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Neue jüdische Presse · 1905-08-04 · Heft 30 (4.8.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 30 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitische- FamUiendlatt- Nr. 30. Worten des Trostes an die Leidtragenden und einem innigen Seelengebete für den Verblichenen schloß die ergreifende Grabrede. — Hierauf ergriff der erste Chargierte der „Salia", H e r r I. Frank, das Wort, dem Tahingeschiedenen einen warmen Nachruf zu widmen. Nach chm verbreitete sich ein Philister der „Salia" in kurzen Worten über die unvergeßliche Innigkeit, mit welcher der Verstorbene als Ehrcnphilister der „Salia" angehörte, wie er stets mit Rat und Tat der Verbindung zur Seite stand. Nachdem auch vom Sängervcrein Worte der Anerkennung und der Freundschaft gesprochen waren, trat der kgl. Direktor -der Musikschule, Herr Hosrat Dr. Kliebert vor, widmete mit Rührung und herzlicher Teilnahme einen kurzen Nachruf. Nach der Verrichtung der üblichen Gebete wurde der Sarg in das Grab gesenkt und so fand die Trauerfeicr ihren Abschluß. Max Heim war am 1. März 1853 in Marktbreit geboren als Sohn des dortigen Kaufmannes und späteren Eiscnbahnrats Heinrich Heim, der 1865 sein großes Eisengeschäft nach Würzburg verlegte, wo Max Heim das Gymnasium absolvierte. 1876 Teilhaber der Firma „Gebrüder Heim", übernahm 1886 Max Heim das Geschäft als alleiniger Inhaber, bis eres vor Jahresfrist krankheitshalber abgab. Sein Name wird in Würzburg als der eines Ehrenmannes unvergeßlich bleiben. Zürich. An der hiesigen Universität haben die Herren Karl Meier-Baden und Josef Weil- Randegg das medizinische Staatsexamen mit ausgezeichnetem Erfolge bestanden. London. Der König hat Herrn Herbert von Stern zum Baronct und Herrn Zivilingenicur Isidor Spielmann zum Ritter ernannt. Jsaac A. Jsaacs hat das Amt des Attorney General (Generalanwalt) im neuen Kabinett der australischen Föderation angenommen. An den Wassern Babylons. Von I. Steinberg. Nebersetzt ans dem Hebräischen von T. B. ' Als der -Feind die Kinder Israel »ach Babel vertrieben hatte, geleitete ein Chaldäer die Leviten zu den Wassern Babels, löste die Fesseln von ihren Händen, gab ihnen ihre Harfen zurück und setzte ihnen Speise vor. Aber die Leviten verschmähten das Brot aus der Hand ihres Feindes und faßen stumm am Ufer des Wassers; traurig schauten sie auf ihre Harfen und lauschten auf den Wind, der durch ihre Saiten strich und ihnen Seufzer entlockte, Seufzer der Sehnsucht nach ihrer fernen Heimat. Und heiße Tränen strömten aus ihren Augen und fielen in das Wasser des Flusses, aber sic blieben auf dem Wasser stehen und vermengten sich nicht init ihm und werden sich nie vermengen. — Tie Fürsten Babels, seine Großen und Satrapen sammelten sich um die Leviten, teilten das Gut, das sie in Jerusalem erbeutet, unter sich, veranstalteten ein Mahl von allen besten und köstlichen Speisen des Landes Israel und tranken den Wein des Libanon; als sie vom Weine trunken waren, sprachen sic also zu den Leviten: „Singet uns von euren Liedern, ein Lied von dem Siege unseres Heeres über eure Helden!" Es erhoben sich die Leviten und verbargen ihre Harfen in den Zweigen der Weiden; sie schnitten sich ihre Finger ab und sprachen also zu Len Fürsten, den Großen und Satrapen: „Euer Sixg ist kein Sieg und. die Dieder des Herrn sollen nicht eure Beute werden! Wie sollen wir das Lied Gottes auf fremdem Boden singen?!" Und es begannen die Schergen der Babylonier die Leviten mit Peitschen und Skorpionen zu züchtigen und drohten ihnen: ,^Venn ihr uns das Siegeslied nicht singet, seid ihr des Todes!" Da erhob sich eine zweite Schar von Leviten und sang ein Lied von dem Siege des Königs David über alle Völker: „Moab ist mein Waschbecken; auf Edom werfe ich meinen Schuh; über Philistäa jauchze ich!" Und am Schlüsse