Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 24 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 statt Geistesrichtung das Wort Bewegung oder einen Ähnlichen, nichts vorwegnehmcnden Ausdruck setzen können. Hätte Nordau überhaupt diesem Ausdruck Bedeutung zugemessen, so hätte er nicht das nichtssagende „Zur Einführung" als Stichwort au den Rand des ersten Abschnittes gesetzt, sondern etwa: Ter Zionismus eine Geistesrichtung, wie er in ähnlicher Weise bei den anderen Abschnitten verfahren ist. Ta aber der Autor der E. A. den „glücklichen Ausdruck Nordaus" aussaßt, und sich mit dessen Hilfe ein künstliches System von Worten ausbaut, mit dem sich trefflich streiten läßt, weil alles äußerlich sich so schön glatt ansieht, so müssen wir nun Nachweisen, daß diesen Worten die richtigen Begriffe fehlen, daß die mehrere Seiten umfassenden Ausführungen der E. A. über „Gcistesrichtungen" nur ein dialektisches Spiel mit Worten ist und nicht ein Kampf mit Begriffen. „Nicht ohne Grund wiederholt der Autor der E. A. mit Nachdruck: Ter Zionismus repräsentiert eine jüdische Geistesrichtung. (S. 5.)" Nicht ohne Grund verweilen wir daher Ln ausführlichen Erörterungen bei' dem Nachweis, daß das Wort Geistesrichtung von den E. A. in dem gegebenen Zusammenhang falsch und irrig angewendet ist. Wir müssen daher etwas weiter ausholen und bedauern nur, daß der uns zur Verfügung stehende Raum beschränkt ist, daß uns nicht, wie der Rabbiner-Kommission, die Mitteilungen der „Freien Vereinigung" zur Verfügung stehen und wir nicht wie diese eines Tages Len erstaunten und erfreuten Vorstand mit unseren Ausführungen in seinen Blättern überraschen können. Wir haben schon erklärt, daß wir nicht leugnen, Latz der Zionismus eine Geistesrichtung sei; natürlich aber nur in dem Sinne, daß jedes bewußte menschliche Handeln eine gewisse Geistesrichtung zur subjektiven Voraussetzung habe. Wir verzichten hier, die beiden Seiten menschlicher Seelentätigkeit, die intellektuelle und gemütliche, nach dem üblichen Schema zu trennen. Jedes Handeln, das rein der gemütlichen Seite entspringt, ist nur ein tricbartiges und kann bei unseren Auseinandersetzungen, die sich nur mit bewußten menschlichen Handlungen beschäftigen, folgerichtig außer Acht gelassen werden. Man versteht nun, in welchem Sinne der Zionismus als Geistesrichtung gelten kann. Tie zionistische Propaganda, Organisation, der Kongreß, das Baseler Programm sind das Objekt der zionistischen Geistesrichtung. Auf der anderen Seite bezeichnet der Verfasser der E. A. das orthodoxe Judentum als eine Geistesrichtung. Tas orthodoxe Judentum, das ebensowohl die Personen und die Institutionen, wie den Lehrinhalt und die Praxis des orthodoxen Judentums als Sammelbegriff umfaßt, ist ebensowenig eine Geistesrichtung, wie etwa eine Synagoge, di? einer orthodoxen Gemeinde gehört, oder ein orthodoxes Minjan. Aber abgesehen von dieser Ungcnauigkeit des Ausdrucks repräsentiert der Lehrinhalt des orthodoxen Judentums gar nicht eine Geistesrichtung: er ist vielmehr eine Lebensauffassung, eine Weltanschauung des Inhalts: daß Gott Schöpfer und Erhalter der Welt, Geber der uns verpflichtenden Thora ist. Ist diese umfassende, jüdisch orthodoxe Weltanschauung etwa eine Geistesrichtung, der überhaupt noch eine andere jüdische Geistesrichtung parallel laufen kann? Niemals! Eine andere jüdische Geistesrichtung kann höchstens nur einen ihr längst angewiesenen, ihr seit Tausenden von Jahren sorglich zugeteilten Platz in in dieser orthodoxen Lebensanschauung einnehmen, niemals kann sie etwas ganz Neues in sie hineintragen; und sollte sie gar irgend einer Lehrforderung des orthodoxen Judentums widersprechen — wir, die Misrachisten, würden sie auf das Allerentschiedenste ablehnen. Es ist also grundfalsch, Zionismus und orthodoxes Judentum unter dem Titel „Geistesrichtungcn" als gleichwertige Faktoren gegen einander auszuspielen. Tie einzige Frage, die überhaupt gestellt werden kann, lautet: Ist im Lehrgebäude des orthodoxen Judentums ein Platz, der seit Jahrtausenden (resp. Jahrhunderten) für