Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 24 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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€tiu 4. Frankfurter Israelitische! Famltienbtatt. Also: Erst treibt man durch Verfolgungen, von denen die Kulturwelt, wie viel darüber auch geschrieben worben ist, nur eine schwache Vorstellung hat, die jüdische Bevölkerung zur Verzweiflung. Von dieser Verzweiflung getrieben, lehnen sich die Juden im Bunde mit allen oppositionellen Gruppen der russischen Gesellschaft gegen das herrschende System auf, aber durchaus mit friedlichen Mitteln agitierend. Hierauf läßt die Regierung mit brutalen Mißhandlungen antworten und wenn das Opfer, seine Ehre rächend, zur Waffe greift, wird es zum Tode verurteilt! Und all das geschieht in dem Moment, wo die Regierung vor der Kulturwelt das Reformversprcchcn ablegt. Petersburg. Die Zeitungen.Prawa", .Nowosti" und „Wos'chod" veröffentliche» folgendes Schreiben, das von 375 Odessaer Juden aus allen Bevölkerungsschichten unterzeichnet ist: „Mit Verachtung und Erbitterung lesen wir im „Regierungsboten" die entstellten Berichte über die Massakres in Shitomir. Daß man Judenblut vergießt und nachher den Juden selber die Schuld dafür zur Last legt, ist schon eine sehr alte Gewohnheit; aber niemals ist das geschehen in so empörender Weise wie diesmal; niemals hat man gewagt, öffentlich zu entweihen die noch warmen Körper der unschuldigen Opfer. — Welches Resultat ist von einer solchen Kundgebung zu erwarten? Stur Mord und Plünderung! — Was soll damit erreicht werden? Tas alte, große Volk, das seit 2000 Jahren unzählige Marter und Verfolgungen unfchuldigerweise erdulden muß, wird auch durch diese neuen Gräueltaten nicht vom Eidboden verschwinden und das viele Millionen Seelen starke russische Volk wird trotz der Finsternis, in der man es absichtlich zu erhalten sucht, noch so viel ideelle Kraft in sich haben, daß cs nicht für alle Ewigkeit mit Blindheit geschlagen sein wird. Wir Juden müssen — noch während die Gräber unserer Toten frisch sind — diese offizielle Kundgebung als Ruf zum Kampfe entgegennehmcn! Wir nehmen auch diesen Ruf ohne Zögerung auf, und das ganze Mische Volk wird sich «ns anschließcn!" Petersburg. Der Toleranz-Erlaß des Zaren, durch den der Uebertritt von der einen zur audcren Religion gestattet wird, hat bereits den Erfolg gehabt, daß sich eine große Anzahl getaufter Juden um die Erlaubnis» zum Judentum zurück; »kehren, an die Behörden wandten. CfetffO. Wie auf Parole sind in allen Städten, wo jüdische Stadtverordnete sind, dieselben von ihrem Posten zurückgetrctcn und zwar mit der Begründung, sie seien nicht von der Mischen Bevölkerung gewählt, sondern nur vom Magistrate ernannt worden, sie können sich also nicht als Vertreter der Juden betrachten, abgesehen davon, daß die wenigen jüdischen Stadtverordneten in gar keinem Verhältnis zu dem der jüdischen Bevölkerung gebührenden Prozentsätze stehen. Wie die „Sin Otozesttvo" schreibt, bemühten sich die Behörden, die znrückgetretencn Stadtverordneten von ihrem Beschlüsse abznbringen, aber ohne Erfolg. Warschau? sDie »Hazefiroh" verzeichnet die Meldung, daß der vor 14 Tagen verstorbene Baron Alphonse von Rothschild testamentarisch 6 MiklionenFrancsfürKolonisationder Juden in Rußland hinterlassen habe. Wenn diese Nachricht den Tatsachen entspricht, dann hat der verstorbene Baron eine nicht zu verwirklichende Sache verfügt, denn wie die Lage der rü,fischen Juden sich auch gestalten mag, ist an die Realisierung der Kolonisation Mischer Massen nicht zu denken: bei der gegenwärtigen