Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 23 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Setze 10. Frankfurter Israelitisches Fam-ilienblatt. Nr. 23. und jüdischen Nationalismus/ die Erklärung der liberalen „Rußj", daß nur diejenigen Völkerschaften Rußlands aus nationale Rechte Anspruch erheben dürsen, die, wie die Polen und die Finnen, in kompakten Massen aus ihren Territorien leben u. a. m. Daß sich die russischen Fortschrittlichen, sobald sie ihr Ziel erreicht haben, nicht übermäßig für die Juden in's Zeug legen werden, scheint auch die russische'Regierung eingesehen zu haben: während sie 'sich geneigt zeigt, dem Volkswillen mehr oder weniger entgegenzukommen, macht sie keine Miene, die unerträgliche Lage der Juden auch' noch im geringsten zu erleichtern, ja sie scheut cs sogar nicht, neue Jüdencxzesse L In Kischincw zu organisieren! Vielleicht wird es, wie es manche glauben möchten, wirklich anders, wenn das Proletariat ans Ruder kommt. Vorläufig aber handelt es sich noch nicht darum. Wenn jetzt die Revolution in Rußland aushricht und sich siegreich durchsetzt, so gelangt ja die Bourgeoisie zur Herrschaft, und diese wird es schon wissen, ihre Interessen zu wahren und sich die gefährlichen Konkurrenten vom Leibe zu halten. In einem zukünftigen russischen Parlament wird wohl die Geistlichkeit, die Bauernpartei und ein großer Dell der Bourgeoisie gegen die Emanzipation der Juden sein. Und gesetzt den Fall, man wird den Juden aus purer Ideologie die Gleichberechtigung gewähren, so wird doch eine Reaktion nicht lange aus sich warten lassen; man wird schon Mittel und Wege finden, diese Gleichberechtigung illusorisch zu machen. — Wir kennen auch solche Fälle aus unserer Praxis. Und wir Zionisten sollten doch aus der Geschichte etwas lernen. Ich gelange nun zum Resultat, daß die Gegen- 'wartsarbeit, wie sie jetzt proklamiert wird, mit unseren nationalen Ausgaben kollidiert und außerdem noch immense Opfer erfordert» die in gar keinem Verhällnis stehen zu den zu erwartenden Erfolgen. Es gibt nur eine einzige Arbeit» die unsere nationalen und politischen Interessen uns vorschreiben und die nicht intensiv genug betrieben werden kann: die zionistische Arbeit.*) Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a.M. Gedenket des Schekels! 4er Kongreß naht heran, die Telegiertenwahlen werden bald stattfinden. lstur derjenige, der den Schekel entrichtet hat, hat ein Recht zu wählen. Kein Jude,' hem das Herz noch schlägt für das jüdische Kolk, sollte müßig zurückbleiben; er lege sich gewissenhaft die Frage des Zionismus vor und entscheide sich auch, mit seinen Kräften am gemeinsamen Werke mitzutun. Im 2. Buche Moses lesen wir, wie Gott zu /Moses' also redete: „Wenn du güfnimmst die Zahl der Kinder Israels, so soll jeder eine Sühne seiner Seele geben, damit kein Unglück entstehe." Diese Sühne der Seele bestand, wie im folgenden Satze gesagt wird, ini Machazis Haschekel. Diese schwierige Stelle,' daß der halbe Schekel ein Unglück verhüten sollte, wird uns klar, indem wir den Gedanken darin erblicken, daß nur dasjenige Gemeinwesen glücklich gedeihen könne, in dem jeder Einzelne mit seinen Kräften für das Ganze eintrjtt. Wo dies Zusammengehörigkeitsgefühl fehlt, ist naturgemäß die Gefahr eines Unglücks vorhanden. Wenn nun der Zionismus» der dem Schekel seine uralte Bedeutung wiedergegeben, die Aufforderung an die Kinder Israels richtet, die Sühne ihrer Seele, einen Teil