Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 27 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu M. 27 des Franksutter Israelitischen FaMeadlattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Die „Erläuternden Anmerkungen" zu -er von der Rabbiner-Kommisston der freien Bereinigung gegen den Zionismus angenommenen Resolution. — Das Buch Leviticus. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus der Geschäftswelt. — Bädernachrichten. — Vakanzen. — Briefkasten. — Bücherschau. Die „Erläuternden Anmerkungen" zu der von der Rabbiner-Kommission der freien Bereinigung gegen den Zionismus angenommenen Resolution. (Schluß). Nun erheben unsere Gegner 3 Einwände gegen den Zionismus von» Standpunkt des Gesetzes aus. Sie behaupten: 1. „Wir wissen es aus unseren Gebeten, daß unsere Rückkehr in die alte Heimat von der Errichtung des Davidsthrones in Zion schlechterdings nicht zu trennen ist. (S. 6.)" Also die Geuloh ist abhängig von dem.Erscheinen des Moschiach! 2. Der Zionist „verweist den Glauben an (die Ankunft des Tavidsprößlings und) die ihr vorangehende Tcschuwoh schlemoh der Gesamtjudenheit in das Reich der Mythe. (S. 6.)" 'Also: die Geuloh kommt erst dann, wenn alle Juden durchaus fromm geworden sind! 3. „Wer die Rückkehr nach Palästina im Gebete erbittet, der will sie eben nicht „mit menschlicher Kraft" zustande bringen. (S. 12.)" Also: Selbsthilfe ist verboten. Das sind 3 Dogmen, die in den Abhandlungen der Gegner immer und immer wiederkehren, ohne jemals bewiesen zu sein. Wir wollen gar nicht behaupten, daß sic falsch sindwir wollen in Kürze*) nur zeigen, daß unsere, d. h. die entgegengesetzte» Ansichten mit den Ansichten unserer Weisen übereinstimmen. lick 1. In der Gemoro Alegilloh 17b (und Jerusch. maaser scheint) stellen unsere Weisen folgende Reihenfolge der Geuloh fest: Zuerst wird das Land wieder Früchte tragen, dann die Sammlung der Juden in Palästina (Kibutz), Einsetzen der jüdischen Gerichtsbarkeit (Sanhedrin), dann der Tempclbau (Binjan beis hamikdosch) und als letztes die Aufrichtung des davidischen Königshauses (Wechiwen scheniwnis jeruscholaim bo ben dowid). In dieser Reihenfolge ist auch das Achtzehngebet (boreich olenu — mekabetz nidchei — hoschiwoh schauftenu — banne jerusch. — cs zemach) von unseren Weisen geordnet, auch das Gebet nach der Haphthoroh und nach der Mahlzeit. Wieso weiß also der Autor der E. A. aus unseren Gebeten, woher weiß er überhaupt, daß die Rückkehr in unsere alte Heimat von der Errichtung des Davidsthrones nicht zu trennen ist? Wahr ist vielmehr nach den Lehren unserer Weisen, daß das jüdische Volk in Palästina erst wieder gesammelt sein muß, bevor das Heiligtum und dann der Davidsthron errichtet wird. A<1 2. Tie „Mythe" stammt aus der Geinoroh. Sanhedrin 97k bringt eine Auseinandersetzung zwischen R. Elieser und R. Jehauschua. Elfterer meint, daß die Geuloh der vorhergehenden Tcschuwoh bedürfe, letzterer aber, daß die Geuloh auch ohne diese stattfinden könne: ersterer gab zuletzt nach und beide kamen zur Ansicht, daß die R o t cs ist, die die Geuloh Herbeibühren wird. (Schetikoh kehaudoo domio.) Ferner (Midrasch Schemas rabo 16. 4): Gott sagt: „Wenn ich die Taten Israels berücksichtigen sollte, so würden sie in Ewigkeit nicht erlöst werden, aber ich berücksichtige die Taten ihrer Ahnen." Außerdem (Jalkut Malachi): „Wenn Israel keine Buße tut, wird es nicht erlöst, es tut aber keine Buße aus Not und unstätem Leben unb Mangel an Lebensunterhalt, es wird e r st Butze tun, wenn Elijahu kommen wird." Während der zweite Tempel wegen „unbegründeten Hasses" (Sinns chinom) zerstört wurde (Jumo 9), wird Israel laut Midr. tanch. Parch. Nizowim nur dann erlöst *) Wer sich genauer über diese Fragen unterrichten will, lese Nr. 9, 10 und 11 dieses Blattes, Jahrgang 1904 und die Aussätze von Lippe und Aschkanaze in dem erwähnten zionistischen Jahrbuche. werden, wenn cs unter sich einig ist und „e inen Bund" bildet („agudoh achas"). Ack 3. Wie kann überhaupt