Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 28 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^Ttitnßfnrfcr Jfriflitifdirs fiiilinMitt Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— KedaKiion und Hefchaftsstelle: Srankfurt a. M.. Deiligkreuzgasse 52, Lcke Rlapperfeldstraße B-refo« 10507. -5-3S-:- Herausgeber: Kaks H>eis. . Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. .. 3. Jahrgang. Freitag, den 18. Tamns 5665 (21. Juli 1905). Ro. 28. Inhalt des Hauptblattes r Artikel: Homeler Silhouetten. — Herzl s. A. — Das 25. Jubiläum des israelitischen Lehrervereins in Bayern. — Aus allerWelt —Personalien. — Aus d er L ehrerw e lt. — Aus den „Pirke Owaus" (Sprüche der Väter) nach dem Buche „Ion Lwonnun" des Rabbi Naphtalie Herz Wesel (Hartwig Wessely). — Das Buch Leviticus. — Feriilletonp Krisen, Erzählung von Jacob Levy. — Aus Kunst und Wissenschaft. — Büchersch au. Homeler Silhouetten. Skizzen von T a n, aus dem Russischen übersetzt von T. B a ch. (Fortsetzung). Der Träger war ein hagerer, blonder Mann mit MafiMaiieit, sanften Augen, einem langen, grauen Bart, der bis zur Hälfte der Brust reichte. Seine Füste tvnren mit großen Stiefeln bekleidet, seine Rockzipfel unter den Strick, der seinen Leib nmgürtcte, hineingestcckt. Würde ich ihn auf der Straße getroffen haben, ich könnte schwören, daß er ein weißrussischer Bauer reinsten Blutes sei. Ans der linken Seite seines Rockes war eine silberne Medaille angenäht, die, dem allgemeinen Fond entsprechend, ganz trübe geworden war. „Woher hast Du die Medaille?" „Ich habe im türkischen Kriege gedient, Plcwna genommen," erklärt der Träger. „Mein Unglück ist cs, daß das alte Gesetz nicht mehr gilt," fügte er seufzend hinzu. „Das Nikolaische Gesetz," erklärte er als Antwort auf unsere Fragen. „Meinen Bruder hat man gebrandmarkt, in Eisen geschmiedet. Dafür kann er in Kiew leben. Ich aber verfiel dem neue» Gesetz, deshalb habe ich keine Rechte." . . . Außer der Medaille hatte der Träger nichts Militärisches an sich. „Mein Weib ist krank, Kinder habe ich nicht," erzählt-er weiter, „wir leben so gut es geht. Wenn wir nur für die Wohnung bezahlen. Wenn ich was verdiene, essen wir, wenn nicht, dann nicht. Wer ein Pferd hat, der verdient gut. Da ist mein Wirt z. B., der führte Steine nach Tscheschcrsk und hat dafür vier Rubel bekommen .Das ist kein Spaß? Ich tvar der Fuhrmann und habe 60 Kopeken erhalten." ' „Wo waren Sie während des Pogroms?" „Bei uns im Graben gab es keinen Pogrom," — mischt sich Schmulik ein. „Hier kann man nicht nur die Raubmörder," erklärt er, „sondern ein ganzes Heer mit heißem Wasser abbrühen." In der Tat, der Graben bildet ein ungeheures Nest, und für den Fremden ist es nicht ungefährlich, mit feindlichen Absichten hierher zu kommen. Der Träger, als Repräsentant der älteren Generation, war weniger kriegerisch gestimint, als der junge Maler. „Zur Zeit des Krawalls mußte ich Kalk nach Beliza führen, inan bot mir einen Rubel dafür, aber ich fürchtete mich, denn die dortigen Christen hatten den Aufruhr schon begonnen." Beliza ist ein Bauerndorf, vier Werst von der Stadt entfernt. Die Jugend von Beliza wird in den Eisenbahn-Werkstätten, bei der Remonte und dem Transporte von Lasten beschäftigt, und diese Arbeiter waren cs, die ein bedeutendes Kontingent der Raubmörder bildeten. „Doktor Grack, meine Tochter ist gekommc», kommen Sie bitte zu uns!" Auf der Schwelle steht ein bartloser Greis in einem wattierten Käppchen, mit einem lange», sonderbaren Rock bekleidet, dec augenscheinlich aus einer gesteppten Decke verfertigt war. Er hat schreckliche, staarblinde Augen, die mit einer weißlichen Haut überzogen erscheinen. Die Nase ist stark von Tabak gebräunt. Ikebrigens geht er durch den Schmutz so sicher, als ob er über die beste Sehkraft ve.fügen würde. „Das ist Landsmann, ein Hausbesitzer," erklärt mir Doktor Grack. Ich dachte, er scherzte. „Wirklich Hausbesitzer," versichert Grack, „er lebt von seinen Renten, ec hat vier Häuser." In der Wohnung des Hausbesitzers war es noch schmutziger, als beini Träger. Halbbekleidete Frauen verkrochen sich hinter den Ofen. Schmutzige Kinderchen krochen in allen Winkeln umher. Das eine hatte einen rachitischen Kopf und krumme Füße, dem andern fehlten drei Finger an der Hand. „Es hat sich, einen Splitter in die Finger gestochen," erklärt die