ihrer' Kraft der Verwirklichung seines Ideals zu *) Bezügliche der Gegenwartsarbeit stehen wir nicht auf dem radikalen Standpunkte des Schreibers. In dieser Hinsicht müssen wir unsere Kollegen in den Redaktionsstuben in Schutz nehmen. Es ist durchaus keine Laune der Herren Redakteure, wenn sie einen anderen Standpunkt als den des Schreibers obigen Artikels einnehmen; die Leitungen stehen eben in direkter Verbindung mit den Bolksmafsen und besitzen deshalb eine reichere Erfahrung, auch tragen sie eine größere Verantwortung auf sich, als ein einzelner Schriftsteller. — Ohne unser Ziel, „Palästina", aus den Augen zu verlieren, dürfen wir die Forderungen der Gegenwart keineswegs negieren, denn das Volk will auch in der Gegenwart leben, und es gilt nicht nur, Palästina für das jüdische Volk, zu gewinnen, sondern es ist gerade so wichtig, das jüdische Volk für Palästina zu erhalten und vorzubereiten. Tuch darin hat der Autor recht, daß der Rausch des vermeintlichen Frühlings, der jetzt Rußland durchweht, in sich die Gefahr trägt, unsere russischen Brüder von ihrem Ziele abzulenkcn und daß gerade jetzt um so energischer betont werden muß; daß die Lösung der Judenfrage nicht in der Diaspora; sondern nur im Lande der Väter geschehen kann. Anm. d. Redakt. widmen, so kaim er ihnen auch den uralten Satz zurnfen: So du aufnimmst die Zahl der Kinder Israels, so möge jeder die Sühne seiner Seele, den Schekel geben, damit cs nicht so aussieht, als hätte es eine Seuche gegeben unter den Kindern Israels, wenn man die Zahl der geleisteten Schekel übersieht. A. Würzburg. In der letzten Versammlung unserer Ortsgruppe hielt Herr Dr. E. Pinczower einen Bortrag über die gegenwärtigen Strömungen in unserem Parteileben. Er verweilte besonders bei den Ergebnissen der Kölner und Warschauer Resolution. Nach sehr langer Tcbatte wurde folgende Resolution seitens' der Würzburger zionistischen Bereinigung e i n st i m m i g angenommen: „Wir erkennen das Baseler Progranim als die Richtschnur unseres politischen Handelns au und erblicken in Palästina, der wiederzuerrichtendcn, rechtlich gesicherten, jüdischen Heimstätte, Ziel und Zweck unserer Bestrebungen. Den Territorialismus, der Palästina aUs dem zionistischen Gedankenkreise eliminieren will, weisen wir zurück. Soweit stimmen wir den Beschlüssen der Kölner Tagung zu. Wir befinden uns so auch im Einklang mit denjenigen der Warschauer Konferenz der „politischen Zionisten" vom 27./28. März („Welt" Nr. 19) deren erster lautet: „Ter Zionismus erstrebt als Endziel eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina". Auf diese Uebereinstimmung glaubten wir Hinweisen zu sollen, da die Teilnehmer dieser Konferenz, die Führer der Ja-sagerpartei aus dem VI. Kongreß, von unserer Presse wohl als Territorialisten bezeichnet werden. Ten zweiten Satz der „Kölner Beschlüsse" billigen wir nicht. In ihm wird jede nichtpalästincnfifche Kolonisation, als außerhalb der Ausgaben unserer Partei gelegen, zurückgewiesen. Wir halten es aber für nicht angebracht, uns in Fragen der praktischen Politik für alle Zeiten zu binden. Wir können lischt zugeben, haß der Ostafrikabcschluß des VI. Kongresses de» Buchstaben ober dem Geiste des Baseler Programmes widerspricht. Ter Kongreß als oberste Parteibehörde Ist die einzige zuständige Instanz auch in Fragen des Programmes. Wenn daher z. B. die Warschauer Konferenz im Punkt 2 allsspricht: „Ter Zionismus hält es fürnotwendig, sich gleichzeitig