Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 28 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. setzen und ihren Mitgliedern in Lieferungen zustellen. Es ist bereits damit begonnen worden, die verschiedenen Artikel herauszuheben, die Rabbiner Hirsch nach dem Gang des Kalenderjahres im ersten Bande des Jeschurun geschrieben hat. Personalien. Frankfurt a. M. Von einem herben Geschicke wurde das Ungesehene Vorstandsmitglied der Löb- Reiß'schen Synagoge, Herr Jacob Dahlhcim, betroffen. Sein achtjähriges, ungewöhnlich begabtes Töchterchen, ein prächtiges Mädchen, zog sich durch eine unbedeutende Hautabschürfung am Knie eine Blutvergiftung zu, und alle Kunst der Aerzte vermochte nicht, das Kind zu retten. Am Grabe sprach im Namen des Lehrer-Kollegiums der Israel. Realschule Herr Oberlehrer A. Weyl in bekannter Meisterschaft — vollendet in Form und Inhalt — Worte der Tröstung. Frankfurt a. M., Sv. Juli. In Herrn Jakob Jeidel, den wir heute Früh zur letzten Ruhe begleiteten, ist ein Jude alten Schlages — ein Mann treuer Pflichterfüllung, unentwegten Gottvertrauens und echter Menschenliebe — dahingegangen. In einem Hause der Tauroh, Jiras schonimajim und echt jüdischer Sitte erzogen, hat er es verstanden, in gleicher Weise sein eigen Haus zu gestalten. Er war derselbe Machnas Aurach und Maukir Rabbonon wie seine Eltern. Mit Recht sagte an seiner Bahre sein ältester Bruder Rabbi Josef Jeidel in den herzergreifenden Worten seines Nachrufes, das; auf den Dahingeschiedenen der 'satz „Jaakauw owinu lau melS, unser Vater Jakob ist nicht gestorben, er lebt in seinen Kindern fort" anzuwenden sei, denn dank seiner Erziehung werden seine Kinder mit Gottes- Hülse in seinen Bahnen wandeln; ist den Kindern doch die gleichgesinnte Mutter geblieben, und das Andenken an einen Vater, der trotz langjähriger körperlicher Leiden die in tiefer Gottesfurcht wurzelnde Heiterkeit der Seele sich bewahrte. — Sein Andenken wird ein gesegnetes sein! Amsterdam. Der 19 jährige Musiker Corel Snoeck ist als erster Konzertmeister und Solo-Violist nach Göthenbnrg (Schtvedcu) berufen worden. Aus -er Lehrerwett. Dortmund. Dem soeben erschienenen Bericht über die Tätigkeit des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens während des 14. Geschäftsjahres entnehmen wir, das; derselbe in erster Reihe dem Religionsunterricht seine Aufmerksamkeit getvidmet und mehrfach Versuche gemacht hat, denselben an den zahlreichen kleinen und leistungsunfähigen» aber doch mitunter kinderreichen Plätzen einzuführen. So wurden im Berichtsjahre 22 Plätze mit einem regelmäßigen Religionsunterrichte versorgt. — Die zweite Winterhälste brachte dem Verbände eine ernste Sorge. Die Köni.gl. Regierung in Arnsberg hatte auf Grund eines nicht veröffentlichten Ministerialerlasses, der sie anwies, ans Beseitigung der kleinen staatlichen Volksschulen Bedacht zu nehmen, der Gemeinde Ilnna nicht nur die Bestätigung einer Lehrercrsatzwahl verweigert, sonder« auch zugleich die Auflösung der noch 12Schüler z ä hl c n d e n Sch ule verfügt, obwohl sie schon seit geraumer Zeit keinen eigentlichen Zuschuß zu den Unterhaltungskosten mehr zu leisten brauchte. Die' gemeinsamen Gegcnschritte der Gemeinde und des Unnacr Magistrats, und sogar unterförmlichem Verzicht auf jeden Zuschuß, waren in Arnsberg erfolglos