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Neue jüdische Presse · 1905-07-14 · Heft 27 (14.7.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 27 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Unterzeichneten Aerzte sprechen die Hoffnung aus, daß bei Lösung der Spitalsftage die erwähnten Momente Berücksichtigung finden mögen." Rußland. Petersburg. In den letzten Wochen hat die Regierung viel gesprochen und viel versprochen, und bei ihrer edelmütigen Freigebigkeit in Versprechungen hat sie auch der Juden gedacht. Sie hat sogar — zum wievielten Male, wissen toit nicht — eine Kommission zur Prüfung der Frage der Gleichstellung der Juden mit den anderen Bürgern eingesetzt. Wie sattsam bekannt, speist die Regierung ihre gutmütigen Untertanen seit langer Zeit mit der Aussicht auf die Einberufung einer Volksvertretung ab. Was die Juden anbelangt, so hat sie einen sehr klugen Ausweg gefunden, indem sie die endgültige Gleichstellung der Juden mit den anderen Bürgern der zukünftigen Volksvertretung überlassen will. Sic begründet dies mit der »Merkwürdigen" Motivierung, daß die Gleichberechtigung der Juden filr diese große Gefahren in sich.trage, da zu befürchten sei, daß die christliche Bevölkerung sich dagegen auflehnen und Pogrome veranstalten werde; auch würden die Jude» selbst die Gleichberechtigung nicht wünschen, denn sie seien gewöhnt, in der Absonderung zu leben und so einen Staat im Staate zu bilden. Bezüglich dieses Gauklcrkunststückchens bemerkt der,Hasman" mit Recht: Wie muß die Bureaukratie (lies: Regierung) rnit Blindheit geschlagen sein, das Volk für solche Narren zu halten, nicht ihr lächerliches und falsches Spiel zu erkennen. Sie beruft sich aus den Willen des Volkes, ivührend sic ihm absolut keine Beachtung schenkt. Noch kürzlich veröffentlichte der „Regierungsbotc" die Ansprache des Moskauer Professors Trubetzkoy, der vor dem Czarcn im Namen der Semstwos Md Städte sprach und laut vor aller Welt sagte, daß das Volk gleiche Ge« setze für alle Bewohner-Rußlands — ohne Unterschied der Rasse und der Religion — verlangt. TscherkaU (Gouvernement Kiew). Telegramm. Hier finden Exzesse gegen die Juden statt. Die Häuser am alten Markt. sind gänzlich zerstört Und ausgeplündert worben. Die Zahl der Tote» steht noch nicht fest. Radom. Telegramm. In dm Dörfern Wisokikol und Ta cowo fielen die Bauern über die jüdischen Läden her und plünderten sie. Dank des Eingreifens der Priester sind Menschenopfer nicht zu verzeichnen. Personalien. Berlin. Tragisches Ende. Gemeinsam begraben wurden am 7. Juli auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee Vater und Sohn, der 51jährige Buchhalter Isidor Abraham so hn und sein 17 Jahre alt geworbener Sohn Arthur. Der Sohn, ein Kuufmannslehrling, war lungenkrank und starb am Dienstag Vormittag. Zwei Stunden später erschien der Vater wegen des Totenscheines auf der seiner Wohnung, Saarbrückerstr. 