Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 24 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 24des Frankfurter Israelitischen FaMienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Aus den „Pirke Owaus" (Sprüche der Väter) nach dem Buche,Hsu Lwonaun" des Rabbi Naphtali Herz Wesel (Harwig Weselly). — Das Buch Lediticus. — Stimmen der Gedaulim Rußlands über den Zionismus. — Sprechsaal. — Ans der zionistischen Bewegung. — Personalien. Aus der Lehrerwelt. Aus de» „Pirke Owaus" (Sprüche der Väter) nach dem Buche „J«u Lwonaun" des Rabbi Naphtali Herz Wesel (Hartwig Weselly). v. „Saufe ben Jaueser aus Zreda und Jause Len Jochanan aus Jeruschelajim empfingen von ihnen. Jause Leu Jaueser aus Zreda sagte: Es sei dein Haus ein Zusammenkunstsort für die Weisen, bestäube dich mit dem Staube ihrer Füße und trinke mit Durst ihre Worte." Mit dem obigen Ausspruch beginnt das Zeitalter der Lehrer-Paare, die durchgängig aus dem Exilssürsten und dem Gerichtspräsidenten bestanden. Die Aussprüche dieser beiden leitenden Volksführer stützen sich stets auf die gleiche Materie und ergänzen einander. Die „beiden.Jause", lebten in der Zeit des gefürchteten Syrerkönigs Antiochus, in der sich die Zahl der Abtrünnigen häufte und der Glanz der Thoragelehrsamkeit unter den schweren Bedrückungen zu erblassen drohte. Zur Ehre der Tauroh und besonders ihrer Lehrer ergeht darum ihr Losungswort an die Zeitgenossen. Wahre Anerkenntnis der Thora kann nur dort Boden fassen, wo den Vorkämpfern und Wortführern für .das Gotteswort Raum.zur Entfaltung gegeben ist. Nicht nur in den Hörsälen und den Studierstuben, muß sich die bezwingende Gewalt, die allumfassende Wirkung der Gotteslehre offenbaren, sondern das jüdische Haus muß vor allem die wohlbereitete Stätte für ihre Aufnahme bilden. Hier muß sich die Liebe zu Israels Erbgut beweisen, in tatkräftiger Förderung der Männer, die von dem Borne lebendigen Wassers geschlürft haben. Ihnen muß sich der Kreis Weisheitssuchender ganz hingeben, in Verehrung und aufopfernder Treue. In den Lehrern muß die personifizierte Lehre geehrt werden Und so führt dann in der Folge dieses ernstliche Streben zur Verwirklichung des wahren Tanro-Begriffes. Nicht aber soll es genügen mit den Brosamen, die dem gastgebenden Hausherrn am Tische der Tauroh-Bewirtung zurückbleiben. Eigenes, emsiges Hinstreben zu der Erkenntnis leite ihn. Was der Gast auf weiter Wanderung in den Gefilden der Gesetzeskunde eingeheimst, suchte er sich zu eigen zu machen. Auch er scheue nicht den Staub des Weges, um zu höheren Zielen hinanzuwallen (awaudoh). Dieses Gleichnis deutet auf die seelische Verfassung hin, in 1>er sich der Lernende dem Meister gegenüber befinde. Er nehme im Augenblicke das Wort der Lehre kritiklos hin, ebenso wie, der .Verschmachtende den labenden Tropfen mit Hochgenuß schlürft, ohne Rücksicht auf die mehr oder weniger balsamischen Eigenschaften der durststillenden Flüssigkeit. Ist es dem Weisheitsuchenden so sehr ernst mit seinem Drange nach Erkenntnis, ist ihm die Thora im Munde ihrer Vertreter ein so über allen menschlichen Vernunftgründen erhabenes Ideal, daß er Ihr alle Geistesschwingungen unterzuordnen vermag und ein vorschnelles Urteil weit von sich weist, dann .atmet er den erhabenen Genlilus-Chesed-Geist, in dessen Zeichen dem Judentum ein einstiger Sieg gewiß ist. _ Das Buch Leviticus. Uebersetzt und erklärt von Dr. D. Hoffmann. Erster Halbband Lev. I—XVII, Berlin, Verlag von M. Poppelauer, 1905, S. 478, Oktav. Von Dr. Philipp Frankl. Das vorliegende Buch, das den Anfang einer Reihe von nachfolgenden Werken über den größeren Teil des Pentateuch's bildet, entspricht einem Zeitbedürfnis in des Wortes wahrster Bedeutung. Ist doch in den letzten 25 Jahren, von der katholischen Theologie sowohl als auch von der protestantischen. in einer Weise gegen die Bibel Sturm gelaufen worden, die eine Entgegnung zumindest notwendig erscheinen ließ. Seitdem De