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Neue jüdische Presse · 1905-06-23 · Heft 24 (23.6.1905) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 24 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Ecire 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 24. Auch jetzt berufen sie sich wieder auf ein paar bedeutende Rabbonim. Der eine — der Brisker Raw Rabbi Chajiin — hat die Gegnerschaft zum Zionismus von seinem Vater als Erbteil übernommen, der andere war früher „Chauwew Zion", und jetzt in seinen alten sFahren ist er Dank der Anstrengungen der Feinde Zions, die es verstanden, ihn auf ihre Seite hinüberzuziehen, feindlich gesinnt geworden und der dritte ist einer von den früheren drei. Ms wir dies sahen — ich und meine Freunde, die Rabbonim, die sich um die Verbreitung der heiligen Sache bemühen —, da beschlossen wir, uns mit einem Ausrufe an die Rabbonim Rußlands zu wenden und sie zu ersuchen, ihre Ansicht über den Zionismus kundzugeben. Zu unserer Freude antworteten auf unsere» Aufruf ungefähr IM Rabbonim, darunter sehr bedeutende und berühmte Gaonim. Die Briefe hörten nicht auf und jeden Tag bekomme ich noch welche. Wenn wir nun in Betracht ziehen: 1. Daß wir keine Abgesandten geschickt haben, um so die Rabbonim mit List zu veranlassen, ihre Zustimmung zu geben, wie es unsere Gegner tu»; 2. daß wir uns auch nicht an die Rabbonim in Privatbriefen gewandt haben, sondern nur ein allgemeines Rundschreiben erließen und niemand von den Angefragten wußte, wie seine Kollegen sich zu der Frage stellen; 3. daß viele der Rabbonim, die dem Zionismus ihre Zustimmung gegeben haben, Pamphlete von den Feinden Zions erhielten mit der Androhung, sie aufs äußerste zu verfolgen und sie ihrer Existenz zu berauben, so daß sie ihre bejahende Antwort unter größter Selbstentäußerung und Riskierung ihrer Stelle gaben (viele habe uns deshalb auch mitgeteilt, daß sie gnmöglich ihre Zustimmung geben können, da sie die Wut der Heuchler und Ränkeschmiede fürchten). Wenn wir all' das im Auge haben, dann bestätigt es sich, daß die Mehrheit der Rabbonim unseres Landes dem Zionismus zusttmmen sind baß die drei Rabbonim, die Gegner sind, von den Feinden überredet wurden, ohne den Zionismus und seine Anhänger zu kennen. Denn darin besteht die Kunst jener bewußten Leute von jeher: hcrauszugreifen Zitate aus den Werken neologer Schriftsteller seit der mendelssohn'schen Zeit bis heute, sie an die große Glocke hängen und dem Volke zuzurufen, das sei die Lehre des Zionismus. Daß es aber nur Gauklerkunststücke zur Irreführung der Massen und zur Aussaat Don Streit und Hader in Israel sind, braucht nicht gesagt zu werden. In Wirklichkeit ist der Zionismus ein Gut des gesamten Volkes und aller Parteien im Volke — sowohl die extremsten Neologen als auch die extremsten Orthodoxen können unter seiner Fahne marschieren —! Nun sagen aber die Einschüchjerer, daß den Frommen von der Gemeinschaft mit den Neologen Gefahr drohe. Sind wir wirklich so tief gesunken, dann brauchen wir weder dem. Zionismus zuzustimmen, noch ihn abzulehnen, dann müssen wir uns, mit unserer Schmach bedeckt, in den Löchern verkriechen und schmerzlich darüber seufzen, daß die Ehre der Thora durch unser Verschulden so gesunken ist und daß wir die Wege unserer Weisen verlassen haben, die -uns feien gegen alle verderblichen Einflüsse von außen. Und in Wirklichkeit ist diese Angstmeierci nichts wie purer Schwindel. In Wirklichkeit sind die Hetzer weder bekümmert um das Wohl der Religion, noch schmerzt sic das Unglück ihres Volkes. Das, was sie anstreben, ist einzig und allein: Verwirrungen zu bringen. Streit zu säen und im Trüben zu fischen, denn dcchei tun sie sich gut. Ml' das Gerede über die prinzipiellen Verschiedenheiten ist eitel Geschwätz. Hat doch der Zionismus «tut die eine Aufgabe, die soziale Lage des jüdischen Volkes sicherzustellen, und mithin hat jeder, der sich Jude nennt, das Recht, zu kommen pnd mitzuarbeiten au dein Werk des Zionismus. Und sollte der Zionismus sich au das Gebiet der Religion begeben, dann ist die Kraft der Rabbonim der Gegenwart nicht geringer, als die der früheren, ihren Freunden und ihren Feinden Öffentlich entgegenzutreten und ihre Prinzipien aufdem Wege des Friedens oder des Kampfes zu