7, gegenüberliegenden Polizeiwache. Kaum hatte er die Meldung erstattet, -als er umfiel und verstarb. Berlin. Den Sanitätsräten Dr. Gustav Simon, Dr. Emil Petersohn hier und Dr. Adolf Cohn in Schöneberg wurde der Charakter als G e h e i m c r Sanitätsrat verliehen. Die Aerzte Dr. Julius Asch, Dr. Jvsef Hamburg und Dr. I s m a r Baus hier ‘ wurden zu Sanitätsärzten ernannt. Dem Abteilungsinspektor am königlichen Institut für Jnfettionskrankheiten Professor Dr. Prosa u e r ist der Titel eines Geheimen Regierungsrats verliehen worden. Breslau. In der letzten Sitzung des Vorstandes der Israelitischen Krankenverpslegungsanstalt ist der hiesige Frauenarzt Sanitätsrat D r. Rosen st ein zum Primärarzt der gynäkolo gischen Abteilung des jüdischen Krankenhauses an der Hohenzollernstraße gewählt worden. Schöulauke. Herrn Santtätsrat Dr. Sachs wurde der Charakter als Geheim erSanitätsr a t allerhöchst verliehen. Ostrowo, (Posen). Oekonomierat D. Go Idstein ist zum ersten Vorsitzenden des Gewerbcgerichts und zuni Direktor des Borschußvereins gewählt worden. Petersburg. Der erste jüdische Dozent inRußland. Der Volkswirt I. K n l i s ch c r wurde zum Privatdozenten der Petersburger Universität ernannt. Es geschieht zum ersten Male, daß ein Jude an einer russischen Universität als Dozent wirken kann. Ptttsbvrg, Pa., 26. Juni. Herr Isaak Lehmann, einer der angesehensten Israeliten dieser Stadt, ist letzte Nacht nach längerem Leiden im hohen Mer von 72 Jahren aus dem Leben geschieden. Der Verstorbene war gebürtig aus Dieburg, ttzroßherzogtum Hessen-Darinstadt, und kam vor nahezu einem halben Jahrhundert nach Amerika.. Er ließ sich zu- Frmcksurter Israelitischer FamrUrndlaU. erst. in Baltimore nieder und siedelte von dort nach Oil-City und später nach Pittsburg über, wo er die Engros-Kleiderfirma Isaak Lehman» L Bros, etablierte. Herr Lehmann war einer der Direktoren des Rodef Sholem-Tempels, Schatzmeister des Konkordia- Klubs und Mitglied des B'nai B'rith. Aus der Lehrerwelt. Egelsbach. Seit dem Weggange des Herrn Friedmann ist die Stelle eines israelitischen Religionslehrers noch nicht wieder besetzt. Dieselbe wird durch Herrn E s ch w e g e aus Frankfurt, der deu Gottesdienst abhält, verwaltet, während der Religionsunterricht durch Herrn Lehrer Waldek aus Langen abgehalten wird. — Das Verhältnis wird — wie es scheint — auch in der nächsten Zeit keine Aenderung erfahren, sind die beteiligten Kreise bis jetzt doch ganz zufrieden damit. Berlin. Der unter der trefflichen Leitung des Herrn Geheimrat Dr. Wiesenthal befindliche „Verein Israelitisches Lehrerinnenhcim zu Berlin" ist iir das 7. Fahr seines Bestehens eingetreten. Es befanden sich iin Jahre 1904 fünfzehn Insassinnen im Heim, von denen nur zwei aus, Berlin gebürtig sind. Der Gesundheitszustand der Pfleglinge war im Berichtsjahre leider weniger gut. Die Verpflcgungskoste» beliefen sich pro Kopf und Tag auf 1,01 ,.Ä; die Extraverpflegung für erkrankte Insassinnen belief sich auf 309,47 JL Das dem Heim angeschlossene Erholungsheim war im Jahre 1904 meistens belegt; der Aufenthalt meist im Freien, die gute Pflege und Ruhe erwies sich sehr förderlich auf die Gesundheit der Pfleglinge, und neugestärkt konnten die Damen ihrem schweren und verantwortlichen Berufe wieder zurückgegeben werden. Breslau. Herr KantorBialostotzki ist vom Vorstand des Luisenstädtischen Brndervcreins Ahawas Reim zum Kantor gewählt worden. Dadurch werden 2 Stellen frei, eine Schächterstelle in unserer Gemeinde und die Kantorstelle an der Sklower Synagoge. -Der Vorstand der Synagogengemeinde hat bereits beschlossen, die Stelle auszuschrefben. Taruowitz. Herr