Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 30 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 3× ep/1000834
- Malbim 1× ep/1002711
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Nr. 30. Seite 3. Schattmannsdorf. Während des am 22. d. M. stattgefundenen Gottesdienstes in der hiesigen Synagoge schlug daselbst der Blitz ein; der Anwesenden, worunter sich viele Sommergäste aus Preßburg und Wien befanden, bemächtigte sich eine große Aufregung, doch wurde zum Glücke niemand erheblich verletzt. Rumänien. Bukarest. Anfang Juli haben die 25 Schüler der 4. Elementarschulklasse des Schulvereins „Cultnra" vor einer staatlichen Prüfungskommission ihr Examen abgelegt, und wie dies seit den ca. 12 Jahren des Bestehens dieser Schule stets der Fall war, wieder ausnahmslos alle die Prüfung glänzend bestanden. Gestern, Sonntag, fand ein Konkurs sämtlicher Prämianten der hiesigen isr. Volksschulen statt, an welchem sich die Schulen „Jacob und Carolina Löbel", „Reschith Taath", „Malbim" und „Cultura" beteiligten. Auch bei dieser Gelegenheit glänzte der Vertreter der Schule „Cultura", der kleine Kermisch, durch seine prompten und doch wohlüberlegten Antworten in rumänischer, wie deutscher Sprache, so daß ihm der Preis dieses Konkurses, ein Sparkassabuch über eine Einlage von 50 Ars. einstimmig zugebilligt wurde. Großbritannien. London. In China besteht eine alte jüdische Kolonie, die gegenwärtig aber in Auflösung begriffen ist. Nun plant nian in London die Gründung einer Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe machen soll, die Vergangenheit dieser Kolonie zu crsorschen und gleichzeitig Umschau zu halten, ob das chinesische Reich nicht auch noch andere jüdische Kolonien beherbergt. Bisher ist nur soviel bekannt geworben, daß jene Kolonie, die in der Stadt Kainfong-fu ihren Sitz hat, von einer Jesuitenmission, welche im 17. Jahrhundert nach China kam, entdeckt wurde, und daß in deren Forschuugsbericht die Mitteilung enthalten war, die jüdische Kolonie in China habe einstmals in großer Blüte gestanden, von der die prächtigen Synagogenbauten Zeugnis gäben. Diese sollen noch aus den Tagen Alexanders des Großen stammen. Aus der Entstehungszeit der Synagogen, sowie aus dem Umstande, daß die chinesischen Juden weder etwas von der Zerstörung des Tempels in Jerusalem, noch von der Geburt Christi wußten, zog die Jesuitenmission den Schluß, daß die Juden in China lange vor Christi Geburt schon ins „Reich der Mitte" cingewandert seien. Die heutigen Mitglieder der jüdischen Kolonie in China, die keine Rabbinen haben und bloß eine Art von Laieugottesdienst pflegen, tragen unverkennbar die Merkmale der Rasse an sich, Frankreich. Paris,den31.Juli. Judenhetzen in Persien. Die Juden in S ch i r a s hatten in den letzten Wochen unter heftigen Ausbrüchen des muhammedanischen Glaubensfanatismus Zu leiden. Aus ganz unbedeutendem Anlaß entfesselten mehrere Molla's (Geistliche) eine arge .Hetze gegen sie und versuchten, sie durch Einschüchterung jeder Art und offene Gewalttaten zur Annahme einer schimpflichen, sie kennzeichnenden Klcidertracht zu zwingen. Nach einem Bericht des Herrn Schouker, des Direktors der Allianceschulen in Schiras, vom IO. Juni, erfolgte am Sonntag Morgen, den 1. Juni) ein Ueberfall auf die friedlich im Bazar ihrer Beschäftigung nachgehenden jüdischen Händler. Ein Teil von ihnen wurde verwundet, vielen wurden die Hüte zerschnitten, die Kleider zersetzt. Trotz des sofortigen Eingreifens des englischen Konsuls, der sich, begleitet von seinen 6 bewaffneten Indern, mit Herrn Schouker in das Judenquarticr begab und trotz des Versprechens des Gouverneurs, die Schuldigen zu bestrafen, kam cs an den folgenden