Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 24 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24._' Umschlagsseiten dieser Wörterbücher enthalten übersichtliche Tabellen über Schisfspreise, Maße, Münzen und Gewichte. Hamburg. Der Verkehr russischer Ausio-a n b e r e t über Hamburgist noch nie so groß gewesen, wie im Jahre 1904. Nach einer amtlichen Statistik wurden 1904 132 712 Auswanderer über Hamburg befördert; darünter befanden sich nicht weniger als o7 939 Russen, das sind 43,7 Prozent. Tie Steigerung der russischen Auswandererzisfcr N'ird von der hamburgischen Behörde in erster Linie auf den russisch-japanischen Krieg zurückgeführt. Ferner wird darauf hingewiesen, daß ein Grund der Zunahme jüdischer russischer Auswanderer über Hamburg die Einführung der rituellen Wche für diese Passagiere auf allen nach Nordamerika fahrenden Dampfern der Hamburg-Amerika - Linie sei. Unter 'Aufsicht von 'Mitgliedern des Israelitischen Unterstützungsvereins wird schon vor Abgang eines jeden Dampfers ein großer Kessel zum Zwecke der Zubereitung koscherer Speisen besonders eingerichtet. Ein vom Oberrabhinat beauftragter „Aufseher über die jüdische Küche" macht die Reise nach Newyork mit. Hamburg. Herr Felix Marburg. Sohn des bekannten Philantropen Moritz Marburg, hat für die im Bau begriffene Synagoge einen Otauit Hakan d e s chi m Werte von 70000 Mar k gestiftet. Hamburg. Synagogenverlegung. Die „Vereinigte alte und neue Klaus in der Teutsch-Jsraelitischen Gemeinde zu Hamburg", wie der vor 150 Jahren begründete Verein offiziell heißt, hat bekanntlich vor etwa zwei Jahren das Grundstück Rutschbahn 11 erworben, um daselbst eine Filiale ihres Instituts zu errichten. Die Verschiebung der Wohnungsverhälknisse, die sogar die Verlegung der Gemeindesynagoge Elbstraße nach dem Griirdel zur Notwendigkeit machten, hat auch die Klausverwaltung bestimmt, ihren Interessenten, die zum größten Teil von der Neustadt nach der Grindelgegend gezogen sind, zu folgen. In der letzten Sitzung der Verwaltung wurden die Pläne, die die Instanzen der Baubehörden bereits passiert haben, endgültig genehmigt und der Bau zur Fertigstellung und Ablieferung auf den 15. September d. >J. vergeben. Nach den von dem hiesigen Architekten Herrn S. Engel entworfenen Plänen wird die im Parterre befindliche Synagoge (vier Stufen unter Niveau) bei einer Länge von 100 Meter und 7 Meter Höhe Raum für etwa 110 bis 120 Stellen bieten, während die in der Westseite befindliche Fraueugallerie 40 Plätze . aufweist. Der im ersten Stock geplante Hörsaal fiir die religiös-wissenschaftlichen Vorträge und Disputationen (Beth-Hamidrasch) wird ca. 40 Quadratmeter umfassen und kann durch die daranschließende Gallerie bei Bedarf entsprechend vergrößert werden. Für Nebenräume und Garderobe usw. ist in ausreichender Weise gesorgt. Hannover. Ein jüdischer Student der Architektur in Hannover schreibt den „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus": „Ich erlaube mir. Ihnen die Abschrift eines Briefes zuzusenden und Ihnen denselben zum Abdruck zur Verfügung zu stellen. Zur Erklärung bemerke ich, daß an der Technischen Hochschule zu Hannover mehrere Studenten durch Anschlag am schwarzen Brett ihre Kommilitonen zu einer Versammlung einluden, um einen Gesangverein zu gründen, als Zwcigverein des „Sondershäuser Kartellverbandes", von dem an ca. 17 Hochschulen und Universitäten Kartellvereine bestehen. Zu dieser Versammlung war auch ich erschienenen und sehr zuvorkommend ausgenommen worden, erhielt jedoch einige ■ Tage später folgenden Brief: Sehr geehrter Herr Kommilitone! Zu meinem Bedauern /ehe ich mich genötigt, Sie -zu bitten, fernerhin davon absehen zu wollen, - Anschluß an unsere Kartellvereinigung zu suchen. Als