Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 27 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Seite 5. getan. Ich fahre morgen fort, komme aber wieder und dann werden Sie sicher an mich denken. Leben Sie glücklich." Und er ging. Nanni aber schauerte zusammen und kehrte zu ihrem Manue zurück. 5. Kapitel. Einige Jahre sind verflossen. Sinion ist Lehrling bei Müller in Laucha, der auch tzine große Solzhandlung gegründet hatte. Selig ist mit seiner Frau wieder allein. Die alten Leutchen sitzen einträchtig ans dem harten Sopha, ihren gefurchten Gesichtern nach scheinen sic kein angenehmes Unterhaltungstheina zu haben. „Mordchen, wir habeil keinen Dank davon, und Hermann läßt sich nichts sagen, er will nichts wissen." „Blümchen, ivir haben das Recht und die Pflicht, sie zu lvarncn. Ncndelchen ist noch jung und unerfahren und glaubt, das Geld könne nie alle werden. Und weit Hermann ein guter Narr ist, und alle Ausgaben gntheißt, glaubt sie auch, sie hätte das Recht dazu." Blümchen antwortete mit einem schweren Seufzer: „Sie ist verschwenderisch und putzsüchtig. Sie hat es nicht bei ihren Eltern und auch nicht bei uns gelernt." Sie erhob sich. „Ich will sie einmal besuchen." Nanni Weinberg saß in ihrem Wohnzimmer, bas über und über mit Nippesgegenständen ausstaffiert lvar, müßig auf deni Sopha. Das frühere schmucke, bescheidene Nendelchen ist eine schöne, üppige junge Frau geworden. Sie hatte eben sehr laut mit ihrem Dienstmädchen gesprochen, eine linmutsfalte lag noch aus ihrer Stirn, als ihre Tante cintrat. Sie erhob sich und ging der alten J-ran ohne Begeisterung entgegen. . „Guten Tag, Mühnielc Blümchen, setze Dich." ' Frau Selig sah sich suchend um. „Wo ist Mäxchen?" „Sein Vater hat ihn ini Wagen initgenoinmen. Ich habe heute die Schneiderin und da kann ich ihn nicht gebrauchen. Nun hat man auch noch den Acrger mit dem Dienstmädchen, man wird seines Lebens nicht froh." „Was hat es denn getan?" __ „Sie hat gestern vergessen, der Kuh int Stall Futter zu bringen, und nun hat Hermann mit mir räsonniert, als ob ich schuld wäre. Ich habe ihm aber gezeigt, daß ich keine Stallmagd bin." Ihre Tante sagte eindringlich: „Nendelchen, In bist auf einem schlinunen Weg. Es ist Deine Pflicht, für das Haus, für das Vieh zu sorgen. Du mußt Deinen Mann, der nur den Fehler hat, zu gut zu sein, in Allem uilterstützen. Die Geschäftsleute kominen nur weiter, wenn ihre Frauen verständig und sparsam sind. Es darf Dir keine Stunde zu früh und keine zu spät sein. Wenn Du aber so fortfährst, werdet Ihr verzehren, was Ihr habt. — Tein Man» klagt ja beständig, das Verdienen würde immer schwerer." „Weil er sein Geschäft auf die 'altmodische Weise führt. Ich rate ihm immer, es größer zu machen. Er wird. sich auch einen Teilhaber nehmen, einen Herrn Nußbauin, den ich von früher her kenne, dann lvird das Geschäft großartiger." „Nendelchen, Du machst Deinen Mann unglücklich. Ans seine alte, gute Weise kam er voran und konnte Ersparnisse machen. Ter neumodische Schwindel macht Euch arm." . „Sein Verdienst reicht aber nicht für ein besseres Hauswesen, und mit dein Engros-Viehkauf, wie es Nußbaum kennt, werden rasch Tausende verdient." „Es verdienen sich Tausende nicht so rasch, lleberlegt Euch die Sache mit dem Teilhaber, besprecht es mit Herrn Müller." Die junge Frau schob die Unterlippe vor. „Herr Müller rät ab. Ter kennt cs nicht, oder er ist neidisch. Nein Tante, wir sind jung und wollen auch etwas vom Leben habe». Da kommt man mit der alten, vorsichtigen Weise