Tagen zu noch schlimmeren Aufruhrszenen. Am 6. Juni, gegen 3. Uhr nachmittags, wurden die Läden der Muhammedaner ans Geheiß des GroßmollaAgha Mirza Ibrahim geschlossen. Ten Gläubigen wurden alle Arbeiten untersagt, sie sollten also nur an die angefangene heilige Sache denken. Das war zugleich eine Art Absage an den priuzlichen Gouverneur, denn in Persien pflegt der Klerus die Läden schließen zu lassen, wenn er aus irgend einem Grunde eine Volkserhebung plant. Herr Schouker sandte an diesem Tage eine Depesche an das Zentral-Komitee der Alliance und begab sich mit seinem Gehilfen und einigen Söldnern ins Jndenquartier, wo er auch die Nacht zubrachte, um den Unglücklichen Mut einzuflößen. Schon bestürmten Tausende den Großmolla, das Zeichen zum Glaubenskrieg gegen die Juden zu geben, da schickte Se. Kais. Hoheit, der Gouverneur, der für sich selbst ärgerliche Folgen befürchtete, den einflußreichsten Würdenträger, KauwLin El Mulk, nach dem Bazar und ließ zur Oeffmmg der Läden auffordern. Neue Gerüchte wurden verbreitet: Man lehre in den neuen jüdischen Schulen den Koran. Um diese Lüge zu widerlegen, mußte der Gouverneur durch seinen Chefsckretär, obwohl dieser erst IO Tage vorher dem gesamte» Unterricht beigewohnt und ihm einen genauen Bericht darüber erstattet hatte, die Schulen nach Koranexemplaren durchsuchen lassen, natürlich vergebens. Die Verfolgungen ließen jedoch nicht nach. Am Abend vor denr Wochenfest ließ Agha Mirza Ibrahim im Judenquartier durch Anschlag bekannt machen, daß die Juden anstatt der Hüte von schwarzem Filz türkische Feze oder eine Art Mützen, die denen der Clowns ganz ähnlich sind, tragen sollten. Zugleich Frankfurter Israelitisches Familienblatt. erhielt Herr Sch.ouker den Besuch eines der fanatischsten Geistlichen, der ihn anfforberte, seinen Glaubensgenossen die Aenderung der Hüte zu befehlen. Auch redete der Besucher von dem angeblichen Kvranunterricht und hatte es überhaupt darauf abgesehen, auf der Stelle Händel anzufangen, wurde aber so höflich behandelt, daß er sich unverrichteter Sache znriickziehen mußte. Ter Direktor sandte eine Abschrift der Bekanntmachung an den Gouverneur und an den englischen Konsul,. Unter solchen Verhältnissen stocktejeglicheErwerbstätigkeitderJud c n, die vielfach aus geschäftlichen Gründen die Umgegend aufzusuchen pflegen, sich aber aus ihren Wohnungen nicht zu entfernen wagten. Not und Elend nahmen zu. Soweit der Bericht. Das Zeutral-Komitce der Alliance ließ auf die erwähnte Depesche hin eine Unterstützuugssumme von 1000 Frs. nach Schiras telegraphisch anwcisen und wandte sich an das französische Ministerium des Aeußeren mit der Bitte, durch Vermittelung des Vertreters in T eheran bei der persischen Regierung vorstellig zu werden, was auch telegraphisch geschah. Tie Antwort des französischen Botschafters in Teheran wurde in diesen Tagen dem Zcntral-Komitee mitgeteilr. Sie lautet: Tie Juden in Schiras hätten unter der Roheit der Fanatiker viel zu leiden gehabt, nun aber sei die Ordnung wiederhergestellt. Ter Botschafter äußert seine Sympathie gegenüber den dortigen Juden und gibt seinem Bedauern Ausdruck, daß sie so ungerechter Weise der Wut eines unwissenden und gegen sie aufgehetzten Pöbels anheimgefallcn wären. Er gibt sich der Hoffnung hin, daß dank seiner Intervention und derjenigen der anderen europäischen Bevollmächtigten, die sich ihm anschlossen (u. a. der englische und der italienische Botschafter), derartige Ausschreitungen nicht mehr stattfinden würden. Rußland. Ldeffa, 25. Juli. Alle fremden Konsuln in Odessa haben heute anonyme Warnbriefe bekommen, welche Mitteilung von einem gegen die Juden geplanten An f st and machen, welcher