sprachen sie: „Gedenke, o Herr, den Kindern Edoms den Unglückstag Jerusalems, die da sprachen: „zerstöret, zerstöret es bis auf den Grund!" . . . Es> verdorre meine Rechte, wenn ich dein vergesse, o Jerusalem I Es klebe meine Zunge am Gaumen, wenn ich dein nicht gedenke!" Und die Schergen brachten einige von den Kindern der Leviten aus den Giebel des Daches und stürzten sic von da auf die Erde herab und sagten: „So ihr nicht von unserem Siege singen werdet, werden wir alle eure Kinder ausrotten!" Da erhob sich die dritte Schar der Leviten und sprach: ,Lu Zukunft wird Jakob Wurzel schlagen! Israel blühen und sprossen! Du aber Tochter Babels, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du an uns getan. Wohl dem, der deine Kinder packt und sie an dem Felsen zerschmettert!" So widerstanden die Leviten allen Versuchungen und wollten sich nicht unterwerfen und den Sieg ihrer Feinde zugcbcn! Sic wußten wohl, baß ein Tag kommen wird, wo ihre Kinder oder Kindeskinder — ein spätes Geschlecht aufstehcn und sich erheben und in sein Land zurückkehren wird; sie wußten, daß der Sieg des Feindes nur vorübergehend sei, wie der Sieg der Nacht über de» Tag. Und es war nur ein Levit unter ihnen, namens Ahasver, der war entweiht: seine Mutter war eine Jduinäerin; er ivar cin Vielfraß, wie seine Mutter und alle Jdumäcr. Auch seine Kinder waren so — sie konnten der Gewalt des Hungers nicht widerstehen. Um de» Preis eines Linsengerichts und eines Stückes Brot, das man ihm für sein Lebtag versprach, »ahm Ahasver seine Harfe und sang den Chaldäern ein Siegeslied. Aber obgleich er fröhliche Lieder sang und ihren Heldenmut pries, erinnerte er sich doch von Zeit zu Zeit des verbrannten Jerusalems und sein Herz wurde traurig; in sein Lied der Freude niischte sich Kummer und Schmerz. Und es geschah, sdah viele der Chaldäer vor Freude sprangen und sich vor Jubel ausgelassen gebärdeten;' viele von ihnen weinten und wehklagten, ohne zu wissen warum, bis sic von seinem Liede trunken wurden, sich gegen einander erhoben und sich totschlugen. Und viel chaldäischcS Blut wurde damals von Chaldäern vergossen. Dazumal wurde im Himmel über Ahasver folgendes Urteil verhängt: „Weil du deine Harfe entweiht hast, sollst du in die Verbannung gehen, du und deine Harfe. Wenn du von Freude singen wirst, werden die Menschenkinder Klagelieder vernehmen und weinen; wenn du wehklagen wirst, werden sie Jubelgesänge hören — und tanzen. Wenn du Anteil nehmen wirst an fremdem Leid, wird man von dir sagen: „Er freut sich über unser Unglück!" Wenn du dich mit ihnen freuen wirst, werden sic fragen: „Er trauert über den Sturz unserer Feinde!" Und mit deiner Harfe wirst du allen Völkern dienen und die Knochen unter ihren Tischen sammeln. „Aber weil du der Zerstörung Jerusalems gedachtest, als du den Chaldäern Siegeslieder sangst, wirst du die Tage des Messias erleben und die Leviten singen hören: „Schir hamalaus b'schuw Adannoj es schiwas Zion..." Aber den Leviten, die ihre Harfen nicht entweiht hatten, woUte man im Himmel ihre Tat mit großem Lohn vergelten, jedoch sie erhoben Einspruch dagegen und sagten: „Wir bedürfen keines Lohnes! Was lvir getan haben, taten wir aus freiem Willen!" Und Ahasver ging in die Verbannung. Er lebt noch bis auf den heutigen Tag, und wo er hinkommt, spiell er auf seiner Harfe. Er singt von der Zerstörung Jerusalems, er wehklagt über seine verwüsteten Berge und verlassenen Städte, er jammert über die Füchse, die ihre Beute im Tempel des Herrn verzehren. Die Menschen aber, die ihn hören, sagen: „Wie lustig spielt dieser da, wie fröhlich sind seine Weisen!" Und es versammeln sich um ihn alle, die einen Sohn oder eine Tochter zur Hochzeit führen, halten dort ihre Festmähler und fröhlichen Gelage ab, tanzen und jauchzen zu den Klängen seiner durchdringenden Klagen und werfen ihm die Knochen, die