nicht weiter — und es muß auch Niemand zwischen Eheleute drein reden." Die Tante erhob sich seufzend. „Ich und mein Man» werden Euch nicht dreinreden. Möge der liebe Gott Dich klug inachen, bevor es zu spät ist." Die junge Frau gab sich keine Mühe, ihre Tante zum länger Bleiben zu veranlassen. — Nachmittags kam ihr Mann mit Mäxchen zurück. Das dicke, zweijährige, blondlockige Bübchen wackelte ans seine Mutter zu, die ihn zärtlich aujhob. „Männi, bist Dn wieder bei Mama?" Sie blickte ihren Mann freundlich an. „Brummbär, bist Du noch böse?" Hermann lachte mit seinem ganzen gutmütigen Gesicht. „Nanni, wenn Du nur ein bischen häuslicher wärst, hätte ich die beste Frau der Welt. Siehe, wir haben keine Sorgen. Wir verdienen genug, um anständig zu leben und um etwas zurückzulegen, weshalb treibst Du inich in Spekulationen und Geschäfte, von denen ich nichts verstehe und die mir über den Kopf wachsen. Ich kenne den Nußbaum ja kaum." ,Lch aber kenne ihn. Er ist klug und tüchtig. Wenn Du aber nicht willst — nun. Du bist ja der Herr." Sie wandte sich ab und berließ das Zimmer. An der Tür drehte sie den Kopf um und sagte: „Du weißt, daß er heute Abend unser Gast ist. sei wenigstens artig zu ihm." Nußbaum trat abends weltiilünnisch ins Zimmer. „Empfehle mich Ihnen, meine Herrschastcn." Er war dicker geworden, sehr elegant gekleidet, mit einer schweren goldenen Uhrkettc, Vorstecknadel und unzähligen Ringen geschmückt. Frau Nanni ging ihm beflissen entgegen, während ihr Mann ihm mit etwas gezwungenem Lächeln die Hand reichte. Das Gespräch bewegte sich während des Abendessens in allgemeine Bahnen, wobei der Gast immer Gelegenheit fand, seine Kenntnisse und Bekanntschaften zu erwähnen. Nachdem aber das Essen beendet war, das Mädchen abgedeckt hatte, die Herren mit Zigarren versehen waren, begann die junge Frau ohne Uinschweise: „Die Herren wollten ja von Geschäften reden, bin ich zu viel dabei?" „Nein, nein," ries Nnßbaum eifrig, „wir werden Ihren Rat, den Rat einer klugen jungen Frau, gut gebrauchen können." Hermann rückte unbehaglich mit seinem Stuhl. „Herr Weinberg, haben Sie cs überlegt?" „Ja, Herr Nußbaum. Von dem großen Geschäft nach dem Ausland verstehe ich nichts und fürchte, mein Geld zu verlieren. Ich brauche kein Millionär zu werden, es langt auch so." Nnßbaum lächelte mitleidig. (Fortsetzung folgt.) Im Heuen. (Skizze vom Lande von S. Schachnowitz-Eudinge».) Ein frischer Heudnst erfüllt die Luft. Am nördlichen Himmel zieht langsam eine kleine, graue Wolke und treibt die Bauern zu größerer Eile an. Gelingt es mir, droht die nörliche Wolke düster, mich mit meinen Freundinnen, den größeren und kleineren grauen Massen, die da schweben, zu vereinigen, dann Bauern, habt ihr genug geheut! Darum hurtig an die Arbeit! Ueberall die riesig gefüllten Hcnwagcn. IN Scharen ziehen die sonnenverbrannten Bauern in Hemdärmeln, mit blanken Schaufeln und Sensen auf den Schultern, von Frauen mit weißen Kopftüchern und barfüßigen Kindern begleitet. Es ist kein lauter Jubel, keine rauschende Freude, was auf den Gesichtern dieser Bauern ausgeprägt ist, aber in ihrer Haltung und ihren Zügen liegt viel vom natürlichen Selbstbewußtsci». Sie haben das stille, geheimnisvolle Wehen der Natur begriffen und ihre nahen Beziehungen zu ihr erfüllen sie mit jenem sicheren Vertrauen, das ein Kind im Schoße seiner Mutter empfindet. Ich öffne die Fenster und atme de» herrlichen Duft in vollen Zügen ein. Der Himmel ist klar und blau. Nur im Norden steht, immer noch vereinzelt, die kleine