Freitag, den 28. d., nachts, ins Wer! gesetzt werden soll. In folgendem finden Sie die genaue llebersetzung eines solchen Warnbriefes, welcher in russischer Sprache abgefaßt und mit dem Hektographen kopiert ist. ,,Geehrter Herr Konsul! Nicht ohne Borwissen und Mitwirkung der lokalen Verwaltungsbehörden hat in der letzten Zeit in Odessa eine verschärfte Agitation für einen Angriff auf die Juden und die gebildeten Stände stattgcfunden. Zu bedauern ist, daß diese Agitation unter den Arbeitern, hauptsächlich aber unter den Soldaten, einen riesigen Erfolg hat. In den Proklanlativnen, welche überall heimlich verbreitet werden, ist der 15./28. Juli, nachts, als das genaue Tatum des Angriffs bestimmt. Angesichts der ungeheueren Erregung unter den Soldaten kann nian bestimmt Voraussagen, daß dieselben nicht nur den Ruhestörern keinen Einhalt tun, sondern daß sie sich selbst an die Spitze derselben stellen werden. Unter solchen Umständen können die Ruhestörungen ungeheure Timensiouen annehmen. Tie Sache kann damit enden, daß nicht nur die Juden und die Intelligenz von Odessa, sondern alte Bewohner, die F r e m den sowohl als die E i n h e i m i s ch e n, i u M i t l e i d e nschaft gezogen werden. Da es nicht in unserer Macht steht, mit eigenen Kräften unser Leben und das unserer Mitbürger zu verteidigen, bitten wir Sie, geehrter Herr Konsul, den Lokalbehördcn Vorstellungen zu machen, wodurch Sie einer schweren Katastrophe Vorbeugen können und sowohl Ihren Landsleuten als der ganzen Bevölkerung von Odessa einen großen Dienst erweisen." Unterschrieben ist das Schriftstück: „Eine Gruppe von Bürgern Odessas." „Wir haben den anderen Konsuln ähnliche Briefe gesendet." Natürlich haben die Konsuln weiter nichts machen können, als die Sache ihren Regierungen mitzutcilen; einige unter ihnen haben die Odessaer Behörden informiert. Da die jüdische Bevölkerung von Odessa die Zahl von 180 000, das ist ein Drittel der Gesamtbevölkerung, erreicht, so könnte ein Aufstand gegen die Juden schreckenerregende Dimensionen annehmen. Ldeffa, 30. Juli. Im Städtchen Ryschkanofla in, Süd-Rußland fanden Sonnabend und Sonntag blutige Jndenexzesse statt. Anlaß zu den Unruhen gaben Streitigkeiten zwischen Reservisten und einem jüdischen Händler. Tas ganze Städtchen wurde demoliert, den Bürgern wurde Hab und Gut geplündert. Tie Zahl der Opser ist noch nicht bekannt, soll aber sehr hoch. sein. Tie Polizei verhielt sich während der Exzesse vollständig passiv. Bjelostok. Nach Anhörung der Austrittserklärung aller vier jüdischen Stadtverordneten aus pem Bestände der Duma, beschloß diese einstimmig, ihr äußerstes Bedauern hierüber auszudrücken und bei der Regierung um Gleichstellung der Inden in den Rechten mit der Kernbevölkerung zu petitionieren. Australien. Neu-SLdwales. Berufsgliederung der Juden. Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1901 waren von den 6-147 gezählten Juden 3416 (988 männliche und 2428 weibliche) berufslose Angehörige von erwerbstätigen Personen. Diese letzteren zählten demnach 3031 Personen (2462 männliche und 569 weibliche) und waren ihrem Berufe nach beschäftigt: ml. wbl. Verwaltung. Rechtspflege und Polizei 46 0 Kirche, Erziehungswesen, öffentliche Gesundheitspflege 13-1 88 Häusliche und persönliche Dienste 94 92 Bankiers und Grundstückseigentümer 168 26 Handel mit künstlerischen und mechanischen Produkten 147 21 Handel mit Textilu. Bekleidungsstossen 209 39 Handel mit Nahrungs- und Genußmitteln 171 19 Handel mit animal, und vegetabil. Rohstoffen 28 4 Handel mit Mineralien 34 3 Sonstige Handelszweige 514 35 Spekulanten 33 0 Transport von Gütern und Personen 58 S* Kunstgewerbe 129 6 Textil- und Bekleidungs-Industrie 353 113 