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Neue jüdische Presse · 1905-08-04 · Heft 30 (4.8.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 30 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ilrartkfitrter IsnulilWs fainilifiililitt I — .. 1 ~_i I Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: -In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder M. 2.— l >. . ■ i -— — » . Srankiurt s. m.. Leiligkreuzgaffe sr, Lcke Llaxperfeldstraße f eCefou 10507. —r-M-r. Herausgeber: Sarg Heis. ~' — Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - — — - 3. Jahrgang. Freitag» de« 3. Aw 5665 (4. August 1965). Ro. 36. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Der VII.Zionisten-Kongreß. — Aus aller Welt. —Personalien. — Feuilleton: An den Wassern Babylons- — Krisen, Erzählung von Jacob Levy. — Gedicht: Bon einem Stein. — Das BuchLeviticus. — Vakanzen. — Familien nachr ichten. Der VII. Zionisten-Kongretz. „Me Zionisten stellen zur Stunde ein eigentliches Staatswesen mit ehrwürdigen Traditionen und einer modernen Organisation, einem Ministerium und einem Parlament, einer Steuer, einer Presse und sogar einer Fahne dar, welche in St. Louis unter den Flaggen der anderen Nationen wehte. Es scheint, daß, wenn ihre Propagandisten dazu kämen, ein Land zu finden, wo sie sich sestsetzen könnten, dieses ganze Werk nur seinen Gang fortzusetzen hätte, damit der Judenstaat alsbald seinen Platz unter den Nationen einnehmen könnte." Mit diesen Worten begrüßte die Pariser „Temps" den Kongreß und zwar den Herzl-Kongreß, der das zersprengte, sich selbst verachtende und deshalb verachtete Juden-Gemengsel wieder zu einem geachteten Volke geschmiedet hatte. Doch der VH. Kongreß ward nicht zu einem Herzl-Kongresse; — wohl verschwendete man für die Manen des großen Führers viele Worte; wohl beschwor man seinen Geist, daß er walte über den Tagungen, aber in Wirklichkeit hatte man nur seinen Schatten gerufen, der dank der Schwäche des Aktionskomitees dem Tespoten - Regiment des stiernackigen Ussischkin weichen mußte. Das Herz eines jeden guten Zionisten muß vor Schmerz schier vergehen beim Vergleich dieses Kongresses mit seinen sechs Vorgängern. Auch in diesen gab es eine Opposition, doch das staatsmännische Geschick eines Herzl's und sein ossensichtlicher Gerechtigkeitssinn verstanden es, in der Opposition keine tiefgehende Erbitterung aufkommen zu lassen. Anders aber die neuen Männer! Ihre politische Kurzsichtigkeit vermag nur zu operieren, indem sie in schroffer Verfolgung des sich gesteckten Zieles mit brutaler Gewalt nach russischem Muster jede abweichende Meinung zu unterdrücken versucht, und so ist denn das zu Zeiten eines Herzls unmöglich Gewesene eingetreten und ein Flügel der zionistischen Bewegung zu einer Konstituierung außerhalb der Partei veranlaßt worden. Trotz dieser bedauerlichen Tatsachen muh aber hervorgehoben werden, baß gerade im gegenwärtigen Unglücke der Zionismus seine ganze Größe, das große Maß des in ihm wurzelnden Idealismus und echter Begeisterung bewiesen hat. Wer die unermüdliche Ausdauer der aus allen Weltteilen herbeigeeilten 2000 Menschen zu beobachten Gelegenheit hatte, wer das geradezu fieberhaft erregte, jedes Wort - von der Tribüne verschlingende Interesse der Telegierten sah, ein Interesse, wie wir es sonst leider nur bei dem Kampfe um das tägliche Brot gewohnt sind und wie wir es bei ideellen Gütern längst verlernt haben, zu erwarten — der ist ohne Sorge um die Zukunft des Zionismus. Ter Zionismus wird als e i n S t ii ck d e r j ü d. Volksseele alle Krisen überdauern, er ist die kraftvollste Aeußerung des jüdischen Volkes seit seiner Entwurzlung aus dem Lande der Väter — vermögen doch die größten jüdischen Organisationen nicht den zehnten Teil der Truppen aufzubringen, wie sie die Zionisten - Kongresse vereinigen — er wird ewig leben! * * . * Tie erste Sitzung — beginnend Tonnerstag, den 27. Juli, kurz vor I0'/-> Uhr — ist dem Andenken H e r z l' s gewidmet. Tr. Max N o r d a u hält die Trauerrede. Mit 35 Jahren dem jüdischen Volke ganz unbekannt, war Theodor Herzl neun Jahre später sein Stolz und seine Hossnung geworden. Er war eine weite Strecke durch das Wasser der Assimilation gewatet, in den sonnigsten Jahren seines Taseins war er ganz von Interessen eingenommen, die keinen Schimmer jüdischen Charakters zeigten,' er ging ganz auf in künstlerischen Ausgaben; er lebte sich rastlos aus in schriftstellerischer Arbeit. Es war 'DJiitte der neunziger Jahre in Paris. Der französische Volksorganisnrus war von der.Dreyfuskrankheit befallen worden, und die Straßen begannen wiederzuhallen von dem Schrei: „Tod den Juden!" Da horchte Herzl hoch auf. Eine