Lage läßt die Regierung eine Kolonisation nicht zu, .und wenn die Emanzipation eintritt, dann werden die Mischen Massen nicht daran denken, den ihnen ungewohnten Beruf eines Ackerbauers zu ergreifen. Der Chettim-Rebbe ittrit der Magid. Bon Dr. I. Rabbinowicz, Mähr. Weiskirchen. (Schluß.) Tie Hausfrau empfing den Gast mit großer Ehrerbietung. Dann wusch sie den Häring, nahm das Eingeweide heraus, legte die Teile auf einen Teller, garnierte sie mit den Scheiben einer zerschnittenen Zwiebel, goß etwas Essig darauf und deckte den Tisch. Ter Gast, der noch immer kein Wort gesprochen, wusch sich die Hände und sprach dann den Segen über das Brot, wobei ihm die Tränen flössen. Das Ehepaar ließ den Gast allein in der Stube und zog sich in die Kammer, wo die Kinder bereits schlief«,, zurück. Da auch der Hausherr Hunger hatte, «ahm er sich «in Stück harten Brotes vom Disch, der in der Kammer stand. Tie Hausfrau war nämlich darauf vorbereitet gewesen, daß ihr Mann — wie so häufig, so auch heute ohne Geld nach Hause kommen werde und hatte deshalb beim Zuteilen des Brotes an die Kinder die größte Portion für ihn abgeschiniürn. So konnte er jetzt essen, ohne in Gegenwart des Gastes von dem mitgebrachten Brote abschneiden z» müssen. Er war herzlich froh darüber; hätte ihn doch sonst der Gast ausgesordert, am Tische Platz zu nehmen und vom Häring nntzuesse», und dieser hätte nicht für beide gelangt. Nach dein Essen wurde de», Gast in der Stube ein Lager bereitet, während das Ehepaar diese Nacht in der Kanimer der Kinder schlecht und recht verbrachte. Am frühen Morgen kochte die Hausfrau eine Graupensuppe für den Gast. Dieser aß sie nach zem Morgengebcte mit guten, Appetit und schickte Ich zun, Fortgehen a». Auf eine Frage des Hanslicrrn gab er keine Antwort, ebenso verharrte er in, Schweigen, als die Hausfrau eine Frage an ihn richtete. Ohne ein Wort des Tankes oder des Abschiedes gesprochen zu haben, verließ der Chcitim- Rebbe das Haus des Moscheh. Tie Gastgeber jedoch schienen nicht beleidigt, sondern bloß etwas verwundert zu sein, und sie riefen ihm nach, er möge ihnen verzeihen, daß sie ihn nicht besser bewirten konnten. Tann sprach die Frau zu ihrem Manne: „Ter Gast scheint ein Gelübde getan zu haben, nicht zu sprechen," worauf Moscheh mit den, Kopf nickte und die Sache war abgetan. Ungefähr zwei Wochen später kam der Cheitim- Rebbe in seine Vaterstadt zurück. Er befand sich in einen, erbärmlichen Zustand; seine Kleidung war verwahrlost, das Haar wirr, der Blick, müde. Seine Leute, aufs höchste erschrocken, begannen ihn über alles anszufragen; doch er schwieg beharrlich, weshalb man ablicß, ihn mit Fragen zu bestürnlen und nur trachtete, die äußeren Spuren seiner Wanderung zu tilge». Man bereitete ihm ein Bad und gab ihm reine Kleider. Er ließ dies alles über ich ergehen, ein Wort jedoch war nicht aus ihm herauszubringe». In der Stadt verbreitete sich das Gerücht davon, und mit Bedauern sagten die Leute: „Ter Chettim-Rebbe ist nebich von der more schcchvrc (vom Trübsinn) befallen worden." — Und damit ging man über ihn sozusagen zur Tagesordnung über. Seine Familie jedoch behandelte ihn mit großer Sorgfalt, und auch seine weitere Familie/die Schneiderzunft, hörte nicht auf, für ihn zu sorgen und um ihn sich zu kümmern; doch er blieb für alles und jedes teilnahmslos. So vergingen Wochen und Monate. Ter Unglückliche saß fortwährend zu Hause in seiner Kammer und brütete vor sich hin. An einem Frrjtag Abend jedoch schien es, als ob in seinem Zustand eine große Aendcrung eiiigetrcte» sei. Er betete mit lauter Sttmme — während der ganzen Zeit seiner