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Neue jüdische Presse · 1905-08-04 · Heft 30 (4.8.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 30 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Die Nachmittagssitzung des ersten Tages brachte nach Kornahme der Bureau-Wahl — Djr.Max Nordau, Präsident; David Wolffsohn, Dr. Alexander Marmorek, Ingenieur Tomkin, Dr. Kvhan-Bernstein und Sir Francis Montefiore, Vizepräsidenten; Ussischkin, Dr. Kvkesch, Dr. Tschlenow, Prof. Marburg, Dr. Friedenwald, I. Kann, Dr. Fassinowsky, S. Sinelcs, Gustav G. Cohen, Dr. Wormser, Clarence de Sola, Dr. Felice Ravenna, Beisitzer — zuerst den Bericht Oskar Marmoreck's über die zionistische Bewegung u. die Tätigkeitdes A-K. seit dem letzten Kongresse. Der Redner begann mit der nach stürmischen Debatten auf dem vorigen Kongresse genehmigten Annahme des Anerbietens Englands, dem jüdischen Volke in Ostafrika ein Territorium mit Selbstverwaltung zu überlassen, berührte die Charkowcr Konferenz, die so viel Verwirrung angerichtet und verweilte bei der Sitzung des großen Aktions-Komitees im April 1404, in wclchxr Herzl und das engere A-K. Gelegenheit hatten, die Anklagen der opponierenden Mitglieder des großen A-K. aus Rußland, die Gründe ihrer Beunruhigung und ihre Forderungen in präziser Form kennen zu lernen und dokumentarisch nachzuweisen, daß die Befürchtungen, es könnte das entzere A-K. Palästina durch Östasrika ersetzen, grundlos seien. Redner konstatiert das fortwährende Wachstum der Bewegung; dieselbe habe sich eine derart achtunggebietende Stellung in der jüdischen und nichtjiidischen Welt errungen, daß die Verdächtigungen, die früher dem Zionismus die größten Schwierigkeiten bereiteten, unbeachtet abprallcn und allmählich ganz verstummen. Ehrliche Bezweiflcr des Zionismus geben heute unumwunden zu, daß die glänzende Organisierung auf der ganzen Welt, die Sammlung der einzelnen Splitter, die früher hilflos dastanden, des Zionismus unleugbares Verdienst sei und daß derselbe für so viele unserer armen, im schwierigsten Kampfe um das Leben stehenden Brüder den einzigen Hoffnungsstrahl für die Zukunft darstclle. Ziehe man die furchtbare Situation-unseres Volkes in Rußland in Erwägung, so müsse die Zahl der aus Rußland eingegangenen Schekel unsere Bewunderung für die Opferwilligkeit der russischen Brüder erwecken. Jdl Rumänien hat sich trotz einer starken Auswanderung der Schekel des letzten Jahres gegen das Vorjahr um 50% erhöht. In Oesterreich ist die Lage des Zionismus zufriedenstellend; besonders in Galizien sind die Zionisten heute ein Faktor im öffentlichen Leben geworden, so gibt es dort heute fast keinen Kultusvorstand, in dessen Mitte nicht bereits Zionisten säßen. Auch in Ungarn und in Deutschland irimmt die Zahl zionistischer Vereine zu. Die kleine Schweiz hat 9 Ortsgruppen mit 1360 Schckelzahler und Belgien 7 mit einer Verdreifachung der Schckelzahler seit dem letzten Kongresse. In England, in Malten mit 12 Vereinen und 1200 Schckelzahlern, in Amerika und in Südafrika, überall entwickelt sich der Zionismus in gesunder Weise. Australien mit seiner 15000 Köpfe zählenden jüdischen Bevölkerung hat ßOOO Schckelzahler, und sogar in; Nagasaki, Ucddo, Shangai, Hongkong, Singapore und auf den Philippinen bestehen zionistische Vereine. Uuf dem 7. Kongresse sind 22 Staaten aller Weltteile durch Delegierte vertreten, deren Zahl trotz des verdoppelten Zensus größer ist als in den früheren Jahren. Aus außereuropäischen Ländern sind allein fast 100 Delegierte eingetroffen. Redner geht?mn von den materiellen auf die ideellen Erfolge der zionistischen Bewegung über. Ihr ist es zu verdanken, daß die Juden Rußlands sich nicht mehr wehrlos und geduldig wie Schlachttiere hinmorden lassen, sondern mutig und kühn sich gegen die überwiegenden Angreifermassen zur Wehre setzen. — Die errungene Position des Zionismus zeigt sich auch darin, daß sich bereits politische Parteiungen und Gruppierungen in ihm bilden. Das A-K. hat den Fraktionierungen die möglichste Freiheit und Unterstützung angedeihen lassen, unter der Voraussetzung, baß das Basler Programm das gemeinsame feste Fundament sei, auf denen sich die Sonderrichtungen aufbauen können. Das A.