graue Wolke und erwidert mürrisch die mißtrauischen Blicke der Schnitter. Rechts erhebt sich der stattliche Hörnliberg mit seine» schon blühenden Reben, die am Gipfel von dichten Tannen abgelöst werden. Hie und dort eine furchtbar klein erscheinende Gestalt, die sich in gebückter Haltung zwischen den Rebstöcken langsam hin und her bewegt. Links steht der dicke, vielästige und blätterreiche Birnbaum vor mir. Er ist ein alter, guter Kanz, der freundlich den in seinem Schatten sich herumtummelnden Kindern zulächclt, der geduldig und verschwiegen den Geheimnissen der Gemeindeväter, die an jhm seine Vorberatungen halten, lauscht. Er ist vor fünf Jahrzehnten mit dem Bau der Synagoge gepflanzt worden und hat sich seither eine ehrwürdige Stellung in der Gemeinde erworben. Er hat die Gemeinde steigen gnd fallen gesehen und immer dabei traurig oder lustig sein Haupt geschüttelt. So manch einer, der früher bis zu seinen Wipfeln in kindlichem llebermut sich emporgewagt, stützt sich jetzt müde und altersschwach an seinen alten Stamm, wenn er vor der Synagoge den Gottesdienst erwartet. „Siehst dn, so werden wir alt!" lispelt er dann gutmütig. Mer er hat sich im Grunde nicht viel verändert. Fahr für Jahr derselbe Blätterreichtum, dieselben ungenießbaren Birnen, dasselbe freundliche Zunicken: „Meine Leistungen, wißt ihr, sind nicht weit her, gleichwohl fülle ich meinen Platz aus und wir haben uns gern! —" Mein Nachbar Jean zieht mit seinem Heuwagen vorüber, der von einer Kuh gezogen, wie ein riesiges Schiss sich langsam fortbewegt. Tie graugrünen Wellen, die noch frisches Wiesenleben atiucu, reichen fast bis zu meinem Fenster. Tie Kuh, als wüßte sie, daß all der Reichtum ihr und ihrem Oleschlechte gehöre, zieht langsam kauend und mit bedächtigen Schritten au dein alten Birnbaum vorüber und hält an der halbgeöffneten Bogentür der Scheune von selber an. Die Frau war ins Haus vorausgeeilt, um das Morgen-Essen herznrichten. Mein Nachbar Jean ißt langsam, fast jeden Bissen mit einem Schlucke begleitend. Man muß düngen, denkt er, ordentlich düngen, das ist alles. Dann wirb es trocken, so lvird es halt getränkt. So wächst es, so gedeiht es und man nennt cs Stosfwechsel. Und ist es reif und hoch genug, dann sällt es, um anderen unzähligen Gräslein, Blumen und Pflanzen, die an Stelle der alten eniporkeimen, Platz zu machen. So die Mensche», so die Pflanzen! Und so philosophierend kaut Jean langsam weiter, indem er seinem zehnjährigen Sohne, der »ngeduldig zum Fenster nach dem beladenen Wagen hinansschiclt, eine Brotscheibe znschiebt. Unwillkürlich richtet sich mein Auge nach einem Kartenbilde an meinem Spiegel. Es find die Vignetten irgend eines zionistischen Plakates. Ta steht mitten in einer lachenden Flur an seinem Pfluge ziehend ein Mann, so groß, so muskulös, so sicher und fröhlich dreinschaiiend. Fm'Hintergründe ist ei» alter, bärtiger Mau» zu sehen, der in gebückter Haltung und mit der flachen Hand vor den Auge» sehnsuchtsvoll nach dem jungen Bauer schaut. Seit einem Fahre hängt das Bild an gleicher Stelle, aber noch nie kann es mir so schön vor wie heute. Bon srischem Heudnst angeweht schien es Leben zu bekommen, und es sprach so deutlich von Vergangenheit und Zukunft, daß ich traumbefangen dastand und lauschte. Du siehst, sagte der Alte, mit verzückter Stimme, die lachende, duftende Gegenwart eines glücklichen Volkes! Aber schau nur her! Das ist die Zukunft deines Volkes! Gelt, eine schöne, sonnige Zukunft wert all der Tränen, der Arbeit und des Höffens!! — Ta