die zionistische Geistesrichtung reserviert war? Ter Platz muß deswegen, weil Frankfurter Israelitischer Familienblatt. er reserviert war,' nicht immer freigestanden sein; es ist sogar möglich, daß er immer besetzt war. Ta müssen wir nun diese Frage mit einem ganz entschiedenen Ja beantworten. Tie zionistische Geistesrichtung ist das Bewußtsein, Angehöriger des jüdischen Volkes zu sein, gemeinsame tausendjährige Geschichte mit seinen Stammcsgcnossen zu haben und mit G. H. auch einer gemünsamen Zukunft entgegenzugehcn. Zu der zionistisch. Geistesrichtung gehört auch noch das Bewußtsein der Notwendigkeit, aktiv an der Herbeiführung der gemeinsamen Zukunft zu arbeiten. Ter Modus dieser Arbeit bleibt dabei außer Frage. Nun liegt es uns Misrachisten natürlich fern, zu behaupten, daß diese zionistische Geistesrichtung den Gedankeninhalt des orthodoxen Judentums vollständig erschöpft. Taß sic aber einen Teil dieses Gcdankeninhalts ausmacht, bestreiten heutigen Tages selbst die Gegner des Zionismus von Rechts und Links nicht mehr. Ob das Bewußtsein, an der Herbeiführung der gemeinsamen Zukunft aktiv arbeiten zu müssen, mit den Grundsätzen des orthodoxen Judentums sich verträgt, werden wir in einem späteren Aufsatz diskutieren. Wir beantworten diese Frage einstweilen schon mit Ja. Versuchen wir es, uns bas Wesen einer Geist esrichtung und ihres Verhältnisses zur orthodoxen Lebensanschauung an einigen Beispielen noch klarer zu machen. Ter Militarismus, das sozialpolitische Verständnis, der Patriotismus sind alles Geistesrichtungen, denen ein gewisses Handeln entspringen kann. Nicht minder ist auch der Wohltätigkeitssinn, die Humanität oder humanitäre Gesinnung eine Geistesrichtung, deren Objekte das Wohltun, die Wohltätigkeitsinstitutionen usw. sind. Wollen wir irgend eine solche Geistesrichtung in uns aufkommen lassen, so müssen wir uns fragen: ist innerhalb der orthodoxen Lebensanschauung ein Platz für sie vorhanden. Wenn nicht, ist diese Geistesrichtung sofort als an sich unsittlich abzulehnen; wenn ja, dann ist es anch schon eine durchaus jüdische Geistesrichtung, mag sie auch noch so viele Anhänger in nichtjüdischen Kreisen haben. Ich brauche diesen Satz nicht weiter zu beweisen, da die E. A. ja zugeben, daß „das Judentum die Unterstellung der gesamten Lebensbetätigung unter das göttliche Gesetz verlangt." (S. 11.) Diese Wahrheit gilt ebenso sehr für humanitäre, wie wissenschaftliche usw. Geistesrichtungcn. Denken wir uns also einen großen, segensreich wirkenden jüdischen Wohltätigkeitsverein. Wir betonen ausdrücklich, daß wir den Zionismus nicht als Wohltätigkeitsaktion betrachten. Tie Mitglieder dieses Vereines sind neologe Juden und bemühen sich, ihre orthodoxen Stammesgenosscn zur Mitarbeit heranzuziehen. Tie Institutionen des Vereins aber werden mit Rücksicht auf die Ermöglichung eines Zusammenarbeitens mit den Frommen nach jüdischem Gesetze geleitet. Nichtsdestoweniger: sich diesem Wohltätigkeitsverein anzuschließen, wäre ein Verbrechen nach dem Beschluß der Rabbinerkommission vom 25. Okt. 04. (S. 14.) Tas ist leicht einzusehen: die Humanität ist eine Geistesrichtung, das orthodoxe Judentum ist gleich, falls eine Geistesrichtung. Nun haben wir zu untersuchen, ob die erste Geistesrichtung mit der zweiten, der unsrigen, „parallel läuft oder nicht und warum sie von Vorneherein mit der unsrigen nicht zusammenfällt." Und da ergibt sich: Wir üben Zedokoh, weil die Thora es uns befiehlt (innerhalb dieser Anschauung wollen wir dem guten Herzen seinen Platz nicht rauben) und die ungläubigen Juden üben Wohltätigkeit, weil ihr Herz sie treibt, weil es so üblich ist, oder um eine sittliche Tat zu vollbringen oder um sich Befriedigung zu verschaffen; jedenfalls aber steht die ihr Tun veranlassende Geistesrichtung zu der unsrigen in Widerspruch und in demselben Verhältnis wie die sittliche Tat eines Nationaljuden zu der eines Thorajuden. Und die Humanität des ungläubigen Juden „in ihrer einseitigen Betonung des Gedankens" (S. 27), daß es ein Erfordernis-der Sittlichkeit ist, dem