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Neue jüdische Presse · 1905-07-28 · Heft 29 (28.7.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 29 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zstiklitisihks fiiilinMitt < f ' . " . i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk.1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I.---i--- Kedaktton Md Geschäftsstelle: Frankfurt 2. w.. Leiligkreuzgafle 32, Ecke Llapperfeldstraße f elefan 10507. Herausgeber: Galg Gels. ■ Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit: Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 3. Jahrgang. Freitag, -e« 25. Tamns 5665 (28. Juli 1905). Ro. 29 Inhalt -es Hauptblattes: Artikel: Zum VII. Kongreß. — Am Vorabend des Vif. Kongresses. — Homeler Silhouetten. — Aus aller Welt. — Personalien.— Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Krisen, Erzählung von Jacob Levy. — Reisebrief aus dem Harz. — Bücherschau. — Briefkasten. — Vakanzen. — Familiennachrichten. Zum VIl. Kongreß. Wie eine Erlösung von schwerem Alpdruck mußte die zionistische Bewegung auf die kleine Schar derjenigen wirken, die noch voll und ganz ans dem Boden des Judentums stehen. Die Verpflichtung für das Wohl und Wehe der Gesamtheit, für das Wohl und Wehe eines jeden von einer jüdischen Mutter Geborenen predigt das ungeteilte Judentum; — und diesem Kerpslichtungsgefühle zu genügen, war durch die Verheerungen der Assimilation dem gesetzestrenen Juden immer schwerer geworden, denn in dem Hause Gottes» der gemeinsamen Versammlungsstätte der Gemeinde, fanden immer mehr nichtjüdische Ideen, Zeremonien und Einrichtungen Eingang und eine immer tiefer gehende Spaltung und Entfremdung zwischen den ani Ueberlieferten Hangenden und den Reformsüchtigen griff so Platz. Da kam denn vor 9 Jahren Theodor Herzl s. A.» erweckte mit dem Zauberworte „Zion" die entschlummerte jüdische Volksseele und schuf in der Organisierung der zionistischen Volksbewegung einen Boden, auf dem die verschiedenen Richtungen sich zur gemeinsamen Arbeit im Dienste des Judentums vereinigen können. Leider aber hatte die Entfremdung bereits ein solch' starkes Mißtrauen gegen jede Zusammenarbeit mit den Nichtgesetzestreuen geschossen, daß außer den Reformern, die in dem Zionismus eine Störung ihrer alles Jüdische vernichtenden Assimilationsarbeit sehen, auch, Kreise, die sich zum gesetzestreuen Judentum rechnen, dem Zionismus feindlich gesinnt waren und noch sind. Ja, wenn wir offen sind, müssen wir sogar sagen, daß nicht allein das Mißtrauen und auch nicht allein des Publikums Gedankenlosigkeit, die bekanntlich eine Hauptgegnerin jeder neuen Erscheinung ist, die Hinderer sind: wir müssen dann gestehen, daß auch gesetzestreue Kreise von der Assimilation stark infiziert worden sind und man sich hier zum Teil deshalb gegen den Zionismus wendet, weil man unbewußt — wenn ,auch nicht in dem religiösen Wollen und in der religiösen Tat, so doch im Denken — assimiliert ist. Angesichts des in Basel begonnenen Kongresses möchten wirdeshalb unseren noch nicht im zionistischen Lager stehenden Gesetzestreuen die Worte zurufen, die Samson Raphael H i r s ch in seinem Pentateuch-Kommentar bei der Bitte Abrahams für die Errettung SodomS schreibt, denn auch wir befinden, uns im Untergänge und auch auf uns finden deshalb jene Worte ihre Anwendung. Er schreibt: „Beim Untergänge Jerusalems — lehren die Weisen — wurden gerade die „Gerechten", die das Gesetz von Aleph bis Tow erfüllt hatten, zuerst dem Untergange geweiht, weil sie eben nicht Bethauch hoir gewesen, und sich um die Besserung ihrer Mitbürger nicht bemüht (Sabb. 59a zu Jechesk 9)". Drum kommt, Ihr Brüder! Durch Uneinigkeit siel Jerusalem in Trümmer, und ilnr durch Einigkeit wird es wieder ausgebant werden. Kommt und helfet mit! Euere religiösen Interessen sind geschützt durch den Zusammenschluß in die Fraktion des Misrachi. Kommt — es wartet Euer reiche Arbeit; aber es wird Euer auch einst eine Ernte warten, die der Anstrengung der Arbeit entsprechen wird! Im Zeichen treuer, ehrlicher Arbeit und im Zeichen der Einigkeit — die Einigkeit ist nach dem unglückseligen Bruderkampse des letzten Jahres doppelt von nöten — möge der VII. Kongreß tagen. Der Weg der Verständigung ist für Ehrlich-Denkende und das Gute Wollende stets vorhanden. In diesem Sinne sei der VIl. Kongreß gegrüßt und die Männer der Arbeit gesegnet. Am Borabend des VII. Kongreffes. Basel (Stadtkasino), 26. Juli 05. Bis jetzt sind 650 Delegierte aus allen Herren Ländern und Weltteilen zum Kongreß in Basel eingetrosfen. Die