Angehöriger der mosaischen Konzession können Sie, falls Sie sich zum Eintritt -meldensollten, bei uns nicht Aufnahme finden. Es tut mir um so mehr leid. Ihnen dies erklären zu müssen, als Sie an unseren Bestrebungen einen so regen Anteil genommen haben. Mit studentischem Gruß L. H. (Verbindungszeichen). Man brauchte ja über diese allzu bekannten Verhältnisse weiter fein Wort zu. verlieren, dieser Brief bildet jedoch eine ganz hübsche Illustration dazu. - Es wird Sie wahrscheinlich auch interessieren, daß von sämtlichen,ca. 30studentischenVereinen und Verbindungen an der Technischen Hochschule zu Hannover nur eine einzige, der „akademische Reitklub", jüdische Studenten aufnimm t." Soldau (Ostpreußen). Das hiesige Schutzkomitee - des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" unterhält seit sechs Monaten eine Herberge. Tie hierzu not- - wendige Einrichtung ist zum größten Teil von den Mitgliedern der' hiesigen Gemeinde geschenkt worden. - Einige'Vorstandsdamen des hiesigen Frauenvereins haben bis vor kurzem die Wche für die Auswanderer - besorgt. Seit einigen Wochen kochen die Auswanderer - selbst für sich. Tie Einrichtung hat sich als sehr ..segensreich bewährt.. Viele unserer auswandernden - Brüder sind durch das Bestehen der Herberge vor Ausbeutung und Schädigung geschützt worden. Frankfurter Israelitische- Famüienblaü. Oesterreich-Ungar«. Wien. Eine verleumderische Anzeige Im März dieses Jahres wurden fünf jüdische Einwohner von Zmigrod in Galizien auf Grund der Aussage eines vierzchujährigen Mädchens, daß sie auf dem Wege zur Kirche von einem Haufen Juden überfallen und in ein Haus geschleppt worden sei, verhaftet. Ju Zmigrod verbreitete sich sofort das Gerücht von einem beabsichtigten Ritualmorde, und da zur selben Zeit in der dortige» Kirche zehntägige Missionspredigten abgehalteu wurden, zu welchen das Landvolk in Massen zusammenströmte, drohten arge Exzesse gegen die Juden auszubrechen. Die sorgfältigen gerichtlichen Erhebungen führten schon nach drei Tagen 'zur Enthaftung der beschuldigten Inden, gegen welche nunmehr auch formell die Untersuchung eingestellt worden ist. Dagegen erhob die Staatsanlvaltschast gegen das Mädchen Katharina Tabak die Anklage wegen Verleumdung. Da eine ganze Reihe von Zeugen bestätigte, daß Katharina Tabak zu der von ihr angegebenen Zeit in einem weit entfernten Dorfe sich befand und daß ein solcher Ueberfall überhaupt nicht stattgefunden habe, wurde sie bei der am 7. Juni vor dein Bezirksgerichte Zmigrod stattgehabteu Verhandlung, bei welcher für die Privatbeteiligten der Jasloer 'Advokat Dr. Steinhaus intervenierte, schuldig erkannt und zu einer dreimonatlichen, mit Fasten verschärften Arre st strafe verurteilt. Prag. Jüngst wurde eine Deputation des konstituierenden Ausschusses des Jüdischen Turnvereins von Sr. Exzellenz dem Statthalter von Böhmen Graf C o u d e n h o v e in Audienz empfangen. Tie Abordnung bestand aus den Herren D r. Teller als Sprecher, caml. ing. Leo Kornfeld und Arthur B e r g m a » ir. D r. Teller hielt au den Statthalter folgende Ansprache: „Zu Beginn des laufenden Jahres hat sich irr Prag ein jüdischer Turnverein konstituiert. Teu Gründern desselben schwebte die feststehende und allgemein bekannte Tatsache vor, daß deu Juden die Mitgliedschaft in den tschechischen Vereinen zur faktischen, in dem deutschen Turnverbaude zur moralischen Unmöglichkeit geworden ist, und sie beabsichtigen demnach, durch Gründung dieses neuen Turnvereins den jüdischen Bürgern und Studenten ohne Unterschied ihrer Mutter- und Umgangssprache "bie Möglichkeit zu bieten, um abseits eines jeglichen politischen Getriebes sich frei und unbehindert dem Turnsport widmen zu können." Weiter überbrachte der Sprecher dem Landeschef