unter den Tisch gefallen sind, zu. Und bisweilen, wenn Ahasver der Pracht Jerusalems, der Fröhlichkeit seiner Straßen, der Vöger seiner Wälder und der klingenden Sensen seiner Felder gedenkt, wenn er sich der Gesänge in den Weinbergen, seiner stolzen Jünglinge und aller seiner Herrlichkeiten erinnert — dann überkommt ihn ein Geist der Freude und er spielt auf seiner Harfe das Stufenlied: ,Menn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird. . . wie freue ich mich, wenn man mir sagt, wir woUen in das Haus Gottes gehen." ... — Aber die Menschen, die ihn hören, sagen: „O Weh, wie jammert dieser Mensch! wie viel Schmerz tönt aus seiner Harfe!" Und aUe Trauernden bringen ihre Toten herbei, setzen sich zu Ahasver und beweinen und beklagen sie mit ihm und geben ihm vom Totenmahl zu essen. — Wenn er an den Leiden der Menschen Anteil nimmt, rufen sie ühm zu: „Geh deines Weges, Ahasver! Du freust dich unseres- Unglücks!" Und schön ist Ahasver, sehr schön, aber die Kinder fürchten sich vor ihm und rufen ihm zu: „3Bte garstig bist du!" ' Und klug ist Ahasver, sehr klug, aber die Menschen sagen von .ihm: „Ein Narr, ein Idiot ist dieser Ahasver!" Aber wenn er bisweilen närrisch tut, rufen sie: „So schlau ist Ahasver, wie ein Fuchs!" Und fremd ist Ahasver unter den Menschen; sie treiben ihn von Ort zu Ort, von Land zu Land. Den ganzen Erdball kennt er schon; viele Tote hat er mit seiner Harfe beklagt, viele Jünglinge zur Trauung geführt, er kennt die ganze Welt — aber keiner kennt ihn. Und schon sind aUe Saiten seiner Harfe zerrissen bis auf eine, die noch übrig ist. Auf ihr spielt er auf Hochzeiten und weint um die Toten. * * * . Aber die Harfen, die an den Weiden Babylons hingen, hängen heute noch dort, bedeckt von den Zweigen der Bäume. Schon viele Bäume sind verdorrt, schon viele Wälder verbrannt, aber die Weiden, auf denen die Harfen hängen, sie sprossen und grünen noch heute. Nicht den Tau des Himmels trinken sie, sondern Tränen; die Tränen der Beraubten, Verfolgten, Gehetzten führt ihnen der Wind jede Nacht zu und tränkt sie damit. Und einmal im Fahr zu Mitternacht am 9. Aw, wenn der zürnende Gott sich erhebt, auf den Himmel stampft und das Himmelsgewölbe sich spaltet und er Israel aufruft zur Trauer und zur Wehklage über die Zerstörung Jerusalems und die Verbannung seines Volkes — dann fährt ein Windstoß durch die Zweige der Bäume und berührt leise die Saiten der Harfen, daß sie erklingen in schauriger Weise, in ewiger Klage. Der Lebende, der sie vernimmt, muß auf der Stelle sterben, der Tote — zum Leben erwachen. Auch die Erde tut sich auf, die Gräber der Helden Israels öffnen sich und sie steigen herauf in geordneter Schlachtreihe: Joab mit seinem Heer, der Makkabäer und Bar-Kvchba mit ihren Heeren. Den Donner tragen sie in ihrem Munde'und den Blitz in ihren Augen. Schwerter blitzen.. . . Spieße funkeln . . . Fahnen wehen ... Note Wolken ziehen am.Himmel vorüber; das Blut Israels, das vergossen wurde, verdunstete in der Lust und wurde zur Wolke. Mißhandelte Seelen schweben durch die Lust. Und eine Donnerstimme ertönt und ruft: „Rache und Vergeltung? Mn Tag des Zorns! ein grausamer Tag kommt!" Weh den Geschöpfen, gegen welche diese ihre Hand erheben! Sie gehen . . . sie schreiten ... sie gleiten wie Schatten geräuschlos an den in Mondlicht getauchten Bergen vorbei... Aber in diesem Augenblick merkt dies der Satan; mit einem Flügelschlag schwingt er sich herab auf die Erbe; er sucht und findet Ahasver mit seiner Harfe auf Hochzeiten und Festmählern spielend. Ex ergreift einen Ton aus den Saiten seiner Harfe und bringt ihn zu den Wassern Babels, er vermengt diesen Ton mit den Klängen der Harfen und entweiht sie. Die Weise verstummt. Die Helden kehren in ihre Gräber zurück. Die Me tut sich zu, der Himmel

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