geblieben. — Den Bc m ii hungendes Verbandes gelang cs jedoch, den Fortbestand der Unna er Schule durch zusetzen, freilich mit der Einschränkung, daß diese Vergünstigung für Unna keinen Berufungsnnfall für die übrigen Schulen bilden dürfe. Nach dem Unnaer Ereignisse wandte sich der Verband mit einer Umfrage an alle westfälischen Gemcindcn mit öffentlichen Schulen, um über die Lage dieser Schulen Auskunft zu erhalten. Es ergab sich aus den Antworten, daß fast die Hälfte aller jüdischen Schulen in Westfalen bedroht ist. Breslau. Die Fortbildungskurse für Israel. Lehrer, über die wir bereits berichteten, haben mit 30 Teilnehmern begonnen. Die Festrede der Eröffnungsfeier hielt Herr Rabbiner Dr. Rose n t h a l. Er wies in seiner Rede darauf hin, daß die Idee der Ferienkurse, ans die wir als Errungenschaft der Neuzeit stolz sind, schon in.den Talmudhochschulen von Sura und Pnmbedita betätigt wurde, den» in den Monaten War und Ellul ver- «tnigten sich dort Lehrer und 'Gelehrte aus nah und fern zum Studium. Lemberg (Galiziens. Se. Majestät der Kaiser hat Herrn Professor Leon S t c r n b a ch von der Krakauer Universität zum Mitglied des galizischen Landesschulrates als Vertreter der jüdischen Konfession ernannt. Herr Professor Dr. Sternbach hat sich demgemäß an die Kultusvorstände von Lemberg und Krakau gewendet und um Acußcrnng ihrer Wünsche angesucht, die er maßgebenden Ortes zu vertreten, gern sich bereit erklärt hat. Frankfurter Israelitischer Familienblatt Aus den „Pirke Owans" (Sprüche der Vater) nach dem Buche „Jen Lwonaun" des Rabbi Naphtali Herz Wesel (Hartwig Weselly). VI. „Jehauschua, Sohn Pcrachjah's und Nitai der Arbelite, empfingen von ihnen. Jehauschua, Sohn Perachjah's, sagte: Schasse dir einen Lehrer, erwirb dir einen Genossen und beurteile einen jede» Menschen nach der günstigen Seite." Während die seither aufgesührten Weisen allgemeine Gesichtspunkte und Sentenzen für die allgemeine jüdische Welt zu geben bemüht waren, tritt das obige Lchrcrpaar in seinen Lapidarlebcnsregcln au den Kreis der Fortgeschrittenen auf dein Gebiete der Tauro, Awaudo und des Gemillus Chesed's Hera». Bei aller Erruiigeiischaft soll ihnen stets ein höheres Ziel gegenwärtig bleiben und die Erkenntnis der eignen Unzulänglichkeit sie vor einem blinden Selbstvertrauen schützen. Die Person des Lehrers kann in diesem Zusammenhänge unmöglich als die des Thorakenntnis spendenden Meisters ausschließlich gedacht sein. Denn die Aneignung der Thoragelrhrsamkeit setzt ja unbedingt de» Lehrer voraus und gehört zum ersten Prinzjpc jeder Betätigung auf diesem Gebiete! Vielmehr soll sich selbst der Weiseste der Weisen seine Unvollkommenheit eingcstehen und einen von ihm, wenn auch nur in einzelnen Dingen, anerkannten, hervorragenden Geist zu seinem Ratgeber erwählen. Gicbt cs doch keinen Staubgeborencn, dessen Sinne nicht »lomcntancr Trübung unterworfen sein können und der nicht zeitweilig des weisen Beistandes eines vertraucilswürdigen Mitbruders bedürfte. Handelt cs sich für den Geistesstarken so darum, bei aller Klugheit und Einsicht den Autoritätsglauben an sein eigenes Ich nicht auskommen zu lasse», so benötigt der fromm und gottcssürchtig am Weg der Grobheit Wandelnde, je höher er sich in Reinheit über seine Mitmenschen erhebt, umsomehr des wohlmeinenden Freundes, dessen Arm