die Einladung zu der feierlichen Einweihung der Turnhalle durch Enthüllung eines Bildnisses Sr. Majestät des Kaisers. Se. Exzellenz erwiderte der Deputation folgendes : „Ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihre liebenswürdige Einladung und für die Bekanntgabe der Konstituierung des Vereins. Es freut mich, daß Sie den Mannesstolz besitzen, sich von B e r e i ne n , i» welchen man Sie nicht mag, loszulösen und selbständig und ohne politische Fragen a u f z u werfen, sich s p o r t l i ch b i l d e n w o l l e n. Ich danke nochmals und wünsche, daß Ihr Verein, wie es vorauszusetzen ist. prosperieren möge." Bezüglich der Einladung sagte Se. Exzellenz zu, daß er, wenn es seine Zeit gestatten werde, zur Einweihung kommen werde. Graz lSteiermark). Das Mitglied des Kultusrates der hiesigen Synagogen-Gemeinde, der durch sein Privates und geschäftliches Leben sich des höchsten Ansehens erfreuende Herr Rudolf Latzer, Mitchef der bedeutenden Produktenfirma Gebrüder Latzer, ist das Opferein es Mordanfalles geworden. Der Tatbestand ist folgender: Mehrere Jahre hindurch war ein gewisser Valentin Mayer bei der Firma Gebrüder Latzer als Hausknecht beschäftigt. Seit längerer Zeit hatten nun die Firma-Inhaber bedeutende Abgänge von Kleesamen aus ihrem Geschäfte bemerkt. Während der Wgang in der Saison 1901—1902 bei einem Umsatz von IS1/» Waggons 824 Kilogramm, in der Saison 1902—1903 bei einem Umsatz von 201/» Waggons 943 Kilogramm betrug, stieg er in der Saison 1903—1904 bei einem Umsatz von 24 Waggons auf 3143 Kilogramm und in der Saison 1904—1905, also vor kurzer Zeit, bei einemstlmsatz von 15—17 Waggons auf 2710 Kilogramm. Die Firma kam zur Ueberzeugung, daß sie bestohlen werde, und die einqeleiteten Nachforschungen ergaben, daß der seit dem Jahre 1902 bei der Firma angestellte 41jährige Magazinsarbeiter Johann Truschner, te-ls selbst, teils durch seine Zuhälterin, die 31jährige Marie Tomschitz, bedeutende Mengen Kleesamen in den Jahren 1902 bis 1905 an verschiedene Samen- und Produktenhändler verkauft hatten. Zu Beginn des Februar erfolgte nach vorgenommener Hausdurchsuchung die Festnahme beider Genannten. Valentin Mayer war, mitbeschuldigt, ebenfalls in Untersuchung gezogen worden, jedoch nach einmonatlicher Untersuchungsahst mangels an Beweisen einer Schuld wieder entlassen worden. Seit dieser Zeit verfolgte Valentin Mayer Herrn Rudolf Latzer mit Forderungen und Drohungen, und klagte auch gegen die Firma beim Gewerbegerichte wiederholt Seite 3. auf Ersatzansprüche, wurde jedoch abgewiesen. Ueber seine Berufung fand beim Landgerichte unter dem Vorsitze des Herrn OberlandesgerichtSrates Morocutti eine Verhandlung statt, zu welcher außer Valentin Mayer auch Herr Rudolf Latzer mit seinem Vertreter Rechtsanwalt Dr. Ritter von Gabriel erschiene» war. Nach langwierigen Verhandlungen einigte man sich dahin, dem Valentin Mayer den Betrag von 60 Kronen zu zahlen und ihm ein entsprechendes Zeugnis auszustellen, was auch sofort geschah. Voraussichtlich wäre das erstrichterliche Urteil bestätigt und Valentin Mayer mit seiner Forderung, die auf Zahlung einer Entschädigung im Betrage von 347.97 Kr. lautete, abermals abgewiesen worden. Um vor Mayer endlich Ruhe zu haben, hatte sich Herr Rudolf Latzer zu diesem Vergleiche entschlossen. Dessenungeachtet erschien nun gegen drei Uhr nachmittags Valentin Mayer im Kontor der Firma Gebrüder Latzer und verlangte in erregtem Tone von Herrn Rudolf Latzer ein neues Zeugnis, beziehungsweise die Richtigstellung seines Gewerbebuches. Mayer war nämlich bis 1. Februar d. I. bei dieser Firma bedienstet. Für die Zeit vom 1. bis 24. Februar, als er sich in Untersuchungshaft befand, blieb natürlich eine Lücke und dafür verlangte eben Mayer ein