Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 28 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Süte 2. führen. Schließlich geriet der Doktor an das andere .Ende der Stadt auf den Libau-Romnyscheii Bahnhof. Um ohne Gefahr nach Haufe zu gelangen, mußte er zu feinen russischen Bekannten, die zufällig dort waren, Zuflucht nehmen. So kamen der Glaube und die Liebe Doktor Gracks in Konflikt bet der ersten praktischen Begegnung. „Gehen wir irgend wo anders hin!" — bat ich. „Der Anblick dieses Schmutzes und Elends wirkt nicderdrückend auf meine Nerve» und ich möchte wenigstens den Ort verändern." „Gehen wir fort von hier," fiel Schmulik ein. „Wozu kamen Sie zu diesen Bettlern?" brummte er, aus der Tür tretend. „Sind das denn Menschen? Gehen wir zu den unsrigen!" Der Maler Schmulik Wolkowitsch ist der typische Repräsentant der Homeler Demokratie. Er ist 18 Jahre alt, schwarz wie ein Mohr, mit lustigen Augen; er trägt die flache Mützp in den Nacken gedrückt. Das russische einfache Volk trägt in Homel meist Pelzmützen., Die Raubmörder, mit welchen ich gesprochen habe, nennen eine solche Mütze „Juden--^ kappe". Schmuliks Hände sind mit grüner Farbe beschmiert, ebenso der Aermcl seines Ueberziehers. Es riecht nach Firnis und Terpentin. Er verdient gut, gegen 6 Rubel wöchentlich. Demokrat wurde er, als er 14 Jahre alt war. Er hält sich ein wenig für einen Künstler und begeistert sich in gleichem Maße sür Farben, wie sür Ideen. Er hat mir soeben erzählt, daß er auf einein eisernen Dache, das er zuletzt angestrichen, die Aufschrift ausgcführt hat: „Dieses Dach hat der Demokrat Schmul angesrrichcn." (Fortsetzung folgt.) Herzl s. A. Zum Jahrzeitstag. So bist du denn bahingcgangen, 12 Monde schon dahingegangen, Geliebter meiner Seele! Süß und sonnig war deine Stiinme wie lieblicher Harfenton, schmetternd und gewaltig wie spornender Schlachtruf. Glänzend und strahlend dein Auge wie der einsame Bcrgsee, düster und schleiervoll wie der brütende Herbsthimmcl. Nagend und königlich dein Antlitz wie der thronende Gletscher, weich und erbarmend wie Mutterblick. Bist dahingegangen inmitten der stählernen Fülle deiner Kraft, bist dahingegangen inmitten der schwellenden Sehnsucht deines Gemüts. Hast uns allein gelassen, unsäglich allein und unsäglich verlassen in den tobenden Wasser» des Leids, die unsere blühenden Gefilde überfluten, unseren heiligen Samen entwurzeln, denen wir ach! zu erliegen drohen! Denn du bist uns entrissen, der du mit starkem Arm, mit glühender Lust unser schwankes, gebrechliches Schiff hinsteuern ivolltest nach dem Ziel unserer Träume, nach dem Port unserer Zuflucht: nach Erez Jisroel. Ein.Lichtbringer warst du, der durch das Dunkel, das schwere, 'lastende Dunkel, das uns umgab, einherschritt'mit hochcrhobener Fackel, an der sich verglimmendes, verkohltes Hoffen neu entzündete. Ein Goldgräber warst du für die Entfremdeten, die Halbverlorenen, der durch -Schutt und Geröll bis zu den verborgensten, verschüttet stcn Schachten des menschlichen, des jüdischen Herzens drang und lauteres Gold, das Gold jüdischer Begeisterung zu Tage förderte. Und ein Würdenträger warst du, trugst Würde und gabst Würde, trugst wie eine Krone das stolze Bewußtsein auf deinem Haupte, ein Jude zu sein, und gabst uns Würde, Würde vor uns selbst. Würde vor der Welt. Und ein getreuer Knecht warst du, ach, ein so getreuer, so bewußter Knecht. Warfst hin Lebensglück, hin Ruhm und Stolz, hin Weltlust und schlepptest Lasten, Riesenlasten aus deinen Schultern, freudig, demütig, gebückt, ruhelos. Schlepptest, bis du zusammcnbrachst unter den Riesenlasten des Leids, unter den Riesenlasten des Kampfs. Binjomin Sef ben Jaakow — ich ruse dich! Lichtbringer, Goldgräber, Würdenträger, getreuer Knecht deines Volkes — ich ruse dich! Weile, weile in unserer Mitte! Weihe, weihe unser Tun! Finster, immer finsterer jst's um uns geworden, seitdem du geschieden —, führ' Frankfurter Israelitischer Familienblatt. uns mit Funken deiner Glut empor zum