Nahrungs- Md Genußmittel-Jndustrie 67 9 Bergbau und Metallindustrie 43 0 Ban von Häusern, Wegen und Eisenbahnen 36 0 Ackerbau und Viehzucht 52 1 Rentiers 52 86 Unterstützung aus öffentlichen und privaten Mitteln 48 21 In Gefängnissen 9 0 In sonstigen Berufen 25 2 Ohne Angabe 12 2 2462 569 Personalien. Fürth. In der Trauerzeit des gesamten jüdischen Volkes um seine nationale Selbstständigkeit und um die Zerstörung seines Heiligtums wurde es wiederum um ein Heiligtum beraubt, indem Herr Löb Pfried, hier, in die Welt abberufen wurde, wo ihm der reiche Lohn für seine herrlichen Taten aufbewahrt ist. „Es ist schwerwiegender der Tod der Frommen als die Zerstörung unseres Heiligtumes", diesen Ausspruch unserer Weisen erwähnte der Schwiegervater des Verstorbenen, Herr Heimann, der an der Bahre des geliebten Schwiegersohnes einen ergreifenden Hesped hielt. Ganz Jisroel soll trauern um diesen Mann, der trotz seines jugendlichen Alters von 28 Jahren ein Ben thauroh war, wie er selten zu finden, speziell aber trauern die Familie Und zahlreiche Schüler des Verstorbenen, sowie die zionistisch Organisation, deren eifriger Anhänger er war und damit die zionistische Ortsgruppe Nürnberg-Fürth, deren Mitglied er gewesen. Bei seiner wahrhaften Frömmigkeit und überaus großen Torahkenntnis wollte er nicht unterlassen, mitzuarbeiten an dem heiligen und großen Werke der Erlösung Jisroels, wofür ihm hier der Dank ausgesprochen sei. 0. Würzburg. (Tod eines jüdischen Komponisten.) Am Mittwoch, den 26. Juli, bewegte sich ein außergewöhnlich großer Traucrzug durch unsere Stadt. Es galt, den allbeliebten Und weitgekannten Komponisten, kgl. Kommerzienrat Max Heim, zur Ruhe zu betten. 11m 5 Uhr nachmittags hatte sich eine stattliche Schar Leidtragender am Sterbehause eingefunden. Tie Würzburger Neuner spielten den von demBerstorbenenselbst komponierten Trauermarsch, der Sängcrverein, dessen treues, hochgeschätztes Mitglied Heini gewesen, trug das Lied „Ilm Friede" vor. In welch' hohem Ansehen der Verlebte hier stand, bewies die rege Teilnahme bei dem Leichenbegängnis. Hinter dem Leichenwagen, welchem sich die Leidtragenden anschlossen, folgte Herr Rabbiner Bamberger mit dem Vorstand der israel. Kultusgemeinde, Herr Bürgermeister Hofratvon Michel mit mehreren Magistratsräten, .Herr Musikschuldirektor H o fra t Dr. Kliebert, der Ausschuß des Verschönerungsvereins, die Neunerkapelle mit ihrem M u s i k d i r e k t o r H e r r n W i t t, die Studentenverbindung „Salia" mit ihren Chargierten und Philistern, der Sängerverein mit Fahnen und viele andere. Am Friedhof angelangt, hielt HerrDistriktsrabbiner Bamberger eine ergreifende Trauerrede. Er schilderte die vorzüglichen Eigenschaften des Verstorbenen, sowohl seine strenge Geschäftsreellität, liebevolles Benehmen und aneifernden Fleiß, als auch seinen seltenen Wohltätigkeitssinn und seine kräftige Beteiligung bei allen Vereinen und Institutionen zur Hebung und Förderung gemeinnütziger Zwecke und Ziele, endlich seine besondere Liebe zur Musik, die stets seine treue Begleiterin im Leben, seine Genossin im Dasein, seine Gefährtin bei allen Gelegenheiten gewesen. Ebenso wirkte er auch schöpferisch auf diesem Gebiete, indem er vielfache Kompositionen verfaßte, die sich alle des höchsten fachmännischen Urteils zu erfreuen hatten und ihm als Tonkünstler einen hochgeachteten Namen verschafften. Wohl ist seine Stimme für immer verstummt, deckt seinen Körper die kühle Erde, aber seine hervorragenden Tonleistungen werden immerwährend klar und hell, freundlich und liebevoll gehört werden, bei Leid und Freude, zur Erhebung und Erbauung wird der Name des Komponisten Max Heim in dankbarer Erinnerung bleiben. Mit