Rabbiner H. Gradenwitz Zögling des Rabbiner-Seminars in Berlin, ist zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt lvorden. Budweis (Böhmen). Um die vakante Rabbinerstelle sind 36, um die Religionslehrerstclle 44 Gesuche eingclaufe». Ms erster war zur Probeprcdigt Dr. Prosnitz-Mähr. Schönberg berufen lvorden, als zweiter wird Dr. Schornstcin-Lcitmeritz, sprechen. Budapest, 6. Juli. Die Pester Israel. Kultusgemeinde hat abermals einen schmerzlichen Verlust zu verzeichnen. Der Nestor ihrer Funktionäre, der Rabbiner des Tempels in der Noinbachgasse, Lazar Polläk, ist heute Nachmittag im 84. Lebensjahre nach kurzem Leiden an Mtersschwächc gestorben. Rabbiner Polläk wurde im Jahre 1822 in Nyitta als Sohn armer Eltern geboren. Schon in srühestcr Jugend beschäftigte er sich mit talmudischen Studien und kani im Mer von 13 Jahren in die Talmudschule von Altofen, ivo er fünf Jahre später sein Rabbincrdiplom erhielt. Er ging dann nach Prag, wo er die Vorträge des damals dort wirkenden weltberühmten Talmudgelehrten Salonion Rappaport hörte und nebenbei an der Prager Universität philosophischen Studien oblag. Durch sein großes Wissen lenkte er die Aufmerksamkeit des Vorstandes der Prager Kultusgemeinde auf sich und wurde trotz seiner Jugend zum Prediger der .Prager Gemeinde gewählt. Von hier ging er einige Jahre später nach Jänowitz (Böhmen), dann nach Kremsier (Mähren), und schließlich nach Jnowratzlaw (Posen), wo er sich überall im Kreise' seiner Gemeinde allgemeiner Beliebtheit erfreute. Fni Jahre 1872 wurde er von der Pester isr. Kultusgcmeinde zum Rabbiner der konservativen Mitglieder der Gemeinde nach Budapest berufen. Er wirtte seit dieser Zeit, allgemein verehrt und geschäht, im Tempel in der Rombachgasse. Rabbiner.Polläk besaß ein umfangreiches wellliches und talmudisches Wissen und war ein vorzüglicher Kanzelredner. Aus den „Pirke Owaus" (Sprüche -er Väter) «ach dem Buche „Zvu Lwonaun" des Rabbi Naphtali Her; Wesel (Hartwig Weselly). *) v. „Jausä bei, Jochanan aus Jerusalem sprach: Es sei dein Haus geöffnet der Erleichterung und cs seien Arme die Kinder deines Hauses, plaudere nicht allzuviel mit der Frau. (Mit der eigenen Frau sagten sie, um -wieviel mehr nicht mit der Frau des Andern.) Daher sagten die .Weisen: Wer zuviel plaudert mit der Frau verursacht sich Schlimmes, entzieht sich dem Tl)vrawortc und fällt schließlich dem Göhinom anheim. *) Anmerkung: Durch ein Versehen des Setzers ist in der vorigen Skimmer vor dein letzten Absatz das Zitat: „Und trinke mit Durst ihre Worte" weggefallen. __ftr. 27. Unter dem großen Gesichtspunkt des GemilluS Chesed sind parallel mit den Ausführungen Jausä ben Jauescrs hier 3 Hauptkategorien in der Betätigung eines gottgefälligen Wandels eingeordnet. Wie einerseits bas jüdische Haus die Aufcnthaltsstätte des Thorastudiums sei, so biete es aus der anderen Seite Schutz und Zuflucht allen bekümmerten Gemütern. Hier sollen Hungernde und Dürstende Labung finden. Nackte gekleidet werde». Wer nach Weisheit dürstet finde die Türe geöffnet und der Reiche wisse, daß man ihm hier Gelegenheit geben könne, seine Habe in würdiger Weise den Bedürftigen mitgenießen zu lassen. So sei im jüdischen Hause nicht nur das Almosen der Ausdruck des Gcmillus Chesed, sondern arm wie reich, groß