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Neue jüdische Presse · 1905-07-28 · Heft 29 (28.7.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 29 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. fortziehend, der kaum seinem schnellen Gange folgen kann. „Qn der Tat, Sie sprechen offen!" bemerkte ich. „§ier ist der (Stäben," antwortet Schmul. „Bei uns herrscht Freiheit! Hier läßt sich während der Stacht keine Polizei sehen . . ( Augenscheinlich genießt der Graben die Freiheit der Versammlungen, wenigstens zu nächtlicher Zeit. — „Aber wer ist dieser Blecher?" „Das ist nicht sein Name, —> er ist ein Blecher, deckt Dächer, er heißt Kostezci . . Und wissen Sic, worin sein Haupthandwerk besteht/' fügt er lächelnd Hinzu, ,,— er deckt unlegale Dächer." — ,/Welche unlegalen Dächer?" — ,Melche einstürzen wollen," erklärt Schmul. „Wissen Sie, die Stadt verbietet, die Häuser im Graben zu remontieren, man will uns ausrotten, wie die Ratten. Nun, wer etwas reparieren muß, tut es in der Nacht. Man kann sich dochs nicht die Hütten auf den Kopf fallen lassen. Hier, der Blecher Kostezci, schlagt das Dach fest und wenn jemand ihn daran Hindern will, wirst er ihm den Hainmer an den Kopf." - „Nun, wollen wir hier hineingehen," unterbricht er sich. — Hier wohnen Arbeiter. Die neue Wohnung unterscheidet sich meiner Ansicht nach fast gar nicht von denjenigen, die wir früher gesehen haben. Dieselbe Enge, derselbe Schmutz und dieselben Lumpen. Ein blondes, bleiches Mädchen sitzt an dem einzigen Fenster des Zimmers und arbeitet an der Nähmaschine. Am Eingänge hinter einer Scheidewand hat sich eine junge Frau auf einem Koffer niedergelassen und schaukelt ein Kind in einer Wiege, die an Stricken befestigt ist „Dorten eßt man in der Woche Chale, — Sunenju." Leise singt sie das neueste Wiegenlied der russischen jüdischen Arbesterllasse: ,Leichlach wel ich dir dort kochen, Schlaf she, schlaf, lulju." Aus dem Verschlage tritt uns eine andere, ebenfalls junge Frau entgegen, mit abgemagertem Gesicht und sellsamem Blick, als ob sie sich vor etwas Großem, Schrecklichen, bas aus Her Ferne auf sie zukommt, schützen wolle. Aus den Armen hält sie ein sechsmonatliches Kind in einen alten, wattierten Rock eingewickelt. ,^ch bin Elenka's Witwe," erklärt sie auf unsere Frage. „Sehen Sie das Kind nicht an!" fügt sie mit mattem Lächeln hinzu. „Es gleicht dem Vater U>ie ein Tropfen dem andern. Es wird eben solch' ein Krieger, Händelführer, wer weiß was noch alles, sein . - „Neun Monate waren wir verheiratet," erzählt sie unzusammenhängend. „Eli hat alte Kleider umgemacht, aber dabei gut verdient. Zehn Rubel wöchentlich brachte er nach Hanse, für sich behielt er keinen Kopeken. Dann brachte man ihn eines Tages in einer Droschke nach Hause, bis zur Bude an der Ecke, stich, als ich ihn erblickte, wurde es mir dunkel vor den Augen. Sein Gesicht konnte man nicht erkennen, es war schwarz wie Pech. Kurschumski, ihr Mann hat ihn gebracht," fügt sie hinzu, mit der Hand auf die Freundin deutend. Die andere Frau fährt leise zu singen fort: „Schicken wet er zwanzig Doller un sein Portrait derzu. Nehmen wet er, leben sott er, uns ahin zuzu." ,Zch befand mich zu jener Zeit im zweiten Monat der guten Hoffnung," erzählte die Witwe weiter, „und Schloime sagte zu mir: „Jetzt kannst Du nichts machen, da hast Du ein weißes Tuch, benetzt mit dem Bürte Elenka's, lege das Kind, das Du gebären wirst, hinein zum Andenken an den Vater." — Sie weint nicht, aber sieht uns mit ihrem seltsamen, ruhigen und beinahe feindlichen Blicke an. .Es scheint, als ob sie alle ihre Tränen vergessen hätte und nicht mehr weinen könnte. - „Wußte ich denn, daß es so kommen wird," fängt sie nach einer Welle wieder an. „Eli dachte nicht, daß man ihn totschlagen werde. Er war Nein von Wuchs, man nannte ihn sogar „Eli den Kurzen", aber et war stark wie ein Riese. Wie man sagt: „Gieb nur a Rick (Noß), ich will dir güben drei zurück." Er war ein wahrer Held, mutig und tapfer," fügte sie Puster hinzu. ..... Frankfurter Israelitische« Familienblatt. „Von Sonntag auf Montag patrouillierte er die ganze Nacht auf den Strgßen. Dann kam er nach Hause und sagte: „Ich bin müde, ich werde mich schlafen legen." Den Riemen mit der eisernen Kugel legte er in den Aermel. Da begann