-K. hat von diesem Gesichtspunkte ausgehend, der Bildung einer Misrachi-Partei alle Förderung angedeihen lassen. Dem Versuch derselben aber, neben den Lanbes-Organisationen sich als Organisation in der Gesamt-Organisation zu bilden, sein Veto entgegengestellt. Frarcksurter Israelitischer Familienblatt. - Nach Marmorek betritt Ussischkin die Tribüne und schlägt eine Resolirtion vor,' die ansspricht, daß der VII. Kongreß erklärt, er lehne in Verfolgung — sowohl als Zweck, wie als Mittel — des Grundprinzips des Basler Programms jede kolonisatorische Tätigkeit außerhalb Palästinas und seiner nächsten Nachbarländer ab und bringe in Erinnerung, daß laut 8 1 des Statuts die zion. Organisation nur die Juden umsaßt, die sich mit dem Programme des Ziouistenkongresscs einverstanden erklären. Dr. Nord au eröffnet jedoch als vorangehend die Diskussion über den Bericht des A.-K. D r. N o s s i g begrüßt die in der Leitung eingetretene Wendung, wodurch eine Palästina-Kommission Tatsache geworden und Nationalfonds und Kolonialbank endlich begannen, in Palästina zu arbeiten. Nachdem das Ostafrika-Projekt gegenstandslos geworden, bleibe dem Zionismus nichts anderes übrig, als durch Palästina aus dem Wege eines systematischen, wirtschaftlichen und politischen Vordringens sein Ziel zu erreichen. D r. S y r k i n wendet sich gegen Ussischkin^ Dieser, dem so manches bei der veränderten Situation gelungen sei, habe einen Staatsstreich zu machen versucht; glücklicherweise sei es ihm nicht gelungen, so ohne weiteres eine große Strömung im Zionismus, die so alt ist wie der politische Zionismus, zu hintertrciben. S ch a b o t i n s k y verlangt als politischer Zionist, daß der Zionismus alle Interessen des jüdischen Volkes umfasse. r Krcmenetzky: Das wichtigste Mittel, uni unsere Sache weiterzubringen, ist das Geld. Rabintschik: Die jüdische Masse, von der ein großer Teil dem Zionismus noch gleichgültig gegenüber steht, verlangt Brot und Freiheit. * Freitag Vormittag 10V» Uhr eröffnet Dr. Vorbau den aicherordentlichen Kongreß, der die O sta f r i k a - Angelegenheit betrifft. Professor Marburg nimmt das Wort zu seinem Bericht hierüber. Er führte folgendes aus: Die Tätigkeit der auf dem VI. Kongreß eingesetzten Ägliederigen Ostafrika-Konimission begann damit, daß die einzelnen Mitglieder derselben die ihnen bis dahin völlig unbekannte Literatur über die in Betracht kommende Gegend studierten und eine Korrespondenz über die wichtigeren Fragen führten. Des Ferneren sandte die Kommission eine Expedition aus und zwar: Major Gibbons, einen bekannten englischen Kvlonialsorscher, den ans Arbon (Schweiz) gebürtigen Naturforscher Mfred Kaiser, der früher schon einmal das Konzessionsgebiet durchquert und seine Route in genauen Karten niedergclegt hatte, und Ingenieur Wilbuschewitsch, ein aus Jinßland gebürtiger Gesinnungsgenosse, der besondere Erfahrung bezüglich der Wasserkräfte besitzt und durch die Niederschrift der Ergebnisse einer technischen Studienreise nach Palästina hinreichend dokumentiert hatte, daß er im Stande sei, die Eindrücke einer Expertise zu einein abgerundeten Gesamtbild zusammenzufassen. Mit der Entsendung der Expedition hatte die Tätigkeit der Kommission aufgehört; die Ergebnisse der Expedition wurden dem A-K. sofort vorgelegt, und die Kommission wurde, unserer Auslegung ihrer Tätigkeit entsprechend, nicht weiter zusammengerufen. Mr. L. I. Gr ecu b erg: Der VI. Kongreß hatte wohl die Aussendung der Expedition beschlossen, hatte aber nicht die * Mittel dazu gewährt. Das machte schon Schwierigkeiten; dann kani Charkow und die starke Agitation gegen den Plan, und eben diese war es, die Dr. Hcrzl veranlatztc, eine beträchtliche Modifikation des Anerbietens des britischen Gouvernement zu erwirken. Anstatt die Kommission auszusenden, uni die Regierung bei dem Aussuchen eines passenden Territoriums zu unterstützen, wurde er beauftragt, die Regierung zu ersuchen, selbst das Territorium zu bestimmen! Ich gestehe ein, daß das ein Fehler war, und daß der volle Wert des Anerbietens der britischen Negierung dadurch verloren ging, und ich ging.so weit, es Dr. Herzl nahe zu legen, daß er, wenn er nicht imstande zu sein glaubte, das ursprüngliche Anerbieten anzunehmen, es besser für den Moment fallen lasse, um später an die Regierung heranzutreten, wenn er die Kraft dazu gewonnen und die öffentliche Meinung dahin orga- _ Nr 30. nisiert haben würde. Mer aus verschiedenen Gründen war