und klein, hoch und niedrig finde in ,ihm seclencrquickendc Förderung seiner Lcbensinteressen. Jeder Eintretende verlasse es erleichtert, frei von der Last, die seine Seele bedrückt. Jedoch nicht nur der Geist, der vom Hause a»sströmt wirke veredelnd und trostreich. Zwischen de» Wänden webe er, in dem stillen, alltäglichen Treiben der Häuslichkeit feiere er seine Triumphe. Ta seien alle Herzen, die sich zur Erfüllung der Lebenspslicht vereinigen, auf den einen Vollklang bescheidenen Lebensgenusses gestimmt. Der Arme — nicht an Vermögen, sondern an Frohgesühl — er bilde das stets vor Augen zu haltende Vorbild dessen, was der Genießende an Glücksgütern für sich beanspruchen darf. Regelt sich aus diese Weise im entsagenden Genießen das Familienleben und der menschenbrüderliche Verkehr, so ragen turmhoch vor allem die Schranken, die Gott zuni Schutze seines heiligen Wortes gezogen wissen will. Nicht nur die Züchtigkeit verbietet leichtfertiges Tändeln und zcitverbringende Plauderei mit den Frauen. Im gesteigerten geselligen Verkehre mit der Hüterin des jüdischen Hauses, der Erzieherin des kommende» Geschlechtes, entzieht der Gatte, der Sohn oder Freund nicht nur sie und sich dem Ernst des Berufes, er läßt auch fremde Keime in seinem tiefsten Innern gar leicht Wurzel fassen, die, ohne daß er es vorailssehen kann, die Saat des Unheils in sich tragen. Mit scharfen Worten weist Jausä ben Jochanan auf diesen Zwiespalt zwischen dem froh-sinnigen Ernst jüdischer Lebensanschaunng und dem Taumel fremdartiger Simienlust hin, dessen Verkennung gerade in seiner Zeit manches jüdische Haus den lockeren Sitten des hellenischen Sinnenkulttis anheim fallen sah. Tic Weltgeschichte hat seinen Worten recht gegeben. Alle, die in dieses Tramnland der Begierde geirrt, sind für die Familie, die Thora und die Welt verloren gegangen. Ans ihm gibt cs ebensolvenig eine Wiederkehr in das Tal des Lebens, wie für den Asaselstier am Jom-Kippur aus den Tiefen' der finsteren Gähinomschlucht nach den svnnenbestrahltcn Weidcmatten seiner Heimatsberge. G Feuilleton. G Krise«. Erzählung von Jacob Levy. (Fortsetzung). Die Hochzeit von Hermann Weinberg und Nanni Manes wurde mit ziemlichem Pompe gefeiert. Frau Weinberg ließ sich große Einladungen bei ihrem einzigen Kinde nicht nehmen. Ms Ehrengäste waren selbstverständlich Herr und Frau Müller anwesend. Die Frau war glücklich, daß sie die unmittelbare Veranlasserin gewesen war und erzählte dies auch Jedem, der sttlle hielt. Dabei ließ sie aber burchblicken, daß sie noch viel mehr berichten könne und sandte respektvolle Seitenblicke nach dem Ehepaar Selig, das mit verklärtem Gesicht neben den Brauteltern saß. Das Brautpaar selbst thronte, wie recht, oben an der Tafel. Weinberg, das gutmütige schwarzbärtige Antlitz glückverklärt, wandte keinen Blick von seiner jungen Frau, die trotz des Häubchens auf dem, Schcijel bildschön aussah. Die üblichen Tischreden loareu gehalten, der Tanz begann. Alle wollten mit der jungew Frau einmal tanzen, auch Nußbaum, der zum Ball erschienen war und in seinem Zivilanzug noch spitzbübischer aussah, als in der Uniform. „Junge Frau," flüsterte er, „Sie wollten nicht auf mich warten, vjelleicht hätten sie es doch.besser

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