nach Territorien umzuschauen, welche vorläufig geeignet wären, autonome, national-jüdische Zentren zu schaffen, so kann auch in dieser Forderung keine Programmdurchbrechung gesehen werden. Wir glauben nicht, daß es im Interesse unserer Partei liegt, die Ausführung außerpaläst. Kolonisationsprojekte abzulehnen, d. h. den andern großen jüdischen Organisationen zu überlassen. Es darf uns nicht gleichgültig sein, wie die wichtigste Frage der Gegenwartspolitik, die Ansiedelung der immer wachsenden Zahl der jüdischen Auswanderer, ihre Lösung findet. Wenn wir heute gegen die großen jüdischen Organisationen Kampf führen müssen und an ihrer unjüdischcn Politik unausgesetzt schärfste Kritik üben, so geht es nicht an, denselben Gesellschaften das Schicksal der auswandernden Juden zu überantworten. Wir haben die Pflicht, alle jüdischen Institutionen mit nationalem Geiste zu erfüllen. Ohne die große soziale Bedeutung autonomer jüdischer Gemeinden betrachten zu wollen, beschränken wir uns, ihren nationalen Wert als Volkserziehungsstätten hervorzuheben. Tiefer erscheint uns mindestens von derselben Größenordnung als der durch den oft wiederholten 8kuf nach „Eroberung der Gemeinden" für uns erzielbare. Fragen fremder Kolonisativnsgebietc sollten daher nicht anders als von Fall zu Fall entschieden werden. Wir begrüßen aufs wärmste alle Anregungen, die in der Veröffentlichung des Zentral-Komitees als die „nächsten Aufgaben der Bewegung" hingestcllt werden. Sie bedeuten uns den Weg, den die Herzlschen politischen 'Lehren uns weisen." Lonvon, 10. Juni. Die Londoner Z i o n i st e n hielten ineinerdergrößtenHallendes Ostendes ihren Schekel-Tag ab. Tie Halle war bis zum letzten Platzgefüllt und die Versammlung verlief außerordentlich enthusiastisch) Luzern, 6. Juni 1905. Vorgestern fand hier der Delegierten-Tag des schweizerischen Zionistenverbandes unter zahlreicher Beteiligung statt. Ter Rechenschaftsbericht wies trotz der vielen bekannten Störungen der zionistischen Arbeit des Berichtsjahres^ sehr erfreuliche Resultate auf. Es sind in der Schweiz zirka 1200 Schekelzahler. Ein besonders gutes Ergebnis erzielte die Sammlung für den Nationalfond; es wurden über 5000 Frs. dem Nationalfond zugeführt. Uebcr einen Antrag eines Berner Vereins zum Anschluß an die bekannte Kundgebung des deutschen Zentralkomitees wurde zur Tagesordnung übergegangen. Ins Landeskomitee wurden folgende Herren gewählt: Dr. Wormser-Basel, Moritz Levy- Basel, Bollag-Feuchtwaiiger Wisrachist Basel, Dr. Levy-Biel, Ingen. Falk-Baden, I. Horn-Zürich, Bloch-Lausanne. Luzern, 6. Juni 1905. Zu der hier tagenden Telegierteiivcrsammlung der schweizerischen ».Zionisten fanden sich auch eine Anzahl Misrachisten'ein; dieselben faßten folgende Resolution: „Die z u m De legi e r te n'tia g e der Schweizer: s.che n Zionisten in Luzern anwesenden misrachistischen Delegierten sprechen ihr Bedauern aus über das Vorgehen einer kleinen Gruppe deutscher Rabbiner, die sich berufen fühlt, die Bestrebungen einer Organisation von ca. 30000 gesetzestreuen Juden, daru nt er mehrere Hundert G a o n i m u n d G e d am l i m, als mit der Tradition des Judentums unvereinbar h i n z u sie l le n." Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Der Verein Lemaan Zion (Vorsitzender Herr Rabbiner Tr. Horovitz) befaßte sich auch im vergangenen Jahre in ausgiebigster Weise mit der Fürsorge für unsere kranken Brüder und Schwester in Jerusalem. In den S p r e ch st u n d e n seiner Klinik wurden 30 096 Patienten (im Vorjahre 24 698) behandelt; hiervon litten an Augenkrankheiten 16 630 (im Vorjahre 7524). Tie Zahl der von den Vereinsärzten gemachten Krankenbesuche war 8343, von denen 248 von den Patienten mit 3 Piaster (45 Pfg.), 3890 mit 2 Piaster honoriert wurden; die anderen waren für die Kranken unentgeltlich. 15505 Re z e p te wurden in der A P otheke angcfertigt. Für eine Eismaschine wurden Frs. 12000 verausgabt. Diese Maschine war längst eine dringende Notwendigkeit, denn während sonst per Hilo Eis bis Frs. 10 bezahlt werden mußte, kostet es jetzt 20—25 Cts. Von den weiteren Ausgaben sind zu erwähnen: Frs. 670 für Lehrgeld v. Lehrlingen, Frs. 950 für Darlehen, Frs. 1028 f. d. Ansiedlung in R a m - l e h, Frs. 2631 für h e b r ä i s ch e n u. arabischen Unterricht, Frs. 500 für den Kindergarten und so weiter. Ems. Der Hilfsverein für unbemittelte jüdische Geisteskranke (Vorsitzender: Bezirksrabbiner Tr. Weingarten, Ems; stellvertretender Vorsitzender: Tr. med. Carl Landau, Coblenz) verausgabte im Jahre 1904 JL 5346 für an die Anstalt zu Sayn bei Coblenz gezahlte Pflegekosten. Ter Vermögensbestand am 31. Dezember 1904 betrüg Jk 10161. Ter Verein sei dem Interesse des jüdischen Publikums dringend ans Herz gelegt, denn jüdische Geisteskranke, die von jeher rituelle Kost genossen haben, müssen dieselbe beibehaltcn. Bei einer großen Anzahl von Kranken handelt es sich nur um den Ausfall einzelner geistiger Funktionen, sie haben Einsicht genug von der sie umgebenden Welt, und namentlich das religiöse Gefühl vieler dieser Unglücklichen ist in keiner Weise getrübt. Steckt man nun einen, ein religiöses jüdisches Leben beobachtenden Kranken in eine nicht-jüdische Anstalt, fo fühlt er sich in der seiner ganzen Denk- und Empfindnngsweise abweichenden Umgebung recht unglücklich, er macht sich die größten Gewissensbisse über den Genuß nicht rituell zubereiteter Speisen; ja, es. kommt häufig vor, daß er hartnäckig die Nahrungsaufnahme verweigert. _- Aus der Lehrerwelt. Lemberg. Im Schuljahre 1903/1904 wurden in den 49 galizischen Schulen der Baron Hirsch- Stiftung von 218 Lehrern in 179 Klassen 8298 Schüler unterrichtet. ■ Aus den Mitteln der Baronin Clara von Hirsch-Kaiser-Jubiläums-Stiftun'g gelangten an die diese Schulen besuchenden Kinder ca. 160000 Mittagsmahle, 1183 Mäntel, 1315 Paar Stiesel, 2500 Sommeranzüge und Kappen, 5000 Hemden und' 7590 Taschentücher mit einem Kostenaufwände von Kr. 85190 zur Verteilung. Tie Zahl der abgehaltenen Abendkurse betrug 27, dieselben wurden von 1386 Schülern besucht und von 77 Lehrern geleitet. In diesen Abendschulen wurden einerseits Analaphabeten, die das schulpflichtige Alter weit überschritten hatten, in den Bolksschulgegenständen unterwiesen, andererseits wurden Küaben, die vor Erreichung des vollständigen Lehrzieles die Schule verlassen hatten und bei Handwerkern und Geschäftsleuten untergebracht wurden, weiter unterrichtet. Bmrte Chronik. : Aus dem Leben Baron Alfons Rothschild's. Die Pariser Blätter erzählen eine Fülle von Anekdoten aus dein Leben des Barons Alfons Rothschild. '; An der Börse, in den Finanzkreisen und im Fockeyklub sprach man von ihm nur als von dem „Baron" kurzweg. Es dürfte kaum einen Pariser geben, der nicht wenigstens einmal auf dem grünen Rasen eines Rennplatzes oder sonstwo den lang aufgeschossenen Baron Alsons mit den stereotypen weißen „Favbris" und dem ebenso stereotypen Monocle ge«