Mutter, — „dann schwollen sie an. Es entstand eine große Beule und dann begannen die Knöchel zu faulen und abznfallen." Das dritte Kind hatte auf dem rechten Auge einen weißen Fleck, fast ebenso groß, wie beim Großvater. Dieses Kind schien soeben aus dem Waschbecken herausgezogen zu sein, es war ganz naß und ich hätte es nicht ohne Zange berühren wollen. Doktor Grack nahm das Kind furchtlos auf die Arme. „Was soll ich hier machen," sagte er ärgerlich. „Ich habe Ihnen ein für allemal gesagt, kommen Sic in mein Krankenhaus." Doktor Grack kennt die ganze Bevölkerung des Grabens» des Kaukasus, Amerikas und anderer Vorstädte Hömels. Das Empfangsziminer in seinem Krankenhause ist beständig von in Tüchern gehüllten Frauen mit schmutzigen .Kindern auf dem Arm überfüllt. Drei Viertel feiner Patienten zahlen nicht. Bon den andern, wohlhabenderen, kann man nicht einmal „das Wasser für den Brei", wie die Weißrussen sich anszndrücken pflegen, verdienen. Ilebrigcns beträgt in Hömel das gewöhnliche Honorar der Aerztc 40—50 Kopeken für die Visite. „Ich streue ihm Zucker mit Ingwer auf die kranke Stelle," sagt die Mutter des Kindes. „Ist es gut, Doktor?" „Bringen Sie es in mein Krankenhaus," — ermahnt Dr. Grack geduldig, „ich werde dort sehen." „Was ist mit Jusik, geht er in die Schule?" fragt er so nebenbei. „Wir hindern ihn nicht daran," antwortet der Großvater zurückhaltend. Landsmann's Häuser stehen wie auf Hühnersüßen. Eines von ihnen ist vollständig verfallen nnd von den Bewohnern verlassen. In den andern wohnen Lumpensammler, Tagelöhner, Kwasausträger*) und ein Leiermann. — In einer Hütte wohnen sogar drei Zahlende. Jeder von ihnen zahlt anderthalb oder zwei Rubel monatlich. Im ganzen niinmt Landsmann nominell 10 Rubel monatlich ein, aber in Wirklichkeit beträgt seine Rente nicht mal die .Hälfte davon. Er klagt über schlechte Zeiten. Früher gab cs ein Komitee, da konnte »ran von jemand noch was bekoinmen, aber jetzt will keiner mehr zahle». Das Komitee gehörte zum Verein für Armcn-Unterstütznng, hatte aber im letzten Jahre infolge des allgemeinen Unterganges der Gechäfte seine Tätigkeit cinstellen müssen. „Gehen sie denn nicht nach dem Monatlichen?" fragt Doktor Grack. In vielen Städten des westlichen Gebietes gehen die ärmsten Einwohner am Anfang jedes Monats von Haus zu Haus und sammeln kopekeirweise, bis sie zwei oder drei Rubel zusammen haben, um für die Wohnung zu bezahlen. „Sie gehen sogar von Klingel zu Klingel," brummt Landsmann. „Aber mir bringen sie nichts. Ich bin blind." Das Gehen von Klingel zu Klingel ist den professionellen Bettlern eigen, welche den ganzen Tag an fremden Türen schellen. Aus der Schwelle erscheint eine alte Frau mit zerzaustem Haar; ganz in Federn, als ob man sie eben aus einem Federbett hervorgezogen hätte. Ich habe sie früher gesehen, die „Iveise Chana". Siv hat weder Haus, noch Familie, nick» lebt vom Federzupfen, wofür sie 30 Kopeken für zehn Stunden Arbeit erhält. In ChanaS Kopfe ist es nicht ganz in Ordnung, deshalb nennt man sie die „weise Chana". „Ach, Doktor Grack!" sagt Chana, „sagen Sie Doktor, wann wird man uns wieder ausplündern?" Doktor Grack zuckt zusammen und erhebt sich sogar von seinein Platze. Der nationale Zwiespalt in Hömel hat in seinem Herzen eine offene, ewig sickernde Wunde zurückgelassen. Ter Doktor ist sonst schweigsam nnd zurückhaltend, aber mir ist es gelungen, ihn einige Male dazu zu veranlassen, sich auszusprechcn. Seiner ganzen Stimmung nach ist Doktor Chaim Grack Verteidiger der russischen Nationalität, sogar zum Teil Slavophile. Er hält das russische Volk für das erste nnd beste in der Welt und ist überzeugt, daß in Zukunst das russische Element unvermeidlich ganz Asien und Europa überfluten werde. Das ist sein Glauben. Sein LieblingStraum ist, in das Gouvernement Wjatka überzusiedeln und dort Landschastsarzt zu werden. — Andererseits kennt der Doktor fast alle Einwohner Hömels beim Namen, sorgt beständig für Schulen, Bibliotheken nnd Unterstiitznngskassen. Das ist seine Tätigkeit und seine Liebe. Am Tage des Pogroms versuchte er einige Mal, jedoch ohne Ersolg, dem, sozusagen, festgesetzten Programm Einhalt zu tun und zu diesem Zweck mit verschiedene» Hütern der Ordnung, welche aus den Straßen in Begleitung eines Militärkordons umherspazierte», Verhandlungen ju *) Kwo»s — eine Art von Limonahch ,