ich, ihn zu bitten: „Gehe morgen nicht hinaus." „Was," sagt er, „ich, ich werde mich fürchten; ich werde zu Hause sitzen? .... Ich gebe meinen Kopf für mein Volk." Montag hat er dreimaldie Kette durchbrochen. „Brüder," schreit er; „was steht Ihr und seht zu? Dort schlägt man unsere Juden, gehen wir dorthin." „Man sagt wirllich, daß auf der Rumjanzewschen Straße," mischte sich das Mädchen ganz unerwartet ein, „die Magazine der Neichen heil geblieben sind, aber die Köpfe der Armen zerschlagen wurden." Die Rumjanzew-Straße ist die beste Straße Hömels und hat nur steinerne Häuser und reiche Magazine. „Nor derwcile mus men hoffen. Wos se soll men thin?" singt die Frau an der Wiege. „Ich wollt schon lang zu ihm gelofen, weiß ich nit wuhin." „Als man die Salve gab," fährt die Witwe fort, „fiel er sogleich hin, zuckte mit Händen und Füßen und starb. Schloime dachte, daß er in Ohnmacht gefallen sei. „Was läßt Du Dich gehen," sagt er, „nimm Dich, zusammen. Da lausen die Soldaten!" . . . . Mer er war schon tot. Drei Tage lag der Tote zu Hause," erzählte die Witwe mit dumpfer Stimme. „Schloime ging zum Priester Niasauski und bat um die Erlaubnis, ihn zu begraben." „Wer ist es?" ftagte er. „Der, der unter polizeilicher Aufsicht stand? Gott sei Dank, daß man ihn getötet hat." „Aber wer ist Schloime, und wo ist er?" warf ich dazwischen — „in Amerika?" „Ja, in Amerika," — ruft die Frau an der Wiege lebhaft aus. „Er hat nur den Melamed Dawydow, den die Christen aus der Straße mit Stöcken halbtot geschlagen hatten, ins Krankenhaus gebracht. Er hat sich dabei ganz mit Blut befleckt. „Ach," sagt er zum Fuhrmann, „bring mich schnell nach Hause, man wird mich totschlagen!" „Da begann man auch in der Tat ihn mit Steinen zu bewerfen. Er floh zu der Feuerwehr auf den. Hof; dort standen Jungen mit Stangen bewaffnet, auch Raubmörder, aber zum Glück waren es Bekannte aus den Dörfern. Wir haben früher immer im Torfe gelebt. „Och, Och, Schlema, wieviel Menschen hast Du erschlagen?" „Ich habe nur," sagt er, „einen Verwundeten ins Krankenhaus gebracht und mich dabei mit Blut beschmiert." „Wasche Dich," sagten sic, „sonst wird man Dich auch totschlagen." Man gab ihm etwas Wasser, aber er konnte bas Blut nur verwischen. Da gaben sie ihm eine Decke, er hüllte sich in dieselbe und lies nach Hause. Er wechselte nur das Hemd und wollte wieder fortlaufen. Da hielt ihn die Mutter an den Händen fest „Wohin gehst Du? Sieh Dich an, Du siehst ja wie ein Toter aus." „Sie haben ihren Kopf für das Volk geopfert," wiederholt die Witwe und sieht mich wieder mit ihren trocknen, feindlichen Blicken an. „Gehen wir wo anders hin," schlage ich wieder vor. „In diesen Wohnungen ist zu viel Kummer und ein fremder Mensch kann es hier Nicht lange aushalten." „Wollen wir zu uns gehen," schlägt Schmul vor. „Weshalb?" fragt Doktor Grack. „Die Mutter wird sich beunruhigen," gesteht der jugendliche Demokrat. „Gehe nicht," sagt sie, „mit ihnen; mit diesen kurzen Röcken, sie werden Dich, noch hineinziehen." Sein Gesicht verzieht sich zu einem breiten Lächeln. „Sprechen Sie mit meinem Bruder, er ist auch mit einem Stock auf den Straßen ümhergelaufen." (Fortsetzung folgt.) Aus aller Well. Deutsches Reich. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, der zur Linderung der ersten dringenden Bedürfnisse 3000 JL nach Shitomi r gesandt hatte, Hat jetzt eine weitere Summe von 20000 JL dort¬ 5fc 29. hin überwiesen. 10000 JL davon sind eine gemeinsame Spende des Hilssvereins der Deutschen 'Juden, der Großloge für Deutschland VIII. U. O. B. B. und des Hilfskomitees für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. und 10000 JL wurden dem Hilfsverein der Deutschen Juden von dem London Committee of the Deputies of the British Jews freundlichst zur Verfügung gestellt. Ferner hat der Hilfsverein für die durch Feuersbrunst heimgesuchten Gemeinden in Daugi und Bokscht in Rußland 900 M, bewilligt. Berlin. Ueber den Konfessionallsmus im Aerztestande schreibt die „Berliner Aerztekvrrespondenz": „Der unbefangene Leser der „Aerztlichen Mitteilungen" wird bei Durchsicht der neuesten Rubrik „Stellennachweis" von der wirtschaftlichen Wteilung des Deutschen Aerztevereinsbundes (Leipziger Verband) staunend den Kopf schütteln. Von 56 Angeboten: Assistenten, Vertreter, Praxisstellen