Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 27 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 10. Jisroel-Bruder, resp. die Mchttrennung von ihm durchaus geboten, und dies umsomehr, wenn die Erfahrung schon gelehrt hat, daß bereits Abgefallene auf dem Wege der gemeinsamen Arbeit wieder zum Väterglauben zurückgckchrt sind. Auf den Zionismus angewendet: daß Punkt 2 bei den Zionisten so wenig wie bei den Reformern zutrifft, ist gewiß. Bezüglich des 1. Punktes wird behauptet, daß „in Rußland der Zionismus in religiöser Beziehung die größten Verheerungen zur Folge hat (S. 3) und der jüdischen Jugend die Glaubenstreue geradezu aus dem Herzen reißt" (3. 14). Der Kritiker im Israelit hat zwar geleugnet, daß der Zionismus den Abfall vom Glauben veranlasse. Wir wissen also nicht, wer die Unwahrheit gesprochen hat, die E. A oder der Israelit. Bleiben wir bei der Behauptung der E. 2t, so fragen wir uns verwundert, warum in Deutschland, das gewiß von religiösem Unglauben nicht weniger angekränkelt ist wie das östliche Nachbarreich, von dieser verderblichen Wirkung des Zionismusnichts zu beobachten ist, vielmehr sogar, wie die E. ~2t ausdrücklich hervorheben (S. 14), „viele Zionisten Orthodoxe geworden sind, was gerade vom orthodoxen Parteistandpunkt betrachtet, ganz natürlich ist." W i e c i n unddieselbeSache einerseits „gerade vom orthodoxen Parteistandpunkt betrachtet, ganz natürlich die neologen Brüder zum Vüterglauben zurückzusühren geeignet ist" und andererseits „die Glaubenstrene geradezu aus dem Herzen reißt", das verstehe wer kann'.! Die Lösung dieses Widerspruchs erklärt sich einfach darin, daß eben einige russische Rabbiner, sie mögen sogar Gedaulim auf talmudischein Gebiete sein, ihren Blick nicht aus ihren „vier Ellen der Halachoh" herausschweifen lassen, daß sie U rsache mit Folge verwechseln: Nicht der Zionismus führt zum Abfall, sondern die Abgefallcnen werden zum Zionismus geführt. Und das ist der Weg, aus dem sie wieder mit G. H. auch zum Thoraglauben zurückgeleitet werden. Längst bevor es in Rußland Zionismus und „Chibbas Zion" gab, gab es die sog. Haskala, die Aufklärung. Die chronologische Folge beweist. Bedauerlich ist nur, daß einige deutsche Rabbiner, gleichfalls in ihren „vier Ellen" befangen, lieber den Stimmen dieser ihre Zeit mißverstehenden Rabbiner Gehör schenken, wie den an Zahl mindestens zwanzig-, vielleicht auch hundertmal überlegenen russischen Rabbinern, die im Zionismus einen Segen für das Judentum erblicken. Wären diese deutschen Rabbiner doch lieber dem Beispiel des großen R. S. Hirsch s. A., der ihnen ja auch sonst Vorbild ist, gefolgt und hätten sie, wie dieser schon vor mehreren Jahrzehnten erfolglos bemüht war, ihren russischen Kollegen von neuem mit Rat und Tat zur Seite gestanden, daß sic ihre Schulen von Grund aus reorganisierten und dafür sorgten, daß die russische JUgend sich ihre Kenntnis der modernen Wissenschaft und Kultur nicht bei ungläubigen Lehrern und atheistischen Schriftstellern holen, sondern bei Lehrern, die Thora im derech erez verbinden. Damit hätte sich die Rabbinerkommission ein unvergängliches Beidienst erwerben können und wäre der begeisterten Zustimmung nicht nur der Misrachisten, sondern sämllicher Zionisten sicher gewesen. Warum aber bekämpft die Rabbinerkommission lieber den Zionismus? Weil eine Resolution weniger Mühe verursacht und als eine große Tat erscheint, das kann doch nicht der wahre Grund sein?! Die E. A. geben selbst die Antwort: „Lange Zeit hat es gewährt, bis sich, in unseren Kreisen die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß es nur einen Weg zum Frieden, zum wahren Frieden gibt: die Trennung, das reinliche Auseinandergehen von nicht zusammengehörenden Elementen und sich gegenfettig ausschließcnden Kräften. Wir dürfen diese schwer, nur durch langjährige Kämpft verbreitete Erkenntnis nicht dadurch wieder einer Trübung aussetzen, daß wir uns selbst einem neuen Verbände, der die disparatesten Gegensätze umschließt, freiwillig anschließen." 