ihm bald zur Stütze, bald zur Abwehr diene» muß. Birgt doch jeder neu erwachende Tag neue Gefahren und bringt er doch neue, oftmals sinnverwirrende Eindrücke. Die Nähe des Freundes, dessen Auge in die feinsten Ritzen des Gemütes blickt, wird ermunternd wirken, da wo Erschlaffung vor dem Ansturm scheinbar unbesiegbarer Einwirkungen cintretcn will. Durch Wort und Tat, durch das rechte Wort am rechten Platze und die beispielgebende Handlung in aufopfernder Freundschaft wird der treue Gefährte stets für ihn cinstehen und ihn. in seinem Tun und Lassen befestigen und stützen, tvährcnd er ohne diesen Rückhalt nur allzu leicht an sich selbst verzweifeln könnte. Zur Befestigung des eignen seelischen Gleichgewichtes ist aber selbst bei dem hochsiiiiiigste» Menschen, dessen ganzes Wirken getragen ist von reinstem Adel der Gesinnung und von lauterster Mcnschcilbcglückung eines nicht zu entbehren — der Glaube an das Edle im Menschen. Wer nur dem Auge folgen wollte, das in dem Häßlichen nur das Unedle erblickt, ohne nach dessen Herkunft, nach den Kräften zu forschen, deren Zusainmeiiwirkcn solches zu Tage fördert, der würde kein mitfühlender Mensch unter Menschen sein können, denn aus Grund einer alles zcrnialmcndcn Verurteilung erschiene ihm das Bild seines Nächsten verzerrt und abstoßend. Dennoch will unser Meister aber doch wohl kaum eine schlechte Handlung beschönigt wissen, er wendet sich gewiß nur an den normalen Menschen, in seiner Mischung aus Gut und Böse. Fern liegt es ihm aber, dem Frevler seine Freveltaten Nachsehen zu wollen. Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, liegt scheinbar eine unlösbare Schwierigkeit in der Erfassung des Begriffes, jeden Menschen nach der günstigen Seite zu beurteilen. Es handelt sich aber offensichtlich, tvie dies auch aus vielen Talmndstellcn hervorgcht, bei dieser Zusammenfassung um den Einschluß einer Kategorie von Personen, die nur allzu leicht einer inißgünstigen Beurteilung anhcimfällt — um die wahrhaft und vollendeten F r o m m c n. Wer weiß cs nicht aus Erfahrung, wie leicht ihnen gegenüber Unverstand und Scheelsucht aus äußeren Betrachtungen Anlaß zu absprechendem Urteil schöpft. Und gerade das Gegenteil sollte die Regel sein! Ehrsiirchtigc Scheu sollte in solchen Fällen vor Verkennung zu- _Nr. 28. rückhgften und nur das Beste als Triebkraft zu dem Geschehnis vorausgesetzt werden. Noch etwas Weiteres läßt sich aus dem Wortlaute „nach ver günstigen Seite" (eigentlich Schale mit Bezug aus das Bild von der Wage; kaf — Wngschale) ersehen. Weiß man etwas wenig Lobenswertes von dem Mitmenschen, so bilde dieses Wissen nicht den Maßstab der Beurteilung für sein weiteres Tun und diene nicht dazu, ihm alles Rühmliche absprechen zu wollen. Das Urteil lenke vielmehr nach der anderen guten Seite und suche dort »ach den Beweggründcii für das vorliegendc Ereignis. Die aus den Lehren Jehauschna's zu schöpfende Moral lautet demnach: Fort mit dem Eigendünkel, er verhindert jedes Fortschreitcn in Erkenntnis, vernichtet die gesunde Schwungkraft der Seele und gefährdet den Frieden durch falsche Beurteilung im Verkehre mit den Ncbcn- »lenschen. Das Buch Leviticus. Uebersetzt und erklärt von Dr. D. H o f f in a n n. Erster Halbband Lev. I—XVH, Berlin, Verlag von M. Pvppelauer, 1905, S. 478, Oktav. Bon Dr. Philipp