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Neue jüdische Presse · 1905-07-14 · Heft 27 (14.7.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 27 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frarckfurter Israelitischer FamNenblatt. Nr 27. . „Gehen Sie hier herüber!" — wies er uns'den /««sichtbaren Pfad durch. Las Schmutzmeer. — „Hier ist es gut." K- „Ach was hier im Frühling vorgeht — fügte « hinzu — „rein in Böten nmher- .zuschwimmen." .3^ betrachtete verwundert die Uebergängc des Grabens. Das war eine tiefe, - sich krümmende Schlucht, vielleicht das gewesene Bett eines Baches. Man konnte es nicht begreifen, wie die Menschen auf die Idee kamen, sich in dieser Grube anzusiedeln. Hunderte von Häusern und Hütichen lehnten sich an die Wände der Schlucht an, wie Fuchs- oder .Maulwurfshöhlen. Fast in jeder Höhle nisteten zwei «der sogar drei Familien. Nirgends war ein Hof noch ein Zaun zu sehen. Kehricht und Abfälle lagen hinter dem Hause ober gerade beim Eingang in das Haus umher. Iw Graben gab es weder Hunde, noch Pferde, noch Hühner; weder ein großes noch ein kleines Tier war da zu sehen. Nur schmutzjge Kinderchen guckten aus einigen Winkeln hervor. „Wozu haben wir Hunde nötig," erklärte mir Schmulik räsonierend, „wenn wir keine Höfe haben? Auch gibt es im Graben nichts zu bewachen." „Mer wie schafft Ihr Lebensmittel hierher?" fragte ich unwilllürlich Kein Rad konnte durch diese engen und schmutzigen Gäßchen fahren. .Lu uns in den Graben?" fragte ein Mann in einem langen Rock. Er sprach den weitzrusstschen Dialekt. „Zu uns in den Graben?" wiederholte er singend. „Ans Pferden?" fragte ich erstaunt. Ich stellte mir eine Karawane von Lastpferden vor, die die Vorräte durch die Straßen einer mitteleuropäischen Stadt führen, wie im Zentrum der Wüste Gobi. „Nein, auf dem Mcken! . . . ." entgegnete uns unser neuer Begleiter. „Wenn's Euer Gnaden gefällig» ich bin ein Träger," — fügte er hinzu, indem er seinen breiten, etwas gekrümmten Rücken beugte. — „Ich habe heute seit dem Morgen fünf Kopeken verdient," sagte er in einem solchen Tone, daß ich unwillkürlich in die Tasche nach einem andern Fünfkopekenstück griff, um diesem unbedeutenden Verdienst .nachzuhelfen. — ‘ „Es ist nicht nötig!" — sagte Schmul ungeniert. „Bei uns im Graben wird auf der Straße Nichts ge- -geben!" . „Meinetwegen," stimmte der Träger bei. . . „Mer wen suchen Sie?" fragte er neugierig. „Wir gehen nur so im Graben umher," — sagte Doktor Grack, der eigentliche Führer unserer kleinen Expedition, ausweichend. „Sie sind der Augenarzt," sagte der Träger. „Ich keime Sie. Kommen Sie zu mir in die Hütte, hier ganz in der Nähe . . . ." fügte er bittend hinzu. Die Wohnung des Trägers hatte weder einen Hausflur, noch irgend einen Vorbau. Sie bestand aus einem ungewöhnlich schmutzigen Zimmer, mit einem eingestürzten Ofen in der Ecke und einem alten, hölzernen Schrank an Stelle der Möbel. Die Türen des SchrankeS waren herausgefallen und er war mit allerlei schmutzigen Lumpen vollgestopft, welche das Bettzeug vorstellen sollten. Ein anderer Haufen von Lumpen lag in der Ecke. Sonst war nichts im Zimmer, weder Stühle noch Bänke. . „Wo ist denn Ihr Bett?" fragte ich. „Das ist es!" — Der Wirt klopfte mit dem Fuß auf -den schmutzigen Boden. „Ich hatte ein Bett,, aber mein Weib hat es im Ofen verbrannt/? (Fortsetzung folgt.) Budapester Brief. Die größte jüdische Gemeinde des Landes, die» nebenbei bemerkt, die drittgrößte jüdische Gemeinde der Well ist, steht inomentan vor der Besetzung ihres verwaisten Rabbiner sitz« s. Die Gemeinde links der Donau (der rechtsseitige Tell der Stadt, der die drei ersten der zehn Bezirke der ungarischen Metropole bildet, hat noch 2 von der Pester Gemeinde vollständig unabhängige jüdische Gemeinwesen in Ofen und in Altofen) hatte seither 3 Rabbiner in 2 Synagogen gehabt, zu welchen, vor einigen Jahren noch-ein Hilfsprediger hinzukam. Nun machte sich seit längerer Zeit schon das Bedürfnis geltend, die Zähl der Rabbiner Pest's zu vermehren. Es war einerseits das durch, die allgemeine Landflucht verursachte ungeheure