der empfindlichsten Stellen seines Wesens wurde von einem rohen Hieb getroffen — sein Stolz. Denn Herzl war ein stolzer Mann; nicht hochmütig, nicht eitel: stolz! Das heißt, er hatte das bestimmte Bewußtsein seines sittlichen Wertes und jene Selbstachtung adliger Naturen, die es in sich schließt, daß man auch der Väter gern gedenkt. Er empfand sein Blut als ein kostbares Erbe, seine Herkunft als eine Ausszeichnung. Er ertrug es nicht, daß mmr in ihm seine Vorfahren beschimpfte und seine Nachkommen schmähte, — und er nahm sofort mit tapferem Trotze die Gemeinbürgschaft mit den Seinen vor dem Feinde an. Er faßte den Entschluß, die Lage seines Volkes von Grund aus zu ändern. Niemand, auch er selbst nicht, hatte in ihm die Eigenschaften geahnt, die er für seine neue Aufgabe mitbrachte. Aus dem anmutigen Plauderer, dem gemütvollen Erzähler, dem geistreich tändelnden Lustjpieldichter wurde über Nacht ein Staatsmann mit weitem Umblick, der einem hohen Ziel auf nahezu ungangbaren Pfaden kühn und beharrlich zustiebte. Herzl war ein geborener Staatsmann ersten Ranges ohne Staat, ohne organisiertes Volk, ohne ein einziges der Machtmittel, womit man praktische Politik machen kann. Er ging kaltblütig daran, aus einem Menschenstaub ohne gemeinsamen Willen und Ziel ein Volk zu schmieden, diesem Volk ein Land zu gewinnen, ohne Heer, ohne Flotte, ohne Finanzen von Regierungen, die nur mit diesen Faktoren rechnen, Zugeständnisse zu erhalten. Ws Herzl den Gedanken faßte, dem jüdischen Volk den Weg zur Erlösung aus tausendjähriger Schmach zu weisen, da nahm er an, alle oder sehr viele Juden seien wie er entschlossen, nicht länger Erniedrigung zu ertragen, sie hätten seinen stählernen Willen, seinen sittlichen Ernst, seine ideale Begeisterung, seine unbegrenzte Selbstlosigkeit, seinen Opfermut, und er urteilte, daß auch die» die Machtmittel seien, mit denen ein Staatsmann arbeiten kann, auch wenn er noch kein Land, kein Heer, keine Flotte, keine Finanzen zur Verfügung hat. Tie Tragödie seines Lebens war, daß er sich in dieser Grundrechnung irrte. — Er trat mit dem Entwurf der jüdischen Kolonialbank hervor, er verlangte vom jüdischen Volke 50 Millionen Franken, den kleinsten Betrag, mit dem man an ernste finanzielle Verhandlungen mit der Türkei denken durfte, — und es gab ihm kaum ein Achtel der Summe. Er versuchte ein anderes Werkzeug der Erlösung zu schmieden, er regte die Schaffung des Nationalfonds an, der 200 000 Pfund betragen sollte, — und in fünf Jahren ist noch nicht die Hälfte vereinnahmt worden. Herzl baute auf sein Volk wie auf einen Ursels, und sein Volk erwies sich als Flugsand. Noch einer Enttäuschung inuß gedacht werden. Für die Sache, die er zu seinem Lebensinhalte gemacht hatte, gab Herzl ohne zu zählen. Er brachte mit der ihm eigentümlichen Großartigkeit vom ersten bis zum letzten Tage die schwersten Opfer für sein Ideal; er bestritt aus der eigenen Tasche die ersten Ersordernisse der Organisation, er schuf und unterhielt mit seinem Gelbe jahrelang das Hauptorgan der Bewegung. Als er den „Judenstaat" schrieb, war er ein wohlhabender, beinahe reicher Mann; als er neun Jahre später starb, hinterließ er fast nichts, als seine Aktien der jüdischen Kvlonialbank. Seit einem Jahre Demütigt sich nun der offizielle Zionismus und sammelt für Herzl's Familie. Wer mit welchem Erfolg? Das jüdische Volk hat bis heute der Familie Herzl's noch nicht ein Drittel des BaarvermögenÄ ersetzt, das Herzl ihm geopfert hat außer neunjähriger übermenschlicher Arbeit und außer seinem Leben. Ws Herzl seinen Weckruf an 'das jüdische Volk ertönen ließ, da sammelte sich anstatt der bestimmterwarteten Millionen nur ein kleines Häuslein um ihn; dieses Häuflein hat sich im Laufe der Jahre auch stattlich vermehrt, aber selbst jetzt, nach 9 Jahren leidenschaftlicher Propaganda — macht es erst etwa ein Sechzigstel der gesamten Judenheit aus. Ein Sechzigstel! — und damit sollte das Ganze, das reiche, große, teilnahmslos bei Seite stehende Ganze befreit werden. Herzl wollte nicht an die Gleichgültigkeit des jüdischen Volkes glauben, er sah im Geiste nur ein ideales Volk von 12 Millionen Herzls vor sich. Und wenn er sich untersing, Geschichte machen zu wollen, so war es, weil er überzeugt war, daß 12 Millionen Menschen, seine 12 Millionen einer unvergleichlichen Auslese, das Recht und die Macht hatten, Geschichte zu machen. Diese Ueberzeugung hielt ihn in allen Widerwärtigkeiten aufrecht und mit ihr ist er gestorben. — Die Rede Nordau's wurde in atemloser Stille angehört. Unmittelbar nach der Rede wurde die Sitzung von Nordau zum Zeichen der Trauer für geschlossen erllärt.

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