Wette mit der Theorie hervorgetreten, daß das „Sefer Habrith", das unter König Josijah in dem Tempel zu Jerusalem gefunden worden ist, ein Machwerk des Priesters Chilkijahü sei, wurde man nicht müde, sich über die Entstehung der Bibel alle möglichen und unmöglichen Hypothesen zu leisten. So kamen denn die Kombinationen über die übrigen Teile der Bibel und so kam es endlich zu der Graf-Wellhausenschen Theorie über Entstehung des Priesterkommentars, nach welcher „Thorath Kohanim" von Esra und von der von Babel zurückgekehrten Priesterkaste verfaßt worden sei. Die Schrift hätte den Zweck gehabt, die Priesterkaste materiell und in ihrem Einflüsse zu stärken, wie überhaupt das geistliche Regiment, das bis dahin den Juden fremd gewesen ist, zu inaugurieren. Diese Gesetzgebung Esra's und seiner Genossen, so liest man es in den Werken der modernen Theologie, hat Israel zu Inda gemacht, durch diese erst hat das Judentum der Mischna, des Talmud's und des Schulchan Aruch seine Grundlagen erhalten. Diese Art Wissenschaft, die die Bibel in viele Teile zerlegt, die ans verschiedenen Zeiten stammen, die einzelnen Teile wieder zergliedert und sie in aus verschiedenen Zeiten stammenden Einschachtelungen und Interpolationen zerlegt, hat in den letzteren Jahren allgemeine Verbreitung gefunden. Es wird heute mit Novack, Kuenen und Wellhausen nicht nur jeder Abschnitt der Bibel in mehrere Teile zerlegt, die von verschiedenen Verfassern herrühren sollen: diese Zergliederung erstreckt sich vielmehr auf die einzelnen Sätze, die zeitlich und auch, was den Verfasser betrifft, äuseinandergerissen werden. Was dieses Treiben in seiner Wirkung besonders gefährlich macht, ist der Umstand, daß diese sich „voraussctzungslos" nennende Wissenschaft von der allgemeinen Welt voranssetzungslose Annahme findet. Die Resultate der Bibelkritik finden in der modernen populären Literatur nicht minder, wie auch in der Tagespresse, bedingungslose Berücksichtigung und Annahme und sie werden auf Schritt und Tritt von zumeist Unberufenen der Welt vorgeführt, die die Resultate nicht erst auf ihre Richtigkeit prüfen kann. Bis jetzt hat sich nun die Abwehr dieser Angriffe gegen die Thora auf jüdischer Seite darauf beschränkt, in eigenen Kreisen auf die Gefährlichkeit dieser Ideen und auf die Unmöglichkeit ihrer Annahme von jüdischem Standpunkte hinzuweisen, ohne dem Gegner in sein eigenes Lager zu folgen, ohne sich bei der Abwehr der Waffen des Gegners zu bedienen. Dieses Streben sing erst in letzterer Zeit an, sich auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft geltend zu machen. Als die Hauptkämpen in den Kämpfen der letzteren Zeit um die Grundwahrheiten des traditionellen Judentums können unstreitig die beiden auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft allgemein anerkannten Autoritäten R. Jsak Halewy und Seminardirektor Dr. D. Hoffmann-Berlin bezeichnet werden. Beider Weben und Streben, Arbeit und Wirksamkeit geht darauf aus, die heiligen Schriften des jüdischen Volkes, die schriftliche und mündliche Lehre, Bibel und Talmud, gegen Angriffe von außen und auch ans eigener Mitte zu verteidigen, sie in ihrem göttlichen Ursprung und in ihrer Integrität darzustellen. Er» sterer hat hauptsächlich den Talmud zun: Gegenstände seiner Forschungen gemacht, ihn gegen die Verdrehungen und UntersteUnngen, deren er sich von Seite jüdischer Historiker und sonstiger Gelehrten zu versehen hatte, ip- Schutz zu nehmen gesucht und auch überall die Richtigkeit der talmudischen Angaben nächgewiesen. Der Verfasser vorliegenden Werkes hinwieder ist der Erste, der der Kritik, die sich die Bibel, vorwiegend die 5 Bücher Mosis, zum Gegenstände ihrer Studien und ihrer Angriffe gemacht hat, ernstlich in einem größeren Werke entgegentritt. Bor etwa einem Jahre ist der Verfasser, von dem schon seit einer Reihe von Jahren in verschiedenen Zeitschriften und Jahrbüchern viele sehr bemerkenswerte Arbeiten erschienen