schützen. (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Moderne Rabvinen. Wenn der Herr der Herde zürnt, macht er Blinde zu Führern. Talmudisches Sprichwort. Es gibt noch verwandte Geister unter den Hirten Israels in den weit auseinander liegenden Ländern der Tiaspora, unter den Rabbinern des Ostens und des Westens, des finsteren Zarenreiches und des gebildete» Deutschlands. — Der Gegensatz zwischen Lalar und Kaftan, Barett und Pelzmütze ist nicht o groß, als man gewöhnlich annehmen möchte. Tie gleichen merkwürdigen Früchte gedeihen am Main und .... am Tetarew, die gleichen merkwürdigen Anschauungen kommen in Frankfurt und . . . . in Trojanow zur Geltung. .... Es haben sich Männer in Israel zusammengetan, die in Treue und Anhänglichkeit an die Thora und das überlieferte Judentum, an dem Rettungs- und Besreiungswerk des jüdischen Volkes Mitarbeiten wollen, . um nicht in der Erfüllung einer nationalen Ehrenpflicht gegen ihre andersdenkenden Brüder zurückzublciben. Ter Misrachi, eine Vereinigung gesetzestreuer Zionisten, erstrebt, alle „Aufgaben und Lebensbedingungen des jüdischen Volkes," „das Festhalten an Thora und Tradition und die Rückkehr nach dem Lande der Väter" in gleich kräftiger Weise zu betättgen und zu fördern. Tiefen Männern gebührt der Ruhm, die Ehre des gesetzestreuen Judentums in den Augen der Zeitgenossen sowohl, wie vor dem Richterstuhl der Weltgeschichte gerettet zu haben. Man würde diesem sonst mit Recht vorwerfen können, es sei gleichgiltig gegen die erschütternde Tragik der jüdischen Volksnot gewesen, es habe kein Ohr für die Stimme der Ehre gehabt, die gebieterisch forderte, alles zu versuchen; um dem schmählichen Helotenverhältnis des jüdischen Volkes ein Ende zu machen, das Tyrannenjoch ein für allemal abzuschütteln. Und nun mußten wir das tieftraurige, unser jüdisches Bewußtsein beleidigende Schauspiel erleben, daß eine Körperschaft, welche darauf bedacht sein sollte, der jüdischen Fahne Ehre und Achtung zu verschaffen, die Rabbiner-Kommission der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Jüdenttims", jenen Männern grobes Unrecht zufügte und das Volksgcsühl schwer verletzte. Sie erklärte die Prinzipien des Misrachi als mit den Grundsätzen des überlieferten Judentums unvereinbar. An der bona fidcs dieser Herren soll nicht gezweifelt werden. Traurig und schmerzlich ist cs aber, daß man die jüdischste Volksbewegung unseres 2000jährigen Goluslebens im Namen der Thora bekämpfen will! Wir, die wir etwas gelernt und den Zusammenhang mit dem lebendige», historischen Judentum nicht verloren habe», wir, denen das Judentum mehr ist, als Kvnfessionalismus — wir wissen, was wir auf solche Gutachten zu geben haben. — Wir wissen, daß unsere Thora eine „Thauras- Chaim" ist, die uns nicht das Sonnenlicht und die Lust zum Atmen verbieten wird. Welchen Eindruck muß aber ein Schritt, wie der der Rabbiner-Kommission, auf diejenigen machen, die sich ein warmes Herz und ein unmittelbares Gefühl bewahrt haben und nun aus Unkenntnis eine gesetzestreue Rabbiner-Kommission mit gesetzestreucm Judentum schlechtweg identtfizieren könnten? Was muß unsere begeisterte Jugend, der der Zionisnms neuen Lebensmut und neue Hoffnung gegeben hat, von einer Richtung denken, die ein Ideal von sittlichem Ernst und menschlicher Hoheit für nichts und wieder nichts in Acht und Bann erklärt? Ties überlegten die Herren von der Rabbiner- Kommission nicht. Gewiß haben die Herren in gutem Glauben gehandelt. Sie meinten wohl triftige Gründe für ihr Borgehen zu haben, im Geiste der Thora zu handeln. Aber in solchen Fällen heißt cs: „Lau chorwoh Jeruscholaim, efo al schechemidu bo diwrehem al bin Tauro." Dies begrifft» die Herren nicht. Und so konnte es dahin kommen, daß über den Misrachi ein Verbannungsurteil ausgesprochen wurde. So geschehen in Frankfurt am Main! .... Trüben jm schaurigen Reiche der Judenexzesse feierte die detv humaine wieder einmal eine wilde Orgie. In Shitomir in Wolhynien wütete der russische Mob in bewährter Weise, und Ströme jüdischen Blutes und jüdischer Tränen flössen wieder einmal in das uferlose Meer des ewigen Martyriums Israels. Unsere hochherzige» Jünglinge waren aber dies- - mal entschlossen, die ungeheure Schmach nicht üiitätig über sich ergehen zu lassen. Mit den Waffen in der Hand verteidigten sie Frauen und Kinder vor Schande und Tod. Als die Kunde von den grausigen Ausschreitungen in Shitomir nach dem benachbarten kleinen Städtchen Tochüdnow gelangte, begaben sich an die fünfzehn jüdischen Jünglinge auf den Weg nach Shitomir, um zu ihren Brüdern von der jüdischen Selbstverteidigung zu stoßen und Schulter an Schulter mit ihnen für die nattonalc Ehre zu kämpfen. Inzwischen waren aber auch die Polizeiagenten und Krawall-Agitatoren nicht untätig. Sie sammelten eine. tausend köpf, ge Menge und führten sie den jungen Helden entgegen. In Trojanow.war cs, auf dem Wege nach Shitomir, wo die blutrünstige Masse über sie herficl und sie bestalisch ermordete. Hier sollten auch die Edlen, die als Opfer ihrer begeisterten Volkslicbe fielen/ zu Grabe getragen werden. - Ta geschah aber etwas Unglaubliches, Entsetzliches. — Ter Ortsrabbiner befahl, die hochherzigen Jünglinge, an deren Bahre ganz Israel trauern sollte, gleich Selbsttnördern und Volksverrätern jenseits der Friedhofsmauer zu bestatten!*) Ter Grund für diese weise Verordnung? Vorläufig unbekannt. Sicherlich aber handelte der Herr Rabbiner in gutem Glauben. Er glaubte wohl triftige Gründe für sein Vorgehen zu haben, im Sinne der Thora zu handeln. Ter Herr Rabbiner ist ein gelehrter, scharfsinniger Mann und hat wohl herausgefunden, daß nationale Selbstverteidigung „mit den Grundsätzen des überlieferten Judentums unvereinbar seien". Vielleicht aus dem Grunde, weil es verboten sei, dem Willen der Regierung, die die Judenexzesse anordnet, zuwider zu handeln. Ties wäre ja nebenbei a uch ein politischer Grund. Man könnte somit von einer Zwecklosigkeit, Planlosigkeit und von Gefahren der nationalen Selbstverteidigung „in religiöser und politischer Beziehung" sprechen. — Wie dem auch sei, an der bona fides des Herrn Rabbiners soll nicht gezweifelt werden. Welchen Eindruck diese Handlungsweise auf weitere Volkskreise machen mußte? Was muß die empfängliche Jugend - von einer Lehre denken, die edle, aufopferungsfreudige Menschen Selbstmördern und Volksverräter» gleichstem? Ties überlegte, dies begriff der Herr Rabbiner nicht. Und so konnte es dahin kommen, daß seitens eines orthodoxen Rabbiners dem Andenken edler Jünglinge, die für die jüdische Ehre in den Tod gingen, grobes Unrecht zugesügt und das Volksbcwußtsein aufs tiefste gekränkt wurde. So geschehen in Trojanow am Tetarew! * * * Ueber die Trojanower Tat wird ein „Bes-Tin" urteilen und entscheiden. Wird es auch für die Frankfurter Tat ein Gericht geben? Gewiß! — die öffentliche Meinung. Nicht die der engeren Kehilo, sondern die des Volkes — sofern es überhaupt noch Notiz nimmt von diesem Schlage moderner Rabbiner. Ach a d - H a mar g is ch i in. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Wie wir hören, sind, nachdem das Ostafrika-Projekt endgültig ausgegeben worden ist, Bestrebungen vorhanden, sich wieder dem El-Arisch-Projekte zuznwenden. Frankfurt a. M. Die zionistische Vereinigung teilt uns mit, daß die Wahlen zum 7. Kongreß Montag, den 26. Juni, Abends 9 Uhr (präzise) im Kursaal Milani (Seilerstraße) stattfinden. Wahlberechtigt sind sämtliche Schekelzahler. Gleichzeitig finden auch die Wahlen zuni deutschen Delegiertentag statt. Personalien. Wien. Herr Simon Hoffmann, Professor der neueren Sprachen und Literatur, feiert am -29. Juni das Fest seiner goldenen Hochzeit mit seiner Gattin Netti, geb. Eisner. Die große- Anzahl seiner einstmaligen Schüler, die den verschiedensten Gesellschaftsklassen ängehören und bis zu den höchsten aristokratischen Kreisen reichen, gleichwie die mannigfaltigsten Humanitären Vereine, deren Mitglied und Förderer Professor Simon Hoffmann trotz seiner spärlichen Mittel jederzeit war, werden gewiß die Gelegenheit nicht unbenützt lassen, diesem wahrhaft religiösen Manne zu gratulieren. *)Zur weiteren Beleuchtung dieser empörenden Tatsache in Verbindung mit der, daß die Juden Trojanow's den tapferen Jünglingen keinen Schutz gewährten, sei hinzugefügt, daß die jüdische Bevölkerung der Trojanow benachbarten Plätze in ihrer Entrüstung sofort jeden privaten und geschäftlichen Verkehr mit den Juden Trojanow's aufhoben. Fn ihrer Verzweiflung haben nun die Juden Trojanow's ein „Bes-din" angerufen, das gegenwärtig dieserhalb in Shitomir tagt.

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