haben 32, also mehr, als die Hälfte, den Zusatz „Christ" oder „evangelisch", „protestantisch". Ist cs nur ein Zeichen von Unbefangenheit, wenn der Leser bisher der Ansicht gewesen ist, daß vor allem eine gründliche Kenntnis der wissenschaftlichen und praktischen Medizin, ein gefestigter Charakter, gute Umgangsformcn die Fähigkeit eines tüchtigen Arztes bedingen? Was h at aber um Himmels willen die Tätigkeit des Arztes mit der Religion und Konfession zu tun? Haben nicht deutsche Aerzte verschiedeneil religiösen Bekenntnisses, die wir mit Stolz die unseren nennen, unsere Wissenschaft auf das glänzendste gefördert? standen nicht in den letzten Jahren alle deutschen Aerzte Schulter an Schulter im Kampfe um die wirtschaftliche 'Hebung unseres Standes? Zeigt nicht die tägliche Erfahrung, daß christliche Aerzte an jüdischen Krankenanstalten, in jüdischen Familien, sowie jüdische Aerzte än christlichen Krankenhäusern mit gutem Erfolg ihre Tätigkeit ausüben? „Die Aerzte sind die Führer der Nation", wird in unseren Blättern mit Stolz zitiert; der ärztliche Beruf ist ein freier, ein unabhängiger nach oben und nach unten! Wie stimmt dies oben bezeichnete Verfahren mit diesen hochtönenden Worten überein? Man sollte doch meinen, daß das dem Arzte innewohnende Gerechtigkeit?- uird Unabhängigkcitsgefnhl ihn in erster Reihe verpflichten, sich den engherzigen und rückständigen Anschauungen gewisser Kreise kraftvoll entgegenzustcllen Und nicht derartige ungerechte und kulturfeindliche Bestrebungen gut zu heißen. Darum fort mit diesen „konfessionellen" Angeboten, die durch Aussäen von Zwietracht die bisherige erfreuliche Einmütigkeit der Kollegen auf das ernstlichste gefährden!" Breslau. Zuwendungen. Zum Andenken an den verstorbenen Bankier Louis Hille hat die verw. Frau Bankier Fanny Hille, geb. Littauer, nachstehenden wohltätigen Vereinen und Anstalten je 1000 Mark in Wertpapieren mit der Bestimmung überwiesen, daß nur die Zinsen dieses Kapitals seitens der Empfänger für ihre Zwecke alljährlich verwendet werden dürfen. Es sind dies: der Volksheilstättenverein für die Provinz Schlesien, der Breslauer Krankenpflegerinnenverein, die Bürgerversorgungsanstalt, die Israelitische Haushaltungs- und Kochschule, das Jüdische Schwesternheim, der Verein zur Heilung armer Augenkranker, der Verband zur Erziehung hilfsbedürftiger israelitischer Kinder, der Humboldtverein für Volksbildung, das St. Josephsstift, die Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur, das Komitee für Kinder-Ferjen-Kolonien, das Katholische Waisenhaus zur heiligen Hedwig, der Frauenverein zur Speisung und Belleidung der Armen in Breslau, die Israelitische Mtersversorgungsanstalt, die Gesellschaft der Freunde, die Industrieschule für israelitische Mädchen, die Israelitische Krankenverpflegungsanstalt, der Verein gegen Verarmung und Bettelei, das Hospital für alte hilflose Dienstboten, 'die Israelitische Waisenverpflegungsanstalt, das Konvent der Barmherzigen Brüder für das Krankenhaus in Breslau, das Israelitische Mädchenheim, die Gesellschaft der Brüder, der Verein für verarmte Kausleute^der Israelitische Frauenverein zur Unterstützung armer Wöchnerinnen, die Unterstutzungskasse des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen, der Asylverein für Obdachlose, der Blinden-Fürsorgeverein für die Provinz Schlesien und der Jsraelllische Jungsrauenverein. Bamberg. Hier soll eine neue Synagoge gebaut werden, da die bisherige nicht mehr den Forderungen der stark angewachsenen Gemeinde entspricht. Herr Emil Wassermann hat nun die Bereitwilligkeit ausgesprochen, für den Bau 100000 Mark zu spenden, falls keine Orgel in die Synagoge kommt. Kattowitz» 18. Juli. Am Montag früh 5 Uhr brachte der russische Schmuggler Stoch a l s k i aus Worpie iw Rußland einen' 21 Jahre alten russischen Juden, anscheinend Deserteur aus dem Innern Rußlands, bei Milowice unerlaubter» weise durch den Grenzfluß über, die Grenze. Mn russischer Grenzposten, der dies bemerkte, gab nach dem üblichen Signalschuß noch drei scharfe Schüsse ab, von welchen einer den jungen Russe», der sich inzwischen schon auf preußischem Gebiets befand, tätlich traf. — Die erforderliche Untersuchung ist eingeleitet. , . ., .

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