neue? Zeugnis, um anderswo Arbeit zu finden. Herr Rudolf Latzer forderte nun Valentin Mayer, als ec gestern nachmittag ins Kontor kam, auf, ihn endlich in Ruhe zu lassen. Mayer, der etwas betrunken schien, beschimpfte nun Herrn Latzer in der gröblichsten Weise und schrie ihm zu: „Du jüdischer H . . . mußt hin sei» . . .!" Plötzlich zog Mäher einen Revolver aus der Tasche und feuerte gegen den Kopf des Herrn Rudolf Latzer einen Schuß ab. Das Projektil war ober dem linken Auge eingedrungen. Tätlich getroffen glitt Herr Rudolf Latzer vom Stuhle auf den Boden. Mayer richtete nun, auch auf Herrn Adolf Latzer, dem Bruder des Genannten, seinen Revolver, um auch ihn niederzuschießen, und dann auf sich selbst. Tie Waffe versagte jedoch. Nun stürzte» Herr Adolf Latzer und die ini Kontor noch anwesenden Angestellten der Firma sich auf den Attentäter und hielten ihn fest. Rasch telephonierte man um Polizei und um den Rettungswagen. Dieser brachte Herrn Rudolf Latzer in hoffnungslosem Zustande ins städtische Krankenhaus, wo er bereits um halb 6 Uhr verschied. Czernowitz (Bukowina). Der jüngst zum Bürgermeister unserer Hauptstadt gewählte Regierungsrat D r. Eduard Reiß ist von Sr. Majestät, dem Kaiser, in Audienz empfangen worden. Dr. Reiß stattete seinen Tank für die Bestätigung seiner Wahl ab. Ter Monarch hob in seiner Erwiderung besonders die Eintracht unter den Vhl» reichen Nationalitäten der Stadt Czernowitz lobend hervor. Frankreich. Paris. Das Rabbinerseminar, welcher bis zum Jahre 1885 vom Staate insofern subventioniert wurde, als letzterer die Lehrer bezahlte und die Schüler unterstützte, wurde seit 1885 sehr gekürzt. Tie staatliche Subvention betrug von da ab nur 22000 Francs, welcher Betrag nur für das Gehalt der Lehrer, nicht aber zur Unterstützung der Schüler ausreichte. Das neue Gesetz strich auch diese Summe, während die Lehrer der protestantischen Seniinare von jetzt ab eine Pension erhalten. Jnbezug auf die Synagogen hat das Abgeordnetenhaus eine für die Gemeinden günstige Arnderung getroffen. Nach der Regierungsvorlage hat die Religionsgemeinde zwei Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes für ihre Synagogen und Bethäuser Miete zu zahlen. Das Abgeordnetenhaus beschloß nun mit einer erdrückenden Majorität, daß Bethäuser den Religionsgemeinden für alle Zeiten gratis zur Verfügung stehen. Rußland. Petersburg. 17. Juni. In D w i n 8 t. wie in einer ganzen Reihe anderer Städte, hat die P o l i z e i volitische Temonstrationen gegen das herrschende System, die einen durchaus friedlichen —Charakter trugen, zu gewaltsamen Zusamm.pnstößen gemacht. So hat die Polizei in Twinsk vfele von den Temonstrierenden arretiert und die Arretierten auf die ' roheste Weise mißhandelt. Besonders hat sich dabei unter den Mißhandelnden der Polizei- Oberst Jeremin ausgezeichnet, der die Arretierten persönlich gemihhandelt hat. Als eine zehntausendköpfige Menge eine politische Temonstration veranstaltete, schoß eine Patrouille eine Salve in die Luft. Ter Polizei-Oberst Jeremin benutzte diesen Moment, um aus seinem Revolver sieben Schüsse in die Menge hinein abzufeuern, wobei sieben Personen verwundet wurden. Ein Jüngling von 19 Jahren, namens Deutsch, der selbst von. Jeremin mißhandelt wurde und die Mißhandlung seiner Freunde mitansehen mußte, konnte seiner Verzweiflung nicht mehr Herr werden und schoß auf den Polizei-Obersten; dieser wurde leicht verwundet. Vorgestern ist Teutsch zum Tode verurteilt worden. Aus eine Begnadigung ist kaum Hoffnung, denn auf die an ihn gerichtete Frage erklärte der Gerichts-Präsident: „Wir müssenxinPaapJudenaufhängen, denn so ist die Order ans Petersburg. Man will die Juden durch Todesurteile von den politischen Demonstrationen abschr ecken."