werden schwere Tritte ans der Treppe hörbar, die mich von meinen Träumen aufrütteln. Es klopft leise und schwerfällig an die Tür und ohne mein Herein abzuwarte», geht sie anch schon auf. Ein schwarzer, viereckiger Kasten wird zuerst sichtbar, dann die schwarze, hagere (gestalt des Mannes, an dessen Brust der Kasten bescstigt ist. Und mitten in der Stube steht keuchend und seilfzend die Gestalt des Hausierers. Er legt seinen Pack nicht ab und spricht fortwährend krächzend. Es ist immer die gleiche Einleitung. Eine Plage, ein großes Unglück! Die Juden wollen ihm nichts abkaufen. Ueberall: nichts nötig! Da geht er schon lieber zu den Bauern! Aber da wird er mit „Iud" beschimpft und mit Hunden vom Hofe gejagt. Traurig, sehr traurig! Er legte nun den Kasten aus den ersten besten Stuhl und seufzet von neuem. „Was haben Sie darin?" Er öffnet das Packet und packt seinen Kram aus. Immer die gleichen Waren. Hosenträger und Hemdenknöpfe, Seife in runde» Schachteln, Seidenband und Schuhschnüre. Wohin mit all den Knöpfe», Bändern und Schnüren, die uns viermal täglich angebotcn werden? „Haben Sie sonst nichts?" Sonst? — seufzt er — sonst habe ich noch eine Frau mit acht Kindern, die daheim hungern, sonst habe noch schuldige Hausmiete, einen Wirt, der mir schon zwei Mal gedroht, an die Luft zu setzen, sonst — sonst.... Und indem er sein Päckchen Elend wieder ordnet und zusammcnschnürt, erzählt er mir seine Geschichte. Es ist immer die gleiche Geschichte. In Pole» oder Galizien geboren. Im Cheder und in der Jeschiwoh gut gelernt, mit 18 Jahren geheiratet. Verschiedenes llnternommen und alles gescheitert. Mit 30 Jahre» ist er schiffbrüchiger Familienvater von acht Kindern, die alle gut begabt den Cheder besuchen. Die Frau arbeitet, darbt und wartet, indes er im Ausland Geschäfte macht. Zum Schlüße noch das Unglück vom Patent, ein Tier, das er daheim nie gekannt und das ihn hier wie sein Schicksal auf Schritt und Tritt begleitet, ihm Gut und Blut aussaugt. Es ist die ewig gleiche Geschichte, die Geschichte, die mit kleinen Abweichungen in jedem schwarze» Hausierkasteu. zivischeu den Hosenträgern, Seifenschachteln und Schuhriemen eingepackt liegt. — Mein Nachbar Jean hat sein Morgenessen fertig gegessen. Er steht bereits mit seiner Familie am Wagen, mit bem Heuabladen beschäftigt. Tie Kuh, die behaglich kauend, und mit sichtlicher Befriedigung ob der immer mehr abnehmenden Last den Kopf gesenkt hatte, reckte plötzlich durch einen vorübcrziehenden Schatten scheu geworden, den Hals, wobei die ganze Ladung in Bewegung geriet. Langsam und mit gesenkten Knieen drückt sich die müde Gestalt des Hausierers am Wagen vorüber. Traurig schüttelt ihm der alte Birnbaum das Haupt nach und Jean lvirft ihin verächtliche Blicke zu. Das Bild an meinem Spiegel verdüsterte sich. Aber bald schien es mir, als ob es wieder Lebe» bekäme. Dieser Recke mitten in der lachenden Flur» die Figur, wie die des Nachbars Jean, noch schöner und geschmeidiger. Wer die Züge in dem sonnenverbrannten Gesicht, es könnten die weichen, durch Leiden, Erinnerungen und Hoffnungen veredelte» Züge des Hausierers sein! ... Und der Alte im Hintergründe schaut: mit tränenfeuchten Augen blickt er nach dem Punkte, von wo ihm das anmutige Bild der Kraft und der Arbeit entgegenwinkt. Dieser Punkt ist aber weit, sehr weit, so weit, daß der Wte nur mit der flachen Hand vor den Augen und mit Anstrengung aller Sehkraft ihn erblicken-kaun ... Sieht der Alte recht, vder ist es wieder eines seiner ewigen Traumbilder? . . .