Krankheit pflegte er bloß leise zu beten — und bei Tische fragte er seine Knaben, was sie im Laufe der Woche gelernt; dann hörte er sie darüber ab, knüpfte ein Gespräch mit dem Schwiegervater an und benahm sich überhaupt vollkommen wie ein gesunder und normaler Mensch. Unter irgend einem Vorwand entfernte sich der Schwiegervater später aus dem Hause, um in seiner Herzensfreude über die Genesung seines Eidams die frohe Botschaft von Haus zu Haus zu verbreiten. Alles freute sich mit ihm darüber, und am Sabbathnachnitttag verfügte sich eine Tcputation der Schnciderzunst in die Wohnung des Chettim-Rebbe, und der Sprecher derselben redete ihn also an: „Ter Rebbe hat gewiß ein Gelübde getan, eine gewisse Zeit des Sprechens sich zu enthalten; daher haben wir den Rebbe bis nun zum Bortragen nicht aufforderu wollen; da aber, wie wir vernommen, die Zeit des Gelübdes schon vorüber ist, so bitten wir den Rebben im Namen unserer Gemeinde, die Vorträge wieder aufzunehmen." Ter Chettim-Rebbe war sichtlich erfreut über diese Einladung, und besonders angenehm mochte ihn der Zartsinn der einfachen Menschen berührt haben, die ihm einzureden suchten, daß sie von seiner Krankheit gar nicht wüßten. Man einigte sich dahin, daß am kommenden Dienstag in der Zeit zwischen Minchah und pud Maariw mit den Vorträgen begonnen werden solle. Ter Ticnstag kam und der von allen mit Spannung erwartete Vorttag begann; allein mit der alten, wohltuenden Wärme und Frische des Vortragenden war cs vorbei; er sprach schwer und bleiern, auch fehlten ihm die Worte und die Gedanken waren nichtssagend. Am meisten und ani empfindlichsten fühlte dies der Chettim-Rebbe selbst, weshalb er, seinem Vorttag eine andere Wendung gebend, eine Fabel zu erzählen begann. Ob er durch die Erzählung der Fabel bei seinen Zuhörern sich entschuldigen wollte, daß es ihm mit dem Sprechen so schlecht von statten gehe, oder ob er in einem Anfall von Selbstquälerci sich selbst nur noch mehr quälen wollte,, kann nicht gesagt werden; genug, er erzählte eine Fabel und diese lautete: „Ter Rabe sah einst die Taube spazieren gehen. Ter Gang der Taube gefiel dem Raben ausnehmend gut, so daß er sie wegen ihres Ganges beneidete, weil er selber wohl hat gehen können, doch nicht so vornehm schön. Ta dachte der Rabe: Ei, waruni soll ich. nicht auch dieselben netten Schritte machen können, wie die Taube. Er sing daher an, den schönen Gang der Taube nachzuahmen. Was meint ihr, war jedoch, die Folge davon?" fragte der Redner. „Nun, der Nabe verlernte seinen eige- Nr. 24. neu Gang, den Gang der Taube hat er aber nicht erlernt, und so kann dieser Unglücksvogel überhaupt nicht gehen und muß nun Hüpfen. — Tie Moral dieser Fabel zu erzähle», werdet ihr mir wohl erlassen." Ties alles hatte der Borttagende mit sanfter Miene und in wehmütigem Tone gesprochen. Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht; der Eindruck, den diese Selbstanklage, aus der nian ei» reuevolles und zerknirschtes Herz offen vor sich liegen alj, auf die Zuhörer machte, war ein ausgezeichneter. Tie gesetztere» Leute des Publikums nickten daher freundlich zustimmend mit dem Kopfe, die weniger besonnenen jedoch glaubten, es wäre dies ein Witz und lachten mehr aus Gefälligkeit als in böser Absicht, laut auf. Dieses Lachen aber verletzte den noch immer kranken Mann furchtbar, und indem er den Ton änderte, fuhr er also fort: „War es aber ausschließlich meine Schuld, das; es so mit mir gekommen ist und nicht auch vielmehr die Eure? Ta will ich Euch eine alte Gerichte erzählen, und ihr werdet dann vielleicht anders urteilen: Einst waren unsere