi insgesamt als gottgeweiht auserkoren worden ist (S. 271—73). Die Erklärung des Textes, die der Verfasser bietet, erstreckt sich auf alles, was über diesen auch sprachlich sehr schweren Text zu bemerken ist. Es ist besonders die immense Belesenheit des Verfassers in der einschlägigen Literatur der „Thorat kohanim", Midraschim, Tosesta und beider Talmnde, die hier zu Tage tritt. Es wird da Wort für Wort und Vers für Vers nach der Halacha erklärt und auf die sprachlichen Schwierigkeiten hingewiescn und dieselben vielfach auch erklärt. Dazu gibt der Verfasser auch die Erklärung einzelner -Opferhandlungen, die natürlich nur auf symbolischem Wege möglich ist. So z. B. die „Semicha", das Stützen der .Hände auf den Kopf des Opfers seitens der Darbringer oder auch die Erklärung des Blutverbots (255—57). Aehnlich verfährt der Verfasser in dem zweite» Teile des vor uns liegenden Buches, in welchem er eine großartige Zusammenstellung des immensen Halacha-Stosfes bic- *) Aus Theodor Zlocisti „Vom Heimweg". Brünn, Verlag der Jüdischen Bolksstimme. Wir tragen eine alte Ehrenschuld ab, indem wir in dicken Blättern eines der feinsten unserer jungjüdischen Lyriker, Zlocistis, gedenken. Seine Gedichte haben reichen jüdischen Gefühlsgehalt, sie spiegeln Ärundanschauungen jüdischen. Wesens klar und scharf wieder, so die herbe Leidensempsindung des Golus, die erwachende Hoffnung auf Befreiung, das Bewußtsein der Vergänglichkeit alles Irdischen und der Beständigkeit unseres Gesetzes u. a. m. Will es auch manchmal scheinen, als ob der pressende Schmerz dem Dichter zuweiten die Lllft benimmt und den harmonischen Fluh der Verse hemint, so entfaltet er doch an anderen Stellen wieder eine so entzückende Freiheit und Helligkeit des Gemütsausdrncks, eine so behende Grazie der Form, daß wir sowohl um des jüdischen GesühlsgehalteS als um seiner anmutigen Darstellung halber, das zierliche Bändchen aufs Wärmste empfehlen können.

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