9!och deutlicher aber wird der Krittler im Jsraelü: „Gegen den Geist einer Reformgemeinde protesttert man nicht, indem man innerhalb dieser Reformgemeinde eine orthodoxe Nebengemeinde schafft — die bloße Mitgliedschaft zu einer Reformgemeinde involviert immer das Bekenntnis zu ihren Grundsätzen und benützte man nie in seinem Leben Frankfurter Israelitisches Familienblarr. eine .ihrer Institutionen — sondern indem man außerhalb der Reformgemeinde als 'Mitglied einer selbständigen orthodoxen Gemeinschaft, ihre Existenzberechttgung in Abrede stellt". Das ist der Brennpunkt der ganzen Auseinandersetzung! (Älusdrücklich sei betont, daß es uns absolut fern liegt, im Folgenden zu der Austrittsfrage aus den Gemeinden Stellung zu nehmen. Es mögen daher die Gegner des Austritts nicht ohne weiteres in unseren Ausführungen ein Bekenntnis zu ihren Anschauungen erblicken.) Was an einzelnen Orten und zu gewissen Zeiten sich als schmerzliche Notwendigkeit erwies: die Trennung, wird zum löblichen Prinzip der jüdischen Gesamtheit gegenüber erhoben. Warum nach diesem offenen Bekenntnis die mit viel dialektischer Gewandtheit, aber wenig stichhaltigen Beweisen ausgeführten E. 2l. nöttg waren, ist uns unerfindlich. Die eben zitierten Sätze allein hätten ja alles gesagt, was die geistigen Väter der E. A. sagen wollte». Denn hätten auch sämtliche Zionisten durch heiligen Eidschwur versichert, daß sie nichts gegen die Orthodoxen im Schilde führten, nach den beiden zitierten Sätzen wäre doch eine Trennung von ihnen unbedingtes Erfordernis und ein Verbleiben an ihrer Seite „ein verbrecherisches Bekenntnis zu ihren Grundsätzen" (das Wort Verbrechen kehrt immer wieder!), solange sie selbst sich nicht auch sämtlich zu den orthodoxen Grundsätzen in Wort und Tat bekennen. Oder hat man es für nötig gehalten, 24 Seiten drucke» zu lassen, um erst den Beweis zu erbringen, daß es ungläubige Zionisten gibt? Dann um so besser für den Zionismus! Wenn wir daher, wir gestehen cs offen, mit einer gewissen erwartungsvollen Spannung an die Lektüre der E. 2L Heran gegangen sind, versprechen sie doch, uns „Einsicht in die tatsächlichen Verhältnisse zu gewähren, deren Mangel allein Schuld daran sei, daß wir uns der zionisttschen Hceresfolge auschlossen", so sind wir nach einem gründlichen Studium dieser E. A. bitter enttäuscht, oder besser: hocherfrertt! Wir hatten.immer noch mit der 'Möglichkett gerechnet, daß unsere sonst geschätzten Gegner irgend ein beachtenswertes Argument Vorbringen könnten, nun aber haben sie uns vollen Einblick in die Gründe ihrer Gegnerschaft gewährt und ivir gestehen: niemals hätten wir es für möglich gehalten, daß der Widerstand gegen den Zionismus einzig und allein auf dem Trennungsbodcn seine Wurzeln hat, und daß alles Hereinbeziehen anderer Momente (Teschuwoh schelemoh, Erscheinen des Messias usw.) leere Ausflüchte sind. Was den Resormjuden gegenüber nöttg war, die die gläubigen Juden gewaltsam an der Ausübung ihrer religiösen Ueberzeugung hinderten, da sie die Gemeindeinstttutionen der Verwahrlosung anheimgaben, überträgt man aus Prinzip und aller Logik zum Trotz aus die Zionisten, indem man sich .mit unbegreiflicher Geringschätzung über die zugestandene Tatsache hinwegfttzt, daß der Zionismus schon manchen Abgefallencn zum orthodoxen Juden gemacht hat, also auch fernerhin noch machen kann. Daß übrigens — und damit schwindet auch dieses Argument in ein Nichts zusammen — sogar Mitglieder der Rabbinerkommission, und nicht die unbedeutendsten, dieses sich, selbst gegebene, und nicht vom jüdischen Gesetz diktterte Trennungsprinzip nicht für durchaus zweckmäßig an allen -Orten und zu allen Zeiten halten, dafür nur einige Beispiele. Das Nächstliegende: der Frankfutter Jsr. Religionsgeftllschast, deren Geist und Justttuttoneu gewiß mustergilttg sinh, gehört eine ganze Anzahl hochgeschätzter Herren an, die gleichzettig Mitglieder der runderen Gemeinde sind. °Der derzeittge Vorsitzende der Religionsgesellschast zählt auch zu ihnen. Wenn wirklich wahr wäre, was die E. A. und der Israelit ausführt, glaubt jemand, daß diese Gemeinde und ihr Rabbiner es dulden würden, daß an ihrer Spitze jemand stehe, dessen Prinzipien mit den Grundsätzen des überlieferten Judentums nicht zu vereinbaren sind? In der Nachbargemeinde Mainz haben