Vorfahren mit dem rechtmäßigen Herrscher unzufrieden und wünschten ich den Ben Remaliahu, einen gar gewaltigen Mann, zum König, und der Prophet sprach zu ihnen in: Namen Gottes: „Tarum, weil verachtet dieses Volk die Gewässer Schiloachs» welche sanft dahin ließen — das ist der rechtmäßige König — und Lust hat an Nezin und dem Sohn Remaliahus, die einem reißenden Strom gleichen, wird der Herr anfstcigen lassen wider sie die Gewässer des Stromes,' die gewaltigen und starken, nämlich den König von Assur und seine ganze Macht. Und habt nicht auch ihr meine Vorträge, die sanft dahin flössen, verachtet und euch dem fremden Manne, dessen Auftreten dem brausenden Strome zu vergleichen ist, zugcwendet?!" So sprechend redete der unglückliche Mann sich immer mehr in eine Wut hinein, bis er, furchtbar werdend, ausrief: „Aber auch ich bin ein reißender Strom, auch ich werde alles überflute» und mit mir fortteißcn!" Tabei gestikulierte er mit den Händen, stanipfte mit den Füßen und die Augen sprühten Funke». Tie Zuhörer sprangen entsetzt auf, doch wagte niemand aus Ehrfurcht vor dem Rebbe den Tobsüchtigen anzufassen und zu überwältigen. Doch bald legte sich das Nasen des Unglücklichen, er hörte aus zu toben, griff mit den Händen nach den; Kopfe und stöhnte bloß. Jetzt trat der Schwiegervater auf ihn zu, und ruhig ließ er sich nach Hause führen. Tie Leute blieben noch eine Weile zurück, und dann sprach einer die ■ Worte, die nicht nur ihm, sondern auch allen andern gleichsam aus der Seele gesprochen waren: „Er war eben ein Zadik, und mit den Frommen nimmt es Gott gar genau." Ter Geist des Cheitim-Rebbe aber blieb umnachtet von da ab bis an sein Ende. Krisen. Erzählung von Jacob L e v y. 1. Kapitel. Die Hauptstraße des kleinen Städtchens Hainthal liegt wie ausgestorben da. Weißgran flimmert sie in der Glut des Sommernächmittages. Kein Mensch ist zu sehen. Die kochende Lust hängt auf den nahen Feldern. Die Vögel ruhen alle tief im Gebüsch^ Auf den heißen Steinen des Abhangs laufen blitzschnell langbeinige Insekten, Eidexen sonnen sich behaglich in der Glut. Das schrille Zirpen der Grillen — sonst kein Laut. Fast am Ende des Städtchens, wo sich die Landstraße mit ihren Pappeln wie eine endlose Linie schnurgerade dahinzieht, steht ein kleines Häuschen. In einem Glaskästchen an der Tür sind Proben von Kaffee, Hülsenfrüchten, Mehl, Zucker. Die Haustür öffnet sich imd es tritt ein untersetzter älterer Mann heraus, mit einer kleinen Reisetasche in der Hand, von einer nur wenig jüngeren Frau gefolgt. „Reise glücklich, Mordchen und mache alles gut." „Lebe wohl, Blümchen.' Ich bringe Dir Sonntag ein Stück Kuchen mit." Sie drückten sich die Hand und der Mann ging festen Schrittes fürbaß.: Tie Frau blickte ihm nach, bis in dem grellen Sonnenlicht ihr die Augen schmerzten, dann schritt sie in's Haus zurück. Bon der Haustür trat mmi in den Laden, der schon in der damaligen Zeit — in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts'— nur als bescheiden 'gelten . konnte. Auf der . Theke war . eine große Kaffeemühle aufgefchraubt. Ein Rüböl- und ein Essigfaß standen auf einem Bock, unter dem tropfenden Krahnen befand sich eine Schüssel, die Trichter hingen drüber an der Wand. An der Mauer hinter der Theke ein Gestell mit vielen Abteilungen, die Säcke mit Hülsenfrüchten standen nebeneinander auf dem Boden, eine große Wage mtt kupfernen Schalen hing von der Decke herunter. Auf dem Fensterbord prangte ein großes Glas mit staubigen Bonbons,. die als Gastgeschenk für. die kaufenden Kinder bienten. Diese Süßigkeiten nahmen nun, je nachdem Essig oder Qel er-