Anwachsen der Gemeinde, durch welches die-Rabbiner auch nicht mehr die allgemeinsten Funktionen bestreiten konnten. So sah sich auch die Ch'ewra-Kadischa vor Jahren schon veranlaßt, separate Funktionäre zu den sonst rabbiuischeu Agenden anzustellen. Andererseits aber war und ist es der traurige Rückgang im religiösen Leben der Juden Pest's, der nur zum Teile in den vielen Taufen u n d M i s che h e ii seine» Ausdruck findet, der es den Leitern der Kultusgemeinde nahegelegt, etwas zur Hebung des religiösen Gefühls und Lebens zu tun. So herrschte denn in der letzten Zeit in den Beratuugsräumeu der Gemeinde ein regeres Leben als sonst. Es wurden viele Vorschläge gemacht, um die allgemeine Stagnation in dem religiösen und Gemeindelcben in Budapest zu brechen. Bon diesen Vorschlägen verdienen diejenigen die größte Beachtung, die sich auf das Erziehungs- und Schulwesen beziehen. Es wurde im vergangenen Winter in den Vorstandssitzungeii die Errichtung einer jüdischen Realschule nach Mn st er der Hamburger „Talmud Thora" und der Frankfurter Realschule der Religionsgesellschaft urgiert, wodurch das religiöse Gefühl, als auch die Kenntnisse in den jüdischen Fächern unstreitbar eine-große Bereicherung erfahren würden. Die zahlreiche Frequenz einer solchen Schule wäre einerseits verbürgt durch die Ueberfüllung der staatlichen und städtischen Schulen Bndapest's, wie auch dadurch, daß die Leute, die erst kürzlich vom Lande zugczogen, eine Schule vvrziehen wurden, in welcher die jüdischen Fächer mehr Beachtung und Pflege finden. Nicht minder wichtig ist ein anderer Vorschlag, der sich auf die Errichtung einer jüdischen Lehrerinnenpräparandie bezieht. Es müssen hier, um die Wichtigkeit dieser Institution zu verstehen, die Landesverhältnisse in Betracht gezogen werden. Die vielen jüdischen Oekonome Ungarn's, Gutsbesitzer und Pächter, sind, da sie zumeist auf einer Pußta, oder nur einem kleinen Dorfe wohnen, genötigt, eine Lehrerin für ihre Kinder in's Hans znnehmen. Man wendet sich im Bedarsssalle an ein hauptstädtisches Vermittlungsbureau, das naturgemäß kein anderes Interesse kennt, als die nicht unbedeutende Gebühr für die Vermittlung einzustreichen. Charakter, Kenntnisse der Kandidattnnen sind den Vermittlern ebenso unbekannt, als der Familie, i» welcher sie nun wirken sollen. — Nun tritt noch der Umstand hinzu, daß die Kandidattnnen in staatlichen oder gar in christlich-konfessionellen Schulen ihre Ausbildung erhalten haben, wodurch ihre Kenntnisse in den jüdischen Fächern gleich null sind. Welch' religiöse Erziehung diese Lehrerinnen, die während ihrer Studienzeit in nichtjüdischen Internaten gelebt haben, ihren Zöglingen geben And geben können, braucht unter solchen" Umständen nicht erst gesagt zu werden. Und doch ist das nur der gelindere Tell des jammervollen Zustandes ans diesem Gebiete! Denn die Familie kann sich glücklich schätzen, die wenigstens eine Erzieherin oder Lehren» jüdischen Glaubens erhält. (Von solchen Familien, die eine -nichtjüdische Lehrerin für ihre Kinder vorziehen, soll hier nicht die Rede sein.) Viele Familien müssen aus Mangel an jüdischen Bewerberinnen mit christlichen Hauslehrerinnen vorlieb nehmen, die direkt aus irgend einem katholischen Stift kommen. Wie oft hört man da über diese Lehrerinnen klagen, die ihren Haß gegen ihren Brotgeber und gegen die ihnen anvertrauten Kinder nicht verbergen können. Wie bestreben diese sich nur zu sehr, in den jungen Seelen der Kinder den Haß und..die Verachtung gegen die eigenen Eltern und Stammesgenossen zu pflanzen. Und nur zu oft bildet diese Zeit die Vorbereitung zur Taufe, indem die Lehrerin es an keinem Mittel fehlen läßt, die Kinder dem Glauben ihrer-Eltern zu entfremden und der. alleinseligmachenden Kirche zuzuführen. Man kann es nach dem Vorhergesagten, das diesen jammervollen Mißstanb nur in den Hauptzügen streift, begreifen, daß der Vorschlag betreffs Errichtung einer jüdischen Lehrerinnenausbildungsschule allgemeinen Beifall fand. Ob und wann diese Vorschläge auch realisiert werden, läßt sich vorläufig nicht bestimmt sagen; doch mögen sich die Herren, in deren Händen die Realisierung dieser Pläne liegt, vor Augen halten, daß jede Verzögerung auf diesem Gebiete eine Versündigung an denjenigen geistigen Gütern ist, deren Förderung ihre Pflicht und ihres Amtes ist. Auch sind in der Gemeindevertretung sowohl, wie auch in verschiedenen jüdischen Landeskorporationen Stimmen laut geworden, die darauf Hinweisen, den Religionsunterricht einheitlich zu organisieren und,intensiver zn g e st a l t c n. Es besteht auf diesem Gebiete leider keine Aussicht auf Besserung, insolange die Männer, die die gewiß notwendige Neuorganisation und Ausbildung des Religionsunterrichtes angeregt haben und durchführen wollen, nicht selber dem wirklichen, traditionellen Jiideiikum näher stehen werden, als dies der Fall ist. Insolange diese Herren dem wirklichen, praktischen Judentum feindlich oder gleichgültig gegenüberstehen, solange werden ihre Versuche, eine Besserung auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes herberzusühren, eine akademische Erörterung bleiben, ohne irgend welche praktische Erfolge erzielen zu können. Weitere Vorschläge zur Besserung der religiösen Verhältnisse betrafen die Dezentralisation des religiösen und Gemeindelebens. Es wurde darauf hingewiescn, daß man„dcn Juden, die an der Peripherie der Hauptstadt wohnen, möglich machen müsse, an dem religiösen Leben teilzunehmen, zu welchem Behufe man in jedem Bezirke durch Errichtung einer Synagoge ein religiöses Zentrum schaffen möge. Dieser ganz richtige Vorschlag, der auch allgemeiner Zusttmmuiig begegnete, legte der Gemeindeverwaltung die schon früher gehegte Msicht, die. Zahl ihrer „Seelsorger" zu vermehren, wieder nahe. Noch akuter wurde die Frage der Anstellung von neuen Rabbinern durch das unerwartete Hinscheiden des als Gelehrten weithin bekannten Rabbiners Dr. M. Kaiserling. Bald nach dessen Tode traf denn auch die Gemeinde Anstalten, die entstandene Lücke ausznsülleii. Es erfolgten Einladungen zu Probepredigten an mehrere Rabbiner des In- und auch des Auslandes, die sich denn auch schon dem hauptstädtischen Publikum vorgestelllt haben. Ob diese Art der Rabbineraufnahme der Würde des Amtes und des Standes zuträglich ist, mag dahingestellt bleiben, hierzulande hat es nur insoferne seine Berechttgung, als nicht die Gemeinde-Repräsentanz allein, sondern das Plenum der Gemcindemitglieder die Wahl vornimmt. Hält man sich die Namen der bisherigen Probekandidaten vor Augen, so kann man der Gemeindeverwaltung den Vorwurf nicht ersparen, daß es ihr nicht darum zu tun ist, die Schäden, unter denen das Judentum in Budapest leidet, wirklich zu heilen. Es kann nicht alleinigen Zweck und alleinige Ausgabe einer Gemeinde bilden, Meister der Rhetorik auf den Kanzeln ihrer Synagogen zu sehen; ebensowenig, wie der ganze Zweck der Rabbinerinstitution erfüllt ist, wenn der Rabbiner als beste und in vielen Fällen die einzige Qualifikation mitbringt, daß er hie Landessprache meisterhaft handhabt. Es sind dies wohl wichttge Momente, die bei Besetzung von Rabbinerstellen auch in Betracht kommen müssen, aber sie dürfen nicht ausschlaggebend und noch weniger allein maßgebend sein. Worauf in solchen Fällen das Hauptgewicht zu legen ist, das ist, daß die Männer, die berufen sind, einer der größten Gemeinden der Welt in religiösen Dingen die Direktive zu geben, voll und ganz im Judentum, und zwar im unverfälschten, traditionellen Judentum stehen müssen. So diese Grundlage bei den religiösen Führern nicht vorhanden ist, jo ist jedes andere Mittel zur Rückgewinnung der abtrünnigan und indifferenten Masse ganz vergeblich Und würde die Zahl der Rabbiner noch so vermehrt, sie würden die allgemeine Entfremdung vom Jubentume nicht zurückhalte» können, fo lange man auf sie, auf die Rabbiner, verweisen künnj daß auch ihnen das Judentum ein Gefäß ohne Inhalt, oder, wie man es oft hören kann, ein Geschäft sei. Und so ist es auch bei den zur Probe erschienenen' Rabbinern der Fall. Hervorgegangen aus dem in religiöser Beziehung höchst destruktiv wirkenden Rah»

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