Zahl der Gäste übersteigt bereits 1000 und die Presse ist ebenfalls mit 200 Referenten vertreten. Im Baseler Stadtkasinv, wo der VIl. Zionistenkongreß morgen niit seiner Tagung beginnt, geht es außerordentlich lebhaft zu. Die vorherrschende Sprache ist russisch. Die Stimmung ist gedrückt und unsicher: niemand kann die unmittelbaren Ereignisse voränssehen. Die starke Spannung zwischen „Zione- Zion" und Territorialisten, die bereits durch die gestrige Vorkonferenz große Dimensionen angenommen, wird aller Voraussicht nach, gütlich beigelegt werden, obgleich die Kluft ein fast unüberbrückbare ist. Das Fehlen des großen Führers wird aus jedem Schritt allgemein empfunden und in der gegenwärtigen kritischen Lage zeigt sich die ganze Größe des Verlustes, den wir mit seinem Ableben erlitten. Der geniale Führer fehlt, und niemand ist bis jetzt vorhanden, der ihn nur halbwegs ersetzen kann. Nordau ist krank, sodaß eine längere Zeit sein Erscheinen auf dem VII. Kongreß - in Frage gestellt war. Doch trotz des Verbotes der Aerzte wird er dem Kongreß beiwohnen. Die unsichere Lage der russischen Juden hält hier die Gemüter in fortwährender Erregung. Es herrscht allgemein eine gedrückte Stimmung. Unter den vielen Neulingen, die — sei es als Delegierte oder als Gäste — zum erstenmal das Kasino betreten, fällt eine elegante junge Dame, eine russische Gräsin, die zum Judentum übergetreten ist, auf. Sie ist eine eifrige Zionistin und bekennt sich zur konservativ-zionistischen Richtung. Unkontrollierbare Gerüchte besagen, die Zione- Zion haben dem Kongreß akzeptable Konzessionen der türkischen Regierung in Bezug auf die Besiedelung Palästinas vorzulegen. Daher ihre aggressive Haltung den Territorialisten gegenüber. Doch bei der allgemeinen Unsicherheit und stetem Wechsel der Stimmung ist es unmöglich, etwas positives zu erfahren. Möglicherweise ist es nur eine Ente, um die Territorialisten, die über 100 Mandate verfügen, ab» zuschrecke» und zum Schweigen zu bringen. Der große Saal des Kasinos, in dem der Kongreß tagt, ist mit schwarzem Flor geschmückt, und oberhalb der Tribüne ragt das Bild des verstorbenen Führers hervor. Die Zeichnung des Bildes ist ein Werk unseres Gg. Struck. Struck ist es gelungen, in dem Bilde den Genius Herzl mit seinem rätselhaften, verllärten und ausdrucksvollen Blick hervorzuzaubern. Neben dem ausgestellten Bild des Führers weht die Fahne der Berner jüdisch-nationalen Studentenverbindung ,Kadimah", auf der neben dmn Mögen David und dem Worte Zion in stolzen goldenen Lettern geschrieben steht: „Mit Wort und Wehr, für Judas Ehr". Möge der Kongreß dieser stolzen Worte eingedenk sein — — — — — — — — — —> Der aufrichtigste Wunsch eines jeden Delegierten, ersprießliches und gedeihliches für das Volk und der Realisierung seiner Ideale zu leisten, berechtigt uns zu hoffen, daß der VA. Zionistenkongreß das Beste für das jüdische Volk leisten wird. Le Mattre. Homeler Silhouetten. Skizzen von Tan, aus dem Russischen übersetzt von T. Bach, (Fortsetzung). — „He, Blecher, Blecher!" — Aus der andern Seite des Ueberganges tauchen zwei Männer auf. Der eine von ihnen, dessen Fuß bis zum Knöchel amputiert ist, bewegt sich auf Krücken vorwärts. Es ist ein noch ganz junger Mensch, fast ein Knabe, mit einem bartlosen Gesicht und feinen, abgezehrten Zügen. Er bleibt uns gegenüber stehe», aber kann sich nicht entschließen, über den Weg zu gehen, denn die dünnen Enden der Krücken haben die Gewohnheit, zu tief in dem Schpmtz zu versinken. Jetzt, da er auf einer Stelle steht, erinnerte er mich an einen jungen Baum, der geknickt und halb aus dem Boden herausgerissen ist. „Das ist Roladin, der Tischler", — erklärt Schmul. „Man hat ihm den Fuß abgeschnitte». Noch gut, daß es nicht der Kopf war. . . . Blecher, komm her!" — ruft er, indem er sich an den Begleiter des Kuaben wendet. Blecher macht zwei Schritte vorwärts und bleibt mitten auf dem Wege stehen. Er ist recht groß, hat wirre, schwarze Haare und lange, sehnige Arme. Das ist der erste groß gewachsene Mensch, den ich unter den Homeler Inden gesehen habe. Denn sie sind alle, ohne Ausnahme, wie sogar im Anklageakt der Homeler. Affäre gesagt ist, — „mäßig genährt und von mäßigem Körperbau". Mer Blecher bildet eine Ausnahme von der allgemeinen Regel. „Was gibts?" fragt er von weitem. „Wie stehen die Dinge?" „2Bo heute?" fragt Schmulik laut. „Bei Molzka, dem Schuhmacher!" wirft Blecher hin. „Wien, ich habe keine Zeit!" — Er entfernt sich mit energischem Schritt, den Krüppel auch mit sich

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