Frankl. (Fortsetzung., In der Darstellung der Integrität des Opsergcsctzes polemisiert Hoffmann gegen die Kritik, die die Einheit des Opfergesctzcs, speziell die des zweiten Teiles, des Prieslerovicrgcsctzes, bestreitet. Wir haben oben gesehen, bas; Hoffmann auf Grund der Ucberschrift der einen Abteilung und der Unterschrift der anderen und auf Grund des ursächlichen Zusammcnhaiigs Lev. 1—5 auf 6—7 basierend darstellt. Nicht so Merx (in seiner „Untersuchung der Opfergcsctze" in Hilgenfcld's Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie 1863), der 1—5 als Grundgesetz betrachtet und 6—7 als eine Novelle hierzu bezeichnet. Diese Novelle besteht nach Merx aus drei verschiedenen Teilen, die zu verschiedenen Zeiten konzipiert worden sind. Indem nun H. (S. 29—75) diesen Behauptungen cntgegentritt, beschränkt er sich nicht darauf, dies auf negativem Wege zu tun, indem er die Behauptungen der Kritik von Punkt zu Punkt entkräftet. Er leistet auch positive Arbeit, indem er in Bezug auf alle drei Teile auf Grund vieler Beweise ihren mosaische» Ursprung sowohl, als auch ihre Zusammengehörigkeit darstellt. Während nun nach den Ausführungen der Kritik der Text arg verzettelt und ausciiiandergerissen werden muß, ergeben die Kap. 6—7 in dev Form, wie sie in H. Werk vor uns liegen, ein geschlossenes Ganzes (über den organischen Zusammenhang der beiden Kapitel s. H. 51—67). Des Weiteren führt der Verfasser äuf Grund vieler Belege den Nachweis, daß Kap. 6—7 eine Anzahl neuer Vorschriften enthalten, wodurch die Behauptung, als seien sie nur eine Novelle zu den Kap. 1—5, widerlegt ist. Beide Teile, sowohl Kap. 1— 5 als auch 6—7 müssen aber auch von cinein Verfasser herrührcn, da diese sich gegenseitig ergänzen und ein einheitliches Ganzes bilden. Aus demselben Grunde kann auch nicht ein Teil derselben aus dem Zusammenhang herausgcrisscn und in eine andere Zeit verlviesen werden. Wenn es aber in der Unterschrift, Kap. 7, 37—38, heißt „auf dem Berge Sinai" (während es doch in der Einleitung, Kap. 1, 1 „im Stiftszclte" hejßt), woraus manche (Knobel) schließen wollen, das; „Har Sinai" mit „Ohel moed" insofern identisch sei, als alle Gebote, von denen es heißt, daß sie am Sinai gegeben worden wären, eigentlich aus deni Stiftszclte herrührcn und am Sinai überhaupt keine Offenbarung und Gesetzgebung stattgesundcn hat, so erinnert Hossmann daran, daß Lcviticus 6—7 organisch mit Exodus 29 zusannnenhängt. (Beide Stellen, Lev. 6—7 und Exodus 29 bilden, wie bereits oben erwähnt, zusammen das Priestcropsergesetz; letztere die Regeln für die Einweihungsopfer und erster« für die dauernden Opfer), die Unterschrift „am Berge Sinai" sich daher auf dieses in der Zeit primäre Priestcrovfer-Sinaigcsetz beziehe. Nachdem der Verfasser de» Inhalt der Opfcrgesetzc kurz mitgetcilt, geht er zur Erklärung der Bedeutung der Opfer über, bezüglich, welcher er die hauptmaßgebcndcn Meinungen zitiert. Von diesen erwähnt er die beiden .hanptrichtungcn in der Auffassung der Opfer. 1. Die rationalistische Auffassung, die von Maimonides besonders betont und von Abarbanel noch des Weiteren ansgebaut und begründet wird. 2. Die symbolische Richtung, deren Hauptvertreter S. R. Hirsch ist. „Der Opferdienst steht nach dieser Ansicht mit dein Gottesbewußtsein der Menschheit . im innigsten Zusammenhänge. Die Menschen