Dr. Herzl außer Stande, meinem Rate zu folgen, und demgemäß trat ich an die britische Regierung in dem Sinne, in dem er cs wünschte, heran. Das Resultat war, daß uns ' die Regierung formell die 5000 Quadratmeilen in dem Guas Nyischu - Platean anbot. Es wurde nun eine Expedition nach, diesem Gebiete gesandt. Den größten Teil ihrer Kosten bestritt mit einer Gabe von 1600 Lstrl. ein Christ. Tie Expedition brach in Basel am 25. Dezeniber vergangenen Jahres ans und fuhr direkt nach Mombassa. Die Expedition erfreute sich jedes nur möglichen Beistandes von Seiten der britischen 'Autoritäten und verweilte etwas über 6 Wochen in dein Territorium,. Die Prüfung, die nur als von höchst provisorischem Charakter betrachtet werden kann, ergab folgendes Resultat: Klima und sanitäre Zustände sind sehr günstig, doch scheinen die Bodenverhältnisse in der Hauptsache nur für Viehzucht geeignet. Eine kleine Kolonisation von einigen Tausend Personen ist ausführbar. Das A.-K. beschloß auf dieses Resultat hin einstimmig, dem Kongresse zu empfehlen, sich nicht weiter mit der Frage zu befassen. Es wurde der Versuch gemacht, andere jüdische Körperschaften für die Angelegenheit zu interessieren. Doch nur die Anglo-Jcwish-Association in London gab ihre Zustimmung, an einer Konferenz teilzunehmcu, so daß auch dieser Plan aufgegeben wurde. (Fortsetzung in der Beilage.) Aus aller Welt. Deutsches Reich. Tarmstadt. Die Anstellung israelitischer Religionslehrer im Groß herzogt um Hessen. Das Großh. Ministerium plant, die isr. Religionslehrer in Hessen, welche ihre Prüfung mit Ersolg abgelegt haben, definitiv, mit gleichen Rechten der Volksschullehrer, anzustellen. Mit der Ausarbeitung eines Gesetzentwurfs ist bereits eine Kommission betraut worden. Es tverden mehrere kleinere Gemeinden im Umkreise zn einem Verbände gebildet, die einen Lehrer erhalten, der in der Woche 20 Stunden Religionsunterricht erteilt. Voraussichtlich wird in aller Kürze eine Zentralkaffe in ganz Hesse» gegründet, für welche die Lehrer, die Gemeinden und schließlich der Staat Beiträge zu leisten haben. In Oberhessen ist bereits durch das Bemühen des Herrn Provinzialdirektors Dr. Breidert - Gießen schon manches, geschehen. Genannter Herr verhandelte wiederholt mit den Vorstehern größerer Gemeinden Oberhessens und in der letzten Sitzung wurde der Voranschlag der oberhessischen Landjudenschaftskasse von 6000 JL auf 12 000 Jk bereits erhöht, sodah in der besagten Provinz die Anstellungsverhältnisse bald geregelt sein werde». Auch in Starkenburg wurden in den letzten Wochen schon einige Religionslehrer definitiv angestcllt und in Rheinhessen wird die Organisation ebenfalls in aller Kürze ersolgen. Gnesen. Hier ist kürzlich nach einem Vortrag des Tr. Max Zirkcr aus Charlottenburg die Gründung eines jüdischen Turnvereins beschlossen worden. Der Vortragende hatte darauf hingewiesen, daß erst in neuester Zeit über die physische Lage der jüdischen Bevölkerung wissenschaftliche Untersuchungen erfolgt sind, deren Ergebnis zu der Feststellung eines beginnenden, zum Teil schon weit vorgeschrittenen Niederganges geführt hat. Die Notwendigkeit einer systematisch, die gesamte Judenheit umfassenden körperlichen Hebung könnte, wie der Referent ausführte, nicht in Abrede gestellt werden. Das einzige Mittel, dem Fortschritte dieser Degeneration zu steuern, bilden jüdische Turnvereine, deren Bestehen auch für die Erhaltung und Stärkung des jüdischen Stammes und Selbstbewußtseins unschätzbar seien. Dortmund. Einen Rabbiner anstellen will die . hiesige Synagogengemeinde. Bisher besorgte ein Prediger die Kultusgeschäste. Einem Rabbiner wird auch die Befugnis erteilt werden, in den Oberklassen der höheren Schulen an jüdische Schüler Religionsunterricht zu erteilen. Oesterreich-Ungar«. Wien. Bau jüdischer Wohnhäuser in Jerusalem. Zufolge einer Anregung des Oberrabbiners von W a i tz e n (Ungarn) hat sich in Budapest ein Verein gegründet, dessen Zweck es ist, für die Armen des ungarischen Kolels in Jerusalem Wohnhäuser zu unentgeltlicher Benützung zu bauen. Mit der Gründung von Zweigvereinen in den Provinzftädten Ungarns wurde Herr Moses M. G a n s e l- Jerusalenr betraut, dessen AgitationSrrisen, wie dem „Jüd. Volks bl." mitgeteilt wird, von 'großem Erfolge begleitet sind.

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