Mitmenschen zu helfen, wäre eine mit den Grundsätzen des orthodoxen Judentums in Widerspruch steh e n de Geistes! ich tun g" (16) und beides wären also „u n v ersöhnl i ch e G e g e n s ätz e". Mithin _ Ar. 24. also würde' „der Anschluß (an den Wohltätigkeitsverein) das verbrecherische Bekenntnis zu rein sittlichen (m. m.) im besten Falle religiös indifferenten Grundsätzen involvieren" (S. 14.) Zu solch absurden Konsequenzen gelangt man, wenn man dem Gedankengang der Erläuternden Anmerkungen folgt. Auf Seite 5 schreibt der Verfasser der E. SI.: „Wird der Nachweis erbracht, daß Orthodoxie und Zionismus unversöhnliche Gegensätze sind, dann kann dieser Nachweis nur durch den Gegenbeweis widerlegt werden, daßdie Bezeichnung beider Geistesrichtungen als unversöhnliche Gegensätze auf Irrtum basiert." Tiefer schwer verständliche, schwülstige Satz ist typisch für die ganze Abhandlung, der er entnommen ist. Es fehlen die Begriffe, es ist ein Spiel mit Worten. Zweifelsohne aber haben wir den Beweis erbracht, „daß die Bezeichnung beider Geistesrichtungen als unversöhnliche Gegensätze auf Irrtum basiert", indem wir unbestreitbar feststellten: . 1. daß nicht von zwei mit einander in Parallele zu stellenden Geistesrichtungen dieRedeseinkann, 2. baß die „zionistische Geistesrichtung" i n der orthodoxen Welt- und Lebensanschauung einen berechtigten, widerspruchsfreien Platz ein nimmt, 3. daß der Gedankengang der Erläuternden Anmerkungen falsch ist, weil er zu den absurdesten Konsequenzen führen würde. Somit haben wir die Forderungen erfüllt, die der Slutor selbst für nötig erachtet, um die Grundsäulen seines Bcweisgebäudes nicht nur zu erschüttern, sondern ganz umzustürzen. Wir könnten damit unsere Widerlegungsarbeit für abgeschlossen erachten, stünden nicht in den Erläuternden Anmerkungen eine Slnzahl obscurer Zitate deutlich ausgesprochen und weniger, deutlich eine Slnzahl von Verdächtigungen, mit deren Wirkung auf die unkritische Menge der Verfasser wohlbewußt gerechnet hat und wäre nicht obendrein noch die Bezeichnung des Zionismus als- Geistesrichtung in landläufigem Sinne unhaltbar. Uns mit diesen Einzelheiten zu beschäftigen, muß demnach noch die Aufgabe eines weiteren Artikels sein. Eines aber wollen wir nicht unterlassen an dieser Stelle noch hervorzuheben. Wir empfinden eine Befriedigung darüber, erfahren zu haben, daß wir dieses klägliche Produkt nicht mit „den orthodoxen Rabbinern" identifizieren müssen. Denn so wenig wir heute schon imstande sind zu sagen, wie viele Rabbiner zu der Resolution Ja und wie viele Nein gesagt, wie viele, resp. wie wenige Rabbiner überhaupt in jener „Generalversammlung" anwesend waren, das aber wissen wir heute ganz bestimmt:;Die Erläuternde nSlnmerk ungen sind in dieser Form gegen den ausgesprochenen WilleneinigerderKommissionangehörenden Herren veröffentlicht worden. vis grösste Auswahl Ir» Lederwaren jeder Art, sowie viele Neuheiten moderner Taschen, Pompadours etc. zu bekannt billigen Preisen bei . Hook A SchÖndhbe, Steinweg; 7. Aus «Mer Welt. Deutsches Reich. Berlin. Die Pücklerreden sind wieder auf den Berliner Straßen. Gestern und heute würde in Massen eine „Letzte Rede des Grafen Pückler" verteilt, iN der der Graf unter dem Leitwort: „Ich Habs gewagt, doch meine Fehde dauert fort!" noch einmal sein Programm entwickelt. Wie von den Flugblattverteilern verkündet wird, will der Graf in der nächsten Woche wieder Versammlungen einberufen, nachdem sein Urteil jetzt bestätigt und er damit für zurechnungsfähig erklärt worden sei. Berlin. Für ein gutes Fortkommen der Auswanderer in den Ländern, nach denen sie sich wenden, ist es nötig, daß sie möglichst rasch - die Landessprache sich aneignen. Das Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten hat, um die jüdischen Auswanderer zur Erlernung der Sprache ihrer zukünftigen Heimat anznregen, zwei kurzgefaßte Wörterbücher herauszugeben; das eine En g lisch -Fargon für die, welche nach England und den englisch sprechenden Ländern gehen, das andere-Spanisch- Jargon für die, welche Südamerika aufsüchen. Tie