Selbsthilfe verboten sein, da wir zu allem menschlichen Handeln Gottes Segen erbitten müssen und alles menschliche Handeln doch nichts anderes als Selbsthilfe ist. Zum Satze: „Gott segne dich in allein, was dir tust", bemerkt Sifri im Teworim bcth: Man könnte meinen: auch dann, wenn du müßig bist; daher steht bechol «scher taasc". Also nur Tatkraft kann den Segen Gottes nach sich ziehen. Will man aber behaupten, dieser Grundsatz gelte nur von der Parnosso des Einzelnen, nicht aber von der Geuloh des Gesamtvolkes, so sehe» wir (Bereischis rabbo, wajechi 97), daß Parnosso und Geuloh hinsichtlich ihrer Erreichbarkeit in Parallele gestellt werden: „R. Elieser sagt, Parnosso gleicht der Geuloh und Geuloh der Parnosso; R. Simon sagt, daß Parnosso noch schwieriger sei als Geuloh." Man komme nicht mit den beliebten Sätzen: jchelo jidchakn es hake; und al jalu bachaumoh, von denen ersterer nach Raschi ungebührlich häufiges und eindringliches Beten, letzterer eine gewaltsame Eroberung Palästinas bedeutet, die denr Zionisinns gewiß fern liegt. Ter Zionismus will vielmehr — Ziaun bamischpot tipodeh (Jes. I. 27) — Zion aus dem Wege des Rechtes loskaufe». Unsere Weisen erklären ja auch, daß mit den Ereignissen Esthers die Wunder (in der jüdischen Geschichte) ihr Ende genommen haben, dann gilt ganz sicher der Grundsatz: ein sanmchin al Hanes. Beinahe derselben Ueberzeugung war ja auch — nur schon vor 8 Jahren, dieselbe Rabbinerkoinmission — sie führte damals diesen Namen „och nicht — indem sie im Anschluß an einen von anderer Seite erfolgten Protest die Meinung abgab, daß die offen vorliegenden Theorien des Zionismus keineswegs mit den religiösen Dogmen kollidieren und diese Frage mit den religiösen Hossnungen der messianischen Erlösung der Nation nichts zu tun hat. Jur übrigen ist ja längst durch das Gebot des Jischuw hoorez diese Frage zu Gunsten „der menschlichen Kraft" entschieden. Wenn cs für mich ein Gebot ist, in Palästina zu wohnen, so ist es für mich doch gewiß auch eine Biizwoh, einem Mitmenschen zur Erfüllung dieses Gebotes zu verhelfen und wenn einem, dann auch zehn, zwanzig, Hunderten, hii»- derttausendeii und wen» schon unter ungünstigen Verhältnissen, dann gewiß auch unter den besten Verhältnissen, die zu erlangen sind. Etwas anderes will der Zionismus auch nicht. Bei dieser Gelegenheit wollen wir eine tief bedeutsame Tatsache feststellen. S. 18 der E. A. wird zugeben: „Es gibt keine größere Mizwoh als jifchnw hoorez." Lehrt doch auch Rainban: „Tiefes Gebot kommt allen anderen Geboten der Thora zusammen gleich." Natürlich, hier in den E. A, wo der Zionismus als Geistesrichtnng tot gemacht werden mußte, hat man keinen Grund zu leugnen, daß jischuw hoorez ein Gebot ist. An anderer Stelle (Israelit 1904, ain Ende des Artikels „Die zionistischen Zwilliirgsbrüder") hat ein Gegner des Zionismus und Misrachi, der ganz in der Nähe des Autors der E. A. zu suchen ist, es für gut befunden, den Zionismus als Wohltätigkeits- und Kolonisakionsbestrebnng zu bekämpfen. Bei dieser Gelegenheit, wo die mizwoh jischuw hoorez etwas störend war, hat dieser Autor kein Bedenken getragen, zu behaupten, jischuw hoorez sei überhaupt keine Mizwoh, sondern sogar eine Aweroh. Das mögen ynsere Leser im 'Auge behalte», auf welche Art gegen den Zionismus gekämpft wird: man scheut sich unter Umständen nicht, sich in den a rrs g e s pr o ch e n ste n Gegensatz zu allen Rischannim und Achrannim zu stellen, j e n a ch d e m das nur Aussicht aus Ersolg im Kamps gegen den Zionismus bietet. Wenn unsere Gegner sich so nach ihrem Bedarf über alle Lehrsätze und Lebensregeln unserer Weisen hinwegsetzen, wird manches begreiflicher. Ist es schon kleinlich und töricht, zu beanstanden, daß Herzt s. A. als Zadik bezeichnet wird — scheneemar wcamcch kulom zadikim —, so wissen wir wahrlich nicht, woher der Kritiker im Israelit den Mut findet, die Zionisten als „entartete Elemente des Volkes" (S. 1046) zu bezeichnen. Har inan vergesse», daß es im Judentum auch