die dorttgen Orthodoxen es gar nicht für nöttg gehalten, die Notwendigkett der Trennung zu proklamieren. Um so verwunderlicher ist es, daß es gerade ihr Rabbiner war, der in jener Rabbinerversammlung das Referat hielt, das zu der bekannten Resolutton und den E. A. führte. '.Hx. 27. Nicht begreiflicher ist auch — wir müßten dann von unserem Prinzip abgehen, daß Wort und Tat harmonieren müssen — das Verfahren des Redakteurs des Israelit, der, als vollgiltigcs Mitglied der Nesormgemeinde, in seinen Blättern verkündet, gegen den Geist einer Nesormgemeinde protesttert man nicht innerhalb, sondern a u ß e r h alb dieser Gemeinde. Es ist eine besondere Kampfmethode unserer Gegner — denn aus nicht selbständig denkende, gutgläubige Menschen verfehlt das seine Wirkung nie — von Resormjuden und Zionisten hinsichtlich der Religion in einem Zuge zu reden, ja der 2lutor der E. 2L macht die Zionisten in religiöser Hinsicht noch schlechter als die Reformjuden. Wahrheit aber ist und für jeden Klarsehenden auch sichtbar: die Resorm drängt vom Judentum ab, der Zionismus zum Judentum zurück. Die Wurzeln seiner Kraft hat er in der erlebten jüdischen Vergangenheit, nicht wie die Reform in einer erträuinten kosmopolittschen Zukunft. Er ist das stärkste Bollwerk gegen die Reform und damit gegen den Austritt aus dem Judentum. Würde der Zionismus tatsächlich religionsfeinblich sein, er würde sich selbst den Lebensnerv abschneiden und den Todesstoß versetzen. Und ist es vom „orthodoxen Standpunkt aus nur natürlich, daß manchem Zionisten das bloße Bewußtsein seiner Rasscntüchtigkeit und der Wunsch, seinen uralten Stamm in eine möglichst ferne Zukunft hinüberzuretten, als nattonalcs Bewußtsein nicht genügt, daß er vielmehr den Ehrgeiz hat, auch in religiöser Beziehung den Großtaten der Ahnen neue Großtaten der Nachkommen anzureihen," so dürfen wir gewiß Verttauen haben, daß sich die Worte unserer Weisen mitoch schelo lischmo bo lischmo und awiroh deerez machkim bewähren und unsere zionistischen Brüder von der nationalen zur nationalreligiösen Hochschätzung des Judentums fortschreiten werden. Gelingt es dem Zionismus nicht, in Palästina ein jüdisches Gemeinwesen zu errichten, so fallen sofort alle Befürchtungen der Gegner weg, daß auf geheiligtem Boden ein unjüdischer, jüdischer Staat erstehen kann. Gelingt es aber dem Zionismus mit G. H., in Palästina ein jüdisches Gemeinwesen zu errichten und ist unsere Auffassung richtig, daß die dritte Geuloh auch die endgültige sein wird, und der Zionismus die erste Stufe der Geuloh, das Kibuz Golios, fördern kann, so können wir es ruhig dem Lenker aller Geschicke überlassen, daß er die Bewegung so leite, wie es in seinem Weltcnplan liegt. Mögen unsere Leser, die dem Kampf der Meinungen gefolgt sind, in dieser Sache nicht der Sttmme protestierender, ebenso wie andere Menschen irrender Rabbiner Gehör schenken, mögen sie nicht das für Zionismus halten, was die Phantasie eines jugendlichen Schreibers ihnen als Zionismus darsteklt, sie mögen glauben, daß Zionismus nur das ist, was der Kongreß als solchen verkündet, nämlich: das Streben nach einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästtna, und daß der Zionismus bei der Erfüllung dieser Aufgabe niemals irgend etwas beabsichtigt, was die religiöse Ueberzeugung irgend einer Richtung innerhalb des Judentums verletzen" könnte, wie der erste Kongreß es vor aller Welt verkündet hat. Das Buch Levittcus. Uebersetzt und erklärt von Dr. D. Hoffmann. Erster Halbband Lev. I—XV11, Berlin, Verlag von M. Poppelauer, 1905, S. 478, Oktav. Von Dr. Philipp Frankl. (Fortsetzung-! Ms Voraussetzungen, die sich ein auf dem Boden der sinai-überlieferten Lehre stehender Exeget vor Augen halten muß, erwähnt der Verfasser den Glauben an die Integrität der Bibel. Auch bezeichnet er die Stellung, die die übttgen Bücher der hl. Schrift, außer den 5 Bücher Mosis, diesbezüglich einnehmen und wofür sie dem Juden zu gelten haben. Des Wetteren muß auch die Integrität des überlieferten Massoratextes, die nach dem Ausspruche der Weisen genau so alt ist, wie der Text selbst, vorausgesetzt werden. Und, fähtt der Verfasser fort, selbst dort.