Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 27 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^rrunßftirfct --- i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I—___—-- KedaKtioir Md Geschäftsstelle: Srsnkfurt a. M.. Leiligkreuzgaffe 52, Ecke Llapperfeldstraße Perefo« 10507. -- Herausgebep: Sali; Geis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 3. Jahrgang. Freitag, den 11.?amus 5665 (14. Juli 1965). Ro. 27. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Homeler Silhouetten. — Budapester Brief. — Aus aller We lt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den „Pirke Owaus" (Sprüche der Väter) nach dem Buche „Jön Lwonaun" des Rabbi Naphtalie Herz Wesel (Hartwig Wesellh). — Feuilleton: Krisen, Erzählung von Jacob Levy. — Im Heuen. — Sprechsaal. — Neue Bücher. — Familiennachrichten. (Nachdruck verboten.) Homeler Silhouetten.*) Skizzen von T a n, aus dem Russischen übersetzt von T. B a ch. Statt eines Vorwortes. Ich verbrachte in Homcl zwei Wochen und unterhielt mich die ganze Zeit mit verschiedenen Leuten allerlei „Stämme, Dialekte und Stände." Ich kam in Berührung mit Russen und Inden, Angeklagten und Gerichtsmitgliedern, Selbstverteidigcrn und Raubmördern, Antisemiten, Landstreichern und Schutzleuten. Der größte Teil von ihnen sprach die Wahrheit, einige logen. Ninbewaikin, der des grausamen Mordes an dem schutzlosen Kewesch angeklagt war, beteuert laut vor der ganzen Welt seine Friedsertig- *) Wir bringen iin Folgenden eine Reihe von Skizzen, die der bekannte russische Schriftsteller Tan soebeil über Hömel perössentlicht hat. Tan gehört zu jenen jungen Russen, die, eine hohe literarische Begabung mit einem warmen Herzen und einer edlen Begeisterung für alles menschlich Hohe und Gute vereinigend, die Propheten des besten Teiles ihres nnglücklichen Volkes und die Verkünder seiner Regeneration geworden sind. Die folgenden Skizzen sind naturgetreue Momentaufnahmen und zeugen sowohl für die scharfe Beobachtungsgabe des Verfassers, als auch für seine warme Sympathie für die „Erniedrigten und Beleidigten". Der Verfasser, der in seiner Eigenschaft als Berichterstatter vom Homeler Prozeß mehrere Monate in dieser Stadt weilte und Gelegenheit hatte, mit. den verschiedenen Kreisen und Schichten der Bevölkerung in Berührung zu kommen, nimmt gleichsam einen Querschnitt durch das Leben und Treiben im russischjüdischen Ghetto vor. Er gewährt uns einen Einblick in das schaurige Reich der Judenexzesse, in jene Niederungen jüdischen Elends, wo der russische Mob seit einigen Jahren wiederum nach einer Längeren Pause, seine wildesten Orgien feiert und mit besonderer Vorliebe den Ostersonntag unter den Augen der entsetzten Welt in einen Hexensabbat menschlicher Bestialität verwandelt. In den weiteren Skizzen wird der Leser auch die äußere Atmosphäre kennen lernen, in der unsere Brüder in Rußland leben müssen und die solche wüste Erscheinungen ermöglicht und begünstigt. Trotz des erzählenden Charakters haben wir — entgegen unserer Gepflogenheit — den Anfang dieser Arbeit an erste Stelle gesetzt, denn Tan's „Homeler Silhouetten" sind aktuell und kulturhistorisch und es liegt uns daran, unsere westeuropäischen Brüder vertraut zu machen mit der sozialen Lage, mit dem Denken und Fühlen unserer Brüder in Osteuropa. — — Wer die Leiden der in der russischen Hölle eingezwängten, nach Atem ringenden fünf Millionen Juden nicht gesehen hat, kann den ganzen Schrecken ihrer Lage in seiner erschütternden Grausamkeit nicht begreifen; — Tan zeigt sie uns in lebenswahr gezeichneten Bildern, so daß wir jedes einzelne Brld mit ihm sehen und mit ihm erleben. Anm. d. Redakt. keit und Sanftmut. Ter Kreishauptmann Iwan Rai - m n n d o w i t s ch I e l c w s k y erließ den Befehl, ihn Iwan R o m a n o w i t s ch zu nennen und erklärte mit Autorität: ' „Ich, als echter Rechtgläubiger, bin ein überzeugter Anhänger der bestehenden Ordnung. . . Unser Volk hält sie für die vollkoinmenstc und liebt es nicht, wenn andere Leute sich in die Anordnungen der Polizei hineinmischen." — Ich unterbrach keinen, hörte zu, stellte Frage» und schrieb fleißig alles Gehörte in incin Notizbuch eilt, denn ich habe schon längst die Erfahrung gemacht, daß man sogar von einem Menschen, der lügt, die Wahrheit erfahren kann, wenn man ihn zu Ende reden läßt. Auch der geschickte Lügner vermag sich nicht lange ans seiner Position zu halten, bald beginnt die Wahrheit durchzubrechen, plötzlich, bruchweise, wie eine Momentphotographic, und um so wertvoller, da sie unerwartet und unwillkürlich zum Vorschein kommt. Freilich ist für verschiedene Menschen eine verschiedene Umgebung erforderlich. Die einen sprechen ohne Zögern, halten lange Monologe, als ob außer ihnen niemand anwesend wäre. Andere bedürfen anregender Fragen oder kurzer Repliken, um beständig die Illusion einer ungezwungenen Unterhaltung zu haben, aber das Resultat ist unveränderlich dasselbe. Im allgemeinen sind sogar die hartgesottenen Lügner erstaunlich einfältig. Tie Kunst zu lügen erfordert eine zu große Verschwendung an Mühe und Einbildungskraft, und das Höchste, das ein gewöhnlicher, mittelmäßiger Mensch, sogar wenn er Wministrator ist, tun kann, ist, die Wahrheit unter einem falschen Gesichtspunkt darzustellen. So war der Kreis meiner Bekanntschaften in Homel ein ziemlich verschiedenartiger. In meinem Zimmer im Gasthause „Grand-Hotel" traf Iwan Andrejewitsch Kolljarewski, der Präsident des obersten Gerichtshoss, welcher mir eine Gcgenvisite machte, mit dem Angeklagten Gaiski zusammen, der seinerseits gekommen war, um mir die Geschichte seines Lebens zu erzählen-, Es blieb mir nichts anderes übrig, als sie einander vorzustellen. Sie begrüßten sich höflich, setzten sich nebeneinander auf das Sopha und begannen ein Gespräch. Ter Kreishauvtmann Jelenski stieß sogar bei einer solchen Gelegenheit auf solch' ein Individuum, das man schnell durch eine andere Tür hinausfahren mußte .... Aus der Zahl all' dieser Gespräche und Begegnungen will ich einige Silhouetten auswählen und sie so darstellen, wie ich sie kn meinem Gedächtnisse und meinen Notizen aufbewahrt habe. Ihre Umrisse treten hell und deutlich hervor auf dem blutrote» Grunde des Bürgerkrieges, welcher in Homel bis zum Herbst des vorvorigen Jahres sich allmählich vorbereitete, mit Schlägerei und Krawall aufloderte, dann wieder für eine Zeit laitg erlosch, aber Gefühle und Stimmungen hinterließ, wie sie dauernden Bürgerkriegen eigen sind. Freilich ist das ein besonderer Bürgerkrieg, der sich nach und nach beinahe in allen russischen Städten entwickelte, sich von einem Gebiet zum ändern wie Pulversäden herüberziehend. Auf der einen Seite ivirken hier verschiedene Kombinationen von sozialen und nationalen Kräften, auf der andern — der Krcishauptmann von Kirsanow und „das Schwarze Hundert" von Tambow, der Brandmeister Ossipow von Shitomir und seine „Brandstifter-Organisation", der General Kvwalew, der Baron Lewenthal von der Gendarmerie, Kruschewan und seine braven Helfershelfer. Das Resultat — ein dunkles, fürchterliches Blutbad, dessen Morgenröte von dem schrecklichen „Roten Gelächter"*) Leonid Andrejews begrüßt wird. Homel hat das traurige Verdienst, die Ereignisse beinahe anderthalb Jahre vorher verkündigt zu haben und vor der erstaunten Gesellschaft als der Mikrokosnms des russischen Lebens, als erster eigenartiger Versuch, dem auch andere folgen mußten, erschienen zu sein. Aber die Kraft des Stoßes ruft den Gegenstoß hervor. Von diesem Gesichtspunkte aus ist in dem Homeler EpoS nicht nur die gewöhnliche Erscheinung der Rechtslosigkeit der Juden von besonderem Interesse, nicht nur jene Elemente sind von Bedeutung, die den Progrom ausführten und ihm die halboffiziöse Möglichkeit gaben, sich in die Breite zu entfalten, sondern hauptsächlich die lebendigen Kräfte, welche dem/Strom des Progroms einen Damm entgegenzustellen versuchten. und bis zu einem gewissen Grade, trotz Salven und Bajonette, dabei Erfolg hatten. I m G r a b e n. Wir gingen den schlüpfrigen Abhang hinunter und riskierten dabei, in den breiten, schwarzen Kanal hineinzufallen; dann überschritten wir auf einem schmalen Stege eine große, schmutzige Pfütze, bogen um ein Haus und blieben im Zweifel stehen. Mir schien es unmöglich, weiter zu gehen. Im Graben gab es weder Straßen noch Höfe, nur einen ungeordneten Haufen halbzerstörter Behausungen, und alle Durchgänge waren von einem dichten Strome dunkelgrauen Kotes übergossen, der dick wie Honig und wie der beste Pfannkuchenteig eingerührt war. Hier und da lagen Bretter und Steine umher, die eher als wegweisende Zeichen, wie als Stütze für die Fußgänger dienen konnten. Wir blieben beim ersten Hause stehen und sahen uns hilflos nach allen Seiten um. Auf der entgegengesetzten Seite versammelte sich ein Häuflein Volkes und ernmtigte uns durch Zurufe und Hinweise: „Kehren Sie rechts um!" rief man uns herüber, „dort ist es seichter, Neben Berkin's Hütte ist ein liebergang. Nur kann man ihn unter dem Schmutz nicht sehen!" Der Jüngste von uns, der Maler Schmulik, ging mutig voraus, mit seinen großen Stiefeln im Kote patschend. Wir folgten, so gut es ging, hinterher in unseren städtischen Galoschen, die immerfort im Schmutz stecken blieben und sich von den Absätzen loslösten. Von der entgegengesetzten Seite kam uns ein bärtiger Mann entgegen, ohne Mütze, in einem zerrissenen Rocke, mit einem Strick umgürtet. i) „Das rote Gelächter", die neueste Erzählung von Leonid Andrejew, die die Greuel des russisch-japanischen Krieges in grossen - Farben schildert. __,