sind, mit einer Schrift hervorgetreten, die direkt gegen die gegenwärtig den Ton angehende Bibelkritik Stellung genommen hat. „Die wichtigsten Instanzen gegen die Reuß-Graf-Wellhausen'sche Theorie" ist das erste Werk, da» eine Reihe bibelkritischer Dogmen über den Haufen geworfen hat. Vorzüglich ist es das Buch „Wajikro", der sogenannte Priesterkodex, der auch dem genannten Werke Dr. hoffmann S zu Grunde liegt. In klarer und deutlicher Weise, ruhig und gemessen werden da die grundlegenden Theorien Wellhansen's und Kuenen's, auf welchen der ganze Hypothesenbau ihrer „Bibelkomposition" beruht, geprüft und sachlich widerlegt. So die Hypothese der Abhängigkeit des Priesterkodex (Leviticus) von Deuteronomium und Ezechiel, oder die der Verlegung der Opferthota in die Zeit nach dem Exile u. A. m. Hoffmann hat es aber nicht bei der negativen (in diesem Falle doch wohl positiv zu nennenden) Arbeit der Antibibelkrisik bewenden lassen. Seinen „wichtigsten Instanzen" läßt er nun den ersten Band seines Leviticus-Kommentars folgen. In dein Vorwort des Buches stellt der gelehrte Verfasser das Erscheinen des zweiten Bandes zu Leviticus sowohl, als auch den Kommentar zu Deuteronomium und zu den übrigen Büchern des Pentateuch's in rascher Aufeinanderfolge in Aussicht. Das vorliegende Buch kann daher als der erste Band eines großen Werkes, der Lebensarbeit eines Mannes betrachtet werden, der sein Leben und seine umfassenden Kenntnisse in den Dienst der Throa und der Wissenschaft gestellt hat. (Fortsetzung folgt.) Stimme» der Gedaulim Rutzlauds «der de» Zionismus.*) Bon Rabbiner Samuel Jakob Rabbinowicz-Sapotzkin. Einleitung. Als vor einigen Jahren sich einige als Meister auf dem Gebiete des Hetzens bekannte Männer unter dem hochllingenden Namen „Machsikei hadaß" vereinigt hatten, um das Werk des Jischuw Erez Jisroel, die Ansiedelung in dem Lande der Väter zu diskreditieren und durch Pamphlete, die sie in der ganzen Diaspora verbreiteten, zu vernichten, da erhoben die für Zion erglühenden Rabbonim und Gedaulim Rußlands ihre Stimme zum Schutze des heiligen Werkes. Ihre Kundgebungen sind in dem Buche „Schiwas Zion", das jetzt bereits die dritte Auflage erlebt hat, der Oeffentlichkeit iihergeben. Die Hetzer beriefen sich auf 3 bedeutende Rabbonim, die gegen Jischuw Erez Jisroel sind; der eine von diesen und zwar der bedeutendste — nämlich der Brisker Raw, Rabbi Josef Bär — war wegen Schemittoh dagegen, zu dessen Beobachtung nach seiner Ansicht auch jetzt die jüdischen Bauern Palästinas verpflichtet sind (er äußerte jedoch seinem Freunde, dem Gaon Rabbi Zwi Hirsch Lipmanu aus Uman gegenüber — und zwar in Gegenwart noch eines anderen Raws — sich dahin, daß er, wenn die Anstedlung nicht im eigentlichen Palästina, sondern in dessen Nachbarländern — sogar schon jenseits des Jordans — vorgenommen würde, er dann ungeachtet seiner Schwäche und seines Alters in den großen Städten herumreisen würde, um mihall' seinen Kräften für die gute Sache Propaganda zu machen), der andere wandte ein, daß man nicht Dacheik es hakeiz, daß man nicht das Ende des Golus beschleunigen dürfe und der dritte endlich wollte sich nicht an einer Zusammenarbeit mit Neologen beteiligen. Bezüglich der Schemittoh ist zu bemerken, daß andere Gaonim — Rabbi Jizchok Elchanan Spector, Rabbi Zwi Berlin, Rabbi Joschua aus Kuttna, Rabbi Schmuel Mohilewer, Rabbi Mordechai Eliasberg und viele andere, die noch über 100 Jahre unter uns weilen mögen — auf Grund von Schas und Poskim die gegenwärtige Nichtbeachtung des Schemittohgebotes für erlaubt erklären. Es sind jetzt seitdem einige Jahre verstrichen, das einstige „Chibbas Zion" hat sich inzwischen stark verbreitet und hat unter dem Namen „Zionismus" neue Formen angenommen. Aber die alten Gedaulim sind gestorben und die Feinde Zions haben wieder ihre Stimme erhoben und zwar mit noch mehr Kraft und mehr Macht wie vorher. *) Diese Artikel-Serie erschien vor 5 Jahren im „Hazefirah".