Licht! In Staub drohen Goldbarren zu sinken, die du gehoben — mag dein Erinnern sie ausrecht halten! Unsere Würde beginnt zu wanken — der Glanz deiner Würde soll sie neu erstrahlen lassen! Und lass' uns wandeln im Schatten deines Angesichts als! schlichte, getreue Knechte unseres Volkes im Dienste des allgewaltige» Herrn! Das 25 Jubiläum des israelitischen Lehrerverems in Bayern. Generalversammlung. Es waren sonnige, wonnige Tage, welche diese Woche dem israelitischen Lehrervercine in Bayern beschießen gewesen. Wer am 16. und 17. Juli er. in Würzburgs Mauern mitgefeicrt beim 25. Wiegenfeste des erwähnten Vereins, der wird die wahrhaft erhebenden Stunden und Momente nicht so leicht vergessen. Die Erinnerung an die denkwürdige, in allen Teilen glänzend und harmonisch verlaufene Feier bleibt noch lange eine -Quelle seelischen Labsals. Und das ist gut so! Kein Stand bedarf so der inneren Anregung, der Erfrischung des Geistes, der Erhebung des Gelinktes, als gerade der jüdische Lehrerstand. Die mißlichen äußeren Verhältnisse, die materielle und .soziale Lage wirken nolcas volens deprimierend auf das geistige frohe Schaffen und Streben. Das ist aber Gift für die ideale Berufsarbeit des Jügendbildners. Wie Balsam für die Wunde wirkt da eine Feier wie die, von der wir hier berichten möchten. Schon in den ersten Morgenstunden des 16. Juli brachten die Bahnzüge aus den verschiedensten Himmelsrichtungen dje Kollegen und Freunde herbei. Freundlich hell erstrahlte die Sonne über der alten, doch ganz modernen Nebenstadt am Main. Immer stattlicher wurde die Zahl der herbeieilenden Lehrer, immer zuversichtlicher die Hoffnung: heute wird's schön werden. — glich so wpr es auch! Obwohl die Generalversammlung erst um 3 Uhr nachmittags programingemäß ihren Anfang nehmen sollte, waren schon viele Stunden vorher die Räume im Hotel Goldschmidt von Lehrern überfüllt. Da war ein Rausche», Summen, Jubeln, Begrüßen und Händedrücken, wie wenn „Freude mit Freude sich inengt". In mancher Augen glänzten Tränen der Herzensfreude beim Wiedersehen alter Bekannter, Fragen nach dem Wohlergehen, .Familienstände, Wirkungskreise wurden ausgetauscht — da tritt schon wieder ein anderer Freund dazwischen und versetzt unniittelbar die beide» Unterhaltenden in eine neue Gedankenwelt, es gesellt sich ein vierter hinzu, es bilden sich immer neue und andere Gruppen, jeder möchte jeden sehen und sprechen, allen alles initteilcn in der Zeit — doch) cs geht nicht! Die Glocke des Vorsitzende», Herrn G o l d st e i n - Heidingsseld, mahnt zur Ruhe, zum Platznchmen, allmählich wird es stille, der große Saal im Hotel Goldschmidt ist überfüllt, auf den Gallerien ein Flor von Damen, natürlich zumeist Lehrcrsgattimien, die auch einmal „dem engen Gespräch und des Zimmers Gefängnis" entfliehen möchten. Der Vorsitzende begrüßt die so zahlreich. Versammelten, ihm schließen sich die anwesenden Herren Rabbiner B a m b e r g e x * Würzburg, D r. Stein- Schweinfurt, Dr. Goitein -Burgkunstadt in herzlichen Worten an. — Die. Berichterstattung über das abgelauscne Vereinsjahr bezeugte in jeder Hinsicht ein erfreuliches Wachsen und Gedeihen des Vereins, der jetzt 182 ordentliche Mitglieder zählt und mehr als 1000 außerordentliche. Im Jubiläumsjahre hat das Vercinsvermögen die Summe von Hunderttausend glücklich überschritten. Die Rechnungsrcvisoren stellen sowohl dein Herrn Kassierer Dr. Brauiischwciger-Würzburg, als dem Schriftführer Mandelbaum ebenda das Zeugnis exakter, peinlich gewissenhafter Arbeit aus. Es folgt das Referat des Herrn S. Senger«Würzburg über „Die Bedürfnisfrage eines konfessionellen LescbuchsfürjüdischeVolksschule n." Die äußerst gediegene, in freiem Vortrage gebotene Arbeit des Referenten erntet reichen, wohlverdienten Beifall. Langjährige Erfahrung und statistisches Material lassen den Referenten aus praktischen wie ideellen Gründen die Bedürfnisfrage verneinen. — Die Nr 28. sehr rege Debatte, an der sich auch die Herren Rabbiner beteiligen, zeigt die