nicht gering beivertete „Pflichten zwischen Mensch und Nebenmensch" gibt und daß Hillel einen Heiden, der Jude werden wollte, belehrte: daß die ganze Thora zu dieser Pflichterfüllung nur Kommentar sei. Ist dieser .Hillelsche Geist ganz ans den Reihe» unserer Gegner geschwunden, daß man es wagt, eine» Herzt, der seine Berufstätigkeit, sein Vermögen, seine Gesundheit und sein Leben seinen Stamlnesgenossen opferte, zu den entarteten Elementen dieses Volkes zu rechnen? Wenislach kechol adas benei issroel ki lechol hovm bischgogoh. Wir haben bisher nachgewiese», daß im Verhältnis von Zionismus zu Orthodoxie schlechterdings nicht von zwei sich widersprechenden Geistesrichtungen die Rede sein kan», daß auch die praktischen Ziele des Zionismus keineswegs mit de» Grundsätzen des überlieferten Judentums kollidieren» daß alle religionsfeindlichen Aeußeriingei, aus zionistischem Munde nur von einzelnen Privatpersonen getan worden sind und daran weder der offizielle Zionismus noch die Gesamtorganisation beteiligt ist, daß vielmehr der offizielle üongreßzionismus derartige Bestrebungen aufs schärfste verurteilt; wir haben ferner sestgestellt, daß demgemäß alle bisherige» zionistischen llnteriiehiiuingeii streng nach jüdischem Gesetze geleitet werden — was verlangt man »och? Ta erklären die E. A.: „Man ist aber verpflichtet ,;» verlangen, daß die offizielle Zentralleitung selber zur jüdischen Religion Stellung nehme und . . . ansspreche .... ob sie gar . . in einer Stärkung des konfessionellen Jndentums eine Beeinträchtigung des nationalen erblicke. Zn einer solchen aufrichtigen Stellungnahme hat sie sich aber bis auf den heutigen Tag nicht emporzuschwingen vermocht (S. l7)." Der Autor der E. A. ist eben nur insoweit in der zionistischen Literatur bewandert, als sie ihm Angriffspunkte gegen den Zionismus zu geben scheint, sonst wüßte er genau, daß diese Stellungnahme längst und zwar aus denr l. Kongreß, an der Geburtsstätte des heutigen Zionismus erfolgt ist. Auf die betr. Anfrage eines orthodoxen Rabbiners erklärte Herzl als Präsident des Zionismus: „D e r Ztonßsq m u s beabsichtigt nichts, w a s die religiöse il e b e r z e n g u n g irgendeiner Richtu n g iin In d e n t u m v e r l c tz e n kö n n te." (Köngreßbericht I. S. 190.) Diese Erklärung war vorher von den leitenden Männern des Kongresses vereinbart worden und wurde unter lebhafter Znstimiming aller Kongreßteilnehmer abgegeben. Das ist uiibestreibtar offizieller Zionismus. Gleichwohl; damit gibt sich der Autor der E. A. noch nicht zufrieden. Er hat noch ein 'Argument, das ihm unwiderlegbar dünkt: „Man protestiert nicht gegen den Geist des (erg.: religionslosen) Zionismus, indem man sich ihm anschließt." (D. 18.) Da fragt es sich den», wo in der Thora schebikesaw und schebealpe uns ein ltzebot des „Protestes" gegeben ist. Wir haben die Pflicht, „den (irrenden) Rebenmenschen zurechtzniveisen und wiederholt zurechtzuweisen", weil „ein Israel für den anderen Bürge ist". Es ist daher vernunftgemäß, in Verbindung mit denr irrenden Nebenmenschen zu blcibeir, denn nur so, rrnd nicht wenir ich mich protestierend von i hm zurückziehe, kann ich ihn pflichtgemäß zurechtweisen; und so lange muß ich vernünftigerweise in dieser Art handeln, als ich nicht selbst Gefahr laufe, dadurch in meinem Religionsbewußtsein zu leiden oder in der Ausübung »reiner religiösen Pflichten behindert zu werden. Es ergibt sich folglich mit zwingender Notwendigkeit: die Trennung der Orthodoxen von ihren neologen Staninresgenosseri, also auch den Zionisten, ist unerläßlich: 1. Wenn die Orthodoxen selbst in der Gemeinschaft der andern für ihre religiöse Gesinnnng oder ihre religiöse Praxis Gefahr lausen würden, oder 2., wenn die Trennung und der darin nach Ansicht der E. A. liegende Protest allein schon im Stande ivären, die ungläubigen Brüder zum Bemußtsein ihres ungesetzlichen Lebenswandels und aus den Weg der Thora zrrrückzusühren. Fehlen diese Gründe, so ist der Anschluß an den andersdenkenden