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Neue jüdische Presse · 1905-07-14 · Heft 27 (14.7.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 27 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27,__ binerseminar zu Budapest, möge» sie verniöge ihrer rednerischen Leistungen wohl entsprechen. Tlber untersucht man ihre Fähigkeiten von religionsgesetzlichem Standpunkte, ob sie auch vermöge ihres Standpunktes in rcligionibus zur Leitung einer großen Gemeinde zuzulassen sind, so muß man sich mit Erstaunen fragen, ob denn eine Religionsgemeinde, die solche Männer zur Probe beruft, wirklich eine Renaissance des jüdisch-religiösen Lebens austrebt. Einer der Herren Probekandidaten hat sich den Ruhm der allgemeinen Berühmtheit dadurch erworben, daß er mit einem bibclkritischen Werke behufs Veröffentlichung an die Jüdisch-ungarischc-literarische Gesellschaft herantrat, das an Radikalismus die christlichen Theologen und Bibelkritiker übertrifft. Derselbe Herr hat cs auch nicht über sein humanitäres Gefühl bringen können, Mischehen zwischen Juden und Christen, zu deren Einsegnung sich noch kein nichtjüdischer Geistlicher hcrgegeben hat, ohne seinen Segen zu lassen. Wie ein solcher Mann dem grassierenden Hebel der Mischehen — denn daß sie cs als ein Nebel betrachtet, gibt doch die Gemeinde wenigstens offiziell zu — steuern soll, vermag sich selbst die regste Phantasie nicht auszumalcn. Man kann sich daher des Eindruckes nicht erwehren, daß die Gemeindevertretung in Sachen der Besetzung der Rabbinerstellen nicht auf der Höhe ihrer wirklichen Aufgabe steht. Die tristen Zustände innerhalb der Gemeinde können nur daun besser werden, wenn Männer au die Spitze der Gemeinde treten, die ihr vor Augen halten, mit den alten Götzen der Reform und mit den unjüdische», anderen Konfessionen abgeguckteu Einrichtungen, die das Judentum nach Innen schwächten und cntjudeten und nach Außen diskreditierte», zn breche» und zu dem wirklichen Judentum zurückzukehren. I?. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die vollständige Sonntagsruhe i in H a n d c l S g e w e r b e ist in der letzten Sitzung der Stadtverordneten beschlossen worden. Frankfurt ist daniit die e r st e S t a d t Deutschlands, die von dem Gesetze der Sonntagsruhe den weitgehendsten Gebrauch macht. Das vor nunmehr 14 Jahren beschlossene Gesetz der Sonntagsruhe ist auf das religiöse Leben der deutschen Juden von tiefeinschneidender Wirkung geivesen. Der rege Geschäftsverkehr des Sonntags, an dem voir jeher der Bauer zum Einkauf in die Stadt kam und an dem auch Arbeiter und Beamte die Muse zum kaufen hatten, wurde nunmehr auf den Samstag verlegt und veranlagte so Tausende jüdischer Geschäftsleute, dem Sabbat Valet zu sagen. Die vollständige Durchführung der Sonntagsruhe wird einen große» Einfluß nicht inehr haben, obgleich es für die wenigen Detaillisten, die heute noch den Samstag beobachten, nicht gleichgültig sein kann, ob ihnen nun auch noch die wenigen Stunden des Sonntags genoinmen werden. Das Eine ist gewiß, nämlich, daß es jetzt doppelte Pflicht jedes religiösen Juden ist, den den Sabbat beobachtenden Gesinnungsgenossen geschäftlich zu unterstützen. Frankfurt a. M. In eigener Sache. In der letzten Rümmer haben wir einen Angriff zurückgewiesen, de» ein Frankfurter Herr in dem von Dr. M. Spauier redigierten „Wegweiser für die Jugendliteratur" gegen unsere Jugendbeilage gerichtet hat. Wir erhalten Nun von dem Verfasser des betresfenden Aussatzes im „Wegweiser" folgende Zuschrift: „Ohne auf Ihre erregten Erörterungen in letzter Nummer Ihres Organs einzugehen, bitte ich Sie, lediglich zu meiner Rechtfertigung, um Aufnahme beifolgender Zeilen des Herrn Dr. Spanier. — Die Form überlasse ich Ihnen,: bitte Sie aber um Angabe meines vollen Namens. Hochachtend I. B. Levy." Die. Karte des Herrn Dr. Spanier lautet: „Ich bestätige Ihnen sehr gern, daß Ihre Ausführungen allgemein gehalten und nicht auf eine Zeitung insbesondere zugespitzt waren. Leider befinden sich in Ihrem Artikel verschiedene Druckfehler, so sollte es auch nicht „Jü d. Jugend", sondern für die Jugend heißen. Die „Entfernung vom Druckorte" muß vieles entschuldige»/ Die Korrektur gilig diesmal in besonderer Eile vor sich. Mit herzl. Gruß Ähr Spanier." Wir konstatieren aus diesen Schriftstücke», daß Herr Levy seine Ausführungen mit Bezug ans unsere Fugendbeilage widerrufen hat. Frankfurter Israelitisches Familicnblakt. Nürnberg. Antisemitismus in der Sozialdemokratie. Ebenso wie der „Vorwärts", die „Leipz. Volksztg." und andere sozialdemokratische Blätter macht jetzt auch die „Fränk. Tagespost" in unverhohlenstem Antisemitismus. In einer ihrer letzten Nummern schreibt sie: „Der schönsten einer (der Jungliberalen), Goldschmidt II geheißen, hat bereits im März dieses Jahres in Mkt. Redwitz das große Wort gesprochen: „Es müssen Männer gewählt werden, die nach ihren Fähigkeiten, ihrem persönlichen Verhalten, ihrem Alter würdig erscheinen, die Rückgrat nach oben und unten besitzen usw." Ter Kurs für liberales Rückgrat ist seit 30 Jahren an der politischen Börse gestrichen. Herr Goldschmidt, fragen Sie doch Ihren Vater, der hat das Papierche überhaupt noch nicht gesehen." RegenSburg. Bezüglich des Kantors Jdels o h n, über dessen augenscheinliche» Selbstmordversuch wir jüngst berichtete», schreibt das „Regensburger Tageblatt": „Wie uns von authentischer Seite versichert wird, ist im Befinden des Herrn Jdelsohn eine weitere Besserung eingetreten und ist derselbe jetzt außer Lebensgefahr. Wie uns weiter mitgeteilt wird, lag gar kein Grund zum Selbstmord vor und soll nur ein Unglücksfall vorliege». Der Schächter schliff das Messer, welches ihm nach seiner eigenen Angabe ausgeglitten und in den Hals gefallen sein muß." BreSlau. „Die berühmte Liberalität" der neologeii Wortführer zeigte sich wieder einmal in der letzten Sitzung der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde. 440 Gemeindemitglieder hatten in einer Petition um Entfernung des Harmoniums aus der Friedhofs- Kapelle, das kürzlich dort — im Bruch mit Sitte und Gesetz des Judentums — aufgestellt worden ist, nachgesucht. Ter Vorstand erwiderte — ohne auf den Inhalt Hes durchaus fachlich und würdig gehaltenen Schriftstückes einzugehen — in einem Tone, wie ihn kein abhängiger Beamter von seiner Vorgesetzten Behörde zu hören bekommt, Ausdrücke wie: „Unduldsamkeit", „Zeichen hoher Unduldsamkeit", „Geist völliger Unduldsamkeit", „Frieden untergrabend", „in hohem Maße ungehörig" und Drohungen „mit gesetzliche» Mitteln" mußten Männer zu hören bekommen, die an Reinheit der Gesinnung, Würdigkeit des Charakters und Unabhängigkeit ihrer sozialen Stellung keinem einzigen Mitglieds des Vorstandes nachstehen. — Noch mehr. Ter Vorstand übertrug die Vertretung dieses Standpunktes vor den Repräsentanten eineni Manne, der nach seiner Auffassung von dem „Wesen des Judentums" und den „Vorschriften unserer Religion" schon längst „das Tischtuch zerschnitten" hat, welches ihn mit der Gemeinde verbindet. Und dieser Mann, dessen bisheriges Verbleiben im Vorstände doch schon ein beredtes Zeugnis 'für die große „Duldsamkeit" der andersgesinnten Repräsentanten abgibt, hielt sich für berufen, in de» allerschönsten Formen gegen die Unduldsamkeit zn wettern: Unsinn, — du hast gesiegt! Detmold. Am 3. Juli fand die feierliche Grundst e i ii l e g u n g zum Neubau der S Y n a g o g e statt. Unna i. Westfalen, 9. Juli. Das israelitische Altersheim wurde heute unter Assistenz des Herrn Rabbiner Dr. Koblenz-Bielefeld feierlichst eingeweiht. Die Kosten des Grundstückes und des Baues haben sich aus 155000 JL gestellt, welcher Betrag durch Sammlung aufgebracht worden Ist. Das Gebäude ist eine Zierde der Stadt und gleicht mit seine» gärtnerischen Anlagen nach der Straßenseite und einer großzügigen Waldanlage an der Hinterseite einem HerrschastIsitze. Oesterreich-Ungar«. Budapest. Bor einigen Tagen führte das jüdische Mitglied des ungarischen Magnatenhauses Dr. Franz C h o r i n seine Tochter in Budapest zur Taufe, die bald darauf mit dem arisch. Adv. D r. Heinrich in derselben Kirche ein Ehebündnis schloß. Dr. Chorin, der ein einflußreiches Mitglied der neologen Organisation Ungarns ist, bekleidet auch sonst eine ganze Anzahl Ehrenämter rein „jüdischen" Charakters. Wie erinnerlich, war vor einiger Zeit das Gerücht verbreitet, Dr. Chorin selbst habe sich getauft. Das Gerücht wurde damals dementiert, aber es scheint nicht ganz ohne Grundlage gewesen zu sein. Die Familie „Heinrich" hat sich schließlich mit der Taufe des Fräuleins begnügt, die eine Enkelin des Vorkämpfers der Neologie in Ungarn, des verstorbenen Araber Oberrabbiner s D r. A r o n C h o r i n, ist. Prag. Unter der Spitzmarke „Wenn Assimilanten das Judentum brauchen" veröffentlicht das Wiener »Jüd. Volksbl." folgenden Brief der jüdischen Aerzte an Prager Krankenhäusern an die Israel. Kultusgemeinderepräsentanz in Prag: »Da die gegenwärtigen Verhältnisse den Gedanken an einen Neubau eines isr. Krankenhauses in Prag in absehbarer Zeit nahelegen, so gestatten sich die Unterzeichneten Aerzte, folgendeAnregungm imJnteresse des gesamten jüdischen Aerztestandes wie nicht minder im Interesse des jüdifchen Publikums der löblichen israelittschen Kultnsgemeinde zu unterbreiten. Seite 3. Die Zustände im allgemeinen Krankenhause haben sich unter deutschnationalem Einfluß im letzten Jahrzehnt für die Ausbildung der jüdischen Aerzte derart ungünstig gestaltet, daß ihnen allmählich eine Klinik nach der anderen versperrt wird. Seit dem Jahre 1895, in welchem Herr Profeffor Anton Woelfler die Leitung der deutschen chirurgischen Klinik übernahm, gelang es keinem Juden, eine der vier Asfistentenstellen zu erlangen, und jetzt, wo es sich um die Besetzung der vierten Äsßstentmstelle handelt, wird dieselbe vakant gelassen, da kein geeigneter arischer Bewerber vorhanden ist, wohl aber chirurgisch gut ausgebildete israelitische Operationszöglinge. Während der Abfassung dieser Zeilen erfahren wir, daß auf der chirurgischen Klinik eine bewichrte jüdische Kraft, die durch dreieinhalb Jahre als Operationseleve sowohl in wissenschaftlicher olä auch praktischer Richtung sich glänzend bewährt hatte, kurzerhand entlassen wurde; man ist allgemein gespannt, welchem neuen arischen Sterne damit der Weg zum vierten Assistenten gebahnt wurde. Besonders ktaß aber sind die Verhältnisse an anderen Kliniken, unter denen in erster Reihe die interne Klinik des Herrn Professor Jaksch und die Ohrenklinik des Herrn Profeffor Zausal zu nennen sind. An der Klinik von Jaksch ist der antisemitische Einfluß so mächtig geworden, daß nicht bloß s e i t einem Jahrzehnt kein jüdischer Assistent an ge stellt wurde, sondem auch seit mehreren Jahren kein Externar'z^ die Möglichkeit einer Ausbildung in diesem wichtigen Fache der ärztlichenWissenschaftgenietzen konnte. Dasselbe gilt von der Klinik Zaufal, seitdem der Chef, durch eine langwierige Krankheit an der Leitung der Klinik verhindert, oiese dem Dozenten Piffel übertragen mußte. Tatsächlich mußten von dem Zeitpunkt an, wo der Dozent die Führung der Klinik übernahm, solvohl der jüdische Assistent als auch der jüdische Externarzt die Klinik verlassen. Seither ist den Juden die spezialistische Ausbildung in Ohren- und Nasenheilkunde in Prag unmöglich. Aus den mit den Kliniken in enger Verbindung stehenden Instituten für die Lehrfächer „Pathologische Anatomie" und „Gerichtliche Medizin" find die Juden unter denr Einflüsse des deutschnationalen Chefs Hofrat Prof. Chiari und Prof. Dittrich verdrängt worden. Als nach langer Zeit Prof. Chiari infolge Aerztemangels sich gezwungen sah, einem jüdischen Arzt eine Asfistmtenstelle zu übertragen, wurde letzterer kurze Zeit darauf, als sich ein arischer Arzt fand, derart zurück«!gesetzt, daß er seine Stelle niederlegte, da er im Gegenatze zu anderen Kollegen Ehrgefühl im Leibe hatte. Profeffor Dittrich wähtt sogar lieber einen arischen Studenten als einen jüdischen graduierten Arzt zum Assisten. Und selbst die wenigen jüdischen Vorstände beugen sich vor dem allmächtigen deutschnationalen Einfluß und setzen oie Juden allenthalben zurück. Hoftat Prof. Pick suchte für die Stelle eines zweiten Assistenten einm arischen Arzt in Prag, Wien und Innsbruck, obzwar an seiner Klinik genügend geeignete Aerzte waren,, die nur den einen Fehler hatten, Juden zu sein. Daß die Asfistentenlaufbahn auch den tüchtigsten jüdischen Aerzten an den nichtoperativen Kliniken verschlossen bleibt, wäre, so deprimierend es für die Betroffenen ist. schließlich noch zu verschmerzen, da in diesen Fäch rn auch in der untergeordneten Stellung eines Externarztes eine genügende Ausbildung erworben werden kann. Ausgeschlossen ist aber eine spezialistische Ausbildung in jedem operativen Fache, da zu den größeren Operationen, wie selbswerständlich, nur die Assistenten zugelassen werden. Unter solchen Umständen ist die spezialistische Ausbildung sowohl der jüdischen Aerzte als auch des künftige» Nachwuchses für immer unterbunden, falls nicht dieJuden zur Selbsthilfe greifen. Wenn nun in Prag, wo das Gros der Mediziner und Spezialärzte an der deutschen Hochschule aus Juden besteht, diese in ihrer Ausbildung verhindert sind, um wieviel mehr gilt dies für die anderen Hochschulen Oesterreichs, an denen die Juden naturgeniäß nur einm geringm Prozentsatz ausmachen. Aus diesen Gründen wenden sich die Unterzeichneten jüdischen Aerzte an die löbliche Kultusgemeinde, als die für alle , jüdischen Angelegenheitm kompetente Behörde, mit der Bitte: »Die jüdische Kultnsgemeinde möge dm Neubau eines jüdischen Spitals sobald als möglich in Angriff nehmen und dasselbe nach dmi Muster des Wimer Rothschildspitals zu einer modemm Krankmheilanstalt mit besonderer Berücksichtigung der operativen Fächer ausgestaltm." Damit wäre nicht nur dm Jmereffm der jüdischm Aerzte gedient, sondem auch einem dringenden Bedürfnisse des hiesigen jüdischen Publikums abgeholfm, welches vielfach auf die Hilfe auswärtiger Operateure und der teuren Sanatorim angewiesen ist. Es ist aber notwendig, daß bei Realisiemng dieses Projektes die Leitung der Anstalt und die Besetzung der Stelle», die nur von hervorragenden Fachmännem bekleidet werden dürfen, ganz in die Kompetenz der Kultus» gemeinde falle. Je länger die Äusfühmng dieses Projettes h nausgeschobm wird, desto länger ist, der jüdische Aerztestand im Konkurrenzkämpfe gegmüber dm arischen Aerzten benachteiligt.

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