geteilte Meinung der Anwesenden. Die Ansicht, jene Stücke christologischcn Inhalts zu eliminiere», wird fallen gelassen. Man einigt sich schließlich auf einen „Anhang" zum Lesebuch, der dem jüdischen Kinde »nd Bewußtsein entspricht. Als Ort der nächstjährigen Generalversammlung wird Nürnberg in Aussicht genommen, besonders in Rücksicht ans die gleichzeitig dort stattfindendc Landesausstellung. Familienabenv. Kurz nach 8 Uhr fand sich ein zahlreiches Publikum im „Schrannensaale" ein, die jüdische Gemeinde Würzburg nahm lebhaften Anteil an dem Ehren- und Jubelfeste des Vereins, das mit dem Fainilicnabend seinen Anfang offiziell genommen. 14 Nummern sah das Programm vor. Nicht nur das Terksen-Quartett leistete Vorzügliches, sondern auch die Mitglieder des Vereins. Herr Lehrer M a n n h e i - m e r - Dettelbach trug einen beifällig ausgenommenen Prolog vor, Herr Lehrer Hell mann- Würzburg erntete Bewundernng und Tank mit seinem Synagogenchor-Doppelquartett, ebenso durch seine Leistungen am Piano. Durch Deklamationen humoristischen Genres ergötzten Frl. Marx- Günzenhausen, Herr Frenbenberger - Würzburg, ebenso die Herren Kollegen Zucker und Klugmann durch eine dramatische Szene „zum Jubiläum". — In später Stunde schied man, um »ach reichen Genüssen der Ruhe zu pflegen bis zum anbrechenden Morgen, dem eigentlichen Festtage. Festakt. Am Montage um 10 Uhr vormittags fand der eigentliche Festakt im großen Alhambrasaale statt. Bis zum letzten Platz war der Saal gefüllt, viele mußten sich mit Stehplätzen begnügen. Das Jubiläumslied, eine der Feier gewidinetc Dichtung vom Herrn Gemeindebevollmächtigten Apotheker Dr. kluger - Wiirzbnrg, komponiert von Sinion Breu- Würzburg — beide Herren Christen — durchbrauste aUbalb unter der trefflichen Leitung des Herrn Hellmann den Saal. — Msdann begrüßte der Verein s v o r st a n d die Erschienenen in herzlichen Worten, allen Teilnehmern reichen . Genuß und angenehme Erinnerung wünschend. Nach dieser kurzen Ansprache nahm das Wort Herr Stadtschulrat Ullrich. Es war ein in heutiger Zeit doppelt wohltuendes Gefühl, diesen Herren in aufrichtig toleranter Art sprechen zu hören über die jüdischen Schulen und Lehrer, besonders die jüdische Volksschule und das Lehrerseminar in Würzburg. .In Würzburg gäbe es keinen Unterschied der Konfessionen. Zugleich vertrat Herr Schulrat .den B ü r g e r m e i st e r Würzburgs bezw. den Stadtmagistrat, ebenso den kgl. Kreisschulrat ErbsHäuser. Nicht minder schön und herzlich klangen die Worte der .christlichen Kollegen Weißensee und Dr. Orth von Würzburg, ersterer als Mitglied des Vorstandes vom nnterfränkischen Kreis-Lehrervcrein, letzterer als Vorstand des Bezirkslehrervereins Würzburg I. Beide betonten das gleiche Streben und ideale Schaffen, welche christliche und jüdische Kollegen mit einander verbinde, wie ja auch die bayrischen jüdischen Lehrer treue Mitglieder des allgemeinen Volksschullehrervereins für Bayern seien. Hierauf ergriff das Wort Herr P r e ß b u r g e r - Creglingen, um als Vorsitzen» der des Württemberger Lehrervereins seine Grüße zu überbringen. In interessanter Art stellte er bayerische und württembergische Verhältnisse gegenüber, um die Licht- und Schattenseiten hervortreten zu lassen. Dabei erinnerte er, daß der heinigegangene 1. Vorstand des bayerischen Lehrervereins auch der Gründer des jüdischen Lehrervereins zu Württemberg war: Direktor Ludwig Stern-Würzburg war früher in Württemberg, seinem Geburtskande,tätige—,Aehnlich sprach der Vorstand des badischen Lehrervereins, Herr Thalheim.er, der die^Griiße der Badenser übermittelte. Großen Eindruck auf alle Hörer machte die Begrüßungsrede des Vorstandes vom „Bund gesetzestreuer Lehrer in Deutschland", Herrn I. L e b ermann - Darmstadt! Herr Schwarzschild- Schlüchtern überbrächte den Gruß der Lehrer-Kvnferenz Hessens, Herr A m r a m - Borken hatte Telegramm gesandt, ebenso Herr Wertheimer -Heldenbergen; telegraphischen Gruß entboten der Verein von Mitteldeutschland, von Hannover,