Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 28 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. suhlten den inneren Drang, sich dein höchsten Wesen zu näher» und verliehen dieser Anerkennung äußerlichen Ausdruck durch die Tathandlnng, durch welche man Gott auch etwas von seincin Gute weihen wollte. Dies der Ursprung der Opfer, die nachher durch die Gesetzgebung die höchste Weihe erhielten, indem Gott befahl, daß der Mensch sich auch weiterhin durch das Opfer ihm nähere oder, wenn er durch Sünde die Nähe - seines Gottes eingebiißt, er dieselbe durch symbolischen Tatausdruck wieder zu erreichen strebe." In letzterem Sinne erklärt auch Hosfniann in der„Uebersetzung und Erklärung der Opscrgcsctze" (T. 95—270) die Bedeutung der einzelnen Opserartcn, der Ganz-, Speise-, Friedens-, Sund und Schuldovfcr. Znm Schlüsse der Erklärung der Kap. 1—7 führt der Verfasser entgegen der Ansicht der Kritik auf Grund von Beweisen aus, daß das Opfcrgesctz auch in seiner schriftlichen einheitlichen Zusammenfassung aus der mosaischen Zeit datiert. Ferner weist er die Behauptung zurück, als lvürde Exodus 20, 24 „b'chol hamokaum ascher askir es schmi" im Gegensätze zu Deuteronomium fl2, 2V) stehen, wo es heißt „bamokaum ascher jiwchar . . . l'schaken schmau schein" und daß das ältere Opfergesetz eitler freieren Opferpraxis entsprechen wurde. Demgegenüber führt H. ans, daß „bamokanm ascher jiwchar . . . das in der Wüste, also kurz vor dem Einzüge iu das Land, gelehrt worden, ist, schon auf das zu errichtende „Bcth Hamikdosch" verweise. Schließlich tritt er der Auffassung entgegen, als ob aus den Prophetcustellen, die gegen die Opfer ohne Besserung des Lebenswandels Front machen, hervorgehen würde, daß die Opfergcsctze des Pentateuchs sich nicht sofort der allgemeinen Anerkennung erfreuten. Die Propheten, führt Hossmaiin aus, haben nur gegen die verderbliche Meinung angekämpft, als ob die Opfer an und für sich genügen würden, jedes Vergehen zn sühnen und das; der Gottesdienst in der Darbringung von Opfer» bestehen würde. Auch führt er 10 Beweise dafür an, daß das Opfergesctz in seiner Totalität aus der mosaischen Zeit stamme und daß es schon vollständig in der Wüste Geltung hatte. (Schluß folgt.) G Feuilleton. G Krisen. Erzählung von Jacob Levy. (Fortsetzung). „Stellen Sie sich doch die Sache nicht so schwer vor. Wir kaufen das Vieh im Großen in Ostfriesland und verkaufen es im Großen nach England lveitcr. Während Sie hier beim Bauer einen Ochsen kaufen und dem Metzger oder auf dem Mchmarkt wieder verkaufen, machen Sie in derselben Zeit das Geschäft durch den Kauf von hundert Ochsen und verdienen in derselben Zeit das .Hundertfache." „Ja, aber . . . ." „Wer es gehört Geld dazu und das haben sic. Ich habe es nicht, dasür kenne ich den Einkauf und den Verkauf ganz genau. Sie laufen kein Risiko dabei, denn Sie besitzen den Wert, das Vieh; auch wird nur gegen Bar verkauft." - Die junge Frau umschlang ihren Mann und lehnte ihre weiche Gestalt an ihn. „Hermann, folge mir und sage ja. Wir können dann unser Mäxchen studieren lassen und in einigen Jahren brauchst Du dann überhaupt nichts mehr zn tun." „Dafür verbürge ich mich," warf Nußbauin ein. „Nun denn in Gottesnamen!" sagte Weinberg mit einem Seufzer. Nußbaum drückte und schüttelte ihm die Hand. „Herr Kompagnon, Sie werden Freude haben. — Ich beneide Sie übrigens um Ihre Frau. Mit einer so klugen, tatkräftigen Gefährtin werden Sie es lveit bringen." 6. Kapitel. Das neue Geschäft blühte anscheinend und ward groß. Hermann Weinberg hatte sein bescheidenes Hans nmgcbaut, da es seiner Frau mit den drei Kinderchen zu enge geworden. Es war das einzige Haus in Hainthal, das große, nach außen gewölbte Spiegelscheiben, der größte Luxus in der damaligen Zeit, aufwies. Die Scheiben blitzten und funkelten und blickten mit ihrem ansdringlichen Glanz verächtlich auf das bescheidene Fensterglas in den Nachbarhäusern. — lind der gleiche Luxus war im Hause zu finden, denn die schöne Frau Wciirberg hatte nur Sinn für Acußcrlichkeiten. Auch ihr Mann war ein anderer geworden. In Haar und Bart mehrten, sich die silbernen Fäden. Der beständig gutmütig'heitere Gesichtsausdruck war verschwunden und hatte Sorgenfalten Platz gemacht, die kaum lvichen, wenn seine Kinderchen um ihn spielten, Frankfurter JftaelitischeS Familienblatt. lind abends spät, wieder kurz vor Rvschhaschoiioh saß er in seinem Zimmerchen vor einem großen Buche und trommelte mechanisch ans den Tisch Seine Frau trat ein.' „Hermann, wir brauchen im guten Zimmer einen neuen Teppich, dann kommt der alte in's Wohnzimmer." „Nanni, ich habe kein Geld dafür.' — Laß' uuS ernsthaft reden." Sie - setzte sich. „Da wäre ich doch neugierig." „Du weißt, daß wir in den letzten Jahren nichts verdient haben, da wir zu billig verkaufen mußten, nur um rasch bares Geld zu bekommen, und da mir ganze Partieen Vieh eiiiginge». Ich muß alles allein tragen, denn Rußbaum ist immer der Firma Geld schuldig. Ich glaube, daß er mehr Mittel hat, als ich. Ich habe Schulden; auf alles, ivas wir besitzen, stehen Hypotheken; ich weiß mir keinen Rat mehr." Und der starke Mann vergrub seine Fäuste in sein Haar und schluchzte. „Wie ruhig und sorgenlos haben lvir früher gelebt und jetzt weiß ich meine Zinsen nicht mehr zu bezahlen. Wie soll cs gehen!" Seine Frau war starr. „Also so steht es mit uns! Und keine Hülfe mehr?" „Ich weiß keinen Weg mehr." „Wir wollen uns einschränkcn." „Das werden wir müssen, grmc Frau." Sie weinte laut. Er erhob sich schwerfällig. „Der Kopf ist mir schwer und ich muß morgen früh zn Selichoth aufstehen. Wir wollen schlafe» gehen." Sie erhob sich und war bceifert um ihn, wie seit Jahren nicht, und ein mattes Lächeln überflog seine Züge. „Gute Nacht, Hermann, und schlafe gut. Es wird schon Hülse kommen." Und sie gab ihm einen Kuß. Und nun lag sie mit offenen Augen im Bett und nun kamen die Sclbstvorwürfe. „Ich, ich habe ihn unglücklich gemacht. Er hat mich, das arme Mädchen, geheiratet, er hat mir den Himmel auf Erden bereitet und wie habe ich ihm gedankt! Vergeudet habe ich, in die Verbindung mit dem Lumpe» habe ich ihn getrieben — riesengroß steht das Unglück da. Unsere armen .Kinderchen! Und mir macht er keinen einzigen Vorwurf, mir, seiner größten Feindin." Und mit heißen Tränen spülte sie die Eitelkeit, die Selbstsucht herunter und das demütige Weib, das nur seinem Mann und seine» Kindern leben will, trat glänzend aus den Schlacken hervor.-- Andern Morgens, vor Tag, stand Hermann leise auf, um seine Frau nicht zn wecken. Zu seinem Erstaunen fand er sie schon unten. „Hermann, Du ziehst den warmen Mantel an, cs ist kalt und neblig." Er, der mit Aufmerksamkeiten nicht verwöhnt war, lachte verlegen. „Gelt Hermann, nachher überlegen wir. Ich bi» ja an allem schuld, verzeihe mir, ich will alles wieder gut machen." Demütig stand sic vor ihm. — Und er — er drückte ihre Hände immer wieder. „Nanni, sage doch so etwas nicht. Wenn wir alles zusammen tragen, ist cs kein Unglück inehr. Ich bin gesund und kräftig, es wird schon alles gut gehen." Hermann trat auf die Straße. Der dicke Nebel; wogte, die dämmernde Luft dnrchkältend, aber er spürte eS nicht. Seine Verhältnisse hatten sich ja nicht gebessert. Die Sorge ragte riesengroß, aber die.Hoffnung ließ das Unglück nur als Schatteugebilde erscheinen, er war einig mit seinem Weib, es wollte alles getreulich mit ihm tragen. Nach dem Frühstück begann Nanni: „Jetzt, lieber Hermann, wollen wir die Bücher durchsetzen." Und es entrollte sich ein düsteres Bild. Der Wohlstand war in den wenigen Jahren, die sie mit Nußbaum vereinigt waren, geschwunden, die großen Geschäfte erwiesen sich alle als verlustbringend. Ein Hauptschuldnec 'der Firma war der Teilhaber Nußbaum und der klagte immer, er hätte nichts. Das Haus und die Grundstücke waren über den Wert mit Hypotheken belastet, wenn die Zinsen einmal im Rückstand blieben oder wenn ein Kapital gekündigt wurde, mußte alles zusammenbrechen. „Hermann, wir müssen uns von Nußbaum trennen. Unser Hauptgläubiger ist Herr Müller. Der wird uns nicht unglücklich machen. Ich rede mit Mühmele Blümchen, ob sie uns Helsen will." „Nein, Nanni, ich will keine neuen Schulden zu de» alten machen." „Du kannst beruhigt sein, diese Schuld würde uns nicht drücken. Aber vielleicht weiß sie einen Rat." „Wann hast Du sie zuletzt gesehen?" Nanni senkte ihre Stirn und wurde rot. „Bei der Brismiloh unseres Jüngsten vor einem halben Jahr." Es klopfte an und Nnßbaum trat ein. „Sind die Herrschaften schon so früh fleißig," fragte er mit leichteni Spott. „Ich habe mich eben überzeugt, lvelchcn Reichtum uns die Verbindung mit Ihnen gebracht hat." Er zuckte die Achseln. Seile 5. Sie sah ihn mit funkelnden Blicken au. „Es >var alles Lug und Trug, was Sie uns gesagt haben, das ganze große Geschäft, was Sie machen wollten, war Schwindel. Jetzt sind wir ruiniert und das nur durch Ihre Schuld." „Die Verhältnisse lagen eben unglücklich," iiiiirmelte er, „jetzt liegen die EinkanjS- und Verkanfsbcdiuguuge» vorteilhafter." Die junge Frau legte ihre Hand auf den Arm ihres Mannes, der etwas sagen wollte. __ __ „Herr Nnßbaum, wie wollen Sie uns Ihre Schuld bezahlen?" „Davon kann leider noch keine Rede sei», ich habe nichts." „Sie werden sich sofort von meinem Mann trcnucn, mir gehen zusammen »ach Laucha an's Gericht." Nußbaum sagte frech: „Das werde ich mir vorher noch gut überlegen, schöne Frau. Ich lasse mich doch nicht so auf die Straße setzen, nachdem ich Ihnen die Jahre geopscrt und alles eiugebüßt habe." Frau Weinberg sagte verächtlich: „Sie haben etwas cingebiißt?" Dann fuhr sie in festem Tone fort: „Weiru Sie nicht mit der svso.rtigen Trennung einverstanden sind, bringe ich unsere Bücher einem Advokaten. Bei Ihren Geidmanipnlativnen ist mir vieles unklar, mein Mann war ja viel zn gut. Und Sie werden von uns nicht mehr geschont, dessen dürsen Sie versichert sein." Er nagte eine Weile an seiner Unterlippe, dann erwiderte er mürrisch: „Na, es soll mir recht sei», aber nur, wenn Sie Ihre Forderung an mich gnittieren. Ich will ohne schulden anstreten." Mit boshaftem Lächeln'fuhr er sort: „Wir wären ja doch anscinandcrgekvmmeii, wenn der Konkurs ansbricht, und de» können Sie jetzt ohne mich erleben." Da mischte sich Weinberg zum ersten Mal in die Unterhaltung und das nur mit dem einen Wort: „Lump". Seine Frau bat ihn: „Lösche seine Schuld und ivir wollen allein sein." Nach einer Stunde mar die Firma ansgelöst, Weinberg hatte seine Rechnung an Nußbaum quittiert. Beim Austritt aus dem Gericht sagte Rußbaum mit frechem Lächeln zu Frau Weinberg: „Ich werde jetzt allein einen Viehhandet anfangcn und gedenke reich dabei zu werde». Vielleicht bereuen Sie doch »och, nicht aus mich gewartet zu haben, schöne Frau." sie sah ihren Mann ängstlich an und sagte: „Hermann, ich bitte Dich, antworte ihm nicht." Dieser hatte gar nicht ans die giftigen Worte gehört, er atmete ans, wie von einer Last befreit. „Gottlob, Nanni, daß wir los von ihm sind. Ich werde gerne für Euch arbeiten, und wenn ich wieder als Viehtrciber anfange» müßte." (Fortsetzung sogt.) Ans Kunst und Wissenschaft. Mar N o r d a n über Professor Ludwig 2 t e i n' s „O p t i m is m u s". Im Morgenblatt der N c u e n F r e i e n P r e s s e geht Max Nordan mit dein jüngst erschienenen Werke Professor Tr. Ludwig Stein's „Der soziale Optimismus" scharf ins Gericht. Uns interessiert hier in seinen Ausführungen besonders der Schluß: „Sozialer Optimismus — ich bekenne, daß mir der Ausdruck nicht glücklich gesunden scheint. Optimismus ist eine Weltanschauung, und eine solche verträgt die Einschränkung nicht, die im Beiwort sozial liegt. Ein Philosoph, der sich als Optimist bekennt, »ruß menschlich befriedigende Antworten auf die furchtbaren Ewigkeitsfragen woher? wohin? warum? wozu? haben. Was soll das Lebe», wenn es doch im Tode endet? Was taugt uns das Bewußtsein, da die letzte Ursache ihm doch immer verborgen bleibt? Welchen Sinn hat das Werde», da alles Gewordene alsbald ein Gewesenes ist? Barnnx Wollen, warum Streben, da alle Entwicklung, des Einzelnen, der Gattung, des Planeten, des Sonnensystems, des Weltalls doch im Chaos und zwecklose» Wiederbeginn aufgehk? W e n n d r e Kreatur diese Anklagefrägen der Natur ins'unbewegliche sSphinxantlitz schleudert, kann keine Philosophie Beschwichtigung sänsel». pl n t w o r t cit auf s i e hat nur die Religion. Sie allein wagt zu versichern, daß dem suchcnücu Menschen einst die volle Erkenntnis gegönnt sein wird, daß sein Leben mit dem Maße der Unendlichkeit gemessen ist, daß Gut und Schlecht ihre Wurzeln in einer Allweisheit haben, daß strebende Tugend das Paradies erobert: die Religion allein hat das Recht, Optimismus z n v r e d i g e n. Ludwig stein aber weist nicht an? die Religion hin; er, geht ihr vorsichtig auS dem Wege; er läßt sich auf keine der ltzedankenreihcn ein, die den philosophischen Pessimismus unwiderleglich begründen. Er versagt sich Ausflüge ins Transzendente und schließt sich spießbürgerlich im Immanenten ein. Er beschränkt seinen Blick absichtlich auf die engsten Menschenznstünde, und da kann er tatsächlich zu befriedigenden Feststellungen gelangen und die Hoffnungsarmen